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Cafés sind nach wie vor wegen Corona geschlossen oder verkaufen nur To-Go-Produkte. Bild: iStockphoto / Prostock-Studio

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Zehn Menschen sagen, warum der Lockdown verlängert werden sollte – und warum nicht

Gefühlt ist es eine Debatte, die niemand mehr führen will: Am Mittwoch tagen Bund und Länder erneut, um über eine mögliche Verlängerung des Lockdowns zu verhandeln. Im Zentrum der Überlegungen steht der fortdauernde Balanceakt zwischen gesundheitlicher und wirtschaftlicher Sicherheit – und, besonders nach ungefähr einem Jahr der Pandemie – auch psychischem Wohlbefinden.

Wie stehen Vertreter verschiedener Berufsgruppen der Debatte gegenüber? Wer wünscht sich eine Lockdown-Verlängerung – und wer fände eine Lockerung zum aktuellen Zeitpunkt vertretbar?

Watson hat darüber mit Menschen aus verschiedenen Berufen und mit unterschiedlichen Hintergründen gesprochen und sie um ihre Einschätzung gebeten – basierend auf ihrer ganz persönlichen Situation.

Lockdown-Verlängerung, ja oder nein? Das sagt...

... ein Arzt

Wolfgang Kreischer ist Allgemeinmediziner und hat eine Hausarztpraxis in Berlin. Er meint, wir dürfen nicht denselben Fehler noch einmal machen und den Lockdown zu früh beenden.

"Eine Verlängerung des Lockdowns wäre unbedingt sinnvoll. Der erste Lockdown wurde damals zu früh gelockert und das Ergebnis war eine zweite Pandemie-Welle. Daher bin ich eindeutig dafür, den zweiten Lockdown konsequent und ausreichend lange beizubehalten, um diesen Fehler nicht noch einmal zu begehen.

Lockerungen halte ich in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens momentan nicht für vertretbar, in Pflegeheimen zum Beispiel. Am ehesten könnten wohl Restaurants, Friseure und Geschäfte wieder den Betrieb aufnehmen, sofern sie entsprechende Hygiene-Konzepte einhalten, so wäre zumindest meine Einschätzung.

"Lockerungen halte ich in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens momentan nicht für vertretbar."

In meiner Praxis hat sich das Patientenaufkommen im Lockdown wieder etwas normalisiert, es kommen fast so viele Patienten wie zu 'normalen' Zeiten. Die Patienten sind jetzt aber einsichtiger: Sie halten mehr Abstand, machen öfter Termine aus, tragen Masken.

Auch gibt es inzwischen häufiger Videosprechstunden. Im Praxisalltag stelle ich fest, dass vermehrt Angst und Depressionen bei den Menschen auftreten, dafür gibt es weniger Infekte, kaum Grippefälle und ich muss weniger Antibiotika verschreiben als sonst."

... eine Erzieherin

Lena M. ist Erzieherin in Dortmund. Obwohl sie nachvollziehen kann, dass viele Menschen sich das normale Leben zurückwünschen, ist sie für eine Verlängerung des Lockdown.

"Ich bin für eine Verlängerung des Lockdowns – allerdings im Rahmen des eingeschränkten Betriebs, der momentan bei uns herrscht. Das bedeutet in unserer Einrichtung zum Beispiel, dass die Betreuungszeiten der Kinder eingeschränkt sind und an die Eltern appelliert wird, ihre Kinder nach Möglichkeit zu Hause zu betreuen. Das läuft aktuell auch gut, bisher hat sich niemand beschwert, obwohl sich manche Familien natürlich etwas umstellen mussten.

"Ich gehe jedoch davon aus, dass NRW ab nächster Woche die Kitas wieder öffnen wird."

Ich befürchte, dass wenn wir das öffentliche Leben jetzt zu schnell wieder hochfahren, wir dann doch alles überstürzt wieder dicht machen müssen – vor allem in Hinblick auf die neuen Mutationen des Coronavirus. Dann wäre der Lockdown der vergangenen Wochen umsonst gewesen.

Ich gehe jedoch davon aus, dass Nordrhein-Westfalen ab nächster Woche die Kitas wieder öffnen wird. Gut finde ich das nicht. Aber ich kann jetzt einfach nur hoffen, dass die Situation nicht wieder schlimmer wird. Gleichzeitig verstehe ich die Menschen, die eine Lockerung fordern. Der Lockdown hat schließlich wirtschaftliche Konsequenzen, er drückt auf die Psyche... wegen der Mutationen sollten wir allerdings noch eine Weile durchhalten."

