Nachhaltigkeit
Young man riding his electric scooter in the city park

Nach der Corona-Pause ist die Nachfrage nach E-Scootern den Anbietern zufolge inzwischen sogar höher als vor der Pandemie. Bild: E+ / Petko Ninov

Nachhaltig

"Anbieter haben viel dazugelernt": E-Scooter sind klimafreundlicher geworden

Berlin, Alexanderplatz, kurz nach fünf Uhr früh. Im Morgengrauen hält über einem dampfenden Kanaldeckel am Rand der um diese Zeit noch verwaist daliegenden sechsspurigen Straße ein weißer Lieferwagen. In seinem Inneren: Unzählige Elektroroller, die einer nach dem anderen ins Freie befördert und wie beim Morgenappell in Reih und Glied am Straßenrand platziert werden. Frisch aufgeladen warten sie an Verkehrsknotenpunkten wie diesem darauf, Pendler zur Arbeit oder Touristen zur nächsten Sehenswürdigkeit zu bringen.

Es sind Szenen wie diese, die in der Vergangenheit für Kritik an E-Scootern sorgte. Die in ihren frischen Farben grün und nachhaltig und modern daherkommen wollen. Die CO2 einsparen und die Städte von Autos befreien wollen. Und die doch nachts mit Lieferwagen mit Diesel- oder Verbrennermotoren eingesammelt, aufgeladen und neu über die Stadt verteilt werden – oder kreuz und quer auf Gehwegen abgestellt für Unmut bei Fußgängern und Radfahrern sorgen.

Studien aus den USA hatten kurz nach Einführung der Roller im vergangenen Jahr ein düsteres Bild bezüglich der Klimabilanz der Roller gezeichnet. Demnach verursacht der Stromverbrauch des Rollers an sich zwar nur fünf Gramm CO2 pro gefahrenem Kilometer. Bezog man Produktion und Aufladung der oft nicht besonders langlebigen Roller mit ein, entstanden einer Studie der University of North Carolina zufolge allerdings 120 Gramm CO2 pro gefahrenem Kilometer – das entspricht in etwa den Werten eines Neuwagens. Umweltfreundlich ist anders.

Inzwischen rollen die E-Scooter, abgesehen von einer coronabedingten Zwangspause, seit über einem Jahr auf deutschen Straßen. Und in dieser Zeit hat sich viel getan in Sachen Klimabilanz und Nachhaltigkeit, sagt Marena Pützschler, Projektmanagerin für Neue Mobilität bei der Denkfabrik Agora Verkehrswende gegenüber watson: "Die Anbieter wurden für viele der Probleme, die es anfangs gab, sensibilisiert und haben viel dazugelernt." Sie hätten daran gearbeitet, die Produktion, Wartung und den Betrieb klimafreundlicher zu gestalten. Dadurch konnten die Emissionen pro gefahrenem Kilometer teilweise um bis zu 70 Prozent reduziert werden.

Lebensdauer verlängert

Wie kann das funktionieren? Was Elektro-Rollern zu Beginn die CO2-Bilanz eines Neuwagens einbrachte, war unter anderem ihre kurze Lebensdauer: Die ersten Zahlen aus Louisville, Kentucky, deuteten darauf hin, dass die Roller bereits nach 28 bis 32 Tagen hinüber sind, andere Quellen gaben den Rollern maximal drei Monate. "Sollten die Geschäftsmodelle der Verleiher tatsächlich auf Lebensdauern von nur ein bis drei Monaten basieren, wäre dies äußerst bedenklich", schrieb dazu das Umweltbundesamt.

"Nachhaltige Logistikprozesse können zu einer deutlichen Reduktion der Emissionen beitragen."

Marena Pützschler, Agora Verkehrswende

Mittlerweile ist das offenbar anders. "Die Lebensdauer der Roller ist inzwischen deutlich länger und liegt bei etwa 24 Monaten", sagt Pützschler. E-Scooter-Verleiher Lime, einer von vier großen Anbietern auf dem deutschen Markt, gibt gegenüber watson an, dass noch immer die gleichen Fahrzeuge genutzt werden, mit denen man vor über einem Jahr in Deutschland startete. Die neueste Generation habe eine Lebensdauer von 18 Monaten. Ein Team von Mechanikern würde kaputte Roller zudem vollständig zerlegen und die noch brauchbaren Teile gegebenenfalls an anderer Stelle wiederverwenden. Die Konkurrenten Tier und Voi geben bei ihren aktuellen Modellen eine Lebensdauer von mindestens 24 Monaten an.

