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Durch die Schutzimpfung gegen Polio, die man in der Regel als Kind bekommt, ist man eigentlich gut geschützt. Auch in den USA galt Polio als ausgerottet, doch nun gibt es neue Fälle.Bild: dpa / Julian Stratenschulte
watson antwortet

Polio-Ausbruch in den USA: Wie groß ist die Gefahr in Deutschland?

12.11.2022, 08:53

Die meisten können sich unter der Krankheit "Polio" (auch Kinderlähmung genannt) so gar nichts vorstellen, da sie in Deutschland seit den 90er-Jahren keine große Rolle mehr spielte. Doch: Aktuell meldet die WHO aus gleich mehreren Ländern der westlichen Welt Wiederausbrüche des hoch ansteckenden Polio-Virus.

Global betrachtet existierte Polio immer, besonders in ärmeren Regionen der Welt, in denen die gesundheitliche Versorgung mangelhaft ist, litt die Bevölkerung darunter. Doch nun verbreiten sich Polio-Erreger auch wieder in den Industriestaaten – den USA, Großbritannien und Israel.

Polioviren wurden im Abwasser von New York City nachgewiesen.
Polioviren wurden im Abwasser von New York City nachgewiesen.Bild: AP / Frank Franklin II

Ist ein Polio-Ausbruch auch in Deutschland denkbar? Und wie schützt man sich? watson sprach dazu mit dem Kinderarzt Jakob Maske, der auch als Sprecher des Berufsverbands für Kinder- und Jugendärzte e.V. (BVKJ) fungiert und fasst die wichtigsten Informationen zusammen.

Was ist Polio eigentlich?

Die Erkrankung Poliomyelitis (kurz: Polio) wird als Schmierinfektion über Hände oder über verunreinigtes Wasser verbreitet und kann besonders bei Kindern unter fünf Jahren dauerhafte Lähmungen auslösen und zum Tod führen. Pädiater Jakob Maske aus Berlin erklärt im Gespräch mit watson:

"Das ist eine Krankheit, die mit einer hohen Sterblichkeit einhergeht und selbst, wenn man nicht sofort stirbt, führt sie zu starken Lähmungen, welche die Skelettmuskulatur lebenslang beeinträchtigen. Kurz: Polio ist eine Krankheit, die man wirklich nicht haben will."

Der Polio-Erreger befällt das Zentralnervensystem, eine Heilung gibt es bisher nicht. Betroffene haben sich in Deutschland zu einer Selbsthilfegruppe zusammengefunden.

Ein Großteil der Infizierten bleibt jedoch symptomlos und genau das ist das Fatale bei der Verbreitung. "Wenn man einen Polio-Erkrankten mit Lähmungen hat, weiß man direkt, dass es ein größeres Problem gibt", hatte Polio-Expertin Diedrich vom Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin dazu kürzlich erklärt. Denn nur in etwa einem von 200 Fällen führe eine Infektion zu den für Polio typischen Lähmungen – und das zudem nur bei Ungeimpften. Ein Fall kann daher hunderte Infizierte ohne Symptome in der jeweiligen Region bedeuten.

Wo kehrte Polio zurück?

In vielen Ländern der Welt war Polio nie weg, besonders in Afghanistan und Pakistan ist Kinderlähmung noch heute weit verbreitet. Besorgniserregend sind aber die aktuellen Hinweise darauf, dass der Erreger in Regionen zurückgekehrt ist, die seit Jahrzehnten als Polio-frei galten.

Die ansteckende Infektionskrankheit galt zum Beispiel in den USA als ausgerottet. Im Sommer aber infizierte sich ein junger Mann nördlich der Millionenmetropole New York mit dem Virus, nun sind seine Beine teilweise gelähmt. Im Abwasser mehrerer Gemeinden des Bundesstaates New York und auch der Millionenmetropole wurden seitdem immer wieder Polio-Viren nachgewiesen.

Gouverneurin Kathy Hochul rief den Katastrophenfall aus. Das Risiko sei für nicht gegen Kinderlähmung geimpfte Menschen hoch, sagte die Gouverneurin und rief alle Einwohner auf, Immunisierungen, wenn nötig, nachzuholen. Rund 14 Prozent der Kinder im Alter zwischen sechs Monaten und fünf Jahren sind den Behörden zufolge in der Metropole nicht oder nicht vollständig gegen Polio geimpft.

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Gouverneurin Kathy Hochul warnt die Bevölkerung.Bild: FR58980 AP / Hans Pennink

Betroffen sind aber nicht nur die USA. In Israel war der Erreger Anfang März zunächst bei einem erkrankten vierjährigen Kind in Jerusalem nachgewiesen worden. Anschließend wurden weitere Fälle und im Abwasser mehrerer Städte des Landes Polioviren gefunden.

In London wurden die Gesundheitsbehörden im Juni aufmerksam, als wiederholt Polio-Viren in Abwasserproben gefunden wurden. Allein dort sind nach Regierungsangaben zehntausende Kinder gefährdet.

