Boxen sind ein wichtiger Teil des professionellen Aufräumens.
Boxen sind ein wichtiger Teil des professionellen Aufräumens. Anne Klein Fotografie
watson-Story

Wie sinnvoll ein Aufräumcoach wirklich ist: Unsere Autorin und die "Kammer des Schreckens"

19.02.2022, 11:19

Auch wenn ich es gerne ordentlich habe, schaffe ich es einfach nicht, dass es auch ordentlich ist. Ein Alltag mit Vollzeitjob, Hund und einem Kleinkind machen mir die Sache mit dem Aufräumen nicht gerade einfach. Wenn ich eine Sekunde nicht hinschaue, ist der Boden übersät mit Spielzeug, nach zwei Tagen fliegen dicke Knäuel Hundehaare mit Staub durch die Wohnung wie die Steppenhexen in einem Westernfilm, und die vielen Abstellräume, die wir über die Jahre eingerichtet haben, werden immer voller und chaotischer. Nach dem Motto: Tür auf, reinschmeißen, Tür zu. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Einfach, weil keine Zeit da ist für ordentliches Sortieren und Aufräumen, weil man schon genug damit beschäftigt ist, den Laden am Laufen zu halten und den täglichen Schmutz zu beseitigen. Dafür verliert man dann aber auch regelmäßig die Nerven, weil man, wenn man etwas Bestimmtes braucht, nichts findet: "Hast du den Nasensauger gesehen? Der war doch gestern noch da!" oder "Wir müssen los, aber ich finde die Picknickdecke nicht!" sorgen noch für die Extraportion Stress im Alltag, den man garantiert nicht braucht.

Corinna Rose kennt diese Probleme ihrer Kunden und Kundinnen nur zu gut. Sie ist professioneller Aufräumcoach, sie ist ausgebildet nach der KonMari-Methode, der berühmten Ordnungsqueen Marie Kondo. Erst 2018 selbstständig gemacht, kann sie inzwischen sogar hauptberuflich von ihrer Tätigkeit leben, da die Nachfrage nach professioneller Unterstützung beim Aufräumen so hoch ist. Ein Beweis für die zunehmende Beliebtheit des eigentlich eher unangenehmen Aufräumens ist auch, dass es inzwischen sogar eine sehr beliebte Marie-Kondo-Serie gibt, in der Menschen mit ihr zusammen ihre Wohnung aufräumen.

Marie Kondo sorgte mit ihrem Aufräum-Konzept für einen richtigen Ordnungs-Boom.
Marie Kondo sorgte mit ihrem Aufräum-Konzept für einen richtigen Ordnungs-Boom.KonMari Media, Inc.

Denn gerade in Zeiten von Corona, in denen man permanent zu Hause ist, bemerken viele Menschen plötzlich, wie unzufrieden sie mit ihrem Heim sind und wie die vielen Gegenstände sie erdrücken. Rund 10.000 Gegenstände besitzt ein durchschnittlicher Bürger. Doch wohin mit all dem Zeug, gerade in der Stadt, in der die Wohnungen oft winzig klein sind? Und wie soll man entscheiden, was weg kann und was nicht?

Wir machen den Praxistest: Bauchen wir wirklich professionelle Hilfe beim Aufräumen? Und wie funktioniert das überhaupt?

Die Kunst, loszulassen

Corinna Rose ist eine freundliche Berlinerin, die selber zuhause mit ihrem Mann minimalistisch, also nur mit dem Nötigsten, lebt. Der beste Beweis dafür ist das Mini-Mäppchen mit der Aufschrift "Mein Hab und Gut", das sie bei sich trägt. Als erstes verschafft sie sich einen Eindruck meiner Wohnung und bespricht mit mir, welchen Bereich wir in den drei Stunden angehen sollten. Das ist auch das Standardverfahren bei ihren Kundinnen und Kunden.

"Wir arbeiten uns nach dem Marie-Kondo-Prinzip vor: Bringt dieser Gegenstand mir Freude?"

Wir einigen uns nicht etwa auf meinen Kleiderschrank – kennt man ja schon zur Genüge – sondern auf etwas, das wohl jeder zu Hause hat: Die Kammer des Schreckens. Also eine Ecke oder einen Raum, sei es Keller, Dachboden oder Abstellkammer, die einfach nur systematisch vollgemüllt wird. Daher brauchen wir jetzt ein neues System, damit es endlich ordentlich wird!

