Nachhaltigkeit
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Trinkhalme schaden der Umwelt – am besten wäre es, wenn sie sich nach dem Trinken in Luft auflösen. Oder im Magen. Bild: www.imago-images.de / Malte Jäger

Nachhaltig

Erst schlürfen, dann knuspern: Wir testen essbare Trinkhalme – einer überzeugt besonders

Geht es um umweltschädliches Einweg-Plastik und die Müllberge, die es verursacht, darf ein Übeltäter niemals fehlen: der Kunststoff-Trinkhalm. Das bunte Stück Plastik steht so sehr wie kaum ein anderer Gegenstand für unnötigen Müll. 40 Milliarden Plastikstrohhalme verbrauchen wir Deutschen durchschnittlich im Jahr – das sind 1,3 Plastikhalme pro Person und Tag. Bald hat das jedoch endgültig ein Ende: Ab Mitte des kommenden Jahres sind die bunten Halme offiziell verboten.

Traurig in seinen Mojito weinen muss trotzdem niemand, es gibt schließlich schon eine Menge alternativer Röhrchen aus anderen Materialien, durch die Cocktails, Milchshakes oder Limos geschlürft werden können. Solche aus Papier etwa, aus Schilf, Bambus, Metall oder Glas. Aber während erstere nach der Benutzung ebenfalls in den Müll wandern (sich dort allerdings wesentlich schneller zersetzen als ihre Kollegen aus Plastik), sind letztere ziemlich energieintensiv bei der Herstellung und müssen dementsprechend häufig genutzt werden, um eine bessere Umweltbilanz aufzuweisen, als Plastik.

Besser wäre es also, energiearm und aus nachwachsenden regionalen Ressourcen Trinkhalme herzustellen, die sich nach dem Gebrauch in Luft auflösen – oder eben im Magen. Wir von watson haben deshalb zwei verschiedene Strohhalme auf Getreidebasis getestet, die nach dem Gebrauch einfach aufgegessen werden können.

Superhalm aus Apfelfasern

Vegan sollen sie sein, ökologisch und mindestens 60 Minuten durchhalten, ohne schlapp zu machen: Die sogenannten Superhalme von Wisefood bestehen aus Hartweizengrieß und Weizengluten, daneben kommen auch Apfelfasern zum Einsatz. Letztere geben den grünlich-braunen Halmen eine dezente Apfelnote. Produziert werden die Halme in Deutschland, auch von den Rohstoffen sollen "möglichst viele" aus Deutschland bezogen werden. Einen "nachhaltigen Trinkhalm auf Basis nachwachsender Rohstoffe" wollen die Hersteller aus dem bayerischen Garching somit eigenen Angaben zufolge produzieren. "Unser Ziel war es, Apfeltrester, ein Nebenprodukt aus der Apfelsaftproduktion, zu verwerten", heißt es auf der Wisefood-Website.

Die Faustregel: Je kälter und alkoholreicher das Getränk ist, desto länger bleiben die Halme darin fest. In einem mit Eiswürfeln gekühlten Cocktail sollen sie also deutlich länger durchhalten als in einer dampfenden Tasse Kaffee oder Tee, in denen die Getreidehalme nur 10 bis 25 Minuten stabil bleiben. Aber mal ehrlich: Unseren morgendlichen Kaffee konnten wir bisher auch ohne Strohhalm unfallfrei trinken.

Soviel zur Theorie. Aber halten die Halme wirklich, was sie versprechen, oder lösen sie sich in wenigen Minuten in ihre klebrigen Einzelteile auf?

Auf den ersten Blick wirken die Halme auf jeden Fall fest und stabil – deutlich fester und stabiler, als man das von Trinkhalmen aus Getreide und Apfel erwarten würde. Der Geschmack erinnert an ungekochte Nudeln mit leicht säuerlich-süßem Beigeschmack. Wer jetzt schon in den Halm beißt, braucht aber auf jeden Fall solide Zähne.

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Trotzen dem Wasser unterschiedlich lange: Links der Superhalm von Wisefood, rechts das Pendant von Strawamore. bild: Franziska Türk

Eigentlich ergibt das auch keinen Sinn, schließlich sollen die Getreide-Röhrchen erst einmal ihren Zweck erfüllen. Und das tun sie auch: Die Getränke nehmen leicht deren erfrischend-säuerlichen Geschmack an, die Halme selbst bleiben fest, ohne sich aufzulösen. Nach etwa 20 Minuten, wenn sie laut Hersteller die perfekte Konsistenz haben, um gegessen zu werden, sind sie zwar tatsächlich ein wenig softer, aber immer noch knusprig. Auch nach einer Stunde kann aus dem mittlerweile recht weichen Halm noch problemlos getrunken werden. Und wer's mag und Hunger hat, kann ihn theoretisch auch dann noch ohne allzu große Überwindung verputzen.

