Abgase von einem Auto zeichnen sich ab vor der untergehenden Sonne in Berlin, 11.01.2022. Copyright: Florian Gaertner/photothek.de
In Luxemburg treffen sich die EU-Umweltminister, um über das Verbrenner-Verbot ab 2035 abzustimmen. Bild: PHOTOTHEK / Florian Gaertner
watson antwortet

Verbrenner-Aus ab 2035: Was in Deutschland dafür passieren muss – und welche Vorteile sich daraus ergeben

29.06.2022, 09:2429.06.2022, 09:26

Die EU-Kommission will es, das Europaparlament ebenfalls: Ein Aus für Autos mit Verbrennermotoren ab 2035. Dieses würde Autohersteller zwingen, den Kohlendioxidausstoß ihrer Neuwagen bis 2035 um 100 Prozent zu senken. Sprich: Neuverkaufte Autos dürften fortan kein CO2 mehr ausstoßen. Doch kurz vor einem wichtigen EU-Ministertreffen herrscht Unsicherheit, ob es eine Mehrheit für den Vorschlag gibt.

Noch im März schien klar: Die Bundesregierung unterstützt ein Verbrenner-Verbot. Doch vor wenigen Wochen änderte die FDP ihre Meinung – und forderte, Verbrenner auch weiterhin zuzulassen, wenn sie mit synthetischen Kraftstoffen, sogenannten E-Fuels, betankt werden. SPD und Grüne lehnen das eigentlich ab, einem Bericht der Welt zufolge würde die Ampel einem solchen Kompromiss nun aber doch zustimmen. Ob dieser Vorschlag aber die Zustimmung der anderen EU-Länder finden wird, ist noch unklar.

Welche Konsequenzen hätte ein Verbrenner-Verbot ab 2035, positiv wie negativ? Watson hat mit drei Mobilitätsexperten gesprochen.

Was sind die Konsequenzen für die Umwelt?

"Die Umwelt wäre sauberer und die Städte würden eine höhere Lebensqualität aufweisen", sagt Stefan Carsten, Experte für die Zukunft der Mobilität gegenüber watson. Allerdings bringe ein Verbrenner-Aus lediglich eine "Antriebswende", nicht aber eine Mobilitätswende mit sich. Zudem würde es zahlreiche neue Wettbewerber auf den Markt schwemmen, was auch der Grund dafür sei, dass sich die deutschen Autobauer – von VW abgesehen – so sehr dagegen sträuben, wie Carsten erklärt. "Natürlich haben sie diesen wichtigen Trend verschlafen und messen darüber hinaus den Anstrengungen der Gesellschaft in Richtung Nachhaltigkeit keine Bedeutung zu."

Carsten bezeichnet die Debatte über das Verbrenner-Aus in Deutschland als "vollkommen irrelevant".

Gegenüber watson sagt er:

"Nahezu jedes Land in Europa und noch viel mehr Städte haben das Verbrenner-Aus bereits verabschiedet und zwar zum Teil deutlich früher als 2035. Gleiches planen China und die USA. Die deutsche Automobilindustrie würde durch ein deutsches Nein nur noch weiter vom Wettbewerb abgehängt werden. Einen Markt für Verbrenner wird es schon sehr bald nicht mehr geben: Wer kauft schon rückständige, dreckige Technologie?"
Dichter Verkehr auf der Bundesstrasse 17, B 17, bei Augsburg am 05.02.2022. Allgemeines Bild. Symbolfoto. Wischer. Zoomeffekt.
Beim Verbrenner-Aus bildet Deutschland eines der Rücklichter – zahlreiche Länder und noch mehr Städte seien der Republik voraus.Bild: Jens Niering / Jens Niering

Auch der Verkehrswissenschaftler Giulio Mattioli bestätigt die Wichtigkeit eines Verbrenner-Verbots bis 2035, um das eigentliche Ziel der EU, bis 2050 klimaneutral zu sein, zu erreichen: "Sind die Autos erst einmal verkauft, bleiben sie zwischen zehn bis 20 Jahren auf der Straße, was bedeutet, dass sie auch 2050 noch da sind", so Mattioli gegenüber watson. Das Verbrenner-Aus bis 2035 bietet der EU demnach überhaupt erst die Möglichkeit, ihre Ziele der Klimaneutralität zu erreichen.

Für den Umweltexperten Axel Friedrich kommt ein Verbrenner-Aus im Jahr 2035 bereits zu spät, denn Deutschland wolle bis 2045 klimaneutral sein. Wenn 2035 also die letzten Verbrenner-Autos zugelassen werden, fahren diese auch noch nach 2045 auf der Straße. "Je früher man umstellt, desto einfacher wird es", sagt Friedrich. Das Ende für Verbrenner hätte schon 2030 erfolgen sollen, doch man habe zu lange gewartet und jetzt werde es knapp mit der Ladeinfrastruktur und der Energieversorgung.

