Frankfurts Innenverteidiger Martin Hinteregger beendete überraschend seine Karriere.
Frankfurts Innenverteidiger Martin Hinteregger beendete überraschend seine Karriere.Bild: www.imago-images.de / imago images
Bundesliga

Nach Hintereggers Karriereende wegen mentaler Probleme – Sportpsychologe empfiehlt weitere Auseinandersetzung

24.06.2022, 19:2424.06.2022, 19:31

Ruhig und unaufgeregt, im weißen T-Shirt vor einem großen Logo der Frankfurter Eintracht verkündete Martin Hinteregger am Donnerstagnachmittag die Botschaft: Er löst seinen Vertrag in Frankfurt auf und beendet seine Karriere.

Die mediale Unruhe rund um die Geschäftsbeziehungen zum als rechtsextrem geltenden FPÖ-Gemeinderat Heinrich Sickl sprach er in diesem Zusammenhang nicht als Grund für sein Karriereende an. Vielmehr erklärte er seinen Entschluss so: "Als ich im Herbst einige Spiele nicht gespielt habe, bin ich morgens aufgestanden und habe gespürt, wie schön das Leben ist, wenn man keinen Druck hat."

Martin Hinteregger: Karriereende als Ausweg

Zusätzlich sollen sich für ihn die Siege nicht mehr "richtig" angefühlt haben, "dafür war eine Niederlage doppelt und dreifach so schlimm."

Diese Aussagen lassen schließen: Mental und psychisch war es für Hinteregger vermutlich das Beste, seine Karriere zu beenden. Das sieht auch Sportpsychologe René Paasch so und ordnet gegenüber watson ein: "Er beschreibt seine Wahrnehmung so, weil seine Welt zerrüttet ist. Er hätte am Umgang mit Druck und Stress arbeiten müssen. Ich weiß allerdings nicht, ob er es nicht doch versucht hat."

Vielmehr sei es laut Paasch normal, dass durch mentale Überlastungen Erfolge nicht wahrgenommen werden und "die Niederlagen umso heftiger wirken." Die einzige Lösung, die der Sportpsychologe sieht, der schon bei Schalke 04 und dem VfL Bochum gearbeitet hat, lautet: Verarbeitung. Nur so könne Hinteregger langfristig mit den Problemen klarkommen.

Den überraschenden und auch sehr konsequenten Schritt, die Karriere zu beenden, kennt Paasch auch aus anderen Beispielen: "Menschen haben einen Rucksack auf, den sie dann impulsiv ablegen wollen in der Hoffnung, dass die mentalen Probleme dann aufhören. Hinteregger muss sich aber auch mit den Problemen auseinandersetzen."

Für Paasch sei klar, dass das Karriereende "sicherlich eine Entlastung für Hinteregger" sein wird. Es könne aber nur der erste Schritt zu einer langen Auseinandersetzung mit den Problemen durch Druck und Stress von außen sein. "Er muss daran arbeiten, mit Druck und Stress umzugehen, sonst werden in seinem weiteren Leben immer wieder neue Trigger auftauchen, die ähnliche Gefühle auslösen können."

Neben seinem Karriereende sprach Hinteregger erneut über seine Äußerungen und die Zusammenarbeit mit dem FPÖ-Politiker Heinrich Sickl, der bei der Organsiation des "Hinti-Cup" involviert war. Hinteregger nahm Abstand, sprach von "unbedachten Worten" und distanzierte sich klar von rechtem Gedankengut.

"So eine extreme öffentliche Kritik verstärkt die mentalen Probleme noch einmal. Unabhängig aus welchem Grund die Kritik entsteht"
René Paasch über die Auswirkung von zu heftiger öffentlicher Kritik auf Menschen mit mentalen Problemen

Sportpsychologe Paasch weiß aus seiner Arbeitserfahrung, dass starke Kritik in der Öffentlichkeit einen erheblichen Einfluss auf Menschen mit Problemen bei Druck und Stress haben kann: "So eine extreme öffentliche Kritik verstärkt die mentalen Probleme noch einmal. Unabhängig aus welchem Grund die Kritik entsteht, wird die Überforderung noch präsenter und man hat Angst, dass man sein Ansehen verliert."

Eine gängige Reaktion wäre dann, dass die Menschen noch überforderter sind und Entscheidungen im Affekt treffen – wie beispielsweise die Karriere zu beenden.

Grundsätzlich befürwortet Paasch allerdings jeden Sportler, der offen über mentale Probleme spricht: "Es ist gut, dass es immer mehr Spieler am Ende ihrer Karriere gibt, die über mentale Probleme sprechen. Wir müssen aber auch dahin kommen, dass Spieler in ihrer aktiven Zeit darüber reden."

Laut Paasch seien besonders die aktiven Sportler dafür wichtig, dass sich die Vereine nachhaltig in diesem Feld gut aufstellen. "Einige Klubs machen das schon, aber es gibt da noch immer Verbesserungspotential", stellt Paasch fest.

Entlastungen nötig für gutes Wohlbefinden

Die möglichen Verbesserungen wird Hinteregger im Profi-Geschäft nicht mehr mitbekommen. Allerdings hat er auch in seinem Abschiedsinterview auf den Medien-Kanälen von Eintracht Frankfurt angekündigt, wie er seine Zukunft plant: "Erstmal werde ich die nächsten Tage und Wochen komplett abschalten und die Entscheidung in mir reifen lassen. Es ist viel Ballast von mir abgefallen und ich bin happy, dass es genau so gekommen ist, wie es gekommen ist. Es wäre wirklich sehr, sehr schwer weitergegangen."

Und auch der Eintracht wird Hinteregger verbunden sein. Er kündete bereits an, oft im Stadion zu sein und auch zu manchen Auswärtsfahrten zu fahren.

Hinteregger wird demnach in nächster Zeit einen Gang runter schalten. Das empfiehlt Paasch auch grundsätzlich der Gesellschaft: "Statistisch nehmen psychische Erkrankungen immer weiter zu. Daher müssen wir als Gesellschaft darauf achten, dass jeder Mensch auch Entlastung erfährt und nicht nur die Leistung zählt, sondern der Mensch an sich." Das müsse sowohl für die Gesellschaft, als auch für den Leistungssport gelten.

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