Höhere Altersgrenze, mehr Geld und Wohnkostenzuschlag: Die neue BAföG-Reform verspricht mehr Chancengleichheit beim Bildungsanspruch.
Höhere Altersgrenze, mehr Geld und Wohnkostenzuschlag: Die neue BAföG-Reform verspricht mehr Chancengleichheit beim Bildungsanspruch.Bild: iStockphoto / jacoblund
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"Werde Studium trotzdem unterbrechen": So denken Studierende über die BAföG-Reform und mehr Budget ab dem Wintersemester

21.04.2022, 15:3512.05.2022, 12:00

Die Finanzierung von Ausbildung und Studium belastet viele junge Menschen stark, vor allem seit Beginn der Corona-Krise. Das ergab eine forsa-Umfrage im Auftrag KKH Kaufmännische Krankenkasse. Demnach befürchtet ein Drittel der befragten 16- bis Ende 20-Jährigen finanzielle Engpässe in den kommenden Monaten. Eine Entlastung verspricht die Bafög-Reform, über die Novelle des Bundesausbildungsförderungsgesetzes berät am 12. Mai der Bundestag.

Diese beinhaltet neben einer Erhöhung der Freibeträge um volle 20 Prozent, eine Anhebung des Vermögensfreibetrags auf 45.000 Euro, auch einen angehobenen Wohnkostenzuschlag auf 360 Euro und eine neue Altersgrenze von 45 Jahren. Damit reagiert die Politik auf eine allgemeine Unzufriedenheit der jungen Wählerschaft, die mangelnde Unterstützung in der Ausbildung für finanzschwache Menschen und Eltern.

Mit Inkrafttreten der Reform können deutlich mehr Menschen in Ausbildungen BAföG beziehen als bisher. Aktuell erhalten nur 11 Prozent der Studierenden den staatlichen Ausbildungskredit. SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert sagte diesbezüglich gegenüber watson:

"Wir können und werden Rechtsansprüche schaffen auf mehr Sicherheit im Leben: zum Beispiel auf eine gebührenfreie Bildung. Wenn nicht mehr nur elf Prozent der Studierenden BAföG bekommen, sondern endlich wieder deutlich mehr von ihnen, dann macht das für viele Menschen den sozialen Aufstieg wahrscheinlicher."

Wie verändert sich der Alltag und das Studentenleben aufgrund der BAföG-Erhöhung? Watson hat Betroffene gefragt, was die Aufstockung für sie bedeutet.

"Durch die Vermögensgrenze kann ich endlich Geld sparen"

Yoshua, 22, Master-Student aus Münster

"Da man mit 10.000 Euro BAföG-Schulden startet, aber nur 8.200 Euro während des Studiums ansparen darf, startet man also mit mindestens 1.800 Euro Schulden ins Leben nach der Ausbildung. Gleichzeitig wurde durch die Vermögensgrenze das Sparen erschwert oder nicht gewünscht. Wenn man darüber lag, war es klüger, Geld für unnütze Sachen auszugeben, damit man wieder unter die Vermögensgrenze kommt und den BAföG-Höchstsatz bekommt.

Ich möchte Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche werden, was bedeutet, eine 15.000 bis 20.000 Euro teure Ausbildung anzufangen. Mit einem maximalen Vermögen von 8.200 Euro und gleichzeitigen Schulden von 10.000 Euro ist das für ein Hartz-IV-Kind wie mich unbezahlbar.

Durch die neue Vermögensgrenze kann ich endlich genug Geld sparen, um mir auch schuldenfrei beziehungsweise schuldentilgend die Psychotherapieausbildung leisten zu können, ohne auf einen Kredit angewiesen zu sein. Ich kann mich ohne finanzielle Sorgen auf die Zukunft konzentrieren, ohne in Schulden zu ersticken, die ich aufgrund mangelnder Sparmöglichkeiten nur sehr schwer tilgen könnte."

