Die Ozeane gehören zu den letzten noch unerforschten Gebieten auf der Erde – durch die massiven menschlichen Einwirkungen sind inzwischen aber auch ihre Ökosysteme schwer bedroht.
Die Ozeane gehören zu den letzten noch unerforschten Gebieten auf der Erde – durch die massiven menschlichen Einwirkungen sind inzwischen aber auch ihre Ökosysteme schwer bedroht.Bild: AA / Mahmut Serdar Alakus
Analyse

"Deep Sea Mining kann Tsunamis auslösen": Warum uns das Ozeansterben direkt betrifft

05.07.2022, 16:0406.07.2022, 13:48

Klimakrise, Artensterben, Hungersnöte: An Land sind uns diese Krisen längst bekannt. Was wir jedoch oft vergessen – diese Krisen stehen in einer unmittelbaren Wechselbeziehung mit dem (Gesundheits-) Zustand der Ozeane weltweit. Denn mehr als 70 Prozent der Erdoberfläche sind von Ozeanen bedeckt. Das macht Meere zu einem bedeutsamen Bestandteil des globalen Klimasystems und zu einem Zuhause tausender Tier- und Pflanzenarten. Sie stellen die Lebens- und Nahrungsgrundlage für Milliarden von Menschen. Und betreffen damit auch Menschen in küstenfernen Regionen von Deutschland.

"Wir setzen die Lebewesen und Ökosysteme in den Meeren seit den letzten Jahrzehnten unter einen erheblichen Druck."
Katja Matthes, Direktorin Geomar Helmholtz-Zentrum Kiel

Das einfachste Beispiel für unsere direkte Verbundenheit, aber auch Abhängigkeit vom Zustand der Ozeane: "Jeder zweite Atemzug kommt aus dem Meer", bringt es Katja Matthes, Direktorin des Geomar Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung in Kiel, im Gespräch mit watson auf den Punkt. Sie und ihr Team waren vergangene Woche auf der UN-Ozeankonferenz in Lissabon, um sich zusammen mit Wissenschaftlern, Politikern, Unternehmern und NGOs über neueste Erkenntnisse und Lösungsansätze zum Schutz der Meere auszutauschen.

Professorin Katja Matthes, Direktorin des Geomar Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung in Kiel.
Professorin Katja Matthes, Direktorin des Geomar Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung in Kiel.Bild: miriam meyer

Denn den Ozeanen weltweit geht es schlecht. Das zeigt eine Untersuchung der chemischen, physikalischen, biologischen und geologischen Prozesse im Ozean und ihrer Wechselwirkung mit dem Meeresboden und der Atmosphäre des Geomar-Teams: "Wir setzen die Lebewesen und Ökosysteme in den Meeren seit den letzten Jahrzehnten unter einen erheblichen Druck", sagt Matthes.

Versauerung der Meere als Folge von zu viel CO₂

In den vergangenen 150 Jahren, seit Beginn der industriellen Revolution, puffern die Ozeane die Folgen der Klimakrise deutlich ab, indem sie 93 Prozent der Wärme und 25 Prozent des CO₂ speichern, das wir Menschen jedes Jahr ausstoßen.

Doch das geschehe nicht ohne Nebeneffekte: "Die Ozeane haben schon circa 30 Prozent des gesamten seit Beginn der Industrialisierung bis heute produzierten CO₂ aufgenommen. Doch wenn CO₂ ins Wasser gelangt, entsteht Säure, die unter anderem Korallenriffe auflöst", erklärt Matthes. Auch steigt der Meeresspiegel immer schneller an, da das Eis an den Polkappen schmilzt, womit die Häufigkeit von marinen Hitzewellen steige.

"Das saurere und wärmere Wasser verringert dann die Fähigkeit des Meeres, CO₂ und Sauerstoff aufzunehmen – wodurch auch unsere Luftversorgung beeinträchtigt wird", sagt die Expertin.

Korallensterben bei den Malediven.
Korallensterben bei den Malediven.Bild: imageBROKER / Reinhard Dirscherl

Direkte Wechselwirkung zwischen Ökosystemen an Land und unter Wasser

Diese Versauerung verändere marine Kreisläufe und werde zum Risiko für viele Tier- und Pflanzenarten, die sich nicht schnell genug auf wärmere Wassertemperaturen umgewöhnen könnten, erzählt die Klimaexpertin. "Kalkschalen-bildende Tiere wie Wasserschnecken können bei steigenden Temperaturen nicht mehr ihre Schneckenhäuser formen, sie bekommen Löcher, was massive Auswirkungen auf ihr Überleben hat."

Die Schnecken sind dabei nur eine von vielen anderen bedrohten Arten, die es unter Wasser gebe. Wenn sie jedoch ausstürben, bringe das die Nahrungskette in der Unterwasserwelt durcheinander und hätte damit direkte Folgen auf die Ernährung von Menschen, zum Beispiel durch schwindende Fischpopulationen, erklärt die Forscherin.

"Uns bleibt nicht viel Zeit, gegenzusteuern. Es geht um die wichtige Rolle, die der Ozean für das Klima auf unserem Planeten und die Ernährung von Milliarden von Menschen spielt sowie um den Erhalt des einzigartigen marinen Ökosystems", betont sie.

Neptungras ist vor dem Strand von Illetes auf Mallorca zu sehen.
Neptungras ist vor dem Strand von Illetes auf Mallorca zu sehen.Bild: dpa / Clara Margais

Während der UN-Ozeankonferenz in Lissabon ging es deshalb vor allem darum, Lösungen zu den nun drängendsten Problemen zu diskutieren: So wäre ein Schutz und Anpflanzen von Seegraswiesen, die CO₂ binden, einer der natürlicheren Wege.

