Luchsmutter mit Baby im Nationalpark Bayerischer Wald / Deutschland

Luchse im Bayrischen Wald. Bild: iStockphoto / Michael Roeder

Gute Nachricht

Deutschlands ältester Nationalpark feiert 50. Geburtstag

Zweige knacken unter den F√ľ√üen, es raschelt im Ge√§st und duftet wunderbar modrig: So kann sich ein Herbstspaziergang in einem ganz besonderen Teil des Bayerischen Walds anf√ľhlen. Hier, im √§ltesten Nationalpark Deutschlands, gilt das Motto "Natur Natur sein lassen." Die Philosophie hatte zun√§chst zahlreiche Gegner: Einheimische, F√∂rster und J√§ger protestierten Jahrzehnte gegen die naturbezogene Vorgehensweise. Viele von ihnen sind mittlerweile Fans und blicken zur√ľck auf 50 Jahre Nationalpark-Geschichte mit H√∂hen und Tiefen.

Als am 7. Oktober 1970 ein Teilgebiet des Bayerischen Walds nahe der Grenze zur damaligen Tschechoslowakei zum Nationalpark erkl√§rt wurde, war die Aufregung gro√ü. Das von vielen geliebte Waldgebiet konnte nicht mehr wie gewohnt genutzt werden ‚Äď J√§ger und Betreiber von S√§gewerken fiel es zun√§chst besonders schwer, sich mit dem Gedanken eines gesch√ľtzten Nationalparks anzufreunden.

√úber 72 Prozent des gesch√ľtzten Waldgebietes sind Naturzonen, hier erfolgt also kein menschlicher Eingriff. Den Wald sich selbst zu √ľberlassen, das war die Idee hinter dem Nationalpark. Die Natur soll ihren eigenen Gesetzen √ľberlassen bleiben, es sollen R√ľckzugsgebiete f√ľr wildlebende Tiere und Pflanzen geschaffen und Vielfalt und Artenreichtum gesch√ľtzt werden. Den Leitsatz des Nationalparks zu begreifen und zu akzeptieren, sei f√ľr einige Menschen nach wie vor nicht leicht, sagt Parkleiter Franz Leibl der Augsburger Allgemeinen. Der Bezug zur Wildnis und das Wissen, was Natur √ľberhaupt ist, sei in den vergangenen Jahrhunderten zunehmend verloren gegangen.

Herbe R√ľckschl√§ge

Seit 50 Jahren k√∂nnen sich Luchse, Fischotter, Auerh√ľhner, Habichtskauze, Biber und sogar einige W√∂lfe im Nationalpark Bayerischer Wald wohlf√ľhlen. Die beheimateten Baumarten reichen von Buche, Wei√ü-Tanne, Fichte und Ahorn √ľber Weide bis Eberesche. Eine einzigartige Vielfalt, die ganz ohne menschliches Eingreifen existieren soll, so der Leitgedanke.

Dass damit auch einige Probleme einhergehen, mussten die Parkleiter und -ranger zum erstmals 1983 schmerzlich feststellen, als gewaltige Gewitterst√ľrme fast 30.000 Festmeter B√§ume zu Boden rissen. Der Schaden war gro√ü, doch ein Eingreifen sollte verhindert werden. Die von den St√ľrmen zerst√∂rten B√§ume blieben daher auf dem Boden liegen. Ein idealer N√§hrboden f√ľr den Borkenk√§fer, der Mitte der 90er Jahre innerhalb k√ľrzester Zeit tausende Hektar Wald befiel. Die infizierten Gebiete wurden erst rot, dann braun und starben schlie√ülich ab. "Es war ein einschneidendes Ereignis f√ľr den Wald", sagt Parkleiter Leibl.

Auch f√ľr viele Gegner des Nationalparks stellte der Borkenk√§fer-Befall einen Knackpunkt dar, weil sie sich in ihrer Kritik best√§tigt f√ľhlten. Sie bef√ľrchteten einen irreparablen Schaden der W√§lder und hielten ein k√ľnstliches Eingreifen f√ľr die einzige M√∂glichkeit, den Wald zu retten. Es schlossen sich B√ľndnisse wie die "B√ľrgerbewegung zum Schutz des Bayerischen Waldes", die forderte, Einfluss auf den Nationalpark nehmen zu d√ľrfen.

