Wie umgehen mit der Klimaangst? Klimapsychologin Janna Hoppmann gibt Tipps, wie man aus der Angststarre erwacht.
Wie umgehen mit der Klimaangst? Klimapsychologin Janna Hoppmann gibt Tipps, wie man aus der Angststarre erwacht. Bild: AA / Neal Waters
Klimakrise

Der Meeresspiegel steigt, die Temperatur ebenfalls, überall auf der Welt fallen Menschen der Klimakrise zum Opfer: Wie umgehen mit der Klimaangst?

Die Klimakrise ist eine Dauerkrise – Katastrophen überschlagen sich auf der ganzen Welt: Wissenschaftlerinnen und Aktivisten warnen vor verheerenden Folgen durch die Erderwärmung. Das schürt Ängste. Wie man mit Klimaangst umgehen sollte und was hilft, um aus der Ohnmacht zu erwachen, verrät Klimapsychologin Janna Hoppmann im Interview.
19.04.2022, 12:0321.04.2022, 08:57

Janna Hoppmann ist Klimapsychologin und beschäftigt sich mit dem Erleben und Verhalten von Menschen in der Klimakrise sowie deren Engagement für den Klimaschutz. Ihre Mission: Die Klimapsychologie als Wissenschaft in die Praxis des Klimaschutzes zu tragen – oder wie sie sagt: "Ich bin Übersetzerin – von der Sprache der Wissenschaft zur Sprache der klimapolitischen Praxis."

Gesellschaftlich stünden wir Janna Hoppmann zufolge an einem Punkt, an dem es wichtig sei, nicht nur über die Klimakrise zu sprechen, sondern auch darüber, wie wir ins Handeln kommen. Laut der "More in Common"-Studie aus 2021 machen sich rund 80 Prozent der Menschen in Deutschland persönlich Sorgen um die Klimakrise und ihre Folgen. Die Begleiterscheinung: Ohnmachtsgefühle: "Diese Menschen fühlen sich überwältigt von dieser großen Krise, weil sie das emotionale Bewusstsein bereits haben und von der Dramatik und Schwierigkeit wissen, aber dennoch keine klare Kenntnis davon haben, was sie selbst dagegen tun können."

bild: aa / neal waters
#Klimaangst – was tun?
Wie umgehen mit der Klimaangst?

Was bedeutet es Klimaangst zu haben? Wie geht es den Menschen, wenn sie bei dem Gedanken an die nächste Hitzewelle, die nächste Überschwemmung, die nächste Wahl und den nächsten IPCC-Bericht in Panik geraten? Wie kommt man aus dieser Angststarre wieder raus? Und was können wir tun, um nicht nur die Angst, sondern auch die Klimakrise zu besiegen?

In einer mehrteiligen Serie nimmt sich die watson-Nachhaltigkeitsredaktion dieser Fragen an und und begleitet vier Menschen auf ihrem Weg aus der Klimaangst. Wir sprechen mit Wissenschaftlerinnen, Aktivisten, Betroffenen und Politikerinnen, die anders denken, nach Lösungen suchen und von ihrer Klimaangst berichten.

Serienteil 1:
"Ich habe Klimaangst": Wie mich die Folgen der Klimakrise in Panik versetzen

Serienteil 2:
Der Meeresspiegel steigt, die Temperatur ebenfalls, überall auf der Welt fallen Menschen der Klimakrise zum Opfer: Wie umgehen mit der Klimaangst?

Portrait von Luisa Müller:
Angst vor Klimawandel: Klimaaktivistin kämpft mit Burnout – "Habe viel Hass abbekommen"

Serienteil 3:
Protest und Politik: Wann das eine wirkt, wann das andere

Portrait von Gabriel Baunach:
Warum der Climaware-Gründer mehr unperfekten Klimaschutz will

Serienteil 4:
FFF-Aktivistinnen über Klimakrise und Aktivismus: "Nicht Gegner der Menschen"

Portrait von Charlotte Münzig:
David gegen Goliath – Aktivistin geht über ihre Grenzen: "Ich fühle, wie mich das kaputt macht"

Serienteil 5:
Luisa Neubauer im Interview: "Wenn wir nicht schnell Klimaschutzmaßnahmen umsetzen, machen wir Rückschritte"

Portrait von Daniel Obst:
Familienvater aus Angst vor Klimawandel: "Vor diesem Hintergrund hätten wir wahrscheinlich keine Kinder bekommen"

Im Interview mit watson erklärt die Klimapsychologin, was Klimaangst eigentlich ist, welche verschiedenen Facetten es gibt und wie man aus den Ohnmachtsgefühlen wieder herauskommt.