Die "Kammer des Schreckens" am Anfang.
Die "Kammer des Schreckens" am Anfang.

Nach dem Marie-Kondo-Prinzip arbeiten wir uns vor: Bringt dieser Gegenstand mir Freude? Wobei Freude auch bedeutet, dass ich ihn brauche oder häufig nutze. Ein Paradebeispiel: Ein riesiger Eimer voller Kaisernatron beispielsweise, den ich gekauft habe, weil ich irgendwann GANZ UNBEDINGT selber Reinigungsmittel herstellen wollte. Das war vor zwei Jahren.

"Ein Fehlkauf. Dieser Gegenstand setzt dich eher unter Druck, als dass er dir Freude bringt. Verkauf oder verschenk ihn."

Inzwischen hat sich viel geändert, ich habe keine Zeit mehr für solche Dinge, aber einen festen Plan in meinem Kopf und außerdem ja Geld dafür gezahlt. Doch Corinna empfiehlt, diesen Eimer Kaisernatron als das zu sehen, was es ist: "Ein Fehlkauf. Dieser Gegenstand setzt dich eher unter Druck, als dass er dir Freude bringt. Verkauf oder verschenk ihn, im Zweifel bekommst du immer noch etwas Ähnliches – in kleinerem Format." Und plötzlich kann ich diesen Gegenstand loslassen. Erstaunlich, wie viel einfacher das geht, wenn man dabei professionelle Unterstützung hat. Mein Mann will diesen Eimer schon seit zwei Jahren wegschmeißen.

Ähnliche Tipps gibt sie auch für die obligatorische Kabelschublade, die jeder Erwachsene hat. Ein Knäuel an Kabeln, von denen man bei 90 Prozent nicht mehr weiß, wofür sie waren, sich aber nicht traut, sie wegzuschmeißen. Doch genau das empfiehlt Corinna und spricht mir Mut zu: "Glaube mir, du wirst sie ziemlich sicher nicht vermissen. Sollte doch ein Kabel dabei sein, dass du irgendwann mal brauchst, kannst du es meist ganz einfach und günstig nachkaufen."

"Wie ich schnell merke, ist der goldene Gral der Ordnung eine durchsichtige Plastikbox."

Eine Kiste für jeden Bereich

Wir arbeiten uns nun also Stück für Stück in die Kammer des Schreckens vor, bewaffnet mit einem großen Mülleimer und einer Etikettiermaschine und bilden kleine Häufchen, wie "Keller", "Verschenken", "Verkaufen" oder "Noch unsicher". Überhaupt spielt die Sortierung und die Beschriftung eine große Rolle beim professionellen Aufräumen. Geordnet wird nach Kategorien wie "Sport", "Freizeit", "Basteln" oder "Klamotten" und "Kind".

Für diesen "Kisten-System" sollen alle Kategorien möglichst in dieselbe, am besten durchsichtige Box gepackt werden. Wie ich schnell merke, ist der goldene Gral der Ordnung eine durchsichtige Plastikbox: robust, einsehbar und praktisch. So hat man alles geordnet an einem Fleck, nichts kommt weg oder fliegt durch die Gegend. Eingeräumt wird diese Box wieder KonMari-mäßig möglichst hochkant. Warum? "Auf diese Weise sieht man genau, was in der Box ist und kann es herausnehmen, ohne darin herumzuwühlen und wieder ein Chaos zu schaffen", erklärt Corinna. Klingt logisch, aber auch aufwendig, gerade beim Kleiderschrank scheint diese Faltmethode an ihre Grenzen zu stoßen.

Im Alltag ist es für mich einfach unpraktikabel, nach der KonMari-Methode aufzuräumen, gibt es da keine Alternative für Menschen mit wenig Zeit? Corinna widerspricht: "Es braucht einfach nur ein wenig Übung. Ich brauche mit der KonMari-Methode genau so lang zum Falten wie für das 'normale' Falten", sagt sie.

