Nachhaltigkeit
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Die Standort Suche für Tesla ist 2020 nicht leichter geworden. Den Finanzen könnte die Verhinderung durch die Deutschen erheblich schaden

Die watson-Mitarbeiter Maria und Lukas diskutieren über den Tesla-Eklat. Bild: Sean Gallup/Getty Images / watson Montage

Tesla: Die geplante Fabrik sorgt für hitzige Debatten – auch bei uns

Nur wenige Wochen ist es her, dass der E-Auto-Mogul Elon Musk verlauten ließ: Er wolle nach Deutschland expandieren. Ausgerechnet im strukturschwachen Bundesland Brandenburg, in Grünheide, soll das neue Tesla-Werk errichtet werden. Schon im Jahr 2021 sollen die elektronisch betriebenen Autos vom Band rollen.

Für viele Menschen hierzulande bedeutet die Ankündigung ein Heilsversprechen: 6000 neue Arbeitsplätze bei Tesla würden im Umland von Berlin geschaffen werden. Hinzu kommt, dass das in Hinsicht auf E-Mobilität abgehängte Deutschland sein Angebot im Sinne der Nachhaltigkeit ausbauen könnte.

Globalisierungskritiker befürchten allerdings die Expansion des US-amerikanischen Giganten Tesla, der mit so großen Sprüngen vorprescht. Ironischerweise kritisierten das gesamte Unterfangen Musks vor allem Naturschützer: Vertreter der Grünen Liga setzten einen Rodungsstopp für das geplante Werk durch. Die Begründung der Gruppierung: Es liege noch keine finale Baugenehmigung vor. Vor allem deswegen dürfe die Natur- und Artenvielfalt der Region nicht gefährdet werden.

Die Debatte um Tesla läuft auf ihren absurden Höhepunkt zu

Es ist eine Debatte, die sich in den vergangenen Tagen in ihrer vollen Absurdität gezeigt hat: Ein Vorhaben, das zum Umweltschutz beitragen soll, wird mit Argumenten zugunsten des Umweltschutzes gestoppt. Was können wir da noch sagen?

Einiges, meinen die watson-Mitarbeiter Maria und Lukas. Während Maria E-Mobilität allgemein – und somit auch Tesla – kritisch betrachtet und die Forderungen der Umweltschützer nachvollziehen kann, sieht Lukas in der gegenwärtigen Situation eine Scheindebatte, die in der Nörgel-Mentalität der Deutschen wurzelt. Ein Pro- und Kontra-Beitrag.

Lukas: "Die Kritik an Tesla ist so verdammt deutsch!"

Es ist immer das Gleiche mit uns Deutschen. Wir nörgeln rum, die Welt ist schlecht und geht vor die Hunde. Nicht zuletzt wegen des Klimawandels steht bei uns der Pessimismus aktuell ganz weit oben. In den Medien herrscht eine hysterische Debatte über Klimawandel und Rechtsruck. Doch gibt es kaum konkrete Lösungsvorschläge, nur Grabenkämpfe.

Und dann kommt der weltweit führende Pionier in Sachen E-Autos und stellt ein nigelnagelneues Automobilwerk in eine der strukturschwächsten Regionen der Republik und schafft damit 6000 neue Jobs für Menschen, die bis zu 500.000 E-Autos im Jahr produzieren.

"Wir schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe: Arbeitslosigkeit im Osten und Klimawandel"

Im Prinzip ist es das, was öffentlich immer gefordert wird. Die Jacobs Krönung der sozialen ökologischen Marktwirtschaft: Grünes Wachstum im ländlichen Osten. Wir schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe: Arbeitslosigkeit und Klimawandel. Und was machen wir Deutsche? Wir nörgeln. Natürlich.

Man könnte an uns Deutschen verzweifeln.

Der Wald, der abgeholzt wird, hätte stehen bleiben müssen, Tesla blende mit seinem grünen Image, sei ein schlimmer Kapitalistenverein. Die ganze Debatte macht den Eindruck: Es geht hier gar nicht um den Wald und Umweltschutz. Wir wollen einfach keine US-amerikanischen Konzerne und am allerwenigsten bei uns um die Ecke. Die "Not in my Backyard"-Mentalität trifft auf Antiamerikanismus, Globalisierungsangst und Kapitalismuskritik.