Janna Hoppmann ist Klimapsychologin und beschäftigt sich mit dem Erleben und Verhalten von Menschen in der Klimakrise.
Janna Hoppmann ist Klimapsychologin und beschäftigt sich mit dem Erleben und Verhalten von Menschen in der Klimakrise.bild: privat

watson: Der Ausdruck fällt ja immer häufiger: Aber was genau ist das denn überhaupt – Klimaangst?

Janna Hoppmann: Die Klimaangst ist eine mögliche emotionale Reaktion, mit der wir auf die Klimakrise antworten können. Es gibt auch noch viele weitere Gefühle auf der Gefühlspalette: nicht nur Angst oder Furcht, sondern auch Trauer, Kummer, Verzweiflung oder auch ein Trauma. Dazu kommen Machtlosigkeit, Hilflosigkeit, Wut oder Ohnmachtsgefühle, die wir empfinden können. Der Begriff Klimaangst verdeutlicht, dass sich Menschen ganz emotional mit dieser Krise und der sehr existenziellen Bedrohung auseinandersetzen und das Ausmaß dieser Gefühle so groß ist, dass es die Person überwältigt.

Weil Sie gerade eine ganze Palette an Gefühlen aufgezählt haben – gibt es unterschiedliche Facetten der Klimaangst?

Definitiv. Eine Facette von Klimaangst umfasst eine funktionale Angst, die in einem so umgrenzten Rahmen stattfindet, dass ich mich durch die Angst motiviert fühle und ins Handeln komme. Viele Engagierte bei Fridays for Future, Psychologists for Future oder anderen Initiativen haben zunächst Angst oder Sorge empfunden – und diese dann in Aktion umgewandelt. Auch mir geht es so mit meiner Selbstständigkeit: Die Sorge, die ich spüre, ist groß – aber in meinem persönlichen Leben im Alltag weniger präsent, weil ich den Fokus darauf setze, neue Lösungen zu finden und Multiplikator:innen bei ihren Lösungen zu stärken.

Was macht eine Klimapsychologin?
Als Klimapsychologin bietet Janna Hoppmann Beratung und Weiterbildungen an, um Klimaschutzvorhaben wirkungsvoller zu gestalten und die Klimakommunikation zu erleichtern. Sie unterstützt also dabei, die Klimakrise so zu kommunizieren, dass sich die Menschen mitgenommen und abgeholt fühlen.
Dafür arbeitet sie mit Multiplikatoren aus der Klimabewegung wie beispielsweise NGOs, Journalisten, Stiftungen, Unternehmen oder Führungskräften zusammen, die sie mit psychologischen Tricks und Ratschlägen unterstützt, um Projekte wirkungsvoll umzusetzen.

Also kann man sagen, dass es erst einmal gut ist, dass sich viele Menschen aufgrund der Klimakrise sorgen?

Ja, es ist absolut vernünftig. Denn wenn wir die Klimakrise ignorieren, gibt es ein sehr hohes Ausmaß an Schäden, die direkt spürbar, aber auch schleichend sind und indirekte Gesundheits-Effekte mit sich bringen wie Luftverschmutzung. Die Sorgen sind berechtigt: Wir als Individuen sind bedroht, wie auch zukünftige Generationen. Dazu kommen Risiken für die gemeinschaftliche Gesundheit, die Entwicklung unserer Wirtschaft und natürlich auch für unser Miteinander und die Demokratie.

