Die vier Gründer präsentieren stolz ihren nach Nachhaltigkeitskriterien produzierten kühlenden Rucksack.
Die vier Gründer präsentieren stolz ihren nach Nachhaltigkeitskriterien produzierten kühlenden Rucksack.bild: BAGSOLATE
Green Ideas

"Der Prozess ist eine Achterbahnfahrt. Man darf nicht aufgeben": Gründer erzählt, wie er mit Kommilitonen einen nachhaltigen Kühlrucksack entwickelte

22.11.2021, 14:4022.11.2021, 18:44

Kühltasche und Rucksack in einem Produkt – das war die Idee, mit der die drei Kommilitonen Corbinian Kempf, Felix Klaffki, Thomas Habersetzer und Ernst-Robert Weckerling vor drei Jahren ihren gemeinsamen Weg als Gründer starteten. Ein Start-up zu gründen und dabei immer an der eigenen Vision festzuhalten, war keine leichte Aufgabe, wie Gründer Corbinian Kempf im Gespräch mit watson erzählt. Und Nachhaltigkeit dabei zur obersten Priorität zu machen, schon gar nicht.

Kempf erzählt außerdem, wie sie auf die Idee für ihr Unternehmen "Bagsolate" kamen, erklärt die Vorteile von Naturmaterialien wie Kork – und er verrät, was zukünftige Startup-Gründer von seinen Erfahrungen lernen können.

watson: Wie kamt ihr dazu, ein Start-up zu gründen?

Corbinian Kempf: Wir vier Gründer haben zusammen in Regensburg studiert. Im ersten Semester haben wir einen Flyer in die Hand gedrückt bekommen, wo es darum ging, dass man ein Start-up gründen kann mit nur fünf Euro Startkapital. Wir waren sofort euphorisch. Ehrlicherweise habe ich meine Kommilitonen dann einfach mit angemeldet, ohne eine konkrete Idee. Wir wollten einfach etwas starten.

"Die einfachste Lösung dafür wäre natürlich eine Kühltasche, aber im Ernst – wer hat eine Kühltasche?"

Wie ist dann die Idee eines kühlenden Rucksacks entstanden?

Eines Abends saßen wir an der Donau, haben Bier getrunken und uns darüber geärgert, dass das Bier warm war. Die einfachste Lösung dafür wäre natürlich eine Kühltasche, aber im Ernst – wer hat eine Kühltasche? Und wenn man eine hat, benutzt man sie nicht oft, sie ist super unpraktisch, zum Beispiel beim Fahrradfahren. Wir haben gedacht: Es wäre doch viel besser, wenn ein Rucksack, den wir sowieso den ganzen Tag nutzen – in der Uni, beim Sport – die Zusatzfunktion hätte, dass er isoliert ist. Die Produkte, die es in diese Richtung gibt, sind weder stylisch noch nachhaltig. Mit dieser Idee sind wir dann in den Gründer-Wettbewerb eingezogen und haben den zweiten Platz belegt – mit einem Prototyp des Rucksacks, den wir selbst zusammengenäht haben. Innerhalb der letzten drei Jahre haben wir uns dann weiterentwickelt zur Bagsolate GmbH.

"Die Textilbranche ist total verhunzt durch den schnellen Konsum, den die Menschen gewohnt sind."

Wie verlief der Prozess der Unternehmensgründung bei euch? Was waren die Herausforderungen?

Es war ehrlich gesagt ziemlich furchtbar. Wir haben uns zwischenzeitlich geschworen, nie wieder ein Textilprodukt herzustellen. Ein nachhaltiges Textilprodukt herzustellen – das ist eine riesige Herausforderung, und zwar aus verschiedenen Gründen. Erstens ist die Textilbranche total verhunzt durch den schnellen Konsum, den die Menschen gewohnt sind, durch die Fast Fashion. Zweitens ist es für einen jungen Gründer extrem teuer, ein Produkt nachhaltig zu produzieren. Es passiert schnell, dass man Verluste damit macht. Drittens ist der Markt stark von den großen Playern regiert, sodass man bei Lieferanten sehr große Mengen einkaufen muss. Eine geringe Stückzahl von etwas zu bestellen, ist oft gar nicht möglich. Diese Herausforderungen zu meistern und gleichzeitig das Maximum an Nachhaltigkeit zu erreichen, war für uns wirklich schwierig. Es hat ganze zwei Jahre gedauert, bis wir unsere erste Kleinserie von 30 Stück produzieren konnten. Erst dann konnten wir herausfinden, wie unser Produkt überhaupt ankommt.

Der Rucksack ist mit knapp 120 Euro im oberen Preissegment. Woran liegt das?

