Nachhaltigkeit
10.11.2020, Hessen, Niederklein: Ein Aktivist (gelbe Jacke), der sich in einem Baumhaus verschanzt hatte, wird von Polizisten festgenommen. Derzeit halten Aktivisten den Dannenröder Forst besetzt und demonstrieren gegen den geplanten Ausbau der A49 und für den Erhalt des Waldstücks, das dem geplanten Ausbau zum Opfer fallen würde. Polizisten sind damit beschäftigt, die verschiedenen Barrieren zu räumen. Foto: Boris Roessler/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Polizisten räumen derzeit die Barrikaden im Dannenröder Forst. Bild: dpa / Boris Roessler

Polizei startet Räumung im Danneröder-Forst – Aktivisten fordern Stopp während Corona

Die Polizei in Hessen hat mit der Räumung des Dannenröder Forsts für den umstrittenen Ausbau der Autobahn 49 begonnen. Mehrere Aktivisten wollten Baumaschinen besteigen, was laut der Polizei Mittelhessen aber verhindert wurde. Dabei sei auch ein Schlagstock eingesetzt worden, ein Aktivist wurde leicht verletzt. Vereinzelt seien Beamte mit Steinen und Pyrotechnik beworfen worden. Die Räumung folge der Devise "Protest ja, Gewalt nein". Erste Bauten seien abgebaut und aus dem Wald gebracht worden.

Aktivisten kritisierten den Einsatz und kündigten an, den Wald "zu verteidigen". Weil die Politik in der Klimafrage versagt habe, sähen sie sich dazu gezwungen, "auch diesen Wald mit unseren Körpern vor der unglaublichen Zerstörungswut und der veralteten A49 zu schützen", teilten die Umweltschützer mit. Lilly Claudi von Fridays for Future sagte in einer Mitteilung:

"Während der Klimakrise Wälder zu roden und zur Corona-Krise tausende Einsatzkräfte zur Räumung in eben diesen Wald zu schicken, ist doppelt widersprüchlich. Der Ausbau der A49 und die damit verbundene Zerstörung dreier Wälder ist ein Paradebeispiel für die ignorante Herangehensweise an die größte Krise des 21. Jahrhunderts. Weil das Verkehrsministerium weiterhin Milliarden Steuergelder in Autobahnen steckt, fehlt überall Geld für eine gerechte Mobilitätswende!"

Der hessische Landesverband des BUND forderte, die Räumungen mindestens bis zum Rückgang der Corona-Infektionen zurückzustellen. "Die Landesregierung sollte mit der Räumung wenigstens warten, bis die Gefahr von Corona-Infektionen wieder deutlich geringer ist", erklärte der Vorsitzende Jörg Nitsch. Die Regierung ziehe tausende Einsatzkräfte zusammen und nehme die vielfache Unterschreitung des Mindestabstands in Kauf.

Auch die globalisierungskritische Organisation Attac kritisierte die Räumung in Corona-Zeiten. Neben Aktivisten würden auch Polizisten gefährdet, teilte das Netzwerk mit. Die Landesregierung nehme hin, dass zahlreiche nach Hessen beorderte Einsatzkräfte sich mit dem Coronavirus infizieren könnten und die Infektionszahlen vor Ort in die Höhe treiben.

Protest seit über einem Jahr

Am Montag hatte die Polizei angekündigt, mit der für den Ausbau der A49 zuständigen Baufirma "logistische Arbeiten" vornehmen zu wollen, in deren Folge der Trassenbereich gerodet werden solle. Die Beamten gehen nach eigenen Angaben von rund 400 Barrikaden auf Zufahrts- und Rettungswegen im Dannenröder Forst aus. Diese seien teils "massiv ausgestaltet", mehrere Meter hoch und mit Beton im Boden verankert.

Zusätzlich befänden sich im geplanten Trassenbereich etwa hundert Behausungen, bei denen es sich sowohl um Zelte als auch um komplex ausgebaute Baumhäuser mit festen Dächern handele.

Seit über einem Jahr protestieren Umweltschützer in Hessen gegen den umstrittenen Ausbau der A49 zwischen Gießen und Kassel, die durch das Waldgebiet führen soll. Der Bau der Autobahn soll laut dem Landkreis Vogelsberg im September 2021 beginnen. Derzeit laufen vorbereitende Arbeiten. Dabei sollen bis Februar kommenden Jahres zunächst 27 Hektar Wald gerodet werden. Die Rodungen begannen vor einigen Wochen und werden von Protesten begleitet.

(ftk/AFP)

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