Female legs in white sneakers lie on the grass in a park.

Können Sneaker wiederverwertet und damit wirklich "nachhaltig" sein? (Symbolbild) Bild: iStockphoto / Mari

Green Lab

Experten bewerten: So nachhaltig sind die veganen Sneaker von Adidas wirklich

saskia balser, rebecca sawicki

Mit Sportschuhen ist es so eine Sache. Manche haben Tausende davon, pflegen und schützen ihre Lieblinge und andere tragen ein Paar über zwanzig Jahre, bis sie langsam aber sicher auseinanderfallen. Egal ob Sneakerhead oder nicht: An der Marke Adidas kommt niemand vorbei. Das Unternehmen ist – direkt hinter Nike – der zweitgrößte Sportartikelhersteller der Welt und produziert im Jahr knapp 400 Millionen Paar Schuhe.

Dass solche Massenanfertigungen das Klima belasten, ist offensichtlich. Zudem gelten Sneaker aufgrund ihrer Materialien (Plastik, Polyester, Gummi, Leder) als schwer zu recyceln. Doch wie zahlreiche Unternehmen innerhalb sowie außerhalb der Schuh-Branche rühmt sich auch Adidas mit dem Label der Nachhaltigkeit. Zu Recht?

Einige Veränderungen hat der Konzern innerhalb der letzten Jahre durchaus vorgenommen: Die Büros und Geschäfte sind plastikfrei geworden, es wird nur noch nachhaltige Baumwolle für die Anfertigung der Produkte verwendet und durch die neue Färbetechnologie Dry Dye wurden über 100 Millionen Liter Wasser eingespart. Doch wie nachhaltig sind die Adidas-Produkte wirklich? Und was sind überhaupt die Kriterien, die bei einem Sportschuh etwas über dessen Nachhaltigkeit aussagen?

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Durch das Dry Dye Verfahren wird Wasser gespart. adidas.com

2018 stellte Adidas in Kooperation mit Parley for the Oceans erstmals Schuhe her, die recyceltes Ozeanplastik enthalten. 2020 wurden über 15 Millionen Paar Schuhe hergestellt, die aus dem Meer geholte PET-Flaschen und Fischernetze enthalten, welche 90 Prozent des Schuh-Obermaterials ausmachen. Ein guter Ansatz, allerdings eher ein Tropfen auf dem heißen Stein, wenn man bedenkt, dass die Sohle eines Sneakers in der Regel rund 90 Prozent seines Gewichts ausmacht und der Recycling-Anteil somit entsprechend gering ausfällt.

Neben diesen Spezialkreationen hat Adidas zudem seinen beliebtesten Modellen einen grünen Anstrich verpasst. Kult-Sneaker wie der Stan Smith, der Superstar und der Continental 80 wurden innerhalb der Produktreihe "Clean Classics" ummodelliert. Sie alle erfüllen den von Adidas festgelegten Primegreen-Standard: Das Obermaterial der Schuhe wird zu 70 Prozent aus wiederverwerteten Materialien hergestellt und die Sohle besteht aus erneuerbarem und wiedergewonnenem Gummi.

Das sagen Experten zum Recycling-Potential der Schuhe

Watson hat mit Experten und Textilverbänden über die tatsächliche Ökobilanz dieser Sneaker – insbesondere des "Continental 80 vegan" – gesprochen und nachgefragt, welche Rolle die Wiederverwertbarkeit des Schuhs für seine Nachhaltigkeit spielt.

Dass Adidas versucht, auf recycelte Materialien zu setzen, ist mehr als notwendig. Die Textilindustrie verursacht jährlich immerhin 1,2 Milliarden Tonnen CO2, das macht etwa fünf Prozent der globalen Emissionen aus. In der Branche muss ein Umdenken stattfinden – denn besonders das Recycling gestaltet sich derzeit noch äußerst schwierig, wie Jörg Lacher vom bvse-Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung e.V. betont. "Schuhe werden, nachdem der Erstbenutzer sie nicht mehr benötigt, entweder von einer anderen Person weiterverwendet oder sie werden verbrannt", erklärt er.

Doch warum werden die Schuhe nicht in ihre Einzelteile zerlegt und wieder neu zusammengesetzt? Eine solche Kreislaufwirtschaft wäre jedenfalls das Nachhaltigste, was den Sneakern passieren könnte. Lacher sagt, ihm sei keine funktionierende und wirtschaftlich arbeitende Recyclinganlage für Schuhe in Deutschland bekannt. "Die wenigsten Schuhe werden recycelt, mit Ausnahme von Pilot- oder Prestigeprojekten mit kleinem Mengenvolumen", erklärt er. Die Zerkleinerung der Schuhe, Trennung und Aufbereitung der Materialien sei schlicht zu kostenintensiv, merkt er an.

"In sogenannte Leuchtturmprojekte wird oft viel Geld und Zeit investiert", erklärt Klaus Kuhlenbeck. Er ist Verfahrenstechniker und seit 20 Jahren in der Entsorgungs- und Recyclingwirtschaft tätig. Sein Schwerpunktgebiet: Kunststoffverpackungen.

Die Nachhaltigkeit des Produktes stark hervorzuheben, könne eine Form des Greenwashings sein, weil die restliche Produktpalette meist trotzdem aus Waren besteht, die eben nicht nachhaltig produziert wurden. Trotzdem: "Das sind gute Ansätze und der Wandel braucht Zeit."