... ein Gastronom

Gregor Lemke ist Wirt im Augustiner Klosterwirt in München und Vorsitzender des Vereins Münchner Innenstadtwirte. Er spricht sich für ein Lockdown-Ende aus.

"Ich bin ganz klar dafür, dass wir den Lockdown beenden. Was wir jetzt brauchen, ist eine gut durchdachte Öffnungsstrategie, auf die sich nicht nur die Bevölkerung, sondern auch wir Unternehmer verlassen können.

Beim Augustiner Klosterwirt hatten wir damals strenge Hygienemaßnahmen eingeführt, haben Plexiglasscheiben zwischen den Plätzen aufgestellt, Laufwege konzipiert, die Gäste registriert – und dann mussten wir schließen. Und trotzdem sind die Infektionszahlen weiter hochgegangen. Das beweist uns doch: Die Gastronomie ist nicht der Treiber der Infektionen.

"Was mir von der Politik gerade fehlt, ist eine Vision."

Was mir von der Politik gerade fehlt, ist eine Vision. Es werden keine Pläne geschmiedet, auf die wir uns verlassen können, keine Hoffnung vermittelt. Natürlich leidet darunter auch das Verständnis für politische Entscheidungen.

Corona werden wir auch in den kommenden Jahren nicht vollständig ausmerzen können. Deswegen brauchen wir jetzt eine Strategie, die uns eine neue Normalität ermöglicht, damit trotz und mit den notwendigen Hygienemaßnahmen die Lebensfreude zurückkehrt. Ein Teil davon wäre, die Gastronomie wiederzueröffnen, da sie die Regeln zur Vermeidung von Infektionen befolgen. Wir haben bewiesen, dass wir es können und die Menschen bei uns sicher sind!"

... eine Schülerin

Franziska Schürken, 17, ist Abiturientin in Oberhausen. Sie forderte das Land Nordrhein-Westfalen in einer Petition auf, mit den Schülern in den Dialog zu treten, und über ein Durchschnittsabitur 2021 nachzudenken.

"Ich bin für eine weitere Lockdown-Verlängerung und auch eine längere Schulschließung. Im Hinblick auf die Infektionszahlen ist dies die einzig verantwortbare Möglichkeit.

"Es muss einen Mittelweg geben."

Aber die Situation für Kinder und Jugendliche – insbesondere die der Abschlussklassen – muss unbedingt verbessert werden. Viele junge Menschen verkümmern in diesem Lockdown und leiden unter dem Druck, dennoch schulische Leistungen zu bringen. Entlastungen die Prüfungen und Leistungsnachweise betreffend sind deswegen dringend notwendig.

Ich finde es wichtig, dass wir einerseits das Infektionsgeschehen berücksichtigen und andererseits nötige Erleichterungen für Kinder und Jugendliche schaffen. Es muss einen Mittelweg geben."

... eine Ladenbesitzerin

Astrid Jungblut ist eigentlich gelernte Arzthelferin, betreibt aber seit über dreißig Jahren das Mode-Geschäft Manhattan Mode in der Altstadt von Mainz in Rheinland-Pfalz.

"Von einer weiteren Verlängerung des Lockdowns halte ich rein gar nichts. Jetzt wäre die Zeit für eine stufenweise Öffnung und ich kann auch nicht mehr nachvollziehen, warum das nicht geschieht. Hier in Mainz sind die Inzidenz-Zahlen schon länger unter 50, aber nützen tut uns das nichts. Das frustriert uns alle. Die Kunden scharren bei mir schon vor der Tür, die haben keine Lust mehr auf den Lockdown, und ich auch nicht.

Mein Gefühl ist: Die Politiker haben Fehler gemacht, zum Beispiel bei der Impfmittelbeschaffung, und jetzt sollen wir das ausbaden. Ich falle als Ladenbesitzerin nur in die Kategorie 3 der Überbrückungshilfe und habe noch kein Geld bekommen, seit wir im Dezember zu machen mussten, meine Fixkosten laufen hingegen weiter. Wäre ich nicht verheiratet und hätte einen Ehemann, der momentan unsere Rechnungen zahlt, dann wäre ich am Ende – so sieht es einfach aus.

"Ich gehe davon aus, dass Corona uns sowieso in irgendeiner Form erhalten bleiben wird und gerade deshalb müssen wir doch einen Weg finden, damit weiterzuleben. Der Einzelhandel muss jetzt öffnen dürfen!"

