Sven Voss ist seit Anfang Februar für das ZDF in Peking und berichtet über die Olympischen Spiele.
Sven Voss ist seit Anfang Februar für das ZDF in Peking und berichtet über die Olympischen Spiele.Bild: www.imago-images.de / Martin Hoffmann Berliner Str.31
Analyse

ZDF-Moderator Sven Voss über die Arbeit in China während Olympia – am Anfang "kam man sich unwillkommen vor"

21.02.2022, 10:17

Nach 16 Tagen enden am Sonntag die Olympischen Winterspiele in Peking. Viel wurde im Voraus darüber diskutiert, ob das Event boykottiert werden müsse, weil der chinesische Staat die Spiele zur eigenen Propaganda missbrauchen könnte. Große Diskussionen gab es um die strengen Einreisebedingungen für Sportler, Sportlerinnen und Journalisten und Journalistinnen rund um Corona.

Im watson-Interview vor seiner Abreise nach Peking sagte ZDF-Moderator Sven Voss, dass das ZDF-Team nicht "als Sportfans" nach Peking fahre, sondern als Journalisten, die über die Themen berichten, die dort eine Rolle spielen. "Das ist in erster Linie der Sport, aber natürlich auch alles, was mit dem Organisatorischen rund um Corona zusammenhängt oder die Themen, die das Land und die Politik betreffen."

Nach fast drei Wochen Aufenthalt in China geht es für Voss nun wieder zurück nach Deutschland. Im Gespräch mit watson verrät der 45-Jährige, wie es wirklich vor Ort ablief, ob das ZDF in der Berichterstattung eingeschränkt wurde oder andere Reaktionen aus China erhielt.

Kuriose Begrüßung bei der Einreise

Schon vor Reisestart hatte Voss aufgrund einer vorherigen Corona-Erkrankung Bedenken gehabt. China fährt eine strengere Strategie als Deutschland, wenn es um den Genesenenstatus geht. Sowohl in China als auch in Deutschland ist der CT-Wert ausschlaggebend. Umso höher er liegt, umso weniger ansteckend ist man. In Deutschland zählt man ab einem Wert von 30 als genesen. In China betrug der Wert lange 40, wurde vor den Spielen aber auf 35 abgesenkt.

"Ich habe schon in Deutschland gehofft, dass ich alle Unterlagen zusammen hatte und dass alle akzeptiert werden und es mit meiner vorangegangenen Corona-Erkrankung keine Probleme gibt", erinnert sich Voss. Die Probleme gab es nicht, allerdings machte er eine andere kuriose Begegnung bei der Ankunft am Flughafen in Peking.

"Das Erste, was man in Peking gesehen hat nach der Landung, waren die komplett in weiß eingekleideten Menschen." Wegen des Corona-Virus seien die Chinesen aus Vorsicht so vermummt gewesen und man habe "nicht einmal ein menschliches Gesicht erkennen" können.

Vollständig in weiß gekleidet wurden die Journalisten von einem Chinesen begrüßt.
Vollständig in weiß gekleidet wurden die Journalisten von einem Chinesen begrüßt.Bild: privat / privat

Nach der Ankunft sollen die Sicherheitschecks am Flughafen insgesamt drei Stunden gedauert haben. Die vorher angegebenen Daten und Gesundheitsdokumente mussten abgeglichen und überprüft werden. Erst danach ging es für Voss mit Bussen weiter zu seinem Einsatzort nach Zhangjiakou, wo er unter anderem vom Skispringen berichten sollte. Die Busfahrt dauerte weitere fünf Stunden.

"In der Zeit wurden zwei Pausen gemacht und es kam erneut ein Mensch völlig in weiß und in Schutzkleidung gekleidet in den Bus, der alle Ausweise und Reisepässe kontrolliert hat", erzählt Voss. Neben der Ankunft haben sich laut des Moderators auch die ersten Tage "seltsam" angefühlt und "man kam sich unwillkommen vor". Nach einigen Tagen seien aber die morgendlichen PCR-Tests und die ständige Desinfizierung zur Routine geworden.

Sämtliche teilnehmende Personen, egal ob Sportlerinnen und Sportler oder Journalisten und Journalistinnen durften keinen Kontakt zur chinesischen Bevölkerung haben. Wegen Corona mussten sich alle in einer geschützten Blase aufhalten und bis 9 Uhr am Morgen täglich einen PCR-Test durchführen lassen. Erst dann ging die Arbeit los.

Sven Voss vor der Skisprungschanze in Zhanjiakou bei den Winterspielen 2022.
Sven Voss vor der Skisprungschanze in Zhanjiakou bei den Winterspielen 2022.Bild: Privat / Privat

Zuschauer und Journalisten wurden voneinander abgeschirmt

Durch die streng einzuhaltende Blase war von vornherein klar, dass es keinen Kontakt zur chinesischen Bevölkerung geben durfte. Voss hatte dennoch die Hoffnung auf solche Begegnungen. "Aus meiner Erfahrung habe ich gedacht, dass es immer mal Lücken gibt, um mit den Menschen vor Ort zu sprechen. Olympia ist immer auch eine Völkerverständigung mit Journalisten, Sportlern oder Freiwilligen aus allen Ländern."