"Was uns der letzte IPCC-Bericht aber besonders klargemacht hat, ist, dass wir bis 2050 verstärkt CO₂ aus der Atmosphäre holen müssen, das sind 50 bis 70 Millionen Tonnen allein für Deutschland – also eine unglaublich riesige Summe", sagt Matthes. "Deswegen muss man zusätzlich zu Schutzgebieten auch über technologische Verfahren nachdenken, die CO₂ künstlich aus der Atmosphäre holen", bekräftigt sie.

Riskante Verfahren, um CO₂ schnellstmöglich zu binden

Zum Beispiel durch große Filter, die direkt an großen Emittern wie Zementwerken das CO₂ an den Schornsteinen abfangen, das dann in verflüssigter Form unter Hochdruck unter den Meeresboden gepresst wird. Eine riskante, umstrittene Methode, an deren Risiken bereits unter der Leitung des GEOMAR-Teams geforscht wurde.

In den letzten Jahrzehnten wurden aufgrund von politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen mehr als 10.000 Bohrungen in den Meeresboden der Nordsee niedergebracht, um Öl und Gas zu fördern. An vielen dieser Bohrlöcher tritt Methangas aus organisch gebildeten Ablagerungen in die Umwelt aus, wie eine aktuelle Studie unter Leitung des GEOMAR offenlegt.

Das CO₂, das in der Nähe solcher Bohrlöcher im Meeresboden gespeichert würde, könnte dann die Speicherformation wieder verlassen, ins Meerwasser entweichen und schließlich in die Atmosphäre zurückkehren. Solange nicht zuerst eine genaue Kenntnis der Geologie des Meeresbodens und der betroffenen natürlichen Meeresströmungen vorliegen, beharren die Wissenschaftler deshalb auf einen zeitlichen Aufschub – ein Moratorium, bevor Tiefsee-Bergbau überhaupt zugelassen werden dürfe.

Wieder erstarkendes Interesse an Tiefsee-Bergbau

Ein Hauptanliegen vieler NGOs auf der Ozeankonferenz war ein umfassendes Verbot von Tiefsee-Bergbau zu erreichen – sogenanntem "Deep Sea Mining", was bei der ersten UN-Ozeankonferenz 2017 von internationalen Großkonzernen abgelehnt wurde. Jetzt, fünf Jahre später, ist mit der aktuell durch den russischen Krieg noch verstärkten Energiekrise und Rohstoffknappheit das Interesse am Tiefsee-Bergbau sogar noch gestiegen.

"Ich stehe Tiefsee-Bergbau auch deshalb sehr kritisch gegenüber, weil wir selbst nach 30 Jahren immer noch die Spuren der Greifer auf dem Meeresgrund sehen, die Unterwasser probeweise metallhaltige Manganknollen und seltene Erden abgebaut haben", erklärt Tiefsee-Forscherin Matthes.

Manganknollen enthalten Metalle wie Mangan und Eisen, aber auch wirtschaftlich wertvolle Elemente wie Kupfer, Nickel und Kobalt. Diese Metalle kommen in der Erdkruste nicht allzu häufig vor und werden vor allem in der Stahlverarbeitung und Elektroindustrie gebraucht.

Manganknolle aus der Tiefsee des Atlantiks.
Manganknolle aus der Tiefsee des Atlantiks.Bild: blickwinkel / R. Koenig

Sie warnt deshalb ausdrücklich vor einem Einstieg in die Deep-Sea-Mining-Industrie, da die Umweltrisiken unklar und vor allem eine weitere extreme Belastung für die Ökosysteme seien: "Was beim Deep Sea Mining passiert, ist, dass ganz viel Sand aufgewirbelt wird, sodass Staubwolken unter Wasser entstehen, was Sandstürmen an Land entspricht und submarine Landschaften zerstört", erklärt sie. Vor allem, wenn im Prozess Sand abgepumpt werde, könne es zu Hangrutschungen kommen, warnt Matthes.

"Natürlich ist auf dem Meeresboden Rohstoffe abzubaggern, ein massiver Eingriff in die gesamte Unterwasserwelt."
Katja Matthes, Direktorin Geomar Helmholtz-Zentrum Kiel

"Das setzt riesige Mengen an Sand und Geröll in Bewegung. Die Veränderungen am Meeresgrund können Hangrutschungen auslösen, die wiederum zu Tsunamis führen können und eine breite Schneise der Verwüstung hinterlassen", reflektiert sie. Das habe man kürzlich auch beim Vulkanausbruch auf La Palma beobachten können. "Natürlich ist auf dem Meeresboden Rohstoffe abzubaggern, ein massiver Eingriff in die gesamte Unterwasserwelt, wenn dadurch dann Seegraswiesen und -pflanzen, Korallenriffe und Fischschwärme erfasst und getötet werden."

Vorerst wird Deep Sea Mining zumindest rechtlich noch nicht zugelassen sein: Das zuständige UN-Gremium, die International Seabed Authority (ISA), arbeitet nun Vorschriften für den Meeresbodenbergbau auf hoher See aus – Gebiete, die keiner nationalen Gerichtsbarkeit unterliegen. Wenn es bis Ende Juni 2023 keine verabschiedeten Regeln gibt, könnte die ISA erste kommerzielle Mining-Projekte auch ohne Regularien zulassen.

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