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"Die Mannschaft" scheint wieder eine Mannschaft zu sein. bild: imago images/sven simon

Analyse

Wie das vermeintliche Krisenjahr 2019 die Nationalelf stärker gemacht hat

Ein ungefährdeter 4:0-Sieg gegen Weißrussland, ein zeitgleicher 0:0-Ausrutscher der Niederlande in Nordirland, und fertig war die EM-Qualifikation der deutschen Nationalmannschaft. Jetzt ist sogar der Gruppensieg plötzlich zum Greifen nahe, den viele schon längst abgeschrieben hatten. Mit einem Sieg am Dienstag (20.45 Uhr/RTL) gegen die Nordiren schließt Deutschland die Qualifikationsgruppe als Tabellenerster ab.

Für Bundestrainer Jogi Löw und Co. käme das fast schon einer Genugtuung gleich. Denn in Deutschland einig Meckerland, prasselt seit Monaten eigentlich nur Negatives aufs DFB-Team ein. Ja, es war irgendwie ein Seuchenjahr für die Nationalelf, wegen vieler Kleinigkeiten hat sie bei vielen Sympathiepunkte verloren: Ein Umbruch, der sich schwieriger gestaltete als geplant. Die Ausbootung der Weltmeister Hummels, Müller und Boateng. Der Abstieg aus der Nations League. Die Vorwürfe lauten dabei: Keine Fannähe, keine Stimmung, viele übervermarktete Grottenkicks, viel gähnende Mittelmäßigkeit.

Aber muss man dieses Jahr jetzt als Maßstab für das kommende EM-Jahr nehmen?

Löw arbeitete mit seinem Team unter schwierigsten Rahmenbedingungen, vor allem die vielen verletzten Stammspieler machten den Neustart nach der auf allen Ebenen erfolglosen WM 2018 knifflig. "Es war nicht einfach dieses Jahr", das weiß auch Löw, wie er nach dem Spiel gegen Weißrussland bei DAZN sagte. Aber: "Wir haben die Ziele erreicht".

14.11.2019, Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf: Fußball: Nationalmannschaft, vor den EM-Qualifikationsspielen gegen Weißrussland und Nordirland, Training: Joachim Löw, Bundestrainer verfolgt das Training in der Merkur Spiel-Arena. Die Mannschaft bereitet sich in Düsseldorf auf das EM-Qualifikationsspiel am 16.11.2019 in Mönchengladbach gegen Weißrussland vor. Foto: Federico Gambarini/dpa - WICHTIGER HINWEIS: Gemäß den Vorgaben der DFL Deutsche Fußball Liga bzw. des DFB Deutscher Fußball-Bund ist es untersagt, in dem Stadion und/oder vom Spiel angefertigte Fotoaufnahmen in Form von Sequenzbildern und/oder videoähnlichen Fotostrecken zu verwerten bzw. verwerten zu lassen. +++ dpa-Bildfunk +++

Jogi Löws junge Mannschaft hat die EM-Quali geschafft. Bild: dpa / Federico Gambarini

Mit dieser Sicherheit des Erreichten geht der Bundestrainer in das letzte Pflichtspiel des Jahres. Es wird das 181. in seiner Ära sein, er ist damit Rekordhalter vor Sepp Herberger. Seit Löws Amtsantritt im August 2006 gewann die Nationalelf 116 Spiele, kam auf 34 Unentschieden und verlor 30-mal. Mit seinem Erfahrungsschatz aus 13 Jahren im Rücken sagte Löw nach dem Weißrussland-Spiel auch ehrlich und geradeaus, was die Bilanz des Jahres betrifft: "Wir müssen noch an ein paar Schrauben drehen, brauchen schon noch in allen Bereichen Konstanz, Kontinuität, Eingespieltheit."

Ja, es läuft gerade noch nicht alles rund im Nationalteam. Die aktuelle Situation ist schwierig, viele nennen sie auch Krise. Doch sie kann eine echte Chance sein für den "kunterbunten Haufen mit richtig geilen Typen", wie Nationalspieler Leon Goretzka "Die Mannschaft", die keiner so nennt, jüngst bezeichnete.

