Students FridaysForFuture Climate-Protest DEU, Deutschland, Germany, Berlin, 22.03.2019 Demonstranten mit Schild Nein zu Fliegen auf der Demonstration von Schuelerinnen und Schueler der weltweiten Bew ...
Aktivist:innen demonstrieren für mehr Klimaschutz – und gegen Umweltsünden wie Flugzeuge, Autos und Plastik.Bild: imago images / IPON
Nah dran

"Der größte Fehler, den man machen kann": Warum wir Klimascham nicht ignorieren sollten

24.09.2022, 16:0504.10.2022, 15:48

Der Kampf gegen die Klimakrise ist immer auch ein Kampf gegen sich selbst. Weil alles, das man tut, nicht ausreicht, um die Welt zu retten. Und weil man immer wieder Dinge tut, von denen man weiß, dass man sie eigentlich nicht tun sollte.

Um das Klima zu schützen. Und sich selbst.

Aber man tut sie dennoch.

Das sorgt bei immer mehr Menschen für ein schlechtes Gewissen – und Schamgefühle, sogenannte Klimascham.

Auch Nele Nopper kennt diese Gefühle. Sie ist Nachhaltigkeitsökonomin und bietet Workshops an, um Menschen und Organisationen dabei zu helfen, Ideen und Strategien für eine klimagerechtere Welt zu entwickeln. Derzeit ist sie zudem dabei, Schulungen zum Thema "Klimagefühle" zu entwickeln.

Trotz allem hat sie das Gefühl, nicht genügend für das Klima zu tun.

Im Mai diesen Jahres hat sie ihren Instagram-Kanal "Klimagefühle" ins Leben gerufen. Hier spricht sie darüber, wie wir mit unseren Ängsten und Schamgefühlen in Bezug auf das Klima umgehen können – und warum es wichtig ist, diese Gefühle nicht zu ignorieren.

Watson erzählt sie, mit welchen Gefühlen sie zu kämpfen hat und was ihr persönlich dabei hilft, mit sich selbst nachsichtiger zu sein – ein Protokoll.

Klimascham: Gut ist
nie gut genug

"Mit der Klimakrise beschäftige ich mich schon sehr lange. Aber irgendwann, das muss Anfang 2021 gewesen sein, war ich einfach nur noch völlig resigniert und hatte das Gefühl, dass ich keine Energie mehr habe, um weiterzumachen.

Auf der einen Seite hatte ich das Gefühl, nicht genügend zu tun, auf der anderen war mir aber auch klar, dass ich einfach nicht mehr tun kann, weil ich sonst ein Burnout bekomme. Ich habe mich total klein und hilflos gefühlt und stand kurz davor zu sagen: 'Okay, dann lasse ich es halt ganz.' Kognitiv wusste ich natürlich, dass ich das nicht mit meinen Werten vereinbaren könnte.

"Durch das Meditieren habe ich erst gemerkt, wie viel Frust, aber auch Wut, Angst und Trauer in Bezug auf die Klimakrise in mir stecken."

Durch Zufall bin ich dann dazu gekommen, zu meditieren und habe mich mehr mit meinen Gefühlen auseinandergesetzt. Dadurch habe ich erst gemerkt, wie viel Frust, aber auch Wut, Angst und Trauer in Bezug auf die Klimakrise in mir stecken. Ich bekomme da richtig ein beklemmendes Gefühl in der Brust, das meistens mit einer großen Traurigkeit verbunden ist.

In Gesprächen mit anderen habe ich aber gemerkt, dass diese Gefühle super viele bewegen, gleichzeitig aber kaum darüber gesprochen wird. Für mich war das so eine Befreiung, die Trauer und Angst endlich mal zuzulassen und nicht immer wegzudrücken. Wenn man dann noch merkt, dass es so vielen anderen genauso geht, fühlt man sich gleich viel weniger allein.

Die Nachhaltigkeitsökonomin Nele Nopper hat Angst vor der Klimakatastrophe.
Die Nachhaltigkeitsökonomin Nele Nopper hat Angst vor der Klimakatastrophe.bild: watson / privat

Natürlich ist es wichtig, nicht zu resignieren und in dieser Ohnmacht zu verhaften, sondern sich in einem ersten Schritt mit seinen Gefühlen auseinanderzusetzen und dann ins Handeln zu kommen. Ich habe total viel zu dem Thema gelesen, Workshops und Konferenzen besucht und mich dann dazu entschieden, den Instagram-Kanal "Klimagefühle" ins Leben zu rufen. Ich glaube, dass wir nur durch unsere Gefühle die große Lücke vom Wissen zum ins Handeln kommen überwinden können.

Das Ganze ist schon ein Kampf. Viele wollen nicht wahrhaben, was da auf uns zu kommt. Aber wenn ich daran denke, was uns in einigen Jahren laut Prognosen drohen wird, und was das global gesehen für die Menschen für Auswirkungen haben wird, dann entstehen bei mir furchtbare Bilder im Kopf, die sehr beängstigend sind.

Diese Angst ist aber, denke ich, genau der Grund, weswegen so viele das Thema wegschieben. Aus Angst vor dem, was noch kommt. Aber auch aus Angst davor, weil sie nicht alles richtig machen oder machen können.

