Eine Polizistin des 9. Bachelorstudienjahrgangs der Polizeiakademie Niedersachsen sitzt während ihrer Vereidigungsfeier auf einem Stuhl.
Vereidigungsfeier einer Polizeiakademie in Niedersachsen: Jeder dritte Polizist in Deutschland ist inzwischen weiblich.Bild: dpa / Mohssen Assanimoghaddam
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"Bist du die Stripperin?": Was eine Polizistin aus dem Arbeitsalltag berichtet

10.03.2022, 15:0211.03.2022, 16:12
Karolin s.

Henriette Arendt – so hieß die erste Polizistin Deutschlands, die 1903 ihren Dienst antrat und vor allem zur polizeiärztlichen Untersuchung von Frauen eingesetzt wurde. Damals ein absolutes Novum, gehören weibliche Polizisten heute zum normalen Straßenbild. Inzwischen ist sogar im Polzeidienst knapp jede dritte eine Frau (29,3 Prozent laut statistischem Bundesamt).

Der große Frauenanteil ist für unsere Gesellschaft ein Gewinn, glauben Polizistinnen selbst. "Meiner Meinung nach ist eine Polizei ohne Frauen in der heutigen Zeit schlichtweg nicht möglich", so Anna aus Recklinghausen gegenüber watson. Sie ist selbst Polizeikommissarin. "Wenn zum Beispiel Personen durchsucht werden müssen, muss die Durchsuchung in der Regel durch gleichgeschlechtliche Personen erfolgen. Außerdem sind Frauen häufig deeskalierend und gelten als einfühlsamer. Bei manchen Straftaten reden die Geschädigten lieber mit einer Frau."

Polizeikommissarin Anna aus NRW.

Die 22-Jährige würde Frauen daher immer ermuntern, sich an den Polizeidienst zu wagen, sofern der Wunsch und die körperliche Fitness da ist. "Ein wenig Mut und Willensstärke gehören natürlich auch dazu", sagt sie.

Willensstärke ist auch Karolin S. aus Norddeutschland eigen. Die 36-Jährige arbeitet seit über zehn Jahren im Polizeidienst. Gegenüber watson spricht sie offen über ihren Arbeitsalltag als Frau in Uniform, Acrylgelnägel im Dienst, weibliche Intuition und körperliche Auseinandersetzungen – ein Erfahrungsbericht.

Sie sagt:

"Natürlich kassiere ich als Frau ganz andere Beleidigungen auf der Straße. Statt einem 'Bullenschwein' bin ich die 'Schlampe', die 'Fotze' und die 'Hure'."

Der Polizeidienst war für meine Mutter nicht gerade der Traumberuf, den sie sich für ihre Kinder gewünscht hätte. Ich glaube aber, für sie hätte es keinen Unterschied gemacht, wenn ich ein Junge gewesen wäre. Sie macht sich einfach immer Sorgen, wenn ich draußen im Einsatz bin. Ich hingegen brauchte unbedingt einen Job, der abwechslungsreich ist, in dem mich nicht jeden Tag das Gleiche erwartet – und so landete ich bei der Polizei.

Viele Frauen scheinen sich ungerne zu streiten und suchen die Harmonie, aber ich gehe Konflikten auch privat nicht aus dem Weg. Vielleicht ist das nicht ladylike, aber wenn mich zum Beispiel ein Autofahrer auf der Straße anhupt und beschimpft, dann steige ich an der nächsten Ampel aus und stelle ihn zur Rede. Ich merke natürlich, dass gerade Männer darauf irritiert reagieren, weil sie das von Frauen eher selten erwarten. Mir egal. Ich lasse mich nicht blöd von der Seite anmachen.