Die Nationalelf fährt als Underdog zur EM 2020

Eine Mannschaft, von der wenig erwartet wird, hat große Chancen, positiv zu überraschen und befreit aufzuspielen. Stichwort: Underdog-Image. Das wissen auch die Spieler.

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Toni Kroos: Taktgeber, Führungsspieler, Orientierungspunkt und zweifacher Torschütze gegen Weißrussland. bild: imago images/sven simon

"Aktuell zählen wir nicht zu den absoluten Favoriten", erklärte Toni Kroos nach dem 4:0-Sieg gegen Weißrussland und fügte dann mutig hinzu: "Aber das heißt ja nichts." Auf der Pressekonferenz am Montag in Frankfurt sprach Kroos davon, dass er fürs Turnier ein gutes Gefühl habe: "Vielleicht sind wir ja dieses mal besser als wir gemacht werden."

Timo Werner sieht das ähnlich: "Es ist, glaube ich, sehr schwer, wenn man die anderen Nationen sieht. Klar schwächeln die auch ein bisschen. Ich glaube es ist noch keine Mannschaft in EM-Form. Das wird sich noch zeigen. Vor der WM wurden wir als Topfavorit gehandelt, da hat's nicht so gut geklappt. Vielleicht wär's gut, wenn wir diesmal nicht als Topfavorit ins Turnier gehen." Werner formulierte das mit der Favoritenrolle sogar etwas forscher als Kroos: "Dann können wir dort vielleicht mehr überraschen und als Underdog den Titel holen."

Viele Verletzte kommen bald ins Team zurück

Die Verletztenliste der Nationalelf ist aktuell lang – und prominent: Marco Reus, Antonio Rüdiger, Leroy Sané, Thilo Kehrer, Kai Havertz, Niklas Süle, Luca Waldschmidt, Kevin Trapp – Julian Draxler ist laut Löw "schmerzfrei".

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Zuversichtlich: Leroy Sané (l.) und Toni Rüdiger. bild: imago images/chai v.d. laage

Bei Spielern wie Süle und Sané dauert der Heilungsprozess jeweils nach Kreuzbandriss noch länger als bei den anderen. Doch, bis auf Niklas Süle, bei dem es knapp werden könnte, geht man bei allen Genannten davon aus, dass es bis zur EM reichen wird. Sie wären für die Nationalelf allesamt gefühlte Neuzugänge, die das Team punktuell verstärkten.

Jogi Löw konnte viel austesten

Es ist ein Team, das derzeit eher einer B-Elf gleicht. Und trotzdem hat diese B-Elf mit bisher nur einer Niederlage die EM-Qualifikation souverän gestaltet. Jogi Löw ist stolz auf seine junge Truppe: "Die junge Mannschaft mit den vielen jungen Spielern, die alle am Anfang ihrer Entwicklung stehen, hat das super gemacht. Das stimmt mich sehr zufrieden."

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Durften sich präsentieren und wertvolle Erfahrungen sammeln, die dem ganzen Team zugute kommen: Leon Goretzka, Robin Koch und Matthias Ginter (v.l.n.r.) bild: Imago images/uwe kraft

Den "Umbruch im Umbruch", wie der Bundestrainer die Situation mit vielen jähen Verletzungsproblemen beschrieb, sollte also eher als Tugend, denn als Not begriffen werden. Dadurch konnte Löw ja erst die von ihm erwähnten jungen Spieler, die für die EM 2020 möglicherweise nicht als Stammkräfte eingeplant sind, ins kalte Wasser werfen, um sie zu entwickeln. Auch wenn diejenigen jungen Nationalspieler sich beim Turnier im kommenden Jahr auf der Bank wiederfinden sollten: Dadurch, dass sie nun schon Spielpraxis im Team sammeln konnten, ist auch die Ersatzbank gestärkt.

Spieler wie Matthias Ginter oder Leon Goretzka, zuvor eher im zweiten Glied, haben dazu jetzt vielleicht auch das Selbstverständnis, Stammspieler zu bleiben. Das heizt den Konkurrenzkampf an.

