Luchsmutter mit Baby im Nationalpark Bayerischer Wald / Deutschland
Luchse im Bayrischen Wald.Bild: iStockphoto / Michael Roeder
Klima & Umwelt

Deutschlands ältester Nationalpark feiert 50. Geburtstag

12.10.2020, 15:3012.10.2020, 17:00

Zweige knacken unter den Füßen, es raschelt im Geäst und duftet wunderbar modrig: So kann sich ein Herbstspaziergang in einem ganz besonderen Teil des Bayerischen Walds anfühlen. Hier, im ältesten Nationalpark Deutschlands, gilt das Motto "Natur Natur sein lassen." Die Philosophie hatte zunächst zahlreiche Gegner: Einheimische, Förster und Jäger protestierten Jahrzehnte gegen die naturbezogene Vorgehensweise. Viele von ihnen sind mittlerweile Fans und blicken zurück auf 50 Jahre Nationalpark-Geschichte mit Höhen und Tiefen.

Als am 7. Oktober 1970 ein Teilgebiet des Bayerischen Walds nahe der Grenze zur damaligen Tschechoslowakei zum Nationalpark erklärt wurde, war die Aufregung groß. Das von vielen geliebte Waldgebiet konnte nicht mehr wie gewohnt genutzt werden – Jäger und Betreiber von Sägewerken fiel es zunächst besonders schwer, sich mit dem Gedanken eines geschützten Nationalparks anzufreunden.

Über 72 Prozent des geschützten Waldgebietes sind Naturzonen, hier erfolgt also kein menschlicher Eingriff. Den Wald sich selbst zu überlassen, das war die Idee hinter dem Nationalpark. Die Natur soll ihren eigenen Gesetzen überlassen bleiben, es sollen Rückzugsgebiete für wildlebende Tiere und Pflanzen geschaffen und Vielfalt und Artenreichtum geschützt werden. Den Leitsatz des Nationalparks zu begreifen und zu akzeptieren, sei für einige Menschen nach wie vor nicht leicht, sagt Parkleiter Franz Leibl der Augsburger Allgemeinen. Der Bezug zur Wildnis und das Wissen, was Natur überhaupt ist, sei in den vergangenen Jahrhunderten zunehmend verloren gegangen.

Herbe Rückschläge

Seit 50 Jahren können sich Luchse, Fischotter, Auerhühner, Habichtskauze, Biber und sogar einige Wölfe im Nationalpark Bayerischer Wald wohlfühlen. Die beheimateten Baumarten reichen von Buche, Weiß-Tanne, Fichte und Ahorn über Weide bis Eberesche. Eine einzigartige Vielfalt, die ganz ohne menschliches Eingreifen existieren soll, so der Leitgedanke.

Dass damit auch einige Probleme einhergehen, mussten die Parkleiter und -ranger zum erstmals 1983 schmerzlich feststellen, als gewaltige Gewitterstürme fast 30.000 Festmeter Bäume zu Boden rissen. Der Schaden war groß, doch ein Eingreifen sollte verhindert werden. Die von den Stürmen zerstörten Bäume blieben daher auf dem Boden liegen. Ein idealer Nährboden für den Borkenkäfer, der Mitte der 90er Jahre innerhalb kürzester Zeit tausende Hektar Wald befiel. Die infizierten Gebiete wurden erst rot, dann braun und starben schließlich ab. "Es war ein einschneidendes Ereignis für den Wald", sagt Parkleiter Leibl.

Auch für viele Gegner des Nationalparks stellte der Borkenkäfer-Befall einen Knackpunkt dar, weil sie sich in ihrer Kritik bestätigt fühlten. Sie befürchteten einen irreparablen Schaden der Wälder und hielten ein künstliches Eingreifen für die einzige Möglichkeit, den Wald zu retten. Es schlossen sich Bündnisse wie die "Bürgerbewegung zum Schutz des Bayerischen Waldes", die forderte, Einfluss auf den Nationalpark nehmen zu dürfen.

Obersee lake in the Autumn season of Berchtesgaden National Park, German state of Bavaria, near the Austrian border.
Grünes Idyll: der Nationalpark Bayerischer Wald.Bild: iStockphoto / Thananat

Am 1. August 1997 beschloss die Bayerische Staatsregierung dann eine Erweiterung des Nationalparks um die doppelte Fläche, auf heute mehr als 24.000 Hektar. Doch in diesem neuen Nationalparkgebiet sollte der Borkenkäfer bis 2027 bekämpft und befallene Bäume gefällt werden – ein Kompromiss, um den Kritikern entgegenzukommen. Ganz erholt hat sich der Wald von der Borkenkäfer-Plage bisher allerdings nicht.

Klimawandel ist die größte Herausforderung

Neben Kritikern hat der Nationalpark auch eine Menge Fans: Jährlich kommen etwa 1,3 Millionen Besucher, um die Berggipfel, Waldgebiete, Hochmoore und den Baumwipfel-Pfad zu erleben und ein paar Stunden wilde Natur zu genießen. Während des Lockdowns im Frühjahr war der Besucherandrang besonders groß.

Der Park verfolgt neben Naturschutz und Erholung auch noch ein anderes Ziel: Er soll einen Lernort darstellen. Parkleiter Leibl sagt: "Nur hier, weil hier der Mensch nicht eingreift, können wir sehen, wie sich heimische Wälder auf die Erderwärmung vorbereiten." Der Klimawandel sei die größte Herausforderung, die der Bayerische Wald in der Zukunft zu bewältigen hat. "Das ist natürlich ein Ergebnis mit offenem Ausgang und nicht vorhersehbar. Deshalb werden wir auch im Kampf gegen den Klimawandel im Nationalpark nicht eingreifen, sondern die Natur Natur sein lassen."

Zum 50. Geburtstag des Parks hat das Kabinett eine Erweiterung beschlossen: Der Nationalpark Bayerischer Wald wird um 630 Hektar erweitert und damit zu Deutschlands größtem Wald-Nationalpark. Neben dem Nationalpark Bayerischer Wald gibt es noch einen zweiten im Freistaat: den im Berchtesgadener Land, in den Alpen an der Grenze zu Österreich. Die Forderungen nach einem dritten Nationalpark sind seit Jahren schon laut: Besonders die bayerischen Grünen setzen sich dafür ein, dass beispielsweise im fränkischen Steigerwald ein drittes Stück wilde Natur entsteht.

Die Suche nach einem passenden Gebiet lief bereits, wurde aber 2018 von der bayerischen Landesregierung unter Ministerpräsident Söder wieder abgebrochen. Grund dafür sollen erhebliche Widerstände bei den jeweiligen Anwohnern gewesen sein.

(sb)

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