3 wesentliche Konsequenzen, die sich aus dem Verbrenner-Aus ergeben

Jacob Rohm, Referent für klimafreundliche Mobilität bei der Nichtregierungsorganisation Germanwatch, sieht ein Verbrenner-Aus bis 2035 positiv. Es gebe vor allem drei wesentliche Konsequenzen.

1. Klimaschutz

"Das Aus für Verbrenner wird einen wesentlichen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Der Transportsektor ist bisher der größte Problemsektor: Allein in Europa sind Autos für zwölf Prozent der Klima-Emissionen verantwortlich."

2. Gesundheit

"Wenn der Verbrenner abgeschafft wird, wird sich auch die Luftqualität in den Städten verbessern. Gleichzeitig würde es der sozialen Ungerechtigkeit entgegenwirken. Menschen, die es sich nur leisten können, an viel befahrenen Straßen zu wohnen, sind momentan stark gesundheitlich benachteiligt. Beispielsweise auch durch die Lärmbelastung."

3. Wirtschaft

"Ein Verbrenner-Aus würde unsere Abhängigkeit von Öl reduzieren und wir müssten nicht mehr autoritäre Regime weltweit unterstützen. Der Transportbereich in Europa verbraucht 65 Prozent des Öls. Zudem gibt es der Autoindustrie Planungssicherheit, wenn jetzt sicher ist, dass auf Elektromobilität umgestellt werden muss. Das wiederum ermöglicht günstigere Preise bei den E-Autos."

Was muss bis 2035 passieren, um das Verbrenner-Aus zu ermöglichen?

Dass es für das Verbrenner-Aus, die sogenannte "Antriebswende", vor allem Ladesäulen und Investitionen in die Batterieforschung und -technologie brauche, darin sind sich der Verkehrswissenschaftler Giulio Mattioli und der Mobilitätsexperte Stefan Carsten einig.

Carsten betont aber vor allem die Wichtigkeit einer generellen Mobilitätswende – sprich: neue Raumkonzepte, also den Rückbau von Straßen und dafür einen Ausbau von Rad-, Fußgänger und ÖPNV-Strukturen. "Es braucht einen modernen ÖPNV, der sowohl private als auch öffentliche Angebote integriert und dies zu Preisen, die eher etwas mit dem 9-Euro-Ticket, als den tradierten Preisen zu tun haben", bekräftigt er gegenüber watson. Erst die Mobilitätswende werde zu einer drastischen Verbesserung der Lebensqualität in Städten und Regionen führen und damit zu neuen Investitionen in diese.

Eine weitere Notwendigkeit auf dem Weg zum Verbrenner-Aus sei Verkehrsforscher Mattioli zufolge aber auch eine angemessene Besteuerung der Fahrzeuge – je nachdem, wie hoch der CO2-Ausstoß pro Kilometer sei. "Hier hat Deutschland noch eine Menge aufzuholen", so Mattioli.

Mehr Verkehr auf die Schienen bringen

"Der Kern ist die Verlagerung des Verkehrs auf die Schiene. Das ist die klimafreundlichste Lösung", sagt Mobilitätsexperte Jacob Rohm von Germanwatch. Dafür brauche es zunächst Infrastrukturinvestitionen, sowohl beim Personen- als auch beim Frachtverkehr auf der Schiene. "Die Bahn wurde in Deutschland in den letzten Jahrzehnten, das kann man so sagen, kaputtgespart", kritisiert Rohm. Es brauche regelmäßige, jährliche Investitionen in die Bahn, auch in die Planung und Verwaltung, von circa drei bis vier Milliarden Euro. "Ein getakteter Fahrplan würde die Bahn für die Bürgerinnen und Bürger attraktiver machen."

Flatrate-Angebote wie das 9-Euro-Ticket bieten Anreize, öffentliche Verkehrsmittel auszuprobieren.
Flatrate-Angebote wie das 9-Euro-Ticket bieten Anreize, öffentliche Verkehrsmittel auszuprobieren.Bild: dpa / Frank Rumpenhorst

Eine sinnvolle Planung sei essenziell, betont Rohm: "Bei der Verbesserung der Bahn braucht es vor allem kluge Erweiterungen statt Großprojekte." Es brauche kein neues Stuttgart 21, sondern unprätentiöse Dinge wie Überholgleise. Zudem müsse die Digitalisierung der Schiene weiter vorangebracht werden.