"Es ist völlig klar, dass wir die Klimakrise nicht in ein, zwei, drei Jahren beenden können. Es handelt sich um eine Dauerkrise, bei der es darum geht, die Schäden möglichst gering zu halten."

Die Folgen der Krise sind also so allumfassend und gravierend, dass sie sich auf alle Bereiche ausdehnen.

Ja. Und das Problem, das sich uns in den Weg stellt, ist, dass wir die Emissionen, die wir in den letzten 20, 30, 50 Jahren ausgestoßen haben, nicht mehr rückgängig machen können. Deswegen müssen wir jetzt zeitverzögert nach Lösungen und Handlungsmöglichkeiten suchen, die noch möglichst viel Leid abwenden können. Damit geht selbstverständlich eine starke Zukunftsangst einher, da sich das Lösungsfenster immer weiter schließt und die Menschen sich fragen, ob sie in zehn oder zwanzig Jahren noch guten Gewissens Kinder in die Welt setzen möchten. Es ist völlig klar, dass wir die Klimakrise nicht in ein, zwei, drei Jahren beenden können. Es handelt sich um eine Dauerkrise, bei der man mit nüchtern-realistischem Blick eher davon sprechen kann, dass es darum geht, die Schäden möglichst gering zu halten.

Das klingt nicht sehr ermutigend...

Naja, es geht darum, möglichst viele Menschenleben zu retten und die Lebensqualität in allen Regionen der Welt möglichst hoch zu halten. Im besten Fall sind wir in Deutschland als Land 2035 und nicht erst 2040 klimaneutral. Aber selbst dann geht es ja weiter mit der Mammutsaufgabe, endlich im Rahmen der planetaren Grenzen zu leben und mit der Naturzerstörung – sprich der schrittweisen Zerstörung von uns selbst – aufzuhören.

Womit wir wieder beim Thema Angst wären.

Ja, und wenn wir uns die realen physikalischen Gegebenheiten der Klimakrise anschauen, werden diese Zukunftsängste vermutlich in den nächsten Jahren weiter zunehmen. Denn unser Handlungsfenster wird leider mit jedem Jahr, in dem wir zu wenig tun, kleiner und kleiner.

Das Handlungsfenster wird kleiner und die Angst damit größer?

Auf jeden Fall, wobei es zum Glück wahrscheinlich eine wirklich kleine Minderheit von Menschen ist, die eine pathologische Facette von Klimaangst umtreibt. Also eine Art von Angst, die so groß ist, dass man wirklich gar nicht mehr aus diesen Angstgefühlen rauskommt und diese den Alltag völlig überlagern.

Bei nur wenigen Menschen wird die Angst pathologisch, sodass sie ihren Alltag vollkommen überlagert.
Bei nur wenigen Menschen wird die Angst pathologisch, sodass sie ihren Alltag vollkommen überlagert.Bild: Zoonar.com/Anna Derzhina / Anna Derzhina

Unterscheidet sich die Klimaangst denn von anderen Zukunftsängsten?

Man könnte sagen, dass die Klimaangst eine Zukunftsangst mit dem konkreten Fokus auf all die Bedrohungen, Schwierigkeiten und Risiken ist, die mit der Klimakrise einhergehen. Bei der Forschung zu Klimaangst handelt es sich aber um ein sehr junges Forschungsfeld, mit dem sich erst in den letzten fünf Jahren in der psychologischen Forschung intensiv beschäftigt wird. Aktuell sind Psychologinnen und Psychologen dabei, herauszufinden, wie genau wir Klimaangst verstehen und wissenschaftlich greifen können, welche Faktoren, also verschiedene Merkmale, zur Klimaangst gehören.

"Die erste Facette umfasst eine Angst, die durchaus eine motivierende Funktion hat. Die Menschen haben eine zukunftsorientierte Grundhaltung, die sie dazu motiviert, sich angemessen mit der nahenden Bedrohung auseinanderzusetzen."

Und – sind die Forschenden schon zu einem Ergebnis gekommen?