"Diese Scham führt dazu, dass man in einer gelähmten Position verharrt und sich selbst klein macht."

Wenn man sich in den sozialen Medien so umschaut, denkt man, die Aktivisten machen alles zu 100 Prozent richtig. Das spiegelt man auf sich selbst und denkt, man sollte sich lieber nicht positionieren, weil man ja doch nicht alles richtig macht.

Aber das ist der größte Fehler, den man machen kann. Weil es zu einem Teufelskreis führen kann: Wir schämen uns für unser klimaunfreundliches Verhalten und machen weiter damit, weil es uns zu viel Überwindung kostet, unseren Widerspruch aufzuarbeiten.

Und dass einem dieser Perfektionismus den Mut so nehmen kann, finde ich wirklich schade. Denn letztendlich führt diese Scham dazu, dass man in einer gelähmten Position verharrt und sich selbst klein macht. Manchmal fängt man dann richtig an, sich zu rechtfertigen – aus dieser Abwehrreaktion heraus.

Ich erlebe das häufiger, wenn ich unterwegs bin und mit anderen esse. Wenn ich dann die vegetarische Variante bestelle, fangen die Leute plötzlich an, sich dafür zu rechtfertigen, dass sie Fleisch essen. Obwohl ich gar nicht danach gefragt habe. Da kommt sofort eine Abwehrreaktion – und das vermutlich, weil sie sich dafür schämen, Fleisch zu essen, und meinen, sich dafür rechtfertigen zu müssen.

"Seitdem ist das Fliegen für mich ein total schambehaftetes Thema. Mittlerweile habe ich aber für mich eine Lösung gefunden: Ich fliege nur einmal im Jahr."

Und genauso kenne ich das auch von mir selbst, ganz schlimm ist das beim Thema Fliegen. Als ich jünger war, bin ich mit meinen Eltern manchmal geflogen, aber nach dem Abitur habe ich angefangen, super viel zu reisen. Ich bin total viel geflogen und habe mir überhaupt keine Gedanken über das Klima gemacht, bis mich irgendwann eine Freundin auf diesen Widerspruch hingewiesen hat. Das war mir unglaublich peinlich, ich hatte eine richtige Scham-Attacke.

Nele Nopper liebt es, neue Orte zu erkunden. Das Fliegen ist für sie ein schambehaftetes Thema.
Nele Nopper liebt es, neue Orte zu erkunden. Das Fliegen ist für sie ein schambehaftetes Thema.bild: watson / privat

Seitdem ist das Fliegen für mich ein total schambehaftetes Thema. Mittlerweile habe ich aber für mich eine Lösung gefunden: Ich fliege nur einmal im Jahr. So kann ich trotzdem noch die Dinge machen, die ich gern machen möchte, aber ich habe zumindest für mich einen Umgang mit dem Thema gefunden. Natürlich wäre es am besten, wenn ich gar nicht mehr fliegen würde, aber das konnte ich irgendwie auch nicht mit mir vereinbaren.

Bis ich diese Regelung für mich gefunden hatte, hat es aber schon eine Weile gedauert. Es hat mich jedes Mal unfassbar viel Energie gekostet, mit mir selbst auszumachen, ob es nun in Ordnung ist, zu fliegen oder nicht. Jetzt, wo ich eine fixe Regel habe, kostet mich das Thema weniger Energie, die mir dann für das Engagement bleibt.

Wir sind eben alle nur Menschen. Wir müssen nicht perfekt sein. Wichtig ist es nur, sich seine Gefühlen bewusst zu machen und den richtigen Umgang mit ihnen zu finden.

Die Inspiration zu dem Thema Scham habe ich von Brené Brown bekommen, das ist eine ganz tolle Psychologin und Autorin aus den USA. Sie hat das Buch 'Verletzlichkeit macht stark' geschrieben und hat darin eine Art Anleitung geschrieben, wie man mit Schamgefühlen gut umgehen kann.

"Wir brauchen Menschen, die mutig sind und sich engagieren, auch wenn sie ihren eigenen Ansprüchen nicht genügen."

Im ersten Schritt sollte man sich dieser Scham bewusst werden und sie körperlich spüren. Im zweiten Schritt sollte man sich dann fragen, ob diese Scham berechtigt ist. Nochmal auf die Flugscham bezogen, kann man klar sagen, dass die Scham eine Berechtigung hat – immerhin wäre es besser, nicht zu fliegen. Und in einem dritten Schritt sollte man dann im Idealfall mit anderen darüber sprechen und für sich einen Umgang damit finden.

Diesen Prozess zu durchlaufen ist super wichtig, damit wir nicht in einer Starre verharren. Wir brauchen Menschen, die mutig sind und sich engagieren, auch wenn sie ihren eigenen Ansprüchen nicht genügen. Niemand ist perfekt. Und wir können alle unterschiedlich viel geben, haben andere Ressourcen – mental wie zeitlich und finanziell. Aber das ist okay. Und das kann und sollte sich auch in der Klimabewegung widerspiegeln."

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