Das hilft mir im Einsatz natürlich sehr. Ich habe allerdings generell das Gefühl, dass ich in Uniform von der Bevölkerung genauso ernst genommen werde, wie meine männlichen Kollegen – mit Ausnahmen. Es gibt natürlich ein paar kulturelle Milieus, in denen Männer es nicht gewöhnt sind und auch nicht akzeptieren wollen, Ansagen von einer Frau zu bekommen. Dass eine Frau offiziell befugt ist, Macht über sie auszuüben, ist selbst in diesem Jahrhundert für manche noch inakzeptabel. Schade, aber nicht mein Problem. Letztlich haben auch solche Männer meinen Anweisungen im Dienst Folge zu leisten. Vielleicht ist es ihnen ja eine Lehre.

Natürlich kassiere ich als Frau ganz andere Beleidigungen auf der Straße. Statt einem "Bullenschwein" bin ich die "Schlampe", die "Fotze" und die "Hure". Das Geschlecht spielt in diesen Momenten der Wut eine große Rolle.

"Viele Frauen scheinen sich ungerne zu streiten und suchen die Harmonie, aber ich gehe Konflikten auch privat nicht aus dem Weg."

Lustiger wird es, wenn wir zu Ruhestörungen gerufen werden und dann eine Gruppe alkoholisierter Junggesellen die Tür öffnet. "DingDong", die Tür geht auf. "Hallo? Oh – bist du die Stripperin?" Ich sage mal: Wenn ich für jeden dieser Stripper-Witze einen Euro bekommen würde, wäre ich inzwischen reich.

Allerdings werde ich manchmal gar nicht als Frau erkannt. Ich erinnere mich an einen Einsatz in der Bereitschaftspolizei, da war ich in voller Montur mit Turtle und Helm, sah groß und breit aus. Bei einem Einsatz warf ich eine weibliche Demonstrantin zu Boden. "Was fasst du sie so hart an!", schrie ein Dabeistehender, "Sie ist eine Frau! Wie kannst du als Kerl sie so angehen! Was ist das für ein Kräfteverhältnis?" Da hab ich nur gesagt: "Ja? Ich bin auch eine Frau."

Natürlich packen wir so hart an wie männliche Kollegen auch. Wir lernen genau dieselben Einsatztechniken wie die Männer und die kann ich auch anwenden.

Grundsätzlich habe ich aber eher beobachtet, dass Polizistinnen – und zwar nur aufgrund ihres Geschlechts – deeskalierend in Konfliktsituationen wirken. Treffen Männergruppen aufeinander, kommt es viel schneller zu einem Kräftemessen zwischen ihnen. Gerade alkoholisierte oder aggressive Männer wollen beim Anblick eines Polizisten wissen: Wer ist hier der Stärkere? Die männlichen Kollegen werden dementsprechend viel häufiger angegangen als ich – da heizt die Situation bei Einsätzen schneller auf.

Ich arbeite genauso gerne mit Frauen wie mit Männern zusammen. In unserem Team sind inzwischen sehr viele Polizistinnen, da sagen Kollegen schon mal: "Jetzt langt es aber mit Frauen." Der Hauptgrund dafür ist aber, dass sie bei unseren Gesprächen zwischen den Einsätzen nicht mehr mitkommen. Die letzte GNTM-Folge oder der nächste Maniküre-Termin interessiert die halt nicht so sehr. Und darüber – Klischee oder nicht – reden wir schon gerne.

Ich hatte immer Acrylgelnägel und viele haben gesagt, das passt nicht mit dem Polizeidienst zusammen. Genauso wie mich zu schminken. Das ist totaler Blödsinn. Ich glaube, das Bild der Polizistin hat sich gewandelt, früher war der Look sehr männlich geprägt, aber heute machen sich viele Kolleginnen auch im Dienst zurecht und werden dadurch nicht weniger ernstgenommen. Das wäre ja auch noch schöner: Schließlich geht es darum, ob wir unsere Pflichten erfüllen. Und solange wir das tun – was spricht denn gegen Mascara?

"Grundsätzlich habe ich aber eher beobachtet, dass Polizistinnen – und zwar nur aufgrund ihres Geschlechts – deeskalierend in Konfliktsituationen wirken."