Also sucht man nach einem mächtigen Verbündeten im Kampf gegen Tesla – und der heißt in Deutschland, wie allzu oft: Bürokratie. Die letzte Waffe des deutschen Spießbürgers: die Baugenehmigung.

"Die letzte Waffe des deutschen Spießbürgers: die Baugenehmigung"

Es ist leider so typisch deutsch, immer den Fehler zu suchen und Bedenken zu haben. Christian Lindner hat in den vergangenen Wochen wirklich sehr wenig Schlaues gesagt und selten recht gehabt. Aber einmal im Wahlkampf hatte er uns Deutschen den Spiegel vorgehalten, als er mahnte: "Bedenken second." Und ja, er hat einfach recht. Den Zweifel einfach mal Zweifel sein zu lassen, das fällt uns Deutschen schwer.

Vielleicht wäre in der Sache ein gesunder Pragmatismus nötig und die Fähigkeit, die Dinge mal vom Ende her zu denken.

Sind E-Autos die endgültige Antwort auf den Klimawandel? Nein. Ist Elon Musk ein Heiland, der mit seinen Visionen die Welt verändert? Nein, und diese Verehrung von Technologie-Konzernen ist auch mir zuwider. Aber: Tesla hat angefangen, E-Mobilität zu einem Zeitpunkt auf die Agenda zu packen, als in Deutschland noch der Diesel als Zukunftstechnologie gepriesen wurde.

Ohne Tesla wären VW, Daimler und Co. niemals auf die Idee gekommen, eigene E-Autos zu entwickeln. Erst durch die Konkurrenz aus den USA hat die deutsche Automobilbranche den Wettbewerb bekommen, der auch hier für Innovation sorgt. Tesla hat E-Mobilität sexy gemacht. Vielleicht zu sexy für uns Deutsche.

2019 an der Börse viel gerissen. 2020 neues Projekt für E-Auto-Model im Vergleich regt es den Wettbewerb etwa mit Toyota seit Januar an. Neue Fahrzeuge der Zukunft: Elektroautos

Tesla-Gründer Elon Musk. Bild: imago images / ZUMA Press

Maria: "E-Mobilität ist Mist – zumindest zur Zeit"

Natur zu zerstören, um dem Endverbraucher vorzugaukeln, dass in Brandenburg künftig die Welt gerettet werde, funktioniert in Zeiten der Klimakrise nicht mehr. Weder die Regierung noch die Automobilindustrie haben verstanden, dass unendliches Wirtschaftswachstum kein Heilsbringer ist, sondern uns langfristig die Lebensgrundlage entzieht.

Das zumindest signalisiert die Bundesregierung. Schon 2016 wurden milliardenschwere Subventionen für die Automobilindustrie bereitgestellt. Einen Plan dafür, wie die sechs Millionen Elektro-Auto-Batterien, die bis 2030 auf der Straße sein sollen, recycelt werden können, scheint es jedoch immer noch nicht zu geben.

Noch sind die Recycling-Unternehmen nicht ausgelastet, noch gibt es kein Entsorgungsproblem – genau das könnte sich in den nächsten Jahren allerdings ändern. Zu diesem Problem beitragen würde hierzulande auch Tesla, wenn es mit seinem geplanten Werk in Brandenburg den deutschen Markt erobert. Auch gibt es bisher keine Verpflichtung für Elektro-Auto-Hersteller, ihre Produkte recycelbar herzustellen.

"Wir müssen anfangen, in Kreisläufen zu produzieren, in denen jeder Bestandteil mehrfach wiederverwertet werden kann"

Das Ökosystem Erde funktioniert jedoch in Kreislaufsystemen – und genau dem müssen wir unsere Herstellungsprozesse anpassen. Wir müssen auch anfangen, in Kreisläufen zu produzieren, in denen jeder Bestandteil mehrfach wiederverwertet werden kann. Nur, wenn wir das schaffen, können wir von einem aufrichtigen Kampf gegen die Klimakrise sprechen.

