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Oft unverstanden: Unsere Autorin hat erst als junge Erwachsene erfahren, warum sie sich anders fühlt als die anderen. (Symbolbild) Bild: Getty Images

watson-Kolumne

Hochbegabt, Asperger und ADHS: Wie "normal" funktioniert, habe ich nie verstanden

"Mein Leben mit Asperger" – die neue watson-Kolumne alle zwei Wochen

denise linke

"Was atmen Menschen?", fragte meine Mutter, als wir zusammen ein Kreuzworträtsel lösten. Ich war noch im Kindergarten, konnte weder lesen noch schreiben. "Ein Gemisch aus Stickstoff und Sauerstoff und ein paar Edelgasen", erklärte ich bereitwillig. Meine Mutter sah mich verwirrt an, blickte auf das Papier und sagte dann: "Ja, genau. Luft."

"Irgendwer muss der Außenseiter sein und ich bot mich vermutlich einfach an."

Die meisten von uns gehen davon aus, vollkommen normal im Kopf zu sein. Warum auch nicht, das liegt ja nahe. Ich bin jetzt 31 Jahre alt und dachte die meiste Zeit meines Lebens – trotz solcher Momente – dass ich ganz normal ticke. Klar, ich kam immer wieder in Situationen, mit denen mein Umfeld nicht zu kämpfen schien und besonders in der Schulzeit machten meine Mitschüler mir sehr deutlich, dass ich nicht dazugehöre. Aber so ist das nun einmal, dachte ich, irgendwer muss der Außenseiter sein und ich bot mich vermutlich einfach an.

Den Grund dafür erfuhr ich erst mit 22: Bei mir wurde das Asperger-Syndrom diagnostiziert. Zu diesem Zeitpunkt steckte ich bereits mitten im Studium, ich war aus der norddeutschen Kleinstadt-Zwangsjacke nach Berlin gezogen und eigentlich ging es mir im Großen und Ganzen recht passabel. Als ich 25 Jahre alt war, bekam ich die Diagnose ADHS dazu. Aber was ist das alles überhaupt, wieso erkannte man es erst so spät – und war das vielleicht sogar gut so?

Asperger, ADHS: Was ist das eigentlich?

Das Asperger-Syndrom ist eine Form von Autismus und gehört damit zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen. Es gibt einen bunten Strauß an Symptomen, die bei jedem Asperger-Autisten anders ausgeprägt auftreten. Darum heißt es auch: "Kennst du einen Autisten, kennst du… einen Autisten." Wir sind eine sehr heterogene Masse mit ganz verschiedenen Stärken, Schwächen und Lebensrealitäten. Autisten neigen zu motorischer Ungeschicklichkeit, haben Schwierigkeiten im sozialen Umgang, dazu kommen Spezialinteressen und eine oft überdurchschnittliche Intelligenz.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Kinder mit Asperger früh und viel sprechen und sich gewählter ausdrücken als ihre Altersgenossen. Dabei reden sie wenig über Gefühle und gehen nicht viel auf ihr Gegenüber ein, stattdessen sprechen sie mit Begeisterung über Dinge, die sie besonders interessieren. Diese Themen können ein Leben lang gleichbleiben oder sich regelmäßig verändern.

"Es fällt mir schwer, ganz normalen Gesprächen zu folgen, weil ich sie schlichtweg nicht verstehe."

ADHS, oder Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, ist eine Verhaltensstörung und der Name beschreibt ganz schön, worum es sich handelt. Menschen mit ADHS können sich nur schwer konzentrieren und erst recht nicht still sitzenbleiben. Wir haben keine Impulskontrolle und hören schlecht zu, wenn uns das Gespräch nicht fesselt. Das hat mit einem Mangel an Dopamin im Gehirn zu tun – Reize werden wahrgenommen, aber sie werden nicht richtig verarbeitet.

Für mich bedeutet das: Ich kann mich nicht konzentrieren, außer ich interessiere mich für etwas, dann kann ich gar nicht mehr aufhören, mich damit zu beschäftigen. Es fällt mir schwer, ganz normalen Gesprächen zu folgen, weil ich sie schlichtweg nicht verstehe. Small Talk finde ich unfassbar anstrengend. Die meisten Menschen lernen ganz automatisch, wie soziale Interaktion funktioniert, sie nehmen es beiläufig auf. Ich musste das lernen wie Vokabeln. Außerdem laufe ich ständig in alles hinein. Bettrahmen, Türrahmen, andere Menschen, Tiere, Ampeln – ich weiß einfach nicht genau, wo mein Körper endet und andere Dinge anfangen. Impulsen gebe ich nach, ohne mir über Konsequenzen Gedanken zu machen.

