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Interview

Luisa Neubauer verteidigt Einsatz für Klimaschutz und warnt vor "großen Veränderungen"

Die Klimakrise ist auch eine Kommunikationskrise, sagt Fridays for Future-Aktivstin Luisa Neubauer. Jetzt gehe es darum, dass die Regierung Mut beweist – und der Bevölkerung klarmacht, dass unweigerlich große Veränderungen bevorstehen. Entweder durch Klimaschutzmaßnahmen, oder durch die verheerenden Folgen der Klimakatastrophe selbst. Wie das aussehen könnte, erzählt Neubauer im Interview mit watson.
01.06.2022, 07:46

Ging es in den Medien um die Klimakrise, hieß es lange Zeit vor allem: Die Erderwärmung muss begrenzt werden – um den Eisbären zu retten, den Schneeleoparden, den Koalabären. Was dabei nicht selten vergessen wurde: Die Klimakrise ist nicht nur eine Krise für unsere Umwelt und die Tiere, sondern vor allem für uns Menschen.

Ein Problem der falschen Kommunikation also?

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bild: aa / neal waters
#Klimaangst – was tun?
Wie umgehen mit der Klimaangst?

Was bedeutet es Klimaangst zu haben? Wie geht es den Menschen, wenn sie bei dem Gedanken an die nächste Hitzewelle, die nächste Überschwemmung, die nächste Wahl und den nächsten IPCC-Bericht in Panik geraten? Wie kommt man aus dieser Angststarre wieder raus? Und was können wir tun, um nicht nur die Angst, sondern auch die Klimakrise zu besiegen?

In einer mehrteiligen Serie nimmt sich die watson-Nachhaltigkeitsredaktion dieser Fragen an und und begleitet vier Menschen auf ihrem Weg aus der Klimaangst. Wir sprechen mit Wissenschaftlerinnen, Aktivisten, Betroffenen und Politikerinnen, die anders denken, nach Lösungen suchen und von ihrer Klimaangst berichten.

Serienteil 1:
"Ich habe Klimaangst": Wie mich die Folgen der Klimakrise in Panik versetzen

Serienteil 2:
Der Meeresspiegel steigt, die Temperatur ebenfalls, überall auf der Welt fallen Menschen der Klimakrise zum Opfer: Wie umgehen mit der Klimaangst?

Portrait von Luisa Müller:
Angst vor Klimawandel: Klimaaktivistin kämpft mit Burnout – "Habe viel Hass abbekommen"

Serienteil 3:
Protest und Politik: Wann das eine wirkt, wann das andere

Portrait von Gabriel Baunach:
Warum der Climaware-Gründer mehr unperfekten Klimaschutz will

Serienteil 4:
FFF-Aktivistinnen über Klimakrise und Aktivismus: "Nicht Gegner der Menschen"

Portrait von Charlotte Münzig:
David gegen Goliath – Aktivistin geht über ihre Grenzen: "Ich fühle, wie mich das kaputt macht"

Serienteil 5:
Luisa Neubauer im Interview: "Wenn wir nicht schnell Klimaschutzmaßnahmen umsetzen, machen wir Rückschritte"

Portrait von Daniel Obst:
Familienvater aus Angst vor Klimawandel: "Vor diesem Hintergrund hätten wir wahrscheinlich keine Kinder bekommen"

Im Interview mit watson erzählt die Klimagerechtigkeitsaktivistin Luisa Neubauer, warum es sie beunruhigt, dass noch immer zu viele Menschen die Klimakrise als irrelevant ansehen und warum sie auch dann nicht aufhören wird, für mehr Klimaschutz zu kämpfen, wenn das 1,5 Grad-Ziel nicht mehr zu stemmen ist.

Luisa Neubauer spricht auf der phil.COLOGNE, dem internationalen Festival für Philosophie, in der Veranstaltung 'Eröffnung II: Vom Klima und unserer Zukunft.' in den Balloni Hallen. Köln, 03.09.2021
Seit Jahren setzt sich Klimagerechtigkeitsaktivistin Luisa Neubauer für eine sozialgerechte Klimapolitik ein. Bild: Geisler-Fotopress / Christoph Hardt/Geisler-Fotopres

watson: Wenn es ums Klima ging, hieß es lange Zeit: "Wir müssen die Erderwärmung stoppen, um die Eisbären zu retten." Warum ist die Klimakrise auch eine Krise der Kommunikation?