Susan Clayton und Bryan Karazsia haben im Jahr 2020 einen Fragebogen zum Thema Klimaangst entwickelt. Dieser wird aktuell ins Deutsche übersetzt und geprüft. In diesem Fragebogen gibt es Fragen wie: Über den Klimawandel nachzudenken bereitet mir a) Konzentrationsschwierigkeiten, b) Schlafschwierigkeiten oder c) ich habe Alpträume über den Klimawandel. Im Fragebogen geht es aber auch darum, ob die Sorgen über den Klimawandel es erschweren, Spaß mit der Familie und Freunden zu haben. Was sich in der Forschung zeigt, ist, dass es wohl mindestens drei verschiedene Arten von Klimaangst gibt.

Die da wären?

Die Psycholog:innen Felix Peter, Katharina van Bronsijk und Bianca Rodenstein haben diese Unterscheidung der drei Arten von Klimaangst aufgestellt: Die erste Facette umfasst eine Angst, die durchaus eine motivierende Funktion hat. Die Menschen haben eine zukunftsorientierte Grundhaltung, die sie dazu motiviert, sich angemessen mit der nahenden Bedrohung auseinanderzusetzen und sich auf sie vorzubereiten.

Angst kann auch eine motivierende Funktion haben und dazu beitragen, dass Menschen auf die Straße gehen und protestieren.
Angst kann auch eine motivierende Funktion haben und dazu beitragen, dass Menschen auf die Straße gehen und protestieren.Bild: PRESSCOV via ZUMA Press Wire / Michael Kuenne

Das heißt, dass es eine Art positiver Angst ist?

So würde ich das nicht unbedingt sagen, denn Angst fühlt sich für die Betroffenen immer unangenehm an. Doch ist es – wie wir eben gesehen haben – eine funktionale Angst, die absolut gesund ist und uns produktiv macht, weil wir, motiviert von der Angst, wirklich auf die Ursachen des Problems reagieren und ins Handeln kommen. Und das Handeln kann dann dazu führen, dass die Menschen keine Klimaangst mehr haben.

"Bei dieser pathologischen Form von Klimaangst zeigen sich Symptome wie bei einer Angststörung, zu der man Unterstützung suchen sollte: Die Angst ist so unkontrollierbar, dass man sich selbst nicht mehr heraushelfen kann."

Und wie sieht es mit den anderen beiden Facetten von Klimaangst aus?

Die zweite Facette ist ein bisschen komplizierter zu erklären, die wird als Assimilation bezeichnet. Dort geht es um das Flüchten aus der Situation und aus der Angst. Und diese Facette beschreibt wohl ganz gut die Lebensrealität von vermutlich mindestens 20 Prozent der Menschen in Deutschland.

Und wie sieht diese Lebensrealität aus?

Diese Menschen erleben Angst vor der Klimakrise und ihren Folgen, aber sie tun ihr Möglichstes, um sich nicht damit beschäftigen zu müssen. Vielleicht erleben sie auch Angst oder Sorge, sehen sich aber einfach nicht dazu in der Lage, angemessen darauf zu reagieren, beschäftigen sich daher bewusst nicht mehr mit dem Thema oder spielen es herunter. Viele flüchten vollständig aus dieser Angst und merken dadurch gar nicht, dass es die Angst ist, die sie dazu treibt, sich nicht mehr mit der Klimakrise auseinanderzusetzen. Diese Facette von Klimaangst ist zwar kurzfristig gesundheitsförderlich für uns als Individuum, da wir uns mit unangenehmen Themen wie der Klimakrise nicht beschäftigen müssen. Doch langfristig führt die Assimilation dazu, dass wir das Problem aussitzen und damit natürlich die Gesundheit unserer gesamten Gesellschaft enorm gefährden.

Und die dritte Facette?