Ob man den Preis als hoch oder niedrig beurteilt, hängt auch davon ab, wie man das Produkt betrachtet. Für uns ist es ein nachhaltiger Alltagsrucksack mit Isolierfunktion – vergleicht man ihn mit Rücksäcken von größeren Marken, ist der Preis nicht so hoch. Betrachtet man ihn jedoch als Kühltasche, dann ist der Preis natürlich hoch. Aber er ist mehr als das. Die Produktionskosten zusammen mit den hochwertigen Materialien, die wir verwenden, ergeben den Preis.

Ihr habt im Juli 2018 gegründet, ein halbes Jahr später begann die Corona-Krise. Wie hat das eure Arbeit beeinflusst?

Wir hatten in dieser Zeit extreme Lieferschwierigkeiten durch Corona-Ausbrüche in unserer Näherei und bei unseren Lieferanten. Wir beziehen zum Beispiel nachhaltiges Kork aus Portugal, das einzige von uns verwendete Material, das nicht aus Deutschland kommt. Auch dort gab es Corona-Ausbrüche. Der Transport von Portugal nach Deutschland hat sich dadurch stark verzögert und wir waren oft out of stock. Zudem wurden wir im Handel eingeschränkt, denn wir verkaufen ja online über unsere Website, aber eben auch in den Geschäften. Und da wir noch eine relativ unbekannte Marke sind, müssen Kunden unseren Rucksack auch erstmal kennenlernen, in der Hand halten und anfassen können.

"Wie sich das recycelte Meeresplastik und der Kork anfühlt, das müssen Kunden selbst fühlen können."

Warum ist das wichtig?

Wie sich das recycelte Meeresplastik und der Kork anfühlt, das müssen Kunden selbst fühlen können – und das geht natürlich am besten im Laden. Und wenn der Verkäufer dann noch die Geschichte hinter dem Produkt erzählen kann, bekommen Kunden einen besseren Eindruck. Das ist in der Corona-Zeit verloren gegangen. Zudem sind natürlich viel weniger Menschen in den Lockdown-Phasen unterwegs gewesen. Unser Rucksack ist aber genau für diese Momente gedacht: Ausflüge mit der Familie zum Picknick, unterwegs auf dem Weg zur Schule oder Uni. Wir haben die Zeit dann genutzt, um den Rucksack weiterzuentwickeln und versucht, das Beste daraus zu machen.

Womit wird der Inhalt des Rucksacks eigentlich gekühlt? Und wie lange bleibt er kalt?

Eine Isolierfolie ist in den Rucksack eingenäht, die ursprünglich in der Luft- und Raumfahrt verwendet wird – sie ist wirklich hochfunktional und kann den Inhalt bis zu acht Stunden kalt oder warm halten. Das kommt natürlich auch darauf an, ob man zum Beispiel noch ein Kühlpack im Rucksack mitträgt, oder ob ein weiteres aktives Kühlelement im Rucksack ist. Und natürlich bleibt der Inhalt auch nicht so lange warm beziehungsweise kalt, wenn der Rucksack ständig geöffnet wird.

Was macht den Rucksack nachhaltig? Welche Materialien verwendet ihr?

Der Kork ist unser Hauptelement, er kommt aus Portugal von einer Kork-Eiche. Dafür haben wir uns ganz bewusst entschieden, weil dieser Baum dafür nicht gefällt wird. Der Kork muss geerntet werden, andernfalls würde die Kork-Eiche eingehen. Er ist also eine nachwachsende Ressource, die super zu verarbeiten ist und tolle Eigenschaften hat. Zum Beispiel ist der Kork leicht zu reinigen und wasserabweisend. Den Stoff beziehen wir über die Seaqual Initiative.

Was ist die Seaqual Initiative?

Unser Partner fischt regelmäßig Plastik aus dem Meer und verarbeitet es dann zu einem Garn, woraus dann unser Stoff hergestellt wird. Die Isolierfolie kommt von einem deutschen Familienunternehmen, das auf maximale Standards achtet – auch in Bezug auf Nachhaltigkeit. Unser Rucksack soll ein Leben lang halten, das ist unser Qualitätsversprechen. Man kann ihn also nicht vergleichen mit anderen Kühltaschen, die man nur wenige Male benutzt und dann wegwirft.

Warum habt ihr euch für die Verwendung von echtem Leder entschieden?

"Unser Rucksack soll ein Leben lang halten, das ist unser Qualitätsversprechen."

