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Leerer Freisitz vor dem Restaurant Frau Mittenmang in Berlin-Prenzlauer Berg

Ab Montag müssen Restaurants und Bars für Gäste wieder schließen. Bild: www.imago-images.de / snapshot-photography/R.Price

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"Hier werden Existenzen zerstört": Wirt aus München schildert Großbestellung kurz vor Lockdown

gregor lemke

Seit Montag ist es wieder so weit: Schon zum zweiten Mal in diesem Jahr müssen gastronomische Betrieben schließen. Wegen des zweiten "Lockdowns light", der am Mittwoch beschlossen worden ist, dürfen Restaurants, Cafés und Bars Speisen und Getränke lediglich zum Mitnehmen anbieten.

Für Menschen wie Gregor Lemke ist diese Nachricht eine Katastrophe: Er ist Wirt im Augustiner Klosterwirt in München und Vorsitzender des Vereins Münchner Innenstadtwirte. Bei watson beschreibt er, was der Lockdown für seine Branche bedeutet.

"Erst vergangene Woche habe ich eine neue Lieferung von Plexiglasscheiben im Wert von 8000 Euro erhalten. Nur, damit es jetzt heißt: Ihr müsst trotzdem dicht machen."

Die Panik in den Augen der Wirte, die Frustration, die Hoffnungslosigkeit: All das habe ich am Mittwoch in den Augen meiner Kollegen gesehen, als der zweite Lockdown verkündet worden ist. "Light" ist an dieser Maßnahme gar nichts, sie wird nicht unsere Branche, die Gastronomie, sondern auch die Hotelerie und Veranstalter mit voller Wucht treffen. Und das, obwohl die Nachwirkungen der ersten pandemischen Welle noch kaum verdaut sind.

Ich bin selbst Wirt im Augustiner Klosterwirt in der Münchner Innenstadt und ich muss sagen: Das, was hier gerade passiert, was von der Politik beschlossen worden ist – das kann ich nicht mehr nachvollziehen. Kaum eine Branche hat sich so sehr gegen das Coronavirus gewappnet wie die Gastronomie: Wir haben Laufwegkonzepte für unsere Servicekräfte aufgestellt, die Personalpläne entsprechend entworfen, Masken besorgt, Plexiglasscheiben – mit dem ganzen Glas sieht es aus wie im Gewächshaus bei uns. Erst vergangene Woche habe ich eine neue Lieferung von Scheiben im Wert von 8000 Euro erhalten. Nur, damit es jetzt heißt: Ihr müsst trotzdem dicht machen.

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Gregor Lemke in seinem Wirtshaus in München. Bild: Augustiner Klosterwirt

Die Gastro gilt eigentlich nicht als Pandemie-Treiber

Bisher konnte nur ein Bruchteil der Ansteckungsherde in Cafés, Bars oder Restaurants nachgewiesen werden. Aus medizinischer und epidemiologischer Sicht stellen wir keine Gefahrenquelle dar. Mal abgesehen von den ganzen Maßnahmen, die wir in den vergangenen Monaten getroffen haben, um unseren Gästen einen sicheren Aufenthalt zu bieten. Ganz ehrlich – sich in der Bahn oder im Privaten anzustecken ist viel wahrscheinlicher als bei uns. Der einzige Ort, der noch mehr Sicherheitsvorkehrungen getroffen hat als die Gastronomie ist wohl nur die Intensivstation im Krankenhaus.

"Obwohl der Großteil der Corona-Ansteckungen nicht in der Gastronomie nachgewiesen werden kann, treffen fast alle Maßnahmen, die seit Beginn der Pandemie beschlossen worden sind, vor allem unsere Branche."

In der öffentlichen Wahrnehmung wird allerdings ein völlig anderes Bild vermittelt: Obwohl der Großteil der Corona-Ansteckungen nicht in der Gastronomie nachgewiesen werden kann, treffen fast alle Maßnahmen, die seit Beginn der Pandemie beschlossen worden sind, vor allem unsere Branche, ob Sperrstunden oder Kontaktbeschränkungen. Und jetzt eben auch der zweite Lockdown. Das ist es, was uns so furchtbar wütend und auch traurig macht.

Es hätten schon früher weniger drastische Maßnahmen ergriffen werden können

Ich kann auch nicht nachvollziehen, warum nicht schon früher neue Maßnahme eingeführt worden sind, die dafür weniger drastisch sind. Dass man zum Beispiel den Alkoholausschank noch stärker einschränkt und sagt, ab einer bestimmten Uhrzeit dürfen die Gäste nur noch Nicht-Alkoholisches trinken, aber in Ruhe aufessen. Oder dass man die Personenanzahl pro Tisch beschränkt. Auch das alles hätte unsere Branche natürlich auch getroffen, aber nicht so hart.

Vor allem befürchte ich, dass die Maßnahmen die bayerische Wirtshauskultur, die wir teils über Generationen mühsam aufgebaut haben, nachhaltig verändern werden. Bei uns kommen Menschen zusammen, tauschen sich aus, und auch, wer sich nicht kennt, setzt sich gerne dazu und wird aufgenommen. Das wird es so nicht mehr geben – für manche Wirte vielleicht auch nie wieder. Ich denke an einen Kollegen, der mir am Mittwoch noch erzählte, wie mühselig er seinen Betrieb aufgebaut hat, eigenhändig eingerichtet und dekoriert hat – und Ende des Jahres wird er den Laden wohl dicht machen müssen, glaubt er. Hier werden Existenzen zerstört – und die Corona-Maßnahmen treffen die Falschen.

"Unseren Gästen möchte ich sagen: Bitte unterstützt eure Stammlokale weiterhin, und sei es auch nur, um hin und wieder Speisen zum Mitnehmen zu bestellen. Wir werden jeden Euro brauchen, um durch diesen Winter zu kommen."

Natürlich heißt es vonseiten der Politik, dass uns geholfen werden soll: Bis zu 75 Prozent des Umsatzes des Vorjahresmonats sollen wir als Entschädigung erhalten. Was mir die vergangenen Monate allerdings bewiesen haben, ist: Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Dass die finanziellen Hilfen durchkommen, glaube ich erst, wenn wir sie wirklich erhalten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das bei unseren bürokratischen Hürden so einfach wird. Außerdem werden die Hilfen auch nicht unsere gesamte Branche retten: Die großen Wirtshäuser werden vielleicht noch durchkommen. Aber die kleine Eckkneipe mit ihren sieben Stammgästen – ich würde mich nicht darauf einstellen, da im nächsten Jahr noch hingehen zu können.

Die kommenden Wochen müssen wir nun irgendwie durchstehen. Unseren Gästen möchte ich sagen: Bitte unterstützt eure Stammlokale weiterhin, und sei es auch nur, um hin und wieder Speisen zum Mitnehmen zu bestellen. Wir werden jeden Euro brauchen, um durch diesen Winter zu kommen.

Protokoll: Agatha Kremplewski

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