Wie kam die Kinderlähmung zurück?

Bei den in den drei Ländern nachgewiesenen Erregern handelt es sich nicht um den Wildtyp des Polio-Virus, sondern um Viren, die auf die "altmodische" Schluckimpfung mit abgeschwächten, aber lebenden Polio-Erregern zurückgehen. Sie können von Geimpften bis zu sechs Wochen lang ausgeschieden werden, anfangs ist auch eine Ansteckung über Speichel und Rachensekrete möglich.

In den USA und Großbritannien, wie übrigens auch in Deutschland, wird seit 1998 eigentlich auf den Lebendimpfstoff verzichtet und ein inaktiver Polio-Impfstoff verwendet. Daher geht man derzeit davon aus, dass die Polio-Viren dort durch Menschen eingeschleppt wurden, die in ihrem Herkunftsland einen Lebendimpfstoff erhielten.

Vor allem in Afrika und Asien, aber auch in Israel, wird noch auf die Schluckimpfung mit Lebendimpfstoffen gesetzt. Das sehr geringe Risiko eines Impfpolio-Falls wird in Kauf genommen, zugunsten einer großflächigen Immunisierung der Bevölkerung.

Wie ist die Lage in Deutschland?

Die letzte in Deutschland erworbene Poliomyelitis durch ein Wildvirus wurde 1990 erfasst. Die letzten beiden importierten Fälle (aus Ägypten und Indien) wurden 1992 registriert. Seitdem gab es in Deutschland keinen bekannten Polio-Fall mehr. Das RKI warnt jedoch davor, sich in Sicherheit zu wähnen:

"Da jedoch trotz des weltweit starken Rückgangs der Poliomyelitis eine Einschleppung von Poliowildviren (...) durch internationalen Reiseverkehr und Migration nach Deutschland nicht völlig ausgeschlossen werden kann, ist die Impfung gegen Polio nach wie vor wichtig. Die Impfung ist so lange notwendig, bis (...) nirgendwo auf der Welt mehr Polioviren zirkulieren."

"In Deutschland werden Babys ab zwei Monaten geimpft, die Impfquote liegt RKI-Expertin Diedrich zufolge im bundesweiten Mittel bei rund 90 Prozent. "Das reicht nicht", hatte sie betont. Besonders niedrig sei die Impfquote etwa in Bayern und Baden-Württemberg.

"Gefährlich wird es, wenn die Leute denken: 'Polio gibt es nicht mehr, dagegen brauche ich keine Impfung.'"
Kinderarzt Jakob Maske

Ein Problem hierzulande sei, dass aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden ist, was für furchtbare Folgen Polio für unzählige Kinder hatte – und wieder haben könnte. "Das darf auf keinen Fall auf die leichte Schulter genommen werden", so Diedrich.

Kinderarzt Jakob Maske pflichtet ihr gegenüber watson bei: "Gefährlich wird es, wenn die Leute denken: 'Polio gibt es nicht mehr, dagegen brauche ich keine Impfung.' Denn wenn dann doch ein Fall in Deutschland auftaucht – und das kann durch Reisebewegungen immer sein –, verbreitet sich die Krankheit wieder in Windeseile."

Dass Deutschland sich wegen der Fälle im Ausland jetzt Sorgen machen muss, glaubt der Mediziner derzeit nicht, weil die Grundimmunisierungsrate hierzulande "sehr gut" sei. "Wir fangen schon im Alter von zwei Monaten an, gegen Polio zu impfen, bis die Immunisierung komplett ist", sagt er.

Damit wird der Verbreitung der Krankheit die Grundlage entzogen. Dass Polio-Fälle aber genauso wieder in Deutschland auftauchen können, wie im Ausland, das ist für Maske klar:

"Polio kann überall wieder auftreten und auch sehr schnell wieder zum Problem werden, wenn die Bevölkerung schlecht immunisiert ist. Das sieht man ja nun an New York und London – das sind keine Schwellenregionen, sondern moderne Metropolen."

Wie kann man sich vor Polio schützen?

Mit Impfungen, so die Experten. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt einen inaktiviertem Poliomyelitis-Impfstoff (IPV) zur Grundimmunisierung bei allen Säuglingen, Kindern und Jugendlichen und zur Auffrischung bei Jugendlichen und Erwachsenen. Als vollständig immunisiert gilt, wer grundimmunisiert wurde (drei Impfungen) und etwa zehn Jahre danach noch einmal eine Auffrischungsimpfung bekam.

Besonders kleine Kinder sollten vor Polio geschützt werden, da sie schwer erkranken können. Aber, so Jakob Maske abschließend: "Auch Erwachsenen rate ich einmal in ihren Impfpass zu schauen, ob sie als Kind alle nötigen Polio-Impfungen bekommen haben – und das im Zweifelsfall nachzuholen."

(mit Material der dpa)

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