Dieser Wunsch ging allerdings nicht in Erfüllung. Voss erzählt, dass es quasi keine Möglichkeit gegeben habe, mit Zuschauern in den Austausch zu kommen. Die Zuschauer wurden von den Journalisten völlig separiert, "weil die Zuschauer über einen anderen Zugang ins Stadion gekommen sind." Als Beispiel nannte Voss die Eröffnungsfeier, bei der die Journalisten nicht näher als 200 Meter an die Zuschauer herangekommen seien, "sodass es gar keine Möglichkeit gab zu sprechen."

"Es wird viel geschrieben, man spricht darüber und man kann erahnen, wozu der Staat fähig ist."
ZDF-Moderator Sven Voss über die Situation in China

Trotzdem hatte ein ZDF-Team bei einem Biathlon-Wettkampf eine Zuschauerin auf der Tribüne interviewt. Nur wenige Augenblicke nachdem die erste Frage gestellt wurde, kamen Sicherheitsmenschen. "Das wurde sofort unterbunden und ich bin der Meinung, dass wir diese Regeln nicht zu oft brechen sollten."

Das ZDF hatte aber immerhin die Möglichkeit durch die regulären Korrespondenten in Peking die Stimmung in China zu den Winterspielen einzufangen. "Ich habe mir sagen lassen, dass beispielsweise nur fünf Leute vor einem öffentlichen Fernseher standen, als ein Chinese eine Medaille geholt hat", sagt Voss.

ZDF bekam für Berichterstattung Post von der chinesischen Botschaft

Diese und ähnliche kritische Beobachtungen machte das ZDF während der fast dreiwöchigen Spiele und bekam deshalb sogar Post von der chinesischen Botschaft. Im Brief wurde besonders die Kommentierungen zur Eröffnungsfeier kritisiert. Da hatte ZDF-Kommentator Nils Kaben unter anderem Chinas Umgang mit Taiwan und Hongkong bemängelt. Anmerkungen, die der chinesischen Führung offensichtlich nicht gefielen.

"Rein sportlich haben die Spiele gut funktioniert und waren gut organisiert."
ZDF-Moderator Sven Voss zu den Olympischen Spielen in Peking

Auch der Brief der chinesischen Botschaft wird Voss' Gefühle vor Ort beeinflusst haben. Gegenüber watson erzählt er: "Ich empfinde einen subversiven Druck. Es wird viel geschrieben, man spricht darüber und man kann erahnen, wozu der Staat fähig ist. Man hat nie das Gefühl, dass man es hier ausreizen sollte."

Neben den politisch schwierigen Umständen stellt Voss aber auch klar: "Rein sportlich haben die Spiele gut funktioniert und waren gut organisiert. Das haben auch die Athleten und Athletinnen gesagt."

Wortgefecht mit dem Busfahrer

Eine große Beeinträchtigung war allerdings die olympische Blase, aus der sich auch die Journalisten wegen Corona nicht entfernen durften. Voss schätzt ein, dass in der ersten Woche noch die positiven Fälle herausgefiltert wurden, die Corona aus Europa mitgebracht hatten. "Ab der zweiten Woche haben die strengen Vorsichtsmaßnahmen meines Erachtens dann funktioniert."

Seine Wahrnehmung stimmt mit den Zahlen überein. Die positiven Fälle gingen zurück. Zeitweise gab es sogar keine neuen Corona-Infektionen unter den Teilnehmenden in der Blase.

Voss selbst war wohl der Einzige, der die Blase kurzzeitig verlassen hatte – aus Versehen und unwissentlich. "Als wir mit dem Bus stecken geblieben sind, waren wir erst einige hundert Meter vom Hotel entfernt. Ich wollte, dass mich der Busfahrer rauslässt, damit ich zurücklaufen kann."

Der Busfahrer hatte aber die Anordnung, die Fahrgäste nur am Hotel oder am Wettkampfort aussteigen zu lassen. Nachdem Voss etwas "lauter" wurde, öffnete der Fahrer die Tür und Voss ging zu Fuß in Richtung Hotel zurück.

"Allerdings war natürlich eine Polizeisperre zwischen dem Hotel und der Straße, weil wir die Blase verlassen hatten. Ich musste den Polizisten erst erklären, dass ich aus der Olympia-Blase war". Das gelang und der 45-Jährige konnte wieder zurück ins Hotel.

Shaun White feierte in Peking seinen Abschied von den Olympischen Spielen.
Shaun White feierte in Peking seinen Abschied von den Olympischen Spielen.Bild: www.imago-images.de / VCG

Trotz der Einschränkungen stellten die Winterspiele in Peking aber auch eine ganz besondere Begegnung für Voss bereit: "Mein absolutes Highlight war ein Interview mit Snowboarder Shaun White. Das war eine tolle Begegnung." White hatte 2006 bei den Spielen in Turin sein Olympia-Debüt und seine erste Goldmedaille gefeiert. Auch Voss war erstmals 2006 bei Olympia für das ZDF im Einsatz. "Jetzt war es schön mit ihm zu sprechen, weil er bei seinem Olympia-Abschied sehr emotional war."

Für Voss soll es allerdings noch nicht der Abschied gewesen sein. 2024 in Paris und 2026 in Mailand finden Sommer- und Winterspiele wieder in Europa statt. Dann hoffentlich auch ohne Corona-Einschränkungen.

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