Unsere Autorin versucht, die Ernährung ihres Hundes mit ihren eigenen Überzeugungen zu vereinen.
Unsere Autorin versucht, die Ernährung ihres Hundes mit ihren eigenen Überzeugungen zu vereinen.
Bild: iStockphoto / manushot
watson-Kolumne

Veganerin: Ich würde niemals Fleisch essen – ist es okay, meinen Hund damit zu füttern?

"As vegan as possible" – die watson-Kolumne zu vegetarischem und veganem Leben
24.02.2021, 18:22
theresa schwab

Als meine erste Vegan-Phase begann, hatten wir bereits einen Hund. Einen Magyar-Vizsla, einen Jagdhund, der inzwischen etwa 35 Kilo wiegt. Damals konnte ich auch meinen Mann von meiner neuen Ernährungsweise überzeugen, sodass wir eine Zeit lang zu Hause größtenteils vegan lebten. Der Hund fraß weiterhin Trockenfutter, das Fleisch enthielt, aber nicht danach aussah, weil es in schöne Vierecke gepresst wurde. Ab und zu bekam er zusätzlich etwas Frisches, zum Beispiel einen Knochen oder Hühnchenschenkel.

Und plötzlich hatten wir ein Problem: Sollten wir dem Hund jetzt das billigste Fleisch aus der Kühltheke kaufen, weil es eben nur ein Hund ist, oder sollten wir das Fleisch von einem Demeter-Hof in unserer Nähe holen, um nicht Massentierhaltung, Tierquälerei und all das zu unterstützen, weshalb wir selbst darauf verzichteten?

Die Reste vom Schlachter – mehr Ärger als Gewinn

Es kam uns verrückt vor, teures Geld für beste Fleischwaren zu bezahlen, die eigentlich für Menschen gedacht waren, die einen gewissen Anspruch an die Herkunft ihres Fleisches stellten. Also riefen wir direkt beim Hof an und fragten nach, ob es beim nächsten Schlachten Reste gäbe, die wir unserem Hund verfüttern könnten.

"Ich fragte mich, ob man einen Hund nicht auch komplett vegan ernähren könnte? Auf keinen Fall, meinte mein Mann. Der Hund braucht die Energie des Fleischs."

Als es so weit war, bekamen wir eine riesige Tüte in die Hand gedrückt. Ihr Inhalt: Blättermagen, der stellenweise noch Futter enthielt, eben Gras, das die Kuh zuletzt gefressen hatte. Es stank bestialisch und dauerte Stunden, um dieses riesige Organ mit einem Messer im Garten zu zerlegen. Wir füllten die einzelnen Teile in Gefrierbeutel und froren sie ein. Die Ausbeute war – für diesen Aufwand – ziemlich gering. Es reichte ein paar Wochen, dann standen wir wieder vor dem gleichen Problem.

Und ich fragte mich, ob man einen Hund nicht auch komplett vegan ernähren könnte? Auf keinen Fall, meinte mein Mann. Der Hund braucht die Energie des Fleischs. Und so dachte ich darüber nach, ob sich ein Veganer erst gar keinen Hund anschaffen sollte, weil das komplett inkonsequent wäre. Doch der Hund war eben schon da, bevor ich mich überhaupt mit diesem Thema beschäftigte.

Expertenmeinungen zur veganen Hunde-Ernährung

Ich fing an zu recherchieren. Darüber, wie Tierfutter eigentlich entsteht und was Experten zu einer veganen Hunde-Ernährung sagen. Hundefutter enthält Fleisch, also Muskulatur, sowie tierische Nebenerzeugnisse wie Leber, Herz und Pansen, Schlund, Lunge und Gurgel – im besten Fall. Zu Nebenerzeugnissen zählen auch minderwertige Abfallprodukte wie Krallen, Schnäbel und Federn. Für die Fleischindustrie ist die Entsorgung ihrer Schlachtabfälle ein willkommener Zug.

bild: emmy lupin studio
Über die Autorin
As vegan as possible – das beschreibt Theresa Schwab am besten. In ihrer Kolumne berichtet die freie Journalistin über positive Erkenntnisse, über Anstrengungen und darüber, warum es okay ist, manchmal im Alltag an einem nicht-tierischen Lebensstil zu scheitern.