Ich finde, dass Österreich einen ganz guten Weg geht, indem der Staat dort Läden, Friseure und Schulen langsam wieder öffnen lässt. Mit Hygienekonzepten könnten wir das in Deutschland auch, in meinem Laden gab es zumindest auch in den offenen Monaten keine Ansteckungen. Ich gehe davon aus, dass Corona uns sowieso in irgendeiner Form erhalten bleiben wird und gerade deshalb müssen wir doch einen Weg finden, damit weiterzuleben. Der Einzelhandel muss jetzt öffnen dürfen! Unsereins lebt davon, dass die Kunden vorbeischlendern, die Sachen anprobieren und mit den Verkäufern quatschen, genau diese Atmosphäre macht die deutschen Innenstädte aus.

Das einzig Schöne an dieser Zeit war zu sehen, wie treu meine Stammkunden sind. Die rufen auch jetzt noch an, wollen Gutscheine kaufen und mich unterstützen, diese Solidarität treibt mir wirklich die Tränen in die Augen. Ich sehe aber auch, was für ein Redebedürfnis bei den Kunden herrscht. Die Menschen sind isoliert und sie haben große Angst. Nicht nur in meiner Funktion als Ladenbesitzerin macht mich das traurig. Ich gehe davon aus, dass der Lockdown weiter verlängert wird und das, obwohl die Zahlen sinken und wir alle erschöpft sind. Darüber nachzudenken macht mir so schlechte Laune, dass mein Fernseher wohl heute ganz ausbleibt. Ich will es gar nicht mehr hören.“

... ein Epidemiologe

Markus Scholz ist Professor für Epidemiologie an der Uni Leipzig. Er betreibt mit seiner Arbeitsgruppe seit 15 Jahren Infektionsforschung und untersucht aktuell die Corona-Pandemie.

"Ich befürworte eine Verlängerung des Lockdowns, da die Fallzahlen noch zu hoch sind. Mindestens sollte meines Erachtens eine Sieben-Tage-Inzidenz von unter 25 angestrebt werden.

"Ich sehe für Lockerungen kaum Spielraum."

Zudem ist zu befürchten, dass bereits die bestehenden Maßnahmen nicht ausreichen, um die neue B117-Variante einzudämmen. Hierzu fehlen leider in Deutschland belastbare Daten. Die Entwicklung in anderen europäischen Ländern (zum Beispiel UK, Dänemark, Portugal) legt dies jedoch nahe. Es kann deshalb nicht ausgeschlossen werden, dass sich der Trend selbst unter Beibehaltung der Maßnahmen umkehrt.

Ich sehe deshalb für Lockerungen kaum Spielraum. Dieser wäre erst bei deutlich niedrigeren Fallzahlen beziehungsweise fortgeschrittener Durchimpfung gegeben."

... eine Grundschullehrerin

Tanja S. ist Grundschullehrerin in Niedersachsen. Sie warnt vor wachsender sozialer Ungleichheit an Schulen, befürwortet den Lockdown allerdings.

"Ich denke, dass die Verlängerung des harten Lockdowns zumindest bis Ende Februar durchgezogen werden sollte, um anschließend über Lockerungen sprechen zu können.

"Die Spanne der sozialen Ungleichheit und vor allem die großen Lerndefizite sind schon bald nicht mehr aufzufangen."

Momentan macht sich das Durchhalten bezahlt, wenn man sich die Inzidenzzahlen ansieht. Für die Schulen in Niedersachsen würde es beim Halbgruppenunterricht bleiben, an den sich die meisten Schüler und Schülerinnen sowie auch Lehrkräfte mittlerweile gewöhnt haben.

Trotzdem darf dieses Szenario nicht mehr lange fortgeführt werden, denn die Spanne der sozialen Ungleichheit und vor allem die großen Lerndefizite sind schon bald nicht mehr aufzufangen."

... ein Auszubildener

Marit aus dem sächsischen Erzgebirge ist 19 Jahre alt, hat 2020 Abitur gemacht und nun eine Ausbildung als Krankenpfleger begonnen. Coronabedingt findet der meiste Unterricht digital statt.

"Ich persönlich befürworte eine Verlängerung des Lockdowns, um eine 0-Insidenz anzustreben. Denn nur so können wir langfristig eine dritte Welle verhindern. Ich bin Azubi in der Krankenpflege und sehe, wie schwer es ist, gegen die Pandemie anzukämpfen. Trotzdem sind strikte Einschränkungen in den sozialen Kontakten der einzige Weg zur Besserung.

"Ich persönlich befürworte eine Verlängerung des Lockdowns, um so eine 0-Insidenz anzustreben. Denn nur so können wir langfristig eine dritte Welle verhindern."

