Die Hertha-Profis nach dem enttäuschenden 1:6 gegen Leipzig.
Die Hertha-Profis nach dem enttäuschenden 1:6 gegen Leipzig.Bild: www.imago-images.de / Sebastian Räppold
Analyse

Bundesliga: Was Fußballspieler im Abstiegskampf laut einem Psychologen beachten sollten

05.03.2022, 13:5705.03.2022, 13:58

Zehn Spiele haben die Bundesliga-Teams noch vor sich, um ihre Saisonziele zu erreichen. Gerade im Abstiegskampf geht es dann heiß her. Der Endspurt entscheidet darüber, ob der eigene Klub auch im kommenden Jahr in der Bundesliga spielt oder in der 2. Liga den Aufstieg anpeilen muss.

Während Greuther Fürth mit neun Punkten Rückstand auf die Nichtabstiegsplätze abgeschlagen Letzter ist, haben andere Teams noch bessere Chancen, um die Liga zu halten. Der VfB Stuttgart (19 Punkte) ist Vorletzter mit vier Punkten Rückstand auf Hertha BSC und den FC Augsburg. Knapp davor liegen Bielefeld (25) und Gladbach (27). Auch Wolfsburg (28) und Bochum (29) sind noch nicht vollends gesichert.

Hinter den Teams, die nun im Tabellenkeller stehen liegt eine wenig erfolgreiche Saison. Alle haben öfter verloren als gewonnen, erfuhren im Laufe des Jahres immer wieder Rückschläge oder mussten Negativserien verarbeiten. Der VfB Stuttgart wartet beispielsweise seit neun Spielen auf einen Sieg, Hertha seit acht Pflichtspielen.

Gegenüber watson erzählt Sportpsychologe René Paasch, dass sich die meisten Spieler bei anhaltendem Misserfolg "mehr auf die eigenen Fehler und die der Mitspieler" konzentrieren. Das begünstige allerdings noch mehr Fehler der Spieler und es entstehe ein Kreislauf, aus dem es sehr schwer sei auszubrechen.

Paasch arbeitete unter anderem im Profi-Fußball beim VfL Bochum und Schalke 04.

Sportpsychologe René Paasch arbeitete schon mit dem VfL Bochum und Schalke 04 zusammen, betreute außerdem auch Olympioniken.
Sportpsychologe René Paasch arbeitete schon mit dem VfL Bochum und Schalke 04 zusammen, betreute außerdem auch Olympioniken.

Gleichzeitig erklärt Paasch, dass es eine doppelte Drucksituation gibt: "Einerseits durch den eigenen Druck, den sie sich machen. Aber natürlich auch den Druck, den sie von außen wahrnehmen." Dazu zählen die Berichte der Medien oder die Reaktionen der Fans von denen sich die Fußballer ablenken lassen.

"Bei jungen Spielern stelle ich sehr oft fest, dass sie die Schuld woanders suchen"
Sportpsychologe René Paasch über junge Spieler im Abstiegskampf

Wie sollte mit den Spielern trainiert werden?

"In der Psychologie unterscheiden wir zwischen lage- und handlungsorientierten Spielern", erklärt Paasch. Die lageorientierten Spieler beschäftigen sich öfter mit den äußeren Einflüssen. "Diese Spieler können den Kopf nicht ausschalten und rufen dadurch auch verminderte Leistungen ab", führt er aus.

Im Gegensatz dazu fokussieren sich handlungsorientierte Spieler auf die Gegenwart und die Momente, die sie beeinflussen können: die eigene Leistung. Paasch hat für lageorientierte Fußballer allerdings eine gute Nachricht: "Es gibt Wege, um lageorientierte Spieler hin zu handlungsorientierten Akteuren zu entwickeln."

Wichtig seien dabei Konzentrationsübungen. Außerdem sollte es den Spielern ermöglicht werden, im Training viele Erfolgserlebnisse zu sammeln.

"Man muss den Spielern bewusst machen, auf welchen Bereich sie Einfluss haben", so Paasch. Das gehe vor allem, indem die Coaches auch Kleinigkeiten hervorheben und ein gutes Zweikampf- oder Pressingverhalten loben würden.

Gleichzeitig müsse sich auch die Einstellung der Profis ändern. Wenn Spieler bei Paasch um Hilfe bitten, falle ihm eine Besonderheit auf: "Sie bleiben bei den drei Fehlern, die sie im Spiel gemacht haben und sehen nicht die 85 Prozent, die sie gut machen."

Welche Rolle spielt das Alter der Spieler?

Während der VfB Stuttgart mit dem jüngsten Kader der Bundesliga (23,7 Jahre) um die Klasse kämpft, stehen Hertha und Augsburg (beide 26,2 Jahre) im unteren Drittel in dieser Statistik. Gladbach und Wolfsburg (beide 25,8 Jahre) befinden sich im Mittelfeld.

Ob daher auch das Alter eine Rolle spielt, kann der Sportpsychologe pauschal nicht beantworten, weil es immer wieder Spieler gebe, die aus einem Raster rausfallen. Allerdings haben seine persönlichen Erfahrungen gezeigt, "dass sich jüngere Spieler viel mehr Gedanken machen, weil sie noch nicht die Erfahrung haben wie ältere."