Luisa Neubauer: Man hat den Menschen lange Zeit sehr erfolgreich weisgemacht, dass das Klima eine Krise hat und nicht wir. Dabei ist der Kollaps der Ökosysteme und der Lebensgrundlagen für uns Menschen langfristig gesehen existenzbedrohend. Und dass man den Klimaschutz als Wohltätigkeitsprojekt, als gemütliche Nachmittagsveranstaltung dargestellt hat, ist nicht nur falsch, sondern auch gefährlich, weil wir uns dadurch viel zu lange in Sicherheit gewogen haben. Aber diese Sicherheit war trügerisch.

Es ist also keine Krise des Klimas, sondere eine Krise von uns Menschen. Hat sich die Kommunikation über die Klimakrise denn durch die Corona-Pandemie verbessert, weil die Menschen viel über die Wissenschaft sprechen, oder ist eher das Gegenteil der Fall?

Ich glaube beides. Auf der einen Seite mussten sich die Menschen mehr mit der Wissenschaft und ihrer Bedeutung für die Politik beschäftigen. Und auf der anderen Seite haben wir in der Corona-Pandemie auch die Tendenz gesehen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse maximal in Frage gestellt werden – und das bis zu einem Grad, wo die Leute die komplette Existenz der Pandemie und des Virus geleugnet haben.

"Wir haben vor allem ein Problem des politischen Willens. Und ein Realisationsproblem, weil noch immer viele Menschen diese Krise nicht wahrhaben wollen."

Ist das bei der Klimakrise ähnlich?

In der Klimawissenschaft sprechen wir nicht von etwas, das erst seit kurzer Zeit passiert, sondern wir sprechen über eine Forschung, die in großem Umfang seit einem halben Jahrhundert passiert. Und die naturwissenschaftliche Dimension der Klimakrise ist vollumfänglich erforscht, es gibt kaum noch Leerstellen und ganz gewiss haben wir kein Informationsproblem. Wir haben vor allem ein Problem des politischen Willens. Und ein Realisationsproblem, weil noch immer viele Menschen diese Krise nicht wahrhaben wollen.

Aber wie kann es denn sein, dass die Vehemenz der Folgen der Klimakrise noch immer nicht zu den Menschen durchgedrungen ist?

Naja, man muss sich vorstellen, dass man den Leuten die Klimakrise 40 Jahre lang als Nachmittagsprogramm für Besserverdienende verkauft hat – als Problem, das vor allem viel Geld kostet und nur dann existiert, wenn man sich darum kümmern will. Und das macht natürlich etwas mit den Menschen.

Was bedeutet das?

Das heißt, es reicht nicht nur, Informationen zur Klimakrise bereitzustellen, sondern man muss auch dekonstruieren, was in der Vergangenheit an Märchen und Mythen in die Welt getragen wurde. Und tragischerweise hat das ja bis heute nicht aufgehört: Noch immer lesen wir Schlagzeilen wie: "Können wir uns Klimaschutz leisten?" und "Wann ist die Klimakrise auch bei uns angekommen?". Dabei ist die Klimakrise längst hier – und das einzige, das wir uns nicht leisten können, ist kein Klimaschutz. Und diejenigen, die die Klimakrise am meisten trifft, sind die Ärmsten.

"Es beunruhigt mich, dass so viele Menschen immer noch meinen, wir würden Klimagerechtigkeit 'für uns' einfordern, weil es 'unser' Thema ist, weil wir das 'interessant' finden – wie andere Fußball."
Luisa Neubauer

Macht dir das Angst?

Es beunruhigt mich, dass so viele Menschen immer noch meinen, wir würden Klimagerechtigkeit "für uns" einfordern, weil es "unser" Thema ist, weil wir das "interessant" finden – wie andere Fußball. Dabei machen wir es doch für uns alle. Auch für die, die im Weg stehen, die das Klima irrelevant finden, die das Klima und uns kleinreden wollen – und deren Kinder. Und wir machen es nicht, weil wir keine anderen Dinge zu tun haben, sondern weil es notwendig ist, weil sich die Regierung aus der Verantwortung zieht.