Einen konkreten Plan, wie überprüft werden soll, dass der vermeintliche Heilsbringer Elon Musk, aber auch seine Kollegen von VW, BMW und Konsorten, keinen Raubbau in den Rohstoffländern unterstützen, gibt es ebenfalls nicht.

Auch gibt es bisher keine Möglichkeit, allein die aufwendigen Batterien für E-Autos, wie die Tesla-Modelle, umweltschonend herzustellen. Zum Beispiel: Die Dreiländergrenze zwischen Chile, Bolivien und Argentinien wird auch "Lithiumdreieck" genannt. Dort sollen 70 Prozent der weltweiten Lithium-Vorkommen liegen – das Material, das eine Hauptrolle in der Herstellung von E-Auto-Batterien spielt.

"Ein ökologisches Desaster"

Der Abbau von Lithium ist jedoch extrem wasserintensiv und droht binnen weniger Jahre, die Wasserreserven in der Atacama-Wüste in Chile fast komplett aufzubrauchen. Sollte dieses Szenario eintreten, bleibt den Einwohnern der Region nichts Anderes übrig, als ihr Zuhause zu verlassen – denn ohne Wasser gibt es kein Leben, das weiß jedes Kind. An anderen Stellen, etwa in Puna, Argentinien, wird das Wasser mit giftigen Stoffen kontaminiert oder durch Bohrungen im Untergrund mit Salzwasser vermischt, sodass es als Trinkwasser unbrauchbar wird. Ein ökologisches Desaster.

Weiterhin ist der Bau der Batterie an sich energieintensiv und stößt große Mengen CO2 aus – ein Problem, das auch in Deutschland Thema werden könnte. Denn ein Luxus-Elektromobil wie von Tesla muss etwa 50.000 bis 70.000 Kilometer CO2-frei fahren, bis es eine bessere CO2-Bilanz hat, als ein vergleichbarer Diesel. Aktuell kann aber noch nicht einmal garantiert werden, dass ein Elektro-Auto, nachdem es gekauft wurde, mit 100 Prozent erneuerbarem Strom aufgeladen werden kann.

Sollten wir deswegen komplett auf Elektro-Mobilität verzichten? Auf keinen Fall! Jedoch sollte sich der politische Diskurs deutlich mehr auf den Ausbau des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs fokussieren. Es darf nicht darum gehen, mehr Möglichkeiten zu schaffen, Autos zu kaufen – schon gar nicht, wenn sie nicht so umweltfreundlich sind, wie beworben. Der Trend in Deutschland geht mittlerweile zum Drittauto.

"Ich kann dieses Märchen nicht mehr hören"

Aus ökologischer Perspektive ergibt es überhaupt keinen Sinn, den Individualverkehr zu stärken. Vielmehr sollten Sharing-Modelle gefördert – oder Bus- und Bahnverkehr ausgebaut werden. Möglicherweise auch mit der Option, diese kostenlos zu nutzen.

Elektro-Mobilität und auch Figuren wie Elon Musk selbst gehören auf keinen Fall per se verteufelt. Wenn Elektro-Mobilität vorangetrieben wird, muss parallel schnellstmöglich der Ausbau erneuerbarer Energien vorangetrieben werden, damit Produktion und Ladezyklen CO2-frei vonstattengehen können. Die Abbaubedingungen für die Rohstoffe müssen streng kontrolliert werden. Und es muss sichergestellt sein, dass alle Bauteile eines Automobils zu 100 Prozent recycelt werden können.

Erst dann können wir wirklich von einer nachhaltigen Revolution des Individualverkehrs sprechen. Der Bau der Tesla-Fabrik hat nichts mit all diesen Anforderungen zu tun. Bis dato ist es nur die Firma eines reichen Mannes, der mehr Geld, mehr Wachstum verspricht und damit das alte Märchen des Kapitalismus weitererzählt. Ich kann dieses Märchen nicht mehr hören.

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