Im Home Office tendieren Arbeitnehmer laut Experten eher zu Überstunden als im Büro.
Im Home Office tendieren Arbeitnehmer laut Experten eher zu Überstunden als im Büro.
Bild: iStockphoto / Vadym Pastukh
Analyse

Neuer Report stellt weniger Fehlzeiten durch Homeoffice fest: Aber wie gesund ist Zuhause arbeiten wirklich?

15.09.2021, 17:0715.09.2021, 17:13

Eine der vielen Auswirkungen der Corona-Pandemie war es, dass sich das Zuhause plötzlich in einen Arbeitsplatz verwandelte: Eine repräsentative Umfrage des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) gibt an, dass sich die Zahl der angebotenen Arbeitsplätze zu Hause mehr als verdoppelt hat. So stieg die Zahl der Arbeitnehmer im Home Office während der Pandemie von 25 auf 64 Prozent an.

Die Krankenkasse AOK veröffentlichte nun am Dienstag ihren neuen Fehlzeitenreport 2021. Die Studie vergleicht die Pandemie-Monate von März 2020 bis Juli 2021 mit dem Vorkrisen-Zeitraum. Das Ergebnis: Seit Corona gibt es weniger Fehlzeiten bei Arbeitnehmern, dafür fehlen sie krankheitsbedingt länger. Die Arbeitsunfähigkeit bei einer psychischen Erkrankung betrug 4 Tage länger, bei Atemwegserkrankungen 1,8 Tage. Forscher vermuten, dass Menschen den Arztbesuch wegen Corona hinausgezögert haben und dann schwerer krank waren. Die höhere Dauer der Krankschreibungen werten sie indes als Hinweis, dass die Erkrankten in der Pandemie-Situation stärker belastet waren.

Die geringeren Fehlzeiten begründen die Verfasser des Reports zum Teil mit weniger Arbeitsunfällen. Auch die Zahl der Atemwegserkrankungen betrug nur 31 Fälle pro 100 AOK-Versicherten, das waren 18 weniger im Vergleich zum Jahr zuvor. Die Experten führen das auf die Hygieneregeln in der Öffentlichkeit wie Maskentragen und Abstandsregeln zurück. Doch es gibt auch noch einen anderen Grund für weniger Fehlzeiten: unser Verhalten.

Watson hat mit der Arbeitspsychologin Hanna Schade gesprochen. Die promovierte Psychologin arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund (IFADO) und erforscht die Auswirkungen von Homeoffice während der Corona-Pandemie auf das Wohlbefinden und die Produktivität von Beschäftigen. Die Psychologin sagt uns, warum Menschen im Homeoffice eher zu viel arbeiten und was hilft, um eine bessere Work-Life-Balance zu finden.

Mehr Arbeit im Homeoffice

Im Gespräch mit watson erklärt die Arbeitspsychologin Hannah Schade die Tücken, die das Homeoffice mit sich bringen kann: "Zuhause verliert man schnell den Überblick, wie viel man wirklich gearbeitet hat." Denn im Homeoffice würde man doch einmal zwischendurch eine Runde Yoga machen, die Waschmaschine ansetzen oder mit dem Hund rausgehen.

Da man aber dabei meist nicht genau auf die Uhr schaut, komme es einem selbst vor, als habe man weniger gearbeitet: "Man hat einen falschen Eindruck von einem üblichen Arbeitstag und denkt, an einem Bürotag hätte man mehr geschafft. Also versucht man das auszugleichen, indem man abends mehr arbeitet", erklärt Schade. Doch das sei genau die falsche Reaktion, die in einem schädlichen Muster enden kann: "Auf diese Art fehlen aber Erholungszeiten und am nächsten Tag ist man weniger produktiv. Das ist ein Teufelskreis, der dann schließlich im Burn-out enden kann."

Auch wenn das Arbeiten im Homeoffice viele Vorteile habe: "Man neigt eher dazu, bei einer leichten Erkrankung von zu Hause zu arbeiten, statt sich krankzumelden", so Schade. Dies könnte sich möglicherweise ebenfalls auf die geringeren Fehlzeiten seit der Corona-Pandemie auswirken. Grundsätzlich sei es aber wichtig, bei Krankheit gar nicht zu arbeiten, denn man "braucht dieselben Ressourcen zum Gesund werden wie zum Arbeiten, denn auch das Ausfüllen eines Excelsheets kostet Kraft", so Schade.

"Auf diese Art fehlen aber Erholungszeiten und am nächsten Tag ist man weniger produktiv. Das ist ein Teufelskreis, der dann schließlich im Burn-out enden kann."