Und zu viele Menschen noch immer still bleiben?

Ja, unterm Strich wollen zu wenig Menschen wahrhaben, wie schlimm es um uns steht. Um diejenigen mache ich mir aber sehr viel weniger Sorgen als um die, die wissen, wie es um uns steht und die dennoch finden, sie seien nicht gebraucht, um bei diesem großen Wandel mitanzupacken. Denn die würden ja schon ausreichen, um die großen Veränderungen, die wir brauchen, einzuleiten und den Druck aufrechtzuerhalten – gerade aktuell, wo sich alte, fossile Gewohnheiten einschleichen und schon wieder darüber diskutiert wird, ob wir nicht doch länger auf Braunkohle, Öl und Gas setzen können.

Wie schaffst du es, trotz dieser Rückschläge motiviert zu bleiben und weiterzukämpfen?

Ich bin auch nicht immer motiviert, aber das muss man auch nicht immer sein. Es reicht manchmal auch aus, zu wissen, dass man gebraucht ist, egal, wie viel man beitragen kann. Jeder Beitrag ist gebraucht. Denn die Zeit drängt und anders funktioniert es nicht. In der Klimakrise sind manche Dinge eben schwarz oder weiß: Und die Frage, ob wir unsere Energie einsetzen, um die Krise zu bekämpfen, oder um uns einzureden, nichts gegen die Krise unternehmen zu können, ist so eine Frage, die sich klar beantworten lässt. Und ich für mich habe festgestellt, dass es nicht nur ehrlich, sondern auch befreiend ist, wenn man sich nicht länger einredet, dass schon alles gut gehen wird.

"Aber auch, wenn wir das nicht schaffen sollten, ändert das nichts daran, wie wir kämpfen und vor allem, dass wir kämpfen. Dann eben für 1,51 Grad."
Luisa Neubauer

Glaubst du denn trotz allem, dass wir das 1,5 Grad-Ziel noch schaffen können?

Nun ist ja vor Kurzem der IPCC-Report veröffentlicht worden, der ganz deutlich zeigt, wie knapp das wird. Die 1,5 Grad-Frage ist ja keine Glaubensfrage – technisch und wissenschaftlich gesehen liegt es langfristig noch im Bereich des Möglichen, die globale Durchschnittserhitzung bei 1,5 Grad zu stabilisieren. Unterm Strich geht es jetzt aber vor allem darum, dass wir verstehen, dass es um jedes Zehntel Grad zu kämpfen gilt, um jedes Ökosystem, um jede Spezies. Im besten Fall schaffen wir es noch, langfristig gesehen die durchschnittliche Erwärmung auf "nur" 1,5 Grad zu begrenzen, was an sich schon eine große Katastrophe wäre, insbesondere für Menschen an den am meisten betroffenen Orten und auch für uns hier. Aber auch, wenn wir das nicht schaffen sollten, ändert das nichts daran, wie wir kämpfen und vor allem, dass wir kämpfen. Dann eben für 1,51 Grad.

Es muss also schnell gehen mit der Energie- und Verkehrswende, der Agrarreform und vielen weiteren Klimaschutzmaßnahmen, um das 1,5 Grad-Ziel noch schaffen zu können. Wäre da nicht die Politik mit ihren Koalitionen, den Oppositionsparteien und dem Feilschen um jede einzelne Maßnahme. Ist die Klimakrise in einer Demokratie überhaupt lösbar, wenn ständig eine Mehrheit gegen die entscheidenden Schutzmaßnahmen und Vorhaben stimmt oder diese blockiert?

Das sind zwei Fragen. Die erste Frage ist, welche Rolle die Demokratie in der Klimakrise spielt und die ist einfach zu beantworten: Eines der wertvollsten Instrumente, das wir gegen die Klimakrise haben, sind widerständige und gerechte Demokratien. Wir brauchen die demokratische Legitimation für die vielen Wenden, wir brauchen auch Menschen, die anpacken – ob mit Solardächern für die Energiewende, ob mit Radkonzepten für die Verkehrswende, oder mit solidarischer Landwirtschaft für die Agrarwende.