Abgesehen von der längeren Lebensdauer hat sich auch bei der Lade-Problematik etwas getan, die meisten Anbieter haben ihre Roller weiterentwickelt. Die neue Roller-Generation von Voi und Tier hat beispielsweise austauschbare Akkus. Dadurch kann an Ort und Stelle ein voller gegen einen leeren Akku getauscht werden – und es müssen nicht mehr ganze Fahrräder mit dreckigen Transportern durch die Gegend gefahren werden. "Diese nachhaltigen Logistikprozesse können tatsächlich zu einer deutlichen Reduktion der Emissionen beitragen", sagt Mobilitätsexpertin Pützschler.

Voi gibt an, bei diesen Ladefahrten schrittweise komplett auf Elektroflotten umstellen zu wollen. "Dort, wo noch Verbrenner im Einsatz sind, kompensieren wir", sagt Claus Unterkicher, General Manager für den Dach-Raum. Das Unternehmen sei dadurch bereits klimaneutral. Auch Tier ist seit Januar klimaneutral und betont, zum Austauschen der Batterien vermehrt auf E-Fahrzeuge zu setzen und andernfalls die anfallenden CO2-Emissionen finanziell zu kompensieren. Lime sammelt seine Roller dagegen noch komplett ein und nutzt dafür ganz unterschiedliche Fahrzeuge. Geladen werden die Fahrzeuge dann zumindest mit erneuerbaren Energien.

Nutzen Pendler E-Scooter?

In Sachen Nachhaltigkeit und Klimaschutz hat sich also einiges getan. Bleibt die Frage: Sind die Roller auch ein sinnvoller Beitrag zur Verkehrswende und führen dazu, dass langfristig weniger Autos auf unseren Straßen unterwegs sind? Oder steigen am Ende einfach nur lauffaule Fußgänger oder bequeme Fahrradfahrer auf die Roller um? Studien dazu gibt es für Deutschland noch nicht, nur grobe Berechnungen. Eine Fahrt ist demnach im Durchschnitt etwas über zwei Kilometer lang – also länger als der durchschnittliche Fußweg, aber kürzer als die Strecke, die normalerweise mit dem Fahrrad zurückgelegt wird.

"Internationale Studien zeigen, dass sowohl Fußwege als auch Fahrten mit dem privaten Pkw, Taxi oder Ride-Hailing Service durch die Roller ersetzt werden können", sagt Pützschler. In Befragungen gaben allerdings lediglich zwischen drei (Frankreich) und 20 (USA) Prozent der E-Scooter-Nutzer an, für die Fahrt mit dem Elektroroller auf den privaten Pkw verzichtet zu haben. Die Anbieter in Deutschland beharren trotzdem darauf, dass sie Anreize zum Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel liefern, indem sie die erste und letzte Meile als Zubringer abdecken. Lime zitiert dazu eine eigene Datenanalyse aus Nürnberg, laut der 25 bis 30 Prozent aller Fahrten an ÖPNV-Haltestellen enden – was suggeriert, dass die Fahrt mit den Öffentlichen fortgesetzt wird. Und David Krebs von Tier sagt:

"Wir verzeichnen unter der Woche von Montag bis Freitag in den Morgenstunden, in der Mittagspause sowie am Abend zwischen 17 und 18 Uhr einen starken Anstieg an Fahrten, was auch auf eine vermehrte Nutzung der Scooter durch Pendler schließen lässt."

Ob tatsächlich ein signifikanter Anteil von Autos in der Garage stehen bleibt, ist auch von den verkehrspolitischen Rahmenbedingungen der einzelnen Städte abhängig. "Je weniger attraktiv es ist, ein eigenes Auto zu besitzen und zu nutzen, desto eher haben Leihrollsysteme eine Chance, positive Effekte zu entwickeln", schreibt die Agora Verkehrswende in einem Positionspapier.