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Green Washing oder Green Life? Jeden Monat prüfen wir mit Experten und Laboren die Nachhaltigkeitsbemühungen großer Firmen: Willkommen im Green Lab von watson. bild: gettyimages

Bis vor fünf Jahren habe nur eine kleine Minderheit darauf geachtet, ob und wie Produkte am Ende entsorgt oder recycelt werden. Mittlerweile sei das Thema zwar weiter in die Mitte der Gesellschaft gerückt, aber es brauche Zeit, bis daraus wirklich ein spürbarer Effekt resultiere. Was aber auch jetzt schon aktuell sei: "Hochwertiges Recyclingmaterial kann teurer als Neuware sein."

"Je einfacher ein Produkt gestaltet ist, desto besser kann ich etwas Neues daraus machen."

Klaus Kuhlenbeck, Recyclingexperte

Um Materialien wiederverwenden zu können, müssten die einzelnen Bestandteile voneinander separierbar sein. Ob bei Verpackungen oder bei Textilien, prinzipiell gelte: "Je einfacher ein Produkt gestaltet ist, desto besser kann ich etwas Neues daraus machen." So müsse das Unternehmen zum Beispiel den Einsatz unterschiedlicher Materialien und Farben reduzieren. "Daraus ergibt sich ein komplett neues Produkt, das entwickelt werden muss – und das ist teuer", sagt Kuhlenbeck.

Der Experte geht davon aus, dass gerade Waren, die von den Unternehmen selbst zurückgenommen werden, recycelbar sind. "Die Unternehmen kennen die genauen Bestandteile dieser Produkte", sagt er. Die Frage sei aber auch immer: Wie kann der Kunde davon überzeugt werden, das Produkt zurückzubringen.

Es müsse immer überlegt werden, was mit dem Produkt passieren soll, wenn es nicht mehr gebraucht wird. Werden Produkte nicht recycelt, werden sie am Ende ihres Lebens verbrannt. Schlechter und weniger nachhaltig könne ein Produkt nur entsorgt werden, wenn es irgendwo in der Landschaft lande.

"Möchte ich ein wirklich nachhaltiges Produkt in den Markt integrieren, muss ich es so gestalten, dass es wiederverwendbar ist", sagt Kuhlenbeck. Ein gutes Beispiel seien Mehrwegs-Glasflaschen. "Die können immer wieder genutzt werden und wenn sie kaputtgehen, kann das Glas eingeschmolzen und wiederverwendet werden", erklärt er.

Adidas will Kreislaufwirtschaft ankurbeln

Auf Nachfrage von watson erklärt Stefan Pursche von Adidas, dass das Unternehmen in der gesamten Produktpalette derzeit bereits 60 Prozent recyceltes Polyester einsetzt und plant, ab 2024 nur komplett recyceltes Polyester zu verarbeiten. Dass der Einsatz solcher Materialien alleine noch nicht zu mehr Nachhaltigkeit führt, ist jedoch klar. Schließlich müssen auch die Produkte selbst recycelbar sein. Daran arbeitet Adidas derzeit: "Wir nennen das 'Made to Be Remade'. Ein Beispiel dafür ist der Ultraboost Made to Be Remade, der seit April in unserem Online-Store erhältlich ist."

Was ist das Besondere an diesem Modell? "Die Schuhe bestehen aus einem einzigen Material und sind klebstofffrei verschweißt. Daher können sie am Ende ihrer Nutzungszeit komplett gereinigt, geschreddert und wieder in neuen Produkten verarbeitet werden. Die Rückgabe ist einfach durch Scannen des prominent auf dem Schuh platzierten QR-Codes mit der Adidas App möglich", erläutert Pursche. Ob Kunden ihre getragenen Schuhe wirklich wieder zum Geschäft zurückbringen und den Sneakern so zu einem zweiten Leben verhelfen, ist natürlich eine andere Frage.

Fazit

Der Adidas Sneaker "Continental 80 vegan" besteht anders als seine Continental-Kollegen nicht aus Leder. Dadurch ist zumindest klargestellt, dass die Tierrechte bei der Produktion gewahrt werden. Dass der Schuh dadurch automatisch nachhaltig ist, ist aber nicht gesagt.

Zwar ist Nachhaltigkeit kein geschützter Begriff, aber zu einem Produkt, dass als nachhaltig gilt, sollte auch die Frage der späteren Wiederverwendung gehören. Denn wirklich nachhaltig sind Produkte dann, wenn sie immer wieder verwendet oder recycelt werden können.

Letzteres ist gar nicht so einfach, weil die einzelnen Bestandteile des Produktes voneinander separiert werden müssen – auch die Klebestoffe. Wenn Unternehmen ihre Produkte zurücknehmen ist das ein Anfang, zumindest dann, wenn sie die Produkte tatsächlich wiederverwerten.

Denn die Unternehmen wissen selbst am besten, welche Materialien sie verwendet haben und können ihre Produkte so am besten selbst recyceln. Dieser Ansatz funktioniert aber auch nur dann, wenn die Kunden sich darauf einlassen, ihre abgetragenen und ausrangierten Schuhe zurück in den Laden zu bringen.

In Großbritannien bietet Adidas mit "Infinite Play" bereits die Möglichkeit, die drei Streifen wieder abzugeben, sollte man sie selbst nicht mehr tragen wollen. Das Unternehmen wolle die Produkte entweder reparieren und weiterverkaufen oder recyceln, berichtet das Medium "Textilwirtschaft". Die Waren werden entweder bei den Kunden abgeholt, oder können eingeschickt werden.

Die Möglichkeit ist bei dem neuen Modell: "Made To Be Remade" gegeben. Gerade auch, weil davon ausgegangen werden kann, dass Menschen, die sich einen Schuh kaufen, der explizit dafür gemacht wurde, diesen auch zurückbringen, um den Kreislauf zu erhalten. Ob aber die "Continental 80 vegan"-Träger ebenfalls darauf bedacht sind, einen Kreislauf zu erzeugen, ist wahrscheinlich aber eben nicht Grundkonzept des Schuhs.

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