Nachhaltigkeit
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Eine Computersimulation zeigt, wie die Gondeln künftig durch die Städte schweben könnten. bild: ottobahn

Gute Nachricht

Solarbetriebene Gondeln statt Autos: Startup aus München will Verkehr revolutionieren

Es klingt ein bisschen wie eine Szene aus einem in ferner Zukunft spielenden Blockbuster, in dem Menschen ihre Haustüre mit unter der Haut implementierten Chips öffnen und Drohnen den Kühlschrank automatisch auffüllen, sobald die Milch alle ist: Autonom fahrende, elektrisch betriebene Gondeln, die quer durch die Stadt schweben, jeden individuell zu seinem Ziel bringen und dabei gekonnt über dem Stau hinwegsausen – oder dafür sorgen, dass dieser gar nicht erst entsteht. Schließlich hängen die Gondeln an Schienen in fünf bis zehn Meter Höhe über den eigentlichen Straßen.

Was nach Utopie klingt, ist zumindest in einem Münchner Bürogebäude schon Realität. Hier hat das Startup Ottobahn bereits einen Prototyp seiner Bahn in Betrieb genommen – mit der es nicht weniger als den Verkehr revolutionieren möchte. "Unsere Bahn hat das Potenzial, Autos zu ersetzen", sagt Marc Schindler, der Geschäftsführer von Ottobahn, zu watson.

Die Vision: Wer künftig zur Arbeit, ins Fitnessstudio oder zum Abendessen mit Freunden möchte, steigt nicht mehr ins Auto, die U-Bahn oder aufs Fahrrad. Er ruft sich stattdessen über sein Smartphone eine Gondel, die ihn an Ort und Stelle abholt – und direkt ans Ziel bringt. "Das Charmante an der Idee ist, dass man überall aussteigen kann", erklärt Schindler. "Man drückt einfach auf die Fernbedienung, und die Gondel lässt einen zu Boden." Umsteigen oder einen Parkplatz suchen würde dann der Vergangenheit angehören. Auch Waren könnten über die Kabinen, in denen ein bis vier Leute Platz haben, verschickt werden.

Seilbahnen gibt es schon, in der bolivianischen Hauptstadt La Paz etwa befördern hunderte Gondeln täglich rund 300.000 Passagiere. Und von Skigebieten sind die Gondeln sowieso nicht mehr wegzudenken. Doch die elektrisch betriebene Ottobahn bedient sich künstlicher Intelligenz und einer ganz anderen Technik. "Es wird keinen Stau geben, weil die Gondeln intelligent gesteuert werden", prophezeit Schindler. "Wir kennen die exakten Nutzerprofile, wissen, wann du morgens aus dem Haus gehst und wann du abends wieder nach Hause kommst." Auf vielbefahrenen Strecken sollen mehrere Spuren nebeneinander fahren können, Algorithmen den Verkehrsfluss steuern. Weil die Gondeln überall abgesenkt werden können, braucht es im Gegensatz zu herkömmlichen Seilbahnen auch keine Haltestellen.

Neue Infrastruktur nötig

So soll nicht nur Zeit gespart, sondern auch die Umwelt geschont werden. "Unsere Bahn ist vollkommen emissionslos", sagt der Gründer. Der entstehende Energieverbrauch – Schindler spricht von einem Zehntel des Verbrauchs eines Elektroautos – könne über Solarpanels auf dem Dach der Gondeln gedeckt werden, Batterien sollen in den Masten verbaut werden. "Das ist so effizient, weil wir uns an der bekannten Rad-Schiene-Technologie mit geringer Reibung bedienen."

Was allerdings viel Energie – und Geld – kosten dürfte, ist der Aufbau der Infrastruktur. Schließlich hängen die Gondeln an Schienen, die wiederum von Masten gehalten werden – Masten und Schienen, die es bislang nicht gibt. Wo auch immer die Gondeln fahren sollen, müssten diese zuerst gebaut werden. Das Testen einer neuen Technologie auf vorhandener Infrastruktur, wie etwa von E-Scootern auf bereits bestehenden Fahrradwegen, wäre nicht möglich.