Wir werden oft gefragt, warum es sich dabei nicht um Kunstleder handelt und wir haben tatsächlich zahlreiche Versuche mit Kunstleder durchgeführt, aber es ist einfach viel umweltschädlicher als echtes Leder. Und zwar unter dem Aspekt, dass wir eine nachhaltige Gerbung anwenden. Und auch im Hinblick auf das Tierwohl: Die Gerberei in Baden-Württemberg, mit der wir zusammenarbeiten, verwendet ausschließlich Schlachtabfälle. Es werden also nur Häute verwendet, die sonst weggeworfen werden würden, dadurch entsteht ein nachhaltiges Leder.

Menschen, die vegan leben, würden eure Rucksäcke wahrscheinlich trotzdem nicht kaufen, richtig?

Das stimmt, deswegen haben wir uns dieses Problems in letzter Zeit auch nochmal bewusst angenommen. Wir werden deshalb vermutlich ein Zusatzprodukt entwickeln, das auch den veganen Ansprüchen gerecht wird.

Auf der Website steht, dass es noch keine 100-prozentig nachhaltige Lösung zur Isolierung gibt – woran hakt es derzeit?

Bei unserer Isolierung wird beispielsweise auch Aluminium verwendet und das ist nun mal nicht zu 100 Prozent nachhaltig in der Herstellung. Wir bieten aber an, alle Bagsolates, die kaputtgehen, wieder zurückzunehmen und zu recyceln. Wir haben mit den Herstellern Vereinbarungen getroffen, dass sie zum Beispiel die Isolierung wieder auflösen, um die Stoffe getrennt voneinander zu recyceln.

"Für uns steht fest: Was die Welt braucht, sind nachhaltige Alternativen."

Warum war es für euch wichtig, dass der Bagsolate ein nachhaltiges Produkt wird?

Wir wurden oft gefragt, ob die Welt wirklich einen Kühlrucksack braucht. Für uns steht fest: Was die Welt braucht, sind nachhaltige Alternativen. Eine wirkliche Veränderung kann man dann bewirken, wenn man Produkte herstellt, die für sich stehend schon toll sind – und darüber hinaus noch nachhaltig. Nachhaltigkeit hat für uns oberste Priorität und es war nie eine Option, nicht mit diesem Anspruch zu produzieren. Denn am Ende stehen eben unsere Namen auf der Website, wir wollen nur Produkte verkaufen, hinter denen wir zu 100 Prozent stehen können.

Produziert ihr in Deutschland?

Wir produzieren derzeit an der Deutsch-Polnischen Grenze, aber auf der polnischen Seite. Das liegt daran, dass die Produktionskosten in Deutschland so hoch sind, dass wir unseren Rucksack hier nicht herstellen könnten. Es gäbe den Rucksack dann entweder gar nicht, oder er würde 500 Euro kosten. Damit wir unseren Traum vom Kühlrucksack trotzdem realisieren konnten, haben wir uns für die Produktionsstätte in Polen entschieden, wo wir trotzdem einen kurzen Lieferweg garantieren können, der ohne Luftfracht auskommt.

Was rätst du jungen Menschen, die ein Unternehmen oder Start-up gründen wollen?

Wenn man eine Idee hat, muss man sie auch wirklich umsetzen. Das sagt sich so einfach, aber es durchzuziehen ist extrem schwierig, man braucht eine wahnsinnige Ausdauer. Denn der Prozess der Gründung ist eine Achterbahnfahrt, es geht oft steil bergauf und kurz danach genauso steil bergab. Man darf nicht aufgeben. Außerdem muss man als junger Gründer seine Idee kommunizieren. Oft ist man innerhalb der Gründer-Szene gehemmt, seine Idee mit anderen zu teilen, weil man Angst hat, dass sie geklaut wird. Das ist Bullshit – denn das Feedback von anderen ist das Einzige, was dein Unternehmen wirklich erfolgreich macht. Man muss mit den Menschen sprechen, die am kritischsten sind, nicht mit der eigenen Oma, die sowieso alles toll findet, was man macht.

Obwohl ihr ja zurecht stolz auf eure Leistung sein könnt.

Das ist auch mein letzter Tipp: Selbstbewusstsein haben! Wir haben sehr oft unsere Idee kleingeredet und wurden jetzt zum Beispiel für das Jahr 2021 von der ISPO – der weltgrößten Sportartikel-Messe – zu den Top 30 Newcomern ernannt, obwohl wir gar keinen Sportartikel vertreiben. Das war mega! Früher hätten wir uns nie bei so einem Wettbewerb beworben, weil wir nicht an uns geglaubt haben. Deswegen mein Ratschlag an zukünftige Gründer: Zwar nicht abgehoben sein, aber mit breiter Brust voranzuschreiten und sich nicht für sich und seine Idee verstecken.

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