Wer dabei ein bahnbrechendes Geschmackserlebnis erwartet, wird allerdings enttäuscht. Nach viel schmeckt der Halm immer noch nicht, ist aber angenehm und nimmt leicht den Geschmack des Getränks an, das aus ihm getrunken wird. Und neben der Arbeit immer wieder ein bisschen daran zu knabbern, macht auch Spaß – besser, als sich zwischendurch in der Redaktionsküche einen Schokoriegel aus der Snackbox zu holen, ist es allemal. Mit 18 Kalorien pro Stück sind die Halme jedenfalls keine Dickmacher.

In unserer Redaktion sind die Halme deshalb schnell weggesnackt und die nächste Packung gekauft. Auch wenn wir Wasser, Apfelsaft und Mate bislang problemlos ohne Trinkhalme schlürfen konnten und das mit Sicherheit auch in Zukunft könnten, schwören einige Kollegen darauf, dass die Getränke durch die Halme getrunken besser schmecken – und sie automatisch mehr trinken als ohne. Problematisch wird es allerdings, Saft oder Cola aus ihren typischen Glasflaschen zu trinken. Zum Einen sind die Halme dazu zu kurz, zum anderen sprudeln sie in kohlensäurehaltigen Getränken stark. Wer ein Übersprudeln vermeiden will, sollte also erst einmal etwas abtrinken.

100 Halme mit sechs Millimeter Durchmesser gibt es online für 9,99 Euro zu kaufen, auch in einigen Drogerien und Supermarktketten liegen die essbaren Röhrchen in den Regalen. Wisefood verkauft die Superhalme nach eigenen Angaben in 15 Ländern, allein 2019 will das Unternehmen damit mehr als 50 Millionen Plastikhalme ersetzt haben.

Strawamore aus Weizen, Hafer und Mais

Wesentlich dicker und getreidiger im Geschmack sind die essbaren Trinkhalme von Strawamore. Auch optisch sehen die hellbraunen Rohre aus Weizenmehl, Hafermehl und Maismehl eher so aus, wie man sich Produkte aus Getreide vorstellt. Sie sind nach Herstellerangaben vegan, laktosefrei und in der EU produziert.

Von Anfang an wirken die Halme weicher und bröseliger als die zuvor getesteten, und tatsächlich fangen sie direkt an zu sprudeln, wenn man sie in ein Wasserglas stellt – hier reagieren Halm und Getränk offensichtlich miteinander. Schlecht schmeckt das Wasser aus den Trinkhalmen zwar nicht, es hat nur einen leichten Beigeschmack nach Getreide. Gut aber auch nicht. Und nach wenigen Minuten haben sich im Glas schon weiße Partikel von dem Getreidehalm abgesetzt.

Dem Hersteller zufolge hält der Halm bei allen Getränken mindestens 30 Minuten, bei Milch und alkoholischen Getränken sogar länger als 60 Minuten. Nach 30 Minuten lässt sich auch noch durch den Halm trinken, Spaß macht das aber nicht mehr. Und essen will das weiße, labbrige Ding im Glas auch wirklich keiner mehr. Da hilft nur die Erkenntnis, dass sich die Getreidehalme wenigstens schnell in der Natur abbauen. Viel von ihnen übrig ist jedenfalls nicht mehr, wenn man sie aus Versehen im Getränk stehen lässt.

Aus Geschmacksgründen würden wir diese Halme jedenfalls nicht kaufen. Taugen sie dann wenigstens, um Plastik zu sparen? Auch hier kommen Zweifel auf. Denn die Halme kommen zwar im Gegensatz zu den Superhalmen in einer Verpackung aus Karton, darin sind jeweils fünf Halme noch einmal zusammen in Tüten verpackt – aus Plastik. Da stellt sich schon die Frage, ob man nicht genauso gut Plastiktrinkhalme hätte verwenden können. Auf der Verpackung schreibt Strawamore zwar, dass alle verwendeten Rohstoffe zu 100 Prozent biologisch abbaubar sind, ob sich das auch auf die Verpackung bezieht, bleibt aber offen.

In unserem Test fallen die Getreidehalme also komplett durch. Vielleicht muss aber auch einfach noch an Verpackung und Rezeptur getüftelt werden. Das zeigt auch der mittlerweile überzeugende Superhalm, der 2018 noch Eatapple hieß und vor allem aus Apfeltrester bestand: Er wurde damals in der "Höhle der Löwen" regelrecht zerrissen. Nach gerade mal zehn Minuten fing er an, sich aufzulösen, war mit 70 Cent pro Stück außerdem deutlich teurer als heute. Das Tüfteln an der Rezeptur kann sich also durchaus lohnen.

Fazit

Ist die richtige Rezeptur gefunden, dann – und nur dann – ist ein essbarer Strohhalm eine feine Sache. Wenn wir ehrlich sind, wäre auch ein Leben gänzlich ohne Trinkhalme möglich – im Mojito oder Milchshake ist er aber trotzdem eine angenehme Angelegenheit. Vor allem, wenn man sie nach dem Trinken wegknuspern kann.

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