Natürlich ist ein noch längerer Lockdown für uns alle nicht schön – auch ich werde weiterhin Ausbildungsinhalte im Home-Schooling ausarbeiten müssen, was natürlich die Nerven strapaziert. Doch ich weiß, dass wir so irgendwann wieder zur Normalität zurückkehren können und das ist mein Lichtblick. Ich versuche immer die guten Seiten am Lockdown zu sehen, zum Beispiel eingesparte Fahrtkosten im Home-Office oder weniger Sinnlos-Käufe beim Shopping..."

... eine Pflegerin

Dorothee Schmidt ist Wohnbereichsleitung und Altenpflegerin im Johannes Stift Bochum. Sie ist für einen längeren Lockdown und auch strengere Maßnahmen.

"Der Lockdown sollte meiner Meinung nach verlängert werden. Ich bin sogar für strengere Maßnahmen, gerade in Pflegeheimen. Vier Personen durften pro Bewohner vorbeikommen – zwei vormittags, zwei nachmittags. Häufig müssen wir ihnen sagen, dass sie die Maske aufsetzen sollen, um unsere Bewohnerinnen, aber auch uns nicht zu gefährden. Klar, auf Besuche zu verzichten, kann für die Bewohner unangenehm sein, aber um ihrer Willen würde hier eine Einschränkung Sinn ergeben. Ein, zwei Besucher pro Tag wären auch noch okay.

"Was die Bewohner besonders vermissen, sind die Friseurbesuche."

Unter den Bewohnerinnen und Bewohnern ist die Stimmung gut. Sie wünschen sich zwar, wieder in größeren Gruppen zusammenzukommen, derzeit dürfen sich in den Tagesräumen maximal zwölf Personen aufhalten – die werden in zwei feste Sechsergruppen aufgeteilt. Abgesehen davon ist es aber ein positives Stimmungsbild. Was sie jedoch besonders vermissen, sind die Friseurbesuche. Für einige gehörte der wöchentliche Besuch über Jahrzehnte zum Alltag. Verzicht fällt da schwer."

... ein Vater

Paul S. aus München ist Vater zweier Kinder (2 und 5 Jahre alt). Er findet es wichtig, dass nur diejenigen Eltern die Notbetreuung in Kitas nutzen, die wirklich keine andere Wahl haben. Er würde den Lockdown nicht nur verlängern, sondern auch verschärfen.

"Ich bin definitiv für eine Verlängerung des Lockdown – mehr noch, ich würde ihn sogar noch weiter verschärfen. Vor allem aus wirtschaftlicher Sicht macht man meiner Meinung nach mehr kaputt, wenn wir immer wieder einen Lockdown verordnen, wieder lockern, wieder härtere Maßnahmen fahren… da wäre es besser, wenn wir für ein paar Wochen Ausgangssperren verhängen und die Kontakte noch mehr einschränken. Eine aufgeweichte Variante bringt nichts.

"Wir betreuen unsere Kinder bereits zu Hause, um unsere Kita zu entlasten, obwohl wir beide in Vollzeit arbeiten."

In der Zeit sollten wir auch ähnliche Betreuungsregeln einführen wie beim ersten Lockdown, also eine strenge Notbetreuung, bei der lediglich diejenigen, die in systemrelevanten Berufen arbeiten und keinerlei andere Betreuungsmöglichkeit haben, ihre Kinder abgeben dürfen.

Für meine Frau, meine beiden Kinder und mich würde sich bei einem härteren Lockdown nicht viel ändern. Wir betreuen unsere Kinder bereits zu Hause, um unsere Kita zu entlasten, obwohl wir beide in Vollzeit arbeiten. Wir haben allerdings den Vorteil, von zu Hause aus arbeiten zu können. Wir treffen niemanden, gehen meist abends raus. Wenn wir es tagsüber tun, dann nur kurz. Ich bin mir sicher, dass viele andere Familien, die sich ins Homeoffice zurückziehen können, das ebenfalls schaffen würden."

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Junge Pflegerin: "Merkel scheint alle jungen Leute in eine Schublade zu stecken"

Mit den steigenden Infektionszahlen werden auch kritische Stimmen vor allem gegen junge Menschen lauter: Politiker und Politikerinnen, darunter auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, richteten sich in vergangener Zeit regelmäßig an junge Erwachsene und mahnten sie zum Einhalten der Corona-Regeln an.

Mit dem immer wieder anklingenden Vorwurf, junge Leute würden die Pandemie nicht ernst genug nehmen und stattdessen zu viel feiern, kann sich Nina Böhmer nicht anfreunden. Die 28-jährige Pflegerin …

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