Ottobahn sieht sich hauptsächlich als Softwareentwickler der Gondeln und möchte die Hardware über Partner, die bereits ähnliche Produkte vertreiben, bereitstellen. Die Resonanz sei riesig, berichtet Schindler: "Etwa 30 Firmen, beispielsweise aus dem Stahlbau, haben sich in den vergangenen Wochen bei uns gemeldet und möchten sich beteiligen."

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Auf dem Greentech Festival in Berlin konnte in den Gondeln schon einmal Probegesessen werden. bild: watson

Dass Autos nicht das Verkehrsmittel der Zukunft sein können, ist inzwischen klar, das Interesse an Alternativen dementsprechend groß. Aber würde in einem Land, das so stark von der Automobilindustrie profitiert wie Deutschland, tatsächlich so viel Geld in den Aufbau einer gänzlich neuen Verkehrsinfrastruktur gesteckt werden? Verkehrsexperten halten es bislang für unwahrscheinlich, dass sich eine solche Bahn mittelfristig bei uns durchsetzt.

Mehr Platz für Grünflächen

Schindler von Ottobahn hält dagegen. Der Wirtschaftsingenieur, der selbst aus der Automobilbranche kommt, sagt: Der Bau der Masten und Schienen ist vergleichsweise günstig. Der Bau von einem Kilometer U-Bahn koste etwa 50 Millionen Euro, rechnet er vor, bei den Gondel-Schienen käme man nur auf 5 Millionen Euro pro Kilometer. Zudem könnten die Masten gebaut werden, ohne dass der Verkehr angehalten werde – sie nehmen schließlich keinen zusätzlichen Platz weg, sondern schaffen vielmehr neuen. Trotzdem sagt er: "Ich befürchte, dass die erste echte Strecke nicht in Deutschland entstehen wird." Man sei in Kontakt mit etwa 20 Städten, für die bereits Software-Simulationen erstellt würden, neben vielen deutschen Städten auch solche an der US-Ostküste und in Südostasien. Als Erstes ins Rollen kommen würden aber wahrscheinlich privatfinanzierte Bauträgerprojekte großer Unternehmen.

Irgendwann aber, hofft er, könnte die Bahn Autos komplett ersetzen. Straßen könnten dann in Fahrradwege oder Grünflächen umgewandelt werden – eine Entwicklung, die immer mehr Städte vorantreiben. In der Coronakrise entstandene Pop-up-Fahrradwege sollen dauerhaft bleiben, in Berlin möchte eine Initiative sogar die gesamte Innenstadt zur autofreien Zone machen.

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In den Münchner Büroräumen fährt die Ottobahn schon heute. bild: ottobahn

Die Gründer von Ottobahn können sich vorstellen, selbst die Schienen ihrer Bahn zu begrünen und zu einer Freizeitfläche umzugestalten; der High Line Park in New York, wo Fußgänger schon heute über eine nicht mehr genutzte Güterzugtrasse flanieren können, hat es vorgemacht. Schindler sagt: "Wir haben das Ziel, Grün in die Städte zu bringen." Die Gondeln sollen aber nicht nur innerhalb von Metropolen genutzt werden können, sondern auch auf Langstrecken. Bei 250 Stundenkilometern könne eine Reise zwischen München und Berlin in 2,5 Stunden möglich sein.

Wann aus dieser Theorie Realität wird, steht noch in den Sternen. Doch zumindest testweise werden die ersten Gondeln schon in naher Zukunft schweben: Zum Jahresende plant Ottobahn einen Spatenstich für eine einen Kilometer lange Teststrecke auf dem Gelände eines Unternehmens im Süden von München. Eine Firma, die auf den Bau von Masten spezialisiert ist, soll die Trägergrundstruktur entwickeln, ein Achterbahn-Hersteller das Gleisbett, die Türen eine darauf spezialisierte Firma. Der Testbetrieb soll zeigen, wo etwaige technische Probleme liegen und wie diese gelöst werden können.

In den kommenden Jahren werden wir also wohl erstmal weiter mit Auto, S-Bahn oder Bus ins Büro oder Kino fahren. Aber wer weiß – vielleicht schaffen es intelligent gesteuerte, selbstfahrende Gondeln in ein paar Jahren nicht mehr nur auf die Kinoleinwand, sondern auch vor unsere Haustür.

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