Angefeuert durch die Energiekrise befürwortet eine Mehrheit der Deutschen eine Laufzeitverlängerung der letzten Kernkraftwerke. (Symbolbild: Atomkraftwerk Isar 2)
Angefeuert durch die Energiekrise befürwortet eine Mehrheit der Deutschen eine Laufzeitverlängerung der letzten Kernkraftwerke. (Symbolbild: Atomkraftwerk Isar 2) Bild: dpa / Armin Weigel
Interview

Atomkraft, ja bitte – trotz GAU-Gefahr? Woher der aktuelle Meinungsumschwung kommt

Europas größtes Kraftwerk in der Ukraine steht erneut unter Beschuss. Trotzdem ist mehr als die Hälfte der Deutschen für eine Laufzeitverlängerung bei den verbleibenden AKW. Wie passt das zusammen?
19.08.2022, 07:5819.08.2022, 20:00

Noch unter Angela Merkel stimmte eine Mehrheit für ein Ende der Atomkraft in Deutschland. Das hat sich geändert. Obwohl das Risiko für einen Reaktorunfall in der Ukraine extrem hoch ist.

Um diesen Kontrast aus psychologischer Sicht nachzuvollziehen, hat watson mit Benjamin Buttlar, Sozialpsychologe an der Universität Trier, gesprochen.

Benjamin Buttlar ist Sozialpsychologe an der Universität Trier. Sein Fokus sind umweltpsychologische Themen.
Benjamin Buttlar ist Sozialpsychologe an der Universität Trier. Sein Fokus sind umweltpsychologische Themen.Bild: privat / Benjamin Buttlar

watson: Das AKW Saporischschja steht unter Beschuss und die Deutschen sind mehrheitlich für Laufzeitverlängerungen. Herr Buttlar – wie erklären Sie sich diesen Widerspruch?

Benjamin Buttlar: Der Beschuss auf das Atomkraftwerk in Saporischschja kann von allen Europäer*innen als existentielle Bedrohung wahrgenommen werden und ist nicht nur für Ukrainer*innen relevant. Wie bedrohlich jedoch jede*r einzelne das gerade wahrnimmt und was das für Auswirkungen auf die Befürwortung von Atomkraft hat, kann sich stark unterscheiden. Bei Letzterem kann psychologische Distanz dafür sorgen, dass wir entweder konkreter oder abstrakter über die Vor- und Nachteile von Atomkraft nachdenken.

Was genau bedeutet "abstrakt nachdenken"?

Psychologische Theorien legen nahe, dass Menschen Informationen nicht immer rational verarbeiten. So gibt es verschiedene kognitive Verzerrungen, die dazu führen, dass wir nicht alle Informationen gleichwertig betrachten. Manchmal neigen Menschen etwa dazu, weniger die konkreten, sondern eher die abstrakten Merkmale zu verarbeiten, was eine psychologische Distanz fördert. So ist die letzte Nuklearkatastrophe von Fukushima 2011 passiert. Das ist in der öffentlichen Wahrnehmung also schon lange her.

Andersherum heißt das, dass Menschen die konkreten Folgen der damaligen Katastrophe weniger stark mit ihrem eigenen Leben heute in Verbindung bringen – auch wenn in Fukushima weiterhin noch viele Folgen des Reaktorunfalls nachwirken, wie die andauernde Wasserverseuchung und dass ganze Landstriche immer noch Sperrzonen sind. Das wird sicherlich dadurch begünstigt, dass Fukushima auch räumlich sehr weit entfernt ist.

Das russische Militär schießt vom Gelände des Kernkraftwerks in Saporischschja Raketen ab.
Das russische Militär schießt vom Gelände des Kernkraftwerks in Saporischschja Raketen ab.Bild: IMAGO / SNA / KonstantinxMihalchevskiy

Saporischschja liegt aber deutlich näher an Deutschland.

Auch die Ukraine ist ein Ort, der sich für viele Menschen in Deutschland eher weiter weg anfühlt. Vor Ort in Japan oder in der Ukraine wird man sicher eher die konkreten Nachteile der Atomkraft vor Augen haben.

Was geht in den Köpfen der Menschen vor, wenn sie sich von den Risiken der Atomkraft distanzieren?

Aus diesen Theorien könnte man ableiten, dass Menschen bei einer hohen psychologischen Distanz eher die abstrakten Probleme der Atomkraft – wie die Endlagerung, die über Jahrtausende sicher sein muss – mit in ihre Urteilsbildung einbeziehen. Dagegen aber kaum die sehr konkreten Probleme, wie, dass es ein Reaktorunglück direkt vor unserer Haustür geben könnte. So ist es möglich, dass sich unsere positiven und negativen Assoziationen gegenüber Atomkraft und unsere Einstellung ändern.

CDU-Chef Merz und Bayerns Ministerpräsident Söder (CSU) sprechen sich für AKW aus.
CDU-Chef Merz und Bayerns Ministerpräsident Söder (CSU) sprechen sich für AKW aus.Bild: dpa / Peter Kneffel

Diese Einstellungsveränderung könnte auch dadurch gefördert werden, dass uns der Klimawandel aktuell stark bewusst wird und etwa durch die extreme Dürre in diesem Sommer eine geringe psychologische Distanz herrscht. Dies könnte konkrete Vorteile der Atomkraft verstärken – also zum Beispiel, dass durch die Produktion von Atomkraft keine Emissionen ausgestoßen werden.

Das klingt nach einer ungleichen Gewichtung von Fakten.

Genau. Dies könnte zwei gegenläufige Effekte bedingen: Einmal könnten die konkreten Nachteile der Atomkraft in den Hintergrund und die konkreten Vorteile in den Vordergrund geraten, und die sonst negativen Aspekte von Atomkraft dann nicht so stark in Betracht gezogen werden.