Da sich die Qualität des Futters in der Zusammensetzung der Inhaltsstoffe stark unterscheidet, stellt sich dem Hundebesitzer wieder eine moralische Frage: Kaufe ich Hundefutter, das größtenteils minderwertigere tierische Nebenerzeugnisse enthält, da ein geschlachtetes Tier somit wenigstens komplett verwertet wird? Oder setze ich auf ein gesünderes Hundefutter aus Frischfleisch, wodurch die Fleischindustrie weiter angekurbelt wird? Oder eben ganz anders: Wie sieht es mit komplett veganer Hunde-Ernährung aus?

"Hunde benötigen keine gewissen Lebensmittel, sondern gewisse Nährstoffe."

Der Ernährungswissenschaftler Niko Rittenau gibt in einem YouTube-Video wissenschaftlich fundierte Antworten. Die wichtigste Erkenntnis, auch wenn das Gebiss und der Verdauungstrakt eines Hundes klar ersichtlich für den Fleischverzehr ausgelegt sind? „Hunde benötigen keine gewissen Lebensmittel, sondern gewisse Nährstoffe.“ Rittenau erklärt, ein Hund habe Bedarf nach Protein, jedoch nicht nach Fleisch per se, sondern nach gewissen Bausteinen des Proteins, sogenannte Aminosäuren. Und diese könnten durch Pflanzen genauso wie durch synthetische Herstellung gefüttert werden.

Studien belegen: Vegane Ernährung beim Hund ist unbedenklich

Wie veganes Futtermittel wird auch herkömmliches Hundefutter mit zusätzlichen Vitaminen und Spurenelementen angereichert. Wissenschaftliche Studien haben deutlich gezeigt, dass sich die Blutwerte eines veganen Hundes nicht von einem fleischfressenden Hund unterscheiden. Und sogar die tierärztliche Vereinigung für Tierschutz und der Deutsche Tierschutzband äußern sich: Eine vegane Ernährung von gesunden, ausgewachsenen Hunden sei nach bisherigen Erkenntnissen ohne erkennbare Schäden tolerierbar.

Rittenau bringt durch unterschiedliche wissenschaftliche Quellen spannende Fakten ans Licht. So war mir bislang nicht bewusst, dass Hunde ein bestimmtes Enzym besitzen, das in einer vergleichbaren Ausprägung bisher bei Pflanzenfressern wie Hasen und Kühen oder Allesfressern wie der Ratte gefunden wurde, jedoch nie bei Fleischfressern. Und nun?

Wie so oft finden wir einen Kompromiss. Das Trockenfutter, das Fleisch enthält, wurde um die Hälfte reduziert. Jetzt bekommt unser Hund Veggie-Futter daruntergemischt. Das gibts von unterschiedlichen Herstellern und enthält alle wichtigen Nährstoffe, die ein ausgewachsener Hund benötigt. Frischfleisch bekommt er nach wie vor immer mal wieder, meistens vom Metzger. Dann fragen wir gezielt nach Knochen oder Innereien für den Hund. Nicht die Lösung, die ich mir wünschen würde, aber ich kann vorerst damit leben.

Unser Hund selbst ist definitiv noch nicht auf dem Vegan-Trip. Ist das Fleischfutter mal leer, frisst er lustlos die Veggie-Variante – mit vorwurfsvollem Blick, wie ich mir einbilde. Er sollte bei der nächsten Vegan-Doku einfach besser aufpassen, statt wieder vor dem Sofa einzuschlafen.

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