Eine Frau zu sein, ist nichts Schlechtes bei der Polizei. Im Gegenteil, manchmal hat es große Vorteile, denn Polizistinnen sind für Opfer oft die besseren Gesprächspartner. Gerade im Bereich der Sexualdelikte ist es für eine Frau oft einfacher mit einer Frau zu reden als mit einem Mann. Da haben weibliche Kollegen mehr Einfühlungsvermögen und Verständnis.

Auch häusliche Gewalt ist ein gutes Beispiel, die Opfer sind ja meistens Frauen und viele Betroffene wollen nicht zugeben, dass ihr Mann sie schlägt. Sei es aus Angst um sich selbst, ihre Kinder oder auch aus falsch verstandener Solidarität. Es ist auffällig: Weibliche Polizisten fragen bei solchen Einsätzen ganz anders nach als Männer und kommen der Wahrheit so doch noch auf den Grund – damit wird sowohl unsere Arbeit erleichtert als auch den Opfern schneller geholfen. Wir haben einen anderen Draht, vielleicht auch Intuition und verstehen die weibliche Perspektiven und Motive einfach besser.

Wir möchten ja Zugang zu den Opfern finden, damit sie sich uns anvertrauen und ihre Misere ein Ende hat. Und weibliche Polizistinnen finden diesen Zugang oft schneller, die hören auf ihr Herz. Das funktioniert in der Praxis oft besser, als das Protokoll herunterzuleiern.

Als ich noch Single war, habe ich beim Dating immer verschwiegen, dass ich Polizistin bin. Ehrlich gesagt erzähle ich das bis heute nicht gern, wenn ich neue Leute kennenlerne. Der Grund dafür ist, dass sonst den ganzen Abend nur noch darüber geredet wird. Entweder das Gegenüber hat ein Problem mit der Polizei und beginnt ein Streitgespräch, oder er ist eingeschüchtert davon, eine Polizistin zu daten oder porno-getriebene Fantasien gehen los: "Hast du denn auch immer Handschellen griffbereit? Trägst du die Uniform auch im Bett?"

"Als ich noch Single war, habe ich beim Dating immer verschwiegen, dass ich Polizistin bin."

Beim Kennenlernen möchte ich aber als Mensch, nicht als Berufsgruppe, wahrgenommen werden. Niemand würde eine Supermarktkassiererin fragen: "Und? Wieviel hast du heute gescannt? Musstest du viel wegschmeißen, weil das Haltbarkeitsdatum abgelaufen war?" Es ist für mich langweilig, den ganzen Abend über meinen Job zu sprechen und ich bin ja auch noch mehr als "eine Polizistin".

Grundsätzlich würde ich Frauen aber immer dazu ermutigen, bei der Polizei anzufangen. Meines Erachtens ist der Dienst sogar besser mit der Familienplanung vereinbar als viele andere Berufe. Denn man arbeitet in einem sehr sicheren Arbeitsverhältnis, in dem Elternzeiten und auch Teilzeit-Arbeit kein Problem sind, das ist ziemlich flexibel organisiert. Die körperlichen Herausforderungen sind natürlich hoch, aber beim polizeilichen Einstellungstest sind die Anforderungen auf Frauen angepasst – sie müssen weniger laufen und dürfen zum Beispiel andere Klimmzüge absolvieren.

Bestimmt gibt es auf irgendwelchen Dienststellen auch sexistische Vorfälle unter Kollegen, aber ich selbst habe das noch nicht erlebt und würde sogar sagen: Ich kenne kaum ein Arbeitsumfeld, wo Männer und Frauen so gut zusammenarbeiten und sich unterstützen. Es geht ja auch nicht anders, denn wenn es hart auf hart kommt, muss dein Kollege dir den Arsch retten – ganz egal, welches Geschlecht.

Protokoll: Julia Dombrowsky

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