Die dritte Facette zeigt die pathologische Form von Klimaangst. Diesen Zustand beschreiben Psychologinnen und Psychologen als Freeze-Zustand: Ich bin wie eingefroren und kann nicht mehr flüchten. Gegebenenfalls ist man aufgrund dieser pathologischen Angst gar nicht mehr dazu in der Lage rauszugehen oder sich mit dem Thema Klimakrise zu beschäftigen. Diese Furcht nimmt vielleicht wirklich Überhand, ist dann absolut lähmend und ganz klar dysfunktional. Das heißt: Sie ist nicht mehr gesund und erfüllt auch ihren Zweck nicht. Bei dieser pathologischen Form von Klimaangst zeigen sich Symptome, die ähnlich sind wie bei einer Angststörung, zu der man in einer Psychotherapie Unterstützung suchen sollte: Die Angst ist so unkontrollierbar, dass man sich selbst nicht mehr heraushelfen kann.

Wenn die Angst vor den Folgen der Klimakrise alles überschattet, hilft nur eine Psychotherapie.
Wenn die Angst vor den Folgen der Klimakrise alles überschattet, hilft nur eine Psychotherapie.Bild: PhotoAlto / Frédéric Cirou

Und wie genau äußert sich die pathologische Angst?

Das sind ähnliche Symptome wie bei Angst im Allgemeinen – also innere Anspannung, Besorgtheit oder Unruhe. Ich bin keine Psychotherapeutin und keine Expertin für Angststörungen. Daher nur ein paar psychologische Grundlagen: Menschen können unter einer generalisierten Angststörung leiden, wenn sie insgesamt sehr ängstlich sind und sich diese Angst, die vielleicht in einem Bereich gestartet hat, auf andere Lebensbereiche ausweitet. Es gibt spezifische Ängste, wie zum Beispiel eine Spinnenphobie oder Angst vor dem Nutzen eines Fahrstuhls. Das Ausweiten einer spezifischen Klimaangst auf andere Lebensbereiche wäre daher auch denkbar: Vielleicht beginnt es bei Menschen mit einer inneren Anspannung, Besorgnis und Unruhe bezüglich der Klimakrise und ihrer eigenen Zukunft. Diese wird aber so stark und überträgt sich auf andere Lebensbereiche, dass es schwerfällt, dem eigenen Leben mit Freude nachzugehen. Aber, und da möchte ich auch ein bisschen Mut und Hoffnung geben, diese pathologische Klimaangst betrifft – wahrscheinlich und nach meiner Einschätzung – aktuell nur sehr wenige Menschen.

"Sobald wir aktiv werden, auch wenn es nur eine kleine Sache ist, die aber ein spürbares Ausmaß für uns hat, wird auch das Gefühl der Angst geringer."

Wie kommen Sie zu diesem Schluss?

Leider gibt es bislang keine verlässlichen Daten dazu, wie viele Menschen in Deutschland pathologische Formen der Klimaangst umtreibt. Doch durch meine eigenen Erfahrungen erkenne ich, dass der Großteil der Menschen, die sich zu Beginn ihrer Auseinandersetzung mit der Klimakrise ihrer Tragweite und Dramatik bewusst werden und sich große Sorgen um die Folgen der Krise machen, dann aber zügig ins Handeln kommen. Das ist meiner Erfahrung nach auch der wirksamste Schritt, um aus Klimaangst rauszukommen: Sich den eigenen, durchaus nicht zu unterschätzenden, Handlungsmöglichkeiten bewusst zu werden und herauszufinden, was man ganz persönlich morgen tun kann. Sobald wir aktiv werden, auch wenn es nur eine kleine Sache ist, die aber ein spürbares Ausmaß für uns hat, wird auch das Gefühl der Angst geringer. Weil wir dann aus der Ohnmacht aussteigen und wieder Herrin und Herr des eigenen Lebens und der Lebensumstände sind. Und wenn schon nicht das, dann begreifen wir uns zumindest als jemanden, der einen kleinen Anteil eines ganz wichtigen Beitrags in der Gesellschaft leistet.

Das klingt, als wäre Engagement bei Klimaangst besser als eine Psychotherapie?

Die pathologische Angst ist die einzige, mit der man überhaupt in Therapie gehen würde. Wenn man sich wirklich gelähmt fühlt und zu nichts mehr in der Lage ist, dann sollte man sich unbedingt Hilfe bei einer oder einem Psychotherapeuten suchen. Dann ist der Leidensdruck zu hoch, als dass man das Leiden alleine durch das eigene politische und gemeinsame Handeln reduzieren kann.