Dies könnte zu einer Verschiebung der Einstellung führen, sodass Atomkraft doch eher als etwas Positives wahrgenommen wird, weil die aktuell wahrgenommenen 'positiven Aspekte' überwiegen.

Ein AKW-Unfall in der Ukraine könnte Deutschland aber sehr wohl durch Strahlung betreffen.

Ja. Wenn das Atomkraftwerk in der Ukraine explodiert, dann würde die psychologische Distanz sicher sehr gering sein, da wir direkte Auswirkungen zu befürchten hätten. Dann würden uns auch in Deutschland die Nachteile von Atomkraft plötzlich deutlich konkreter – und wer will schon die Nachteile zu spüren bekommen? Die eigentliche Frage hier ist, warum wir uns trotz des Krieges in der Ukraine oft in der Sicherheit wiegen, dass uns die Folgen eines Atomkraftunfalls nicht betreffen würden?

Wie lässt sich das psychologisch erklären?

Dieses vermeintliche Sicherheitsgefühl lässt sich über Theorien der kognitiven Dissonanz erklären. Dissonanz beschreibt den Zustand, wenn sich Kognitionen – Wahrnehmungen – einer Person zu einem Sachverhalt widersprechen.

Ein Beispiel: Ich rauche und das kann tödlich sein.

Dissonanz führt dazu, dass wir innerlich einen unangenehmen Spannungszustand haben, den wir versuchen abzubauen. Doch oft verändern Leute dann nicht ihr Verhalten, indem sie zum Beispiel aufhören zu rauchen, sondern sie beziehen zusätzliche Kognitionen mit ein. In Bezug aufs Rauchen wäre das zum Beispiel die Kognition, 'Helmut Schmidt war Kettenraucher und hat trotzdem lange gelebt' oder 'Das betrifft mich sicher nicht, denn ich habe keine Vorerkrankung'.

"Rauchen kann tödlich sein", steht in Deutschland verpflichtend auf jeder Zigarettenschachteln.
"Rauchen kann tödlich sein", steht in Deutschland verpflichtend auf jeder Zigarettenschachteln. Bild: IMAGO / imagebroker / begsteiger

In Bezug auf die Atomkraftwerke könnten Menschen ihre Dissonanz auf ähnliche Weise abbauen. Zum Beispiel könnte man argumentieren: 'In Deutschland sind die Folgen der Atomkraft nicht so negativ, da hier niemand die Atomkraftwerke unter Beschuss nehmen würde' oder 'Die Atomkraftwerke in Deutschland sind besser gebaut als die in XY und sind daher sicher‘.

Diese zusätzlichen Kognitionen können einen dann ein Sicherheitsgefühl empfinden lassen, das vielleicht gar nicht gerechtfertigt ist.

In der deutschen Öffentlichkeit haben sich in letzter Zeit einige Politiker für Atomkraft ausgesprochen. Auch gibt es weiter eine starke Atomlobby. Wie versuchen Sie gerade, die Öffentlichkeit zu überzeugen?

Die Menschen, die aktuell Lobbyismus für Atomkraft betreiben – inklusive einiger politischer Parteien – stellen vor allem die Vorteile von Atomkraft in den Vordergrund und vernachlässigen die Nachteile und ernstzunehmenden Risiken. Stattdessen heißt es oft: 'Wenn wir jetzt unabhängig vom Gas werden wollen, müssen wir wieder in die Atomkraft einsteigen.'

AKW Saint Alban: In Frankreich wird vielerorts das Kühlwasser knapp.
AKW Saint Alban: In Frankreich wird vielerorts das Kühlwasser knapp.Bild: www.imago-images.de / dirk sattler

Doch für einen Weiterbetrieb von Atomkraft würden wir Uran benötigen. Und das kam bisher auch aus Russland, was unsere Abhängigkeit auch nicht auflösen würde.

Zudem wird das Wasser zum Kühlen der Atomkraftwerke auch bei der aktuellen Dürre knapp – wie man in Frankreich gerade sieht, sodass wir sogar Strom nach Frankreich exportieren. Diese einseitige Darstellung trägt sicher auch dazu bei, dass einige Menschen ihre Einstellung zur Atomkraft überdenken beziehungsweise ändern.

Momentan führen verschiedene Krisen gleichzeitig bei vielen Menschen zu großer Verunsicherung. Kann Angst in der Atomdebatte noch als Katalysator funktionieren?

Jein. Es gibt Forschung, die nahelegt, dass existenzielle Bedrohungen wie die Coronakrise oder der Klimawandel dazu führen, dass wir uns auf vertraute Normen und vorgegebene Strukturen zurückbesinnen, die in unserer Gesellschaft existieren. So wurde in Deutschland die Atomkraft lange propagiert und wir hatten damit zumindest bisher keine größeren Katastrophen. Wenn man sich also auf die vertraute Atomkraft beruft, könnte man damit zumindest in Teilen seine Unsicherheit in Anbetracht der Bedrohungen reduzieren.

In Frankfurt protestieren Demonstrierende dagegen, Gas- und Atomkraft als nachhaltig einzustufen.
In Frankfurt protestieren Demonstrierende dagegen, Gas- und Atomkraft als nachhaltig einzustufen.Bild: IMAGO / Tim Wagner

Es könnten also viele verschiedene psychologische Prozesse eine Rolle spielen, die unsere Einstellung gegenüber Atomkraft beeinflussen. Wir sollten also gerade jetzt in Anbetracht der Krisen versuchen, uns unsere kognitiven Verzerrungen bewusst zu machen.

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