"Es ist zu wenig, um die derzeitige Inflation auszugleichen"

Sabrina, studiert im 4. Semester an der TU Chemnitz

"Zurzeit beziehe ich elternunabhängiges BAföG und gehe neben dem Studium noch 15 Stunden die Woche arbeiten. Die BAföG-Erhöhung begrüße ich natürlich, aber leider wird sie nicht reichen. Finanziell war ich schon seit Corona ziemlich am Limit. Nun hat mein Stromanbieter höhere Preise angekündigt, genauso wie mein Vermieter. Nach der BAföG-Erhöhung im Wintersemester 2020/21 hatte meine Krankenkasse schon die Beträge aufgestockt. Im Endeffekt hatte ich schon von der damaligen Erhöhung nichts, weil sie direkt an die Krankenkasse ging.

"Wenn die Preise weiter so steigen, werde ich wohl mein Studium erstmal auf Eis legen und in meinen alten Job zurückkehren müssen."
Studentin Sabrina

Ich denke, meine Krankenkasse wird auch dieses Jahr die Beiträge entsprechend nach oben anpassen. Die Preissteigerungen im Supermarkt tun ihr Übriges für meine Finanzen. Die Erhöhung wird, wenn überhaupt, erst im Oktober kommen. Also muss ich irgendwie die Monate bis dahin überbrücken und ich weiß nicht, wie ich das stemmen soll.

Wenn die Preise weiter so steigen, werde ich wohl mein Studium erstmal auf Eis legen und in meinen alten Job zurückkehren müssen. Natürlich bin ich dankbar, dass wir überhaupt sowas wie BAföG haben und ich bin auch glücklich, dass ich überhaupt welches bekomme. Aber letztendlich kommt die Erhöhung zu spät und es ist zu wenig, um die derzeitige Inflation auszugleichen oder überhaupt etwas abzufedern."

Studentenwohnheime sind eine günstige Wohnoption für Studierende.
Studentenwohnheime sind eine günstige Wohnoption für Studierende.symbolBild: iStockphoto / Monique Shaw

"Alles andere als eine große Reform"

Timo, 22, Lehramtsstudent an der Uni Potsdam

"Momentan bekomme ich 248 Euro BAföG im Monat. Als letztes Jahr gewählt wurde und eine große BAföG-Reform versprochen wurde, habe ich mich echt darauf gefreut. Leider ist der Beschluss, welcher jetzt verabschiedet wurde, alles andere als eine große Reform.

Die Wohnpauschale wird zum Beispiel auf 360 Euro erhöht. Wenn man bedenkt, dass eine 1-Zimmer-Wohnung in Berlin oder Potsdam locker 650 Euro kostet, ist das allerdings echt zu wenig. Eine bessere Lösung wäre gewesen, die Städte in Gruppen wie beim Wohngeld einzuteilen und danach den Wohnbeitrag zu berechnen.

"So wird auf jeden Fall keine Bildungsgerechtigkeit erreicht."
Lehramtsstudent Timo gegenüber watson

Die Erhöhung der Bedarfssätze finde ich eigentlich in Ordnung – wenn die Anrechnung vom Elterneinkommen nicht wäre. So wird auf jeden Fall keine Bildungsgerechtigkeit erreicht. Eine alleinerziehende Mutter, die ihre eigenen Kosten decken und eventuell noch für Geschwister sorgen muss, kann kaum was von ihrem Einkommen abgeben.

Wie hoch darf das Elterneinkommen sein?
Sind deine Eltern verheiratet, musst du ab einem Bruttoeinkommen von 35.000 Euro im Jahr mit ersten Einbußen beim BAföG rechnen (Arbeitnehmer, keine weiteren Kinder). Oft kannst du aber auch noch eine Teilförderung erhalten, wenn deine Eltern 50.000 Euro verdienen. Ab einem gemeinsamen Gehalt von 65.000 Euro im Jahr ist die staatliche Förderung unwahrscheinlich.

Ich hätte mich gefreut, wenn die Anrechnung des Elterneinkommens weggefallen wäre und dafür der Vermögensfreibetrag nicht auf 45.000 Euro sondern vielleicht auf 20.000 Euro gestiegen wäre. Und zusätzlich sollte BAföG nicht mehr zu 50 Prozent als Kredit ausgezahlt werden, finde ich. So unterstützt man nicht die Menschen, die man eigentlich erreichen möchte."

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