Grün, grün, grün sind alle meine Retouren... Oder eben auch nicht.
Zumindest nicht bei Zalando. Der größte Modehändler Europas hatte seinen Kund:innen eigentlich einen verantwortungsvollen, nachhaltigen Umgang mit Warenrücksendungen versprochen.
Nach Angaben des Modehändlers soll allein 2021 über die Hälfte der 250 Millionen Bestellungen klimaneutral und mit "netto-positiver Auswirkung auf Mensch und Erde" geliefert und retourniert worden sein. So lautete jedenfalls das offizielle Nachhaltigkeitsversprechen des Konzerns.
Doch das entspricht nicht der Realität, wie Recherchen des SWR-Investigativ-Formats VOLLBILD, der "ZEIT" und des Recherche-Startups "Flip" zeigen. Denn trotz seines Versprechens verschickt Zalando Lieferungen dennoch auf langen Transportwegen kreuz und quer durch Europa. Die Ursache für solche Strecken ist laut Expert:innen ein Algorithmus mit sogenannten "Predictive Analytics".
Für die Recherche hatten die Reporter:innen im September 2022 zehn Kleidungsstücke bei Zalando retourniert und deren Wege mit GPS- und Bluetooth-Trackern über Monate verfolgt. Die getrackten Kleidungsstücke legten jeweils bis zu 7000 Kilometer zurück.
"Ökologisch ist das eine Katastrophe", sagte der Retouren-Experte Björn Asdecker von der Universität Bamberg, der die Daten einsehen konnte, gegenüber dem SWR. "Es finden Tausende Kilometer an Transport statt, die nicht sein müssten. So was dürfte es eigentlich nicht geben, erst recht nicht, wenn sich ein Unternehmen Nachhaltigkeit auf die Fahnen schreibt."
Das wurde vor allem am Beispiel eines Babystramplers klar, der von Berlin aus retourniert wurde:
Als der Akku des Trackers nach drei Monaten leer war, hatte der Strampler bereits knapp 7000 Kilometer zurückgelegt.
Auf Nachfrage der Rechercheur:innen erklärte Zalando mit Blick auf den Strampler:
Die wahren Gründe hinter dieser Strategie sind laut Retouren-Experte Björn Asdecker jedoch so genannte "Predictive Analytics":
Dabei beruhe jede Fahrt einer Zalando-Retoure auf der Vorhersage eines Algorithmus, wo das Kleidungsstück als Nächstes bestellt werden könnte. Die beladenen Lkw kreisten dafür durch ganz Europa, um möglichst nah am nächsten Kunden zu sein – und möglichst schnell liefern zu können. Asdecker zufolge dienten die Lkw so "im Endeffekt als Lagerräume für Zalando".
Auch weitere leere Versprechen konnte die Recherche von VOLLBILD, "Zeit" und "Flip" aufdecken: So verspricht Zalando auf seiner Internetseite, dass "97 Prozent dieser retournierten Modeartikel" wieder über den Zalando-Shop verkauft würden. Doch nach Rechercheergebnis waren vier der zehn Kleidungsstücke schon nach kurzer Zeit gar nicht mehr im Zalando-Shop erhältlich.
Auch nach mehreren Monaten sei fast die Hälfte der getrackten Retouren nicht erkennbar bei neuen Zalando-Kund:innen gelandet, berichtete der SWR. Dabei handelte es sich insbesondere um solche Artikel, die von Partnerunternehmen im Zalando-Shop angeboten worden waren.
Dass das Ergebnis der GPS-Trackerrecherche kein bloßer Zufall war, ergibt eine Nachfrage bei Zalando. Hierauf räumte der Modehändler ein, dass die versprochenen 97 Prozent nicht für die Artikel gelten würde, die von Partnern auf der Plattform angeboten und von diesen auch als Retouren abgewickelt würden. Die Partner machen nach Zalando-Angaben allerdings knapp ein Drittel des Bruttowarenvolumens aus.
Würden die Warenbestellungen über die Partnerunternehmen laufen, greife aber eigentlich trotzdem noch das Nachhaltigkeitsversprechen der gesamten Marke Zalando, wie Tristan Jorde von der Verbraucherzentrale Hamburg nach Angaben des SWR erklärte: "Natürlich geht man dann davon aus, dass es für alle dort bestellten Produkte gilt. Aber Zalando kann meist gar nicht wissen, wie ihre Partner wirklich mit der Ware umgehen."
Wie er klar zusammenfasst: "Die Kunden werden von Zalando getäuscht."
Von den mehr als 1.600 Marken und Händlern, die Teil des Zalando-Partnerprogramms seien, wickle derzeit nur die Hälfte Retouren über Zalando ab – für die andere Hälfte, also rund 800, gelte das Versprechen nicht. Stattdessen verkauft Zalando nach Rechercheergebnissen Retouren auch an Großhandelspartner, wie das Unternehmen mit den Recherchen konfrontiert auch zugab, jedoch nicht auf seiner Homepage angab.
Zweitvermarkter von Zalando-Retouren berichten in Interviews, dass die Retouren-Ware aufgrund von Auflagen von Unternehmen wie Zalando den Kernmarkt in Europa verlassen müsse, und daher vor allem nach Asien und Afrika verkauft werde.
Was mit der Ware im Ausland passiere, ob sie weiterverkauft werde oder auf Mülldeponien lande, werde von Zalando nicht mehr kontrolliert. So jedenfalls schildert es ein Retouren-Großhändler im Interview, der auch mit Zalando-Retouren handelt.
(Mit Material des SWR)