Corona zeigt, wie Städte mit weniger Autos aussehen

Den E-Scooter-Anbietern spielt derzeit aber noch etwas anderes in die Karten: In einer Pandemie, in der Abstand halten das oberste Gebot ist, quetscht sich niemand gerne in eine volle S-Bahn. "Viele Menschen wollen aktuell nicht den öffentlichen Verkehr nutzen, das verleiht den Rollern einen Push", sagt Pützschler.

Dabei bremste die Pandemie die Roller zunächst komplett aus. Wenn sich jeder in den eigenen vier Wänden einigelt, im Homeoffice arbeitet und die Wohnung höchstens für den Kauf von Nudeln und Klopapier verlässt, besteht auch kein Bedarf an Leihrollern. Lime pausierte seinen Service deshalb vollständig, Tier war weiter aktiv, erlebte aber einen Umsatzeinbruch. Voi stellte E-Scooter für systemrelevante Gruppen zur Verfügung.

"Die aktuelle Corona-Pandemie wird die Mobilität in den Städten nachhaltig verändern."

Fabian Ladda, Lime

Inzwischen sind die Roller jedoch zurück auf den Straßen, die Anbieter verzeichnen nicht nur mehr, sondern teilweise auch längere Fahrten als vor der Pandemie. "Die aktuelle Corona-Pandemie wird die Mobilität in den Städten nachhaltig verändern", glaubt Fabian Ladda von Lime. "Motiviert durch die Corona-Pandemie denken viele Städte auf der ganzen Welt gerade ihre Verkehrsstrategie neu."

Tatsächlich hat Corona einen Hauch des urbanen Lebens gezeigt, das möglich ist, wenn die Straßen nicht von Autos dominiert werden. In Berlin, Hamburg und Köln machten Pop-up-Radwege das Leben für Rad- und Rollerfahrer sicherer und attraktiver. Gleichzeitig wurden Pkw-Parkplätze in Stellflächen für Fahrräder, Lastenräder und E-Scooter umgewandelt. Und wenn es mehr Platz für Scooter gibt, werden die Roller nicht mehr kreuz und quer auf den Gehwegen abgestellt – das könnte wiederum die Akzeptanz bei denen erhöhen, die die Roller selbst nicht nutzen.

Gemeinsame Buchungsplattform nötig

Mobilitätsexpertin Pützschler ist jedenfalls überzeugt: Langfristig können die E-Scooter einen nachhaltigen Beitrag zur Verkehrswende leisten. Allerdings gibt es noch an vielen Punkten Verbesserungsbedarf – beispielsweise müsse die Integration in den öffentlichen Nahverkehr verstärkt stattfinden. Zwar gibt es schon viel Zusammenarbeit zwischen den Städten und Kommunen, den ÖPNV-Anbietern und den E-Scooter-Anbietern. "Es müssen aber auch weniger profitable Randgebiete abgedeckt werden, zum Beispiel, indem Roller außerhalb der Stadtzentren in Nähe von S-Bahn-Stationen verfügbar sind, sodass die Pendlerströme sie nutzen können."

Denn bisher sind die E-Scooter reine Stadtphänomene. Selbst in Berlin sind sie außerhalb des S-Bahn-Rings kaum nutzbar und aus dem flachen Land aus dem Zug aus- und auf einen E-Roller umzusteigen, wird wohl noch Wunschdenken bleiben. Bislang agieren die Leihroller vor allem dort, wo man sie kaum bräuchte – und wo ohnehin kaum einer auf ein Auto angewiesen ist.

Eine weitere Hürde ist derzeit noch die Tarifgestaltung, bei jedem Entsperren fällt direkt ein Euro an. Und auch, dass für jeden der Anbieter auf dem Markt eine separate App genutzt werden muss, macht das Ganze nicht gerade übersichtlicher. Die digitale Integration in den ÖPNV könnte eine gemeinsame Buchungsplattform möglich machen, sagt Pützschler. Sie erwartet ohnehin, dass sich der E-Scooter-Markt, ähnlich wie zuvor die Bike-Sharing-Angebote, konsolidiert und am Ende nur wenige Anbieter übrig bleiben. "Corona verstärkt diesen Druck. Es wird sich zeigen, wer durchhält."

Auf den Straßen sind die Roller jedenfalls zurück, morgens stehen sie in Reih und Glied, abends eher zufällig auf den Gehwegen. Besuch von einem weißen Lieferwagen bekommen sie dort in Zukunft hoffentlich immer seltener.

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