"Die Transformation kommt – das ist ja gar nicht mal nur eine ökologische Frage, sondern in den meisten Fällen auch tatsächlich eine Kostenfrage."
Luisa Neubauer

Und die zweite Frage?

Was heißt es für unsere Chancen, dass man vor einigen Jahrzehnten angefangen hat, die Klimakrise parteipolitisch zu interpretieren – also zu einem Thema zu machen, bei dem einige Parteien meinen, sich rausreden zu können und die Verantwortung auf andere zu schieben? Das ist eine demokratische Katastrophe an sich. Um schnell genug zu werden, braucht es Überparteilichkeit in den grundlegenden Fragen. Immerhin: Die Transformation kommt – das ist ja gar nicht mal nur eine ökologische Frage, sondern in den meisten Fällen auch tatsächlich eine Kostenfrage.

Warum?

Es ist unbezahlbar, die fossilen Systeme weiter so zu befeuern und unsere Lebensgrundlage zu zerstören, als hätten wir fünf weitere Planeten. Deswegen sind die entscheidenden Fragen für uns: Kommt die Wende schnell genug und kommt sie gerecht genug? Das Problem ist, dass langsamer Klimaschutz nicht aufgehen wird.

Weil langsamer Klimaschutz die Krise weiter beschleunigt?

Die Klimakrise eskaliert täglich – wenn wir auf einem reißenden Fluss langsam nach vorn rudern, und das auch nur, wenn wir gerade Lust dazu haben, dann werden wir trotzdem nach hinten gerissen. Wenn wir nicht schnell Klimaschutzmaßnahmen umsetzen, machen wir Rückschritte. Und dabei geht es in meinen Augen nicht um Mehrheiten – die Mehrheit spricht sich für Klimaschutzmaßnahmen aus und die Mehrheit der Menschen ist auch bereit, selbst zu verzichten. Die Frage ist, ob man den Mut hat, die Menschen für die Feststellung zu begeistern, dass der Status Quo eine Zumutung ist und dass der Wohlstand gerechter unter uns allen verteilt sein könnte und wir ganz generell in einer besseren, gerechteren Welt leben könnten. Und mit diesem Mut – mit dem politischen und gesellschaftlichen – steht und fällt ganz, ganz viel.

"Die Regierung muss sich trauen, den Leuten zu erklären, dass unweigerlich große Veränderungen kommen. "
Luisa Neubauer

Nimmst du diesen Mut denn schon wahr?

In der Gesellschaft sehr – da sehe ich überall Menschen, die anfangen, eine Zukunft aufzubauen, die gerechter, schöner und lebensbejahender ist und für unsere globale Verantwortung eintreten. Mit Blick auf die Regierung mache ich mir große Sorgen: Der fossile Backlash ist real und er ist da: neue LNG-Terminals, neue Autobahnen, neue Öl-Bohrungen. Dabei bräuchten wir Erneuerbare, Wasserstoff, Isolierungen, Tempolimits und eine Ehrlichkeit darüber, dass wir ernsthaft Energie einsparen müssen. Solidarität mit der Ukraine geht auch klimagerecht – wenn man will.

Agieren die Politikerinnen und Politiker aus Angst davor so vorsichtig, dass sie abgewählt werden?

Angst ist ein großes Wort und ich glaube, da muss man die Regierung selbst fragen. Aber offensichtlich fehlt der Regierung der Mut, das zu tun, was notwendig ist und die Menschen so für diese notwendigen Veränderungen zu begeistern, dass die Regierung eben nicht fürchten muss, in drei, vier Jahren für "zu viel Klimaschutz" abgewählt zu werden. Und das ist dramatisch, gerade weil sich die Regierung unter der Prämisse der Zukunftsgewandtheit und der Krisenbewältigung hat wählen lassen. Stattdessen sieht man jetzt, wie sie in alten Mustern verharrt und Stück für Stück die Klimaziele aufgibt. Das geht auch anders – aber die Regierung muss sich trauen, den Leuten zu erklären, dass unweigerlich große Veränderungen kommen. Entweder durch uns, weil wir uns schützen. Oder durch die ungebremste Klimakatastrophe und all ihre vor- und nachgelagerten Krisen.

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