Obersee lake in the Autumn season of Berchtesgaden National Park, German state of Bavaria, near the Austrian border.

Gr√ľnes Idyll: der Nationalpark Bayerischer Wald. Bild: iStockphoto / Thananat

Am 1. August 1997 beschloss die Bayerische Staatsregierung dann eine Erweiterung des Nationalparks um die doppelte Fl√§che, auf heute mehr als 24.000 Hektar. Doch in diesem neuen Nationalparkgebiet sollte der Borkenk√§fer bis 2027 bek√§mpft und befallene B√§ume gef√§llt werden ‚Äď ein Kompromiss, um den Kritikern entgegenzukommen. Ganz erholt hat sich der Wald von der Borkenk√§fer-Plage bisher allerdings nicht.

Klimawandel ist die größte Herausforderung

Neben Kritikern hat der Nationalpark auch eine Menge Fans: J√§hrlich kommen etwa 1,3 Millionen Besucher, um die Berggipfel, Waldgebiete, Hochmoore und den Baumwipfel-Pfad zu erleben und ein paar Stunden wilde Natur zu genie√üen. W√§hrend des Lockdowns im Fr√ľhjahr war der Besucherandrang besonders gro√ü.

Der Park verfolgt neben Naturschutz und Erholung auch noch ein anderes Ziel: Er soll einen Lernort darstellen. Parkleiter Leibl sagt: "Nur hier, weil hier der Mensch nicht eingreift, k√∂nnen wir sehen, wie sich heimische W√§lder auf die Erderw√§rmung vorbereiten." Der Klimawandel sei die gr√∂√üte Herausforderung, die der Bayerische Wald in der Zukunft zu bew√§ltigen hat. "Das ist nat√ľrlich ein Ergebnis mit offenem Ausgang und nicht vorhersehbar. Deshalb werden wir auch im Kampf gegen den Klimawandel im Nationalpark nicht eingreifen, sondern die Natur Natur sein lassen."

Zum 50. Geburtstag des Parks hat das Kabinett eine Erweiterung beschlossen: Der Nationalpark Bayerischer Wald wird um 630 Hektar erweitert und damit zu Deutschlands gr√∂√ütem Wald-Nationalpark. Neben dem Nationalpark Bayerischer Wald gibt es noch einen zweiten im Freistaat: den im Berchtesgadener Land, in den Alpen an der Grenze zu √Ėsterreich. Die Forderungen nach einem dritten Nationalpark sind seit Jahren schon laut: Besonders die bayerischen Gr√ľnen setzen sich daf√ľr ein, dass beispielsweise im fr√§nkischen Steigerwald ein drittes St√ľck wilde Natur entsteht.

Die Suche nach einem passenden Gebiet lief bereits, wurde aber 2018 von der bayerischen Landesregierung unter Ministerpr√§sident S√∂der wieder abgebrochen. Grund daf√ľr sollen erhebliche Widerst√§nde bei den jeweiligen Anwohnern gewesen sein.

(sb)

0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin pers√∂nlich moderieren m√∂chten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank f√ľr dein Verst√§ndnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Erschreckende Netflix-Doku zeigt: Um das Klima zu retten, muss die Fischerei gestoppt werden

Was urspr√ľnglich als eine Hommage an die gro√üen blauen Weltmeere gedacht war, wurde zu einer spektakul√§ren Enth√ľllungsgeschichte: Der Filmemacher Ali Tabrizi ist f√ľr seine Dokumentation "Seaspiracy" durch die halbe Welt gereist, hat mit Verantwortlichen gesprochen und sich nicht selten selbst in Gefahr begeben, um vertuschte Wahrheiten √ľber die Zerst√∂rung der Ozeane aufzudecken. In "Seaspiracy" wird die Fischindustrie und ihre gewaltige Wirkung auf die Meere und das Klima beleuchtet.

Wer den …

Artikel lesen
Link zum Artikel