Neue Führungsspieler haben sich herauskristallisiert

Ginter oder Goretzka und auch Joshua Kimmich konnten sich in der aktuellen Situation außerdem als Führungsspieler hervortun und das Hierarchie-Vakuum hinter Kapitän Manuel Neuer und Toni Kroos füllen.

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Joshua Kimmich vereint drei deutsche Oldschool-Tugenden: Aggressivität, Kampfgeist, Trikot in der Buchse. bild: imago images/sven simon

Auch das hilft der Nationalelf. Das sieht auch Matthias Ginter so: "Wir haben viele junge Spieler dazu bekommen nach der WM 2018, da müssen die erfahreneren vorangehen und Verantwortung übernehmen." Und ihm scheint seine Rolle zu gefallen: "Wie im Verein auch, merke ich, wie gut mir das tut und wie viel Spaß das mir macht", erklärte der Gladbach-Profi bei DAZN.

Manuel Neuer ist ganz der Alte

Unangefochten in der Hierarchie der Nationalelf ist Kapitän Manuel Neuer. Die Formkurve des Weltmeister-Torwarts zeigt seit knapp einem halben Jahr wieder nach oben. Gegen Weißrussland hielt er mit zwei Weltklasseparaden die Null.

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Ruhiger, Jo! Manuel Neuer (l.) hält einen Elfmeter und versucht dann Kimmich zu beruhigen, der komplett ausrastet. bild: Imago images/sven simon

(Und, falls Neuer wider Erwarten doch noch in eine Formtief fallen sollte, gibt es ja immer noch einen gewissen Marc-André ter Stegen, der ebenfalls in die Kategorie "Weltklasse" gehört...)

Die Stimmung ist (wieder?) gut, der Zusammenhalt auch

Was gegen Weißrussland auffiel: Die Spieler jubelten bei den vier Toren laut, befreit und vor allem gemeinsam. In den Augen der Spieler war mindestens ein Hauch Begeisterung zu erkennen. Nach der WM 2018 gab es Berichte über eine Zerrissenheit in der Kabine, über verschiedene Lager im Team. Ist das passé?

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Guck mal, das sieht doch nach Freude und Zusammenhalt aus. bild: imago images/team 2

"Insgesamt versprüht die Mannschaft aktuell eine gute Stimmung – auf und neben dem Platz. Wir haben einen guten Teamgeist", attestierte auch Löw seiner Nationalelf während der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Nordirland. "Die Mannschaft hat Potenzial und Qualität." Natürlich seien England, Spanien, Frankreich, Italien, Belgien schon etwas weiter, sagte er und fasste die Situation ganz gut zusammen: "Diese Mannschaften hatten schon einen Umbruch, zwangsläufig. Die spielen jetzt alle schon seit drei Jahren zusammen. Das ist bei uns im Moment nicht der Fall. Als Favorit sehe ich uns nicht. Allerdings ist klar, dass wir alles versuchen werden, uns gut vorzubereiten, um das Maximum zu erreichen." Was der jungen Mannschaft, die am Anfang ihrer Entwicklung stehe, in Löws Augen dabei nicht helfe, sei eine zu hohe Erwartungshaltung.

Fazit: Es heißt Abwarten und dabei nicht zu viel erwarten. Die Nationalelf scheint wieder zusammengewachsen, hat eine neue Hierarchie entwickelt, in der viele Verantwortung übernehmen. Und die aktuell Verletzten werden diesem "kunterbunten Haufen mit richtig geilen Typen" noch mehr Qualität geben.

Die neu formierte deutsche Underdog-Nationalelf wird in Zukunft noch den ein oder anderen Kritiker überraschen. Während bei der WM 2018 der Druck des Titelverteidigers die Mannschaft lähmte, kann sie bei der EM 2020 als Herausforderer mit hungrigen jungen Spielern befreit aufspielen. Schlechter als ein Vorrunden-Aus oder ein sportlicher Nations-League-Abstieg kann es eh nicht werden...

(as/mit Material von dpa und sid)

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