Wahlfreiheit im ländlichen Raum

"Wenn man im ländlichen Raum vom Zwang zum Auto wegkäme: Das wäre eine wirklich liberale Verkehrspolitik." Die Taktung der öffentlichen Verkehrsmittel müsse auch auf dem Land erhöht werden, sodass Leute die Wahl haben, wie sie mobil sind. Allgemein müsse der Zugverkehr internationaler gedacht werden. Es würde demnach helfen, Kompetenzen von der nationalen auf die europäische Ebene zu verlagern.

Laut dem Umweltexperten Friedrich brauche es eine völlig neue Gesetzgebung, "denn unser Gesetzesrahmen ist uralt. Darin müssen Ziele festgelegt sein, an denen es momentan noch fehle. Und die gehen über den Klimaschutz hinaus: "Es geht um Luftbelastung, Lärmbelastung, Flächenverbrauch, soziale Gerechtigkeit und Biodiversität."

Shift im Fokus: Menschen im Mittelpunkt der Mobilität statt Autos

"Die Städte der Zukunft sind nachhaltig, gesund und inklusiv", sagt Mobilitätsexperte Stefan Carsten. Es handele um integrierte Lebens- und Mobilitätsräume – "es gibt also keine monofunktionalen Gebiete mehr". Das bedeutet, dass sich an jedem Ort nahezu alles befindet: Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Erholung, Bildung, Verwaltung.

"Von diesem Leitbild der Stadt sind wir in Deutschland jedoch weit, weit entfernt", erklärt Carsten. Nur einige wenige Städte hätten verstanden, dass die Prinzipien der Wissensgesellschaft auf anderen Städten und Mobilitätsformen beruhen als die industrielle Stadt, in deren Denkmustern noch viele Akteure feststecken würden.

"Tatsächlich besteht sogar das Risiko, dass Fußwege und weitere jetzt noch freie Räume der neuen Ladeinfrastruktur zum Opfer fallen. Das wäre kontraproduktiv und muss unbedingt verhindert werden."
Giulio Mattioliverkehrswissenschaftler

Auch Giulio Mattioli befürwortet einen Shift im Fokus – weg vom Auto, hin zum Menschen. "Das wäre sogar nötig, um die Emissionsziele auch tatsächlich einzuhalten", sagt er. Ob das Verbrenner-Aus aber tatsächlich zu einer Verkehrswende beitrage, vermag Mattioli nicht zu sagen. "Tatsächlich besteht sogar das Risiko, dass Fußwege und weitere jetzt noch freie Räume der neuen Ladeinfrastruktur zum Opfer fallen. Das wäre kontraproduktiv und muss unbedingt verhindert werden."

Wie wollen wir leben?

Laut dem Mobilitätsexperten Jacob Rohm gehe um die Frage: "Wie wollen wir leben? Soll der öffentliche Raum ein Parkplatz sein, oder ein Raum, an dem man in Ruhe ins Café gehen kann, in dem Kinder spielen oder man Sport treiben kann?" Grundsätzlich solle es den Menschen leicht gemacht werden, auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen. Dafür müssten sie meist jedoch erst erleben, dass es möglich ist, anders und sogar besser von A nach B zu kommen. Ein guter Schritt in diese Richtung seien Flatrate-Angebote wie das 9-Euro-Ticket.

Auch Axel Friedrich plädiert für eine Veränderung der Stadtplanung: "Wem gehört der Platz? Eindeutig nicht dem Auto." In der Stadt müsse man umdenken und die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen, Rad- und Fußverkehr stärken. "Der Fußverkehr ist heutzutage das Stiefkind der politischen Entscheider", so Friedrich. An vielen Stellen sei der Fußweg unterbrochen oder zu eng. Die Wartezeiten an Ampeln für Fußgänger seien erheblich.

"Wir waren das Vorbild für die falsche Entwicklung. Jetzt müssen wir Vorbild für die richtige Entwicklung sein."
Axel Friedrichumweltexperte

Eines der Hauptprobleme sieht Friedrich damit bei den politischen Entscheidungsträgern selbst. Diese seien"über 50, männlich, nicht behindert und Autofahrer. Zum Glück ist die Mehrheit der Menschen anders." Die Politik werde derzeit also nicht für die Mehrheit gemacht, sondern für die Entscheider, die Autofahren wollen. In Europa müsse Deutschland nun eine positive Vorreiterrolle einnehmen: "Wir waren das Vorbild für die falsche Entwicklung. Jetzt müssen wir Vorbild für die richtige Entwicklung sein."

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