Markus Weinzierl setzt im Abstiegskampf auf einige Routiniers, will aber auch junge Spieler einsetzen.
Markus Weinzierl setzt im Abstiegskampf auf einige Routiniers, will aber auch junge Spieler einsetzen.Bild: www.imago-images.de / MIS

Das liege auch daran, dass erfahrenere Profis bereits wissen, wie sie im Abstiegskampf handeln müssen. Sie verhalten sich lösungsorientiert. "Bei jungen Spielern stelle ich sehr oft fest, dass sie die Schuld woanders suchen. Sie geben dem Trainer, den Mitspielern oder den Fans die Schuld. Es fehlt ihnen oft die Reflexionsfähigkeit", schildert Paasch seine Eindrücke.

Diese Erkenntnis ist auch bei Augsburg-Trainer Markus Weinzierl angekommen. Vor dem Spiel am Freitag gegen Bielefeld sagte er, dass er Routiniers wie Florian Niederlechner oder Daniel Caligiuri als Anker brauche.

Auf der Pressekonferenz vor dem Spiel erklärte er: "Wir brauchen eine Mischung aus jugendlicher Leichtigkeit und Erfahrung, um dem ganzen psychisch gewachsen zu sein. Die Erfahrung lügt da nicht. Diese Spieler haben es schon des Öfteren im Abstiegskampf bewiesen, dass sie ihre Qualitäten auf den Platz bringen und ihre Nerven im Griff haben."

Wie beeinflusst das Saisonziel die Teams?

Vor dem Saisonstart rufen die Bundesligaklubs immer wieder ihre Ziele aus. Im Falle des VfB Stuttgart und des FC Augsburg war das von vornherein der Kampf gegen den Abstieg. Andere Mannschaften gehen offensiver an die Spielzeit heran oder es wird von ihnen sowieso erwartet, dass sie um die europäischen Plätze spielen. Beste Beispiele dafür sind Gladbach und Wolfsburg.

"Durch die Zielsetzung gibt man den Spielern mit, dass man sowieso nur am Tabellenende stehen wird"
Sportpsychologe René Paasch über die Auswirkung von Zielsetzungen im Abstiegskampf

Für Paasch ist es aus psychologischer Sicht problematisch, wenn ein Verein vor Beginn der Saison das Ziel "Abstieg vermeiden" oder "Klassenerhalt" ausgibt. "Das sind negative Ziele, die eine Vermeidungsstrategie beinhalten", bewertet er. "Durch die Zielsetzung gibt man den Spielern mit, dass man sowieso nur am Tabellenende stehen wird. Das ist nicht sonderlich motivierend."

Gleichzeitig weiß Paasch aber auch, dass oft innerhalb der Mannschaft andere, höhere Ziele formuliert werden als gegenüber den Medien. Das soll den öffentlichen Druck nehmen. "Aber dennoch ist das kommunizierte Ziel nach außen ein Thema innerhalb des Klubs und der Mannschaft. Deshalb muss man überlegen, was man sagt. Ziele wie 'nicht absteigen' oder 'nicht verlieren' verstärken ein unsicheres Verhalten."

Als Lösung nennt Paasch positive Ziele. Beispielsweise ein konkretes Punkteziel, das es zu erreichen gilt oder Wochen- oder Monatsziele könnten langfristig zum Erfolg führen.

Was löst ein Trainerwechsel aus?

In der aktuellen Saison gab es drei Trainerwechsel. Das ist im Vergleich zur Vorsaison noch wenig. Im letzten Jahr gab es zum gleichen Zeitpunkt bereits acht neue Coaches. Dennoch scheint es immer wieder ein Reflex zu sein, den Trainer zu beurlauben und zu ersetzen, wenn die Lage ausweglos scheint.

Beim VfB Stuttgart fährt man einen anderen Weg. Dort halten die Verantwortlichen an Pellegrino Matarazzo fest. Vor der Saison hatte Sportdirektor Sven Mislintat im "Kicker" bereits angekündigt: "Selbst wenn wir absteigen, bleibt Rino unser Trainer."

Sven Mislintat (l.) und Pellegrino Matarazzo halten auch in großer Abstiegsnot zusammen.
Sven Mislintat (l.) und Pellegrino Matarazzo halten auch in großer Abstiegsnot zusammen.Bild: www.imago-images.de / Julia Rahn

Das gängigste Argument für Trainerwechsel ist der neue Impuls der gesetzt wird. Das sieht auch Paasch so: "Nach einem Trainerwechsel kann ein Spieler, der auf der Bank war, sich beweisen und in die erste Elf kommen." Gleichzeitig gebe es eine Anfangseuphorie, weil sich jeder Spieler neu zeigen müsse.

Abschließend erklärt er, dass es am Ende "statistisch erwiesen" sei, "dass ein Trainerwechsel kurzfristig nur wenig nutzt."

Geht es nach dem Sportpsychologen, sei eine Eigenschaft besonders wichtig: Die Fähigkeit, mit Schwierigkeiten umzugehen. Das werde laut Paasch bei den Vereinen oft nicht gelehrt. "Die Spieler müssen in der Lage sein, nach Lösungen zu suchen, um ihre Leistungen zu verbessern." Dann könnte auch der Schritt aus dem Abstiegskampf und zum Klassenerhalt gelingen.

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