Sobald man aktiv wird und sich beispielsweise für den Klimaschutz engagiert, wird auch die Angst weniger.
Sobald man aktiv wird und sich beispielsweise für den Klimaschutz engagiert, wird auch die Angst weniger.Bild: dpa / Paul Zinken

Und wie sieht es diesbezüglich bei den anderen beiden Facetten der Klimaangst aus?

All den Personen, die ihre Klimaangst produktiv ins Handeln umsetzen, sollten wir sehr dankbar sein, weil genau diese Menschen die Transformation vorantreiben, weil sie ihre Angst als Motivator begreifen. Und bei denen, die sich ihrer Angst – ob bewusst oder unbewusst – aus Selbstschutz entziehen und das Problem herunterspielen, sollten wir nicht im Rahmen einer Psychotherapie, sondern an einem ganz anderen Punkt ansetzen.

"Das Engagement gegen die Klimakrise ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Wir sollten uns unsere Kräfte einteilen, aber auch nicht viel zu verspätet loslaufen."

Und der wäre?

Ansetzen sollten wir dann am gesellschaftlichen Austausch und der Klimakommunikation. Wir brauchen Journalistinnen und Journalisten, die die wichtige Arbeit leisten, Informationen in so kleinen Häppchen aufzubereiten, dass die Dramatik der Lage klar wird, wir aber produktiv mit diesen Informationen und dem generierten Wissen um die Lage unseres menschlichen Lebens und Planeten umgehen können. Entscheidend ist, dass wir erst einmal erkennen, was das Problem ist, und direkt im Anschluss verstehen, was man dagegen tun kann. An dieser Stelle brauchen wir unbedingt eine klare Kommunikation von der Bundesregierung – mit ganz klaren Regeln und mit einem ambitionierten, transparenten Fahrplan, der illustriert, was wir tun können und was politisch getan wird, um die Klimakrise auszubremsen. Denn auch dann sinkt die Angst, weil wir wieder mehr in die Kompetenz der von uns gewählten Politikerinnen und Politikern vertrauen können.

Auch wenn man jetzt nicht von der pathologischen Klimaangst betroffen ist – gibt es noch etwas, das man ganz generell gegen die Klimaangst tun kann – neben dem Engagement?

Was natürlich immer hilft, ist, mit Freunden oder der Familie über die eigenen Gedanken, Sorgen und Überlegungen zu sprechen und sich mit ihnen auszutauschen. Das funktioniert besonders gut in Klimagruppen mit Gleichgesinnten, denen man sich nahe fühlt und denen man in wertschätzender Atmosphäre sein Herz öffnen kann. Wenn wir mit anderen über unsere Angst sprechen, haben wir den ersten wichtigen Schritt gegen die Ohnmacht schon getan. Wir wandeln die Angst in Mut um. Wichtig ist aber auch, dass man die Balance hält – zwischen der eigenen Auseinandersetzung mit der Klimakrise und der "Erholung". Erholung, soweit sie in diesen echten Krisenzeiten möglich ist.

Wie kann man sich von der Klimaangst erholen?

Die Gesundheitspsychologie lehrt uns: Es braucht die Ruhephasen, damit wir nach Anstrengung, Stress oder Belastung wieder neue Kraft schöpfen können. Denn das Engagement gegen die Klimakrise ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Wir sollten uns unsere Kräfte einteilen, aber auch nicht viel zu verspätet loslaufen. Die große Kunst ist es, diesen Marathonlauf des Klima-Engagements gut zu planen, den Stress nicht zu groß werden zu lassen, die kreisenden Gedanken im Zaum zu halten, uns ab und zu etwas wirklich Gutes zu tun und stets nach Momenten der echten politischen Selbstwirksamkeit Ausschau zu halten, die uns in der Gemeinschaft neue Kraft und neuen Mut für die nächste Etappe geben.

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