Ein weiteres Ergebnis der Studie war, dass das Unternehmen selbst einen großen Einfluss darauf hat, wie viele Fehltage die Arbeitnehmer haben. Generell bewältigen Beschäftigte die Pandemie besser, wenn auch ihr Unternehmen die Krise gut bewältigte. Wer sein Unternehmen als besonders anpassungsfähig, Führungskräfte als Unterstützung und den Zusammenhalt im Betrieb als gut erlebte, berichtete seltener von gesundheitlichen Beschwerden – im Schnitt hatten diese Beschäftigten 7,7 krankheitsbedingte Fehltage in den vergangenen zwölf Monaten. Erwerbstätige, die ihr Unternehmen in der Pandemie besonders schlecht bewerteten, wiesen dagegen 11,9 krankheitsbedingte Fehltage auf. Das AOK-Institut befragte von Februar bis Anfang März 2021 rund 2500 Erwerbstätige zwischen 20 und 65 Jahren.

Auch die persönliche Resilienz spielt eine große Rolle, wie man das Arbeiten während der Pandemie überstanden hat. Resilienz bezeichnet die Psychologin Hanna Schade gegenüber watson als "Anpassungsfähigkeit oder Immunfähigkeit der Seele. Menschen, die sich gut an veränderte Rahmenbedingungen anpassen können, ohne darunter zu leiden. Sie sind wie Stehaufmännchen." Resiliente Menschen gehen Probleme auch eher aktiv an – zum Beispiel rufen resiliente Menschen einfach an, wenn sie ihre Arbeitskollegen nicht sehen. Dies ist laut einer forsa-Umfrage vom März 2021 mit 74 Prozent auch der größte Nachteil, den Arbeitnehmer neben der unscharfen Trennung zwischen Arbeit und Privatleben (45 Prozent) beim Arbeiten von Zuhause sehen.

Für das Homeoffice braucht es klare Regeln

Insgesamt gesehen sei der "Arbeitnehmer im Homeoffice zufriedener und produktiver. Natürlich kommt es vor, dass sich Menschen überarbeiten, aber es ist schon sehr viel weniger geworden. Die Leute sind auch selbstbewusster geworden und setzen ihre eigenen Grenzen", schätzt Schade die Entwicklung des Homeoffice ein. Auch die Unternehmen selbst, die anfangs sehr skeptisch waren, würden nun zunehmend die Vorteile sehen.

Um sich zu Hause besser von der Arbeit abzugrenzen, gibt Schade folgende Tipps: "Sich selber eine Struktur setzen, die mit den Kollegen und dem Arbeitgeber abgesprochen ist: Wann bin ich erreichbar und wann nicht? Auch im Gesetz gibt es ein Recht auf Nichterreichbarkeit." Sie empfiehlt, einen "Korridor der Erreichbarkeit" einzurichten und sich selber klare Zeiten zu setzen und diese auch zu tracken. "So kann man seine Arbeitszeit selber auch besser einschätzen."

Eine im Sommer 2020 durchgeführte Umfrage des Marktforschungsunternehmens Kantar ergab, dass rund 52 Prozent der Befragen weniger als die Hälfte ihrer Arbeitszeit in Homeoffice, Telearbeit oder mit mobilem Arbeiten verbringt. Der gewünschte Anteil betrug hier 37 Prozent. Ungefähr die Hälfte der Arbeitszeit zu Hause arbeiteten 14 Prozent der Befragten, es wünschten sich aber mit 33 Prozent mehr als doppelt so viele, die Hälfte ihrer Arbeitszeit zu Hause zu verbringen. "Für die meisten Menschen sind zwei oder drei Tage im Home-Office das Optimum", so die Arbeitspsychologin Schade gegenüber watson. Denn ab und zu sei es doch ganz nett, ins Büro zu fahren und sich mit den Kollegen und Kolleginnen zu unterhalten.

Da der Trend zum Homeoffice in vielen Betrieben zumindest zum Teil erhalten bleibe, sei aber wichtig, diese neue Arbeitssituation mitsamt fester Regeln im Arbeitsvertrag festzuschreiben. Erst dann können Arbeitnehmer – je nach Situation anteilig oder komplett – die Kosten für das Home-Office von der Steuer absetzen. Dazu gehören beispielsweise Schreibtisch, Stuhl und Arbeitsmaterialien oder der Verbrauch von Strom, Miete oder Heizkosten. "Sobald das Homeoffice vertraglich geregelt wird, ist die Wahrscheinlichkeit, im Homeoffice zufriedener zu sein, noch höher. Einfach, weil geklärt ist, wie viel und wann man arbeitet und wie man erreichbar ist", gibt sich Schade optimistisch.

(mit Material der dpa)

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