"Viele Kunden und Kundinnen berichten mir, wie erleichtert und befreit sie sich nach dem Aufräumen und Ausmisten fühlen."
Aufräumcoach Corinna Rose

Denn das ist auch die Philosophie des Aufräumens: Einmal viel Zeit und Energie ins gründliche Aufräumen und ein gutes System investieren, um diese dann später mehrfach zu sparen. Durch gute Ordnung spart man außerdem nicht nur Zeit und Nerven beim Suchen der Dinge, sondern auch Energie und Lebensfreude. "Viele Kunden und Kundinnen berichten mir, wie erleichtert und befreit sie sich nach dem Aufräumen und Ausmisten fühlen", erzählt Corinna. Aufräumen ist also einfach Seelenhygiene. "Bei einigen Kunden räume ich über Jahre das gesamte Haus auf." Experten fanden sogar heraus, dass Unordnung zu Stress, Müdigkeit und depressiver Stimmung führen kann.

Weniger Zeug, weniger Last

Für das Aufräumen sind ja leider aber oft immer noch die Frauen zuständig. Sind das dann auch hauptsächlich diejenigen, die diesen Löwenpart übernehmen? "Mich engagieren sowohl Frauen als auch Männer, wobei es vielleicht etwas häufiger Frauen sind. Aber gerade auch homosexuelle Pärchen buchen mich oft für ein Aufräumcoaching", erzählt sie. Das Kundenspektrum ist vielfältig, auch alte Menschen gehören dazu, die sich um weniger Gegenstände in ihrem Leben kümmern wollen.

Denn ein wichtiger Bereich des professionellen Aufräumen findet nach dem Tod eines Menschen statt. Einige Male schon hat Corinna Rose Menschen begleitet, deren Familienmitglieder verstorben sind und ihnen ein riesiges Haus voller Gegenstände hinterlassen haben. "Eine Mammutaufgabe", wie Corinna erzählt. Sie erzählt, wie viel Arbeit und Mühe man seinen Lieben, die selbst oft gerade sehr eingespannt in der Rush Hour ihres Lebens seien, am Lebensende mit Ausmisten abnehmen könne. "Death cleaning" nennen das die Schweden, wie sie sagt. Auf Schwedisch klänge das aber netter: Döstädning (Dö=Tod, städning=aufräumen).

So weit will ich es erst gar nicht kommen lassen. Also hopp, hopp, weiterräumen: Nach zweieinhalb Stunden haben wir das Gröbste geschafft, aber es bleibt noch Arbeit für mich, als Hausaufgabe sozusagen: Kleinere Regale aussortieren und die Stapel im Gang entsorgen. Schön sieht das aus und ein sehr befriedigendes Gefühl ist es auch. Und ich bin direkt motiviert, auch andere Räume aufzuräumen. Doch die große Frage, die sich mir stellt, ist: Wie lange bleibt es so ordentlich?

Die aufgeräumte Abstellkammer in ihrer ganzen Pracht.
Die aufgeräumte Abstellkammer in ihrer ganzen Pracht. privat
Alles hat seinen festen Platz.
Alles hat seinen festen Platz.privat
Zur Improvisation kann man auch Pappkartons zum Stapeln benutzen. Der Aufräumcoach empfiehlt aber durchsichtige Plastikboxen.
Zur Improvisation kann man auch Pappkartons zum Stapeln benutzen. Der Aufräumcoach empfiehlt aber durchsichtige Plastikboxen. privat

Weniger Konsum für mehr Leben

Aber auch dafür hat Corinna Tipps für mich: "Wenn man ein festes System hat, dann klappt das ganz gut. Bisher hatte noch keiner meiner Kunden ein halbes Jahr später wieder Chaos. Wenn man einmal so viel Arbeit reingesteckt hat, geht man in der Regel nicht los und kauft neuen Kram ein." Wenn man mit gutem Beispiel vorangehe und Ordnung halte, wirke sich das außerdem auch oft auf den Partner oder die Kinder aus, die dann ebenfalls mitziehen. Ein weiterer Punkt ist, dass man dem Aufräumen mit einem professionellen Aufräumcoach einen konkreten Wert gibt.

Am Ende bleibt noch viel für mich zu tun: denn die Wohnung ist zwar klein, aber immer noch voll. Auf der To Do Liste stehen: Zum Schweden fahren und ganz viele Ordnungssysteme besorgen. Und weiterhin Ordnung halten. Denn wenn ich in meine frisch aufgeräumte "Kammer der Freude" blicke, empfinde ich fast schon meditatives Glück. Einfach hygge, wie die Skandinavier sagen würden.

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