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Denise Linke wurde als junge Erwachsene mit Asperger-Autismus und ADHS diagnostiziert. null / Andi Weiland

Über die Autorin

Denise Linke, Jahrgang 1989, studierte Politikwissenschaft in Berlin und absolvierte Hospitanzen bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und der "Zeit". Sie ist Buch-Autorin und lebt in Berlin. Für watson schreibt sie alle zwei Wochen über ihr Leben mit Asperger-Autismus und ADHS und erklärt, wie ihre Welt aussieht und was sie so besonders macht.

Ich war irgendwie ungewöhnlich – wie sehr, hat niemand so richtig verstanden

Mit 12 wurde bei mir eine Hochbegabung festgestellt. Ich bin Einzelkind und kam meiner Mutter zwar schon immer ein wenig merkwürdig vor, aber nicht so gravierend, dass man deswegen gleich einen Arzt aufsuchen müsste. "Die Kleine ist eben sehr klug, solche Kinder hängen emotional oft hinterher", erklärte mein Kinderarzt und damit war die Sache erst einmal gegessen. Im Nachhinein betrachtet war ich mehr als bloß ein bisschen komisch, aber die Zeit, gepaart mit der Unerfahrenheit meiner Eltern und der damals noch weitestgehend unbekannten Diagnose, führte dazu, dass man mich in ein Hochbegabtenförderprogramm steckte. Und das war’s.

Nur um zu veranschaulichen, wie ungewöhnlich ich war: In der Grundschule war mir im Unterricht oft furchtbar langweilig. Also begann ich, mich anderweitig zu beschäftigen. Mir war aufgefallen, dass der Evakuierungsplan, der in der Nähe der Tür hing, im Falle eines Brandes überhaupt nicht funktionierte, wenn der Brandherd näher an unserem Klassenzimmer wäre. Also begann ich, einen verbesserten Plan zu entwerfen. Dem Mädchen neben mir erzählte ich von meinen Erkenntnissen und verängstigte sie damit dermaßen, dass sie im Kunstunterricht nur noch brennende Gegenstände zeichnete.

"Ich hatte zu keinem Zeitpunkt einen Zugang dazu, wie sich meine Altersgenossen verhalten, was dieses 'normal' bedeutet und wie es funktioniert. Mir war vollkommen schleierhaft, warum Menschen mich als unfreundlich und unangenehm wahrnahmen."

Als 2003 der erste "Fluch der Karibik"-Film in die Kinos kam, verkleidete ich mich über Wochen jeden Tag als Pirat. Ich fand es einfach cool, wie sie aussahen. Auf dem Klassenfoto stehen meine Mitschüler in ihren Jeans und T-Shirts da und grinsen in die Kamera. Ich trage ein schwarzes Tuch auf dem Kopf und habe meine Augen fett mit Eyeliner umrahmt. Da war ich 14.

Ich hatte zu keinem Zeitpunkt einen Zugang dazu, wie sich meine Altersgenossen verhalten, was dieses "normal" bedeutet und wie es funktioniert. Mir war vollkommen schleierhaft, warum Menschen mich als unfreundlich und unangenehm wahrnahmen. Das resultierte in viel Mobbing und das wiederum machte mich viele Jahre depressiv und führte dazu, dass ich mich vollkommen zurückzog. Mit einer Diagnose wäre das vielleicht nicht passiert. Man hätte auf meine Andersartigkeit eingehen, mich auf andere Schulen schicken und mich behüten können. Aber wo wäre ich dann jetzt?

Ich habe gelernt, über die Steine zu klettern, die mir in den Weg gelegt wurden

Mir wurde immer alles zugetraut, niemand hat je gesagt: Das kann Denise nicht, die ist behindert. Manchmal konnte ich etwas wirklich nicht, dann hat man das hingenommen, aber meistens stellte ich nach ein paar Anläufen fest, dass ich es eben doch kann. Der Spanier Pablo Pineda Ferrer hat einen Universitätsabschluss, ist Lehrer, Schauspieler, Autor und hat das Down-Syndrom. "Wenn einem Vertrauen entgegengebracht wird, kann man jede Herausforderung meistern", sagte er einmal und ich denke, treffender kann es niemand ausdrücken.

Natürlich haben mir Asperger und ADHS oft Steine in den Weg gelegt, aber ich habe gelernt, über sie hinüberzuklettern. Wenn man mir einen anderen Weg gegeben oder die Steine für mich weggeräumt hätte, wäre das einfacher gewesen, aber ich hätte wohl nie gelernt, so gut zu klettern. Und manchmal ist die Aussicht erst vom Gipfel eines solchen Steins besonders schön.

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