dpatopbilder - 08.12.2020, Sachsen, Leipzig: Philipp Lahm, Gesch

Philipp Lahm fordert mehr Solidarität mit homosexuellen Menschen im Fußball. Bild: dpa / Sebastian Willnow

"Wer würde das aushalten?": Philipp Lahm äußert sich über Coming-outs von Fußballern

Im Magazin "11 Freunde" bekunden gerade mehr als 800 Fußballspielerinnen und -Spieler ihre Solidarität mit homosexuellem Kollegen bei einem möglichen Coming Out – Ex-Fußball Nationalspieler Philipp Lahm zeichnet derweil ein düsteres Bild über den Umgang mit Homosexualität im Fußball. In seinem neuen Buch "Das Spiel: Die Welt des Fußballs" rät er aktiven Fußballspielern von einem Coming-out ab. "Ich würde es mir wünschen, dass die Gesellschaft ganz normal, so wie es sein sollte, auf Homosexualität im Profifußball reagiert", sagt er der "Bild"- Zeitung.

In seinem Buch erklärt Lahm, was er einem Spieler sagen würde, der sich outen möchte:

"Die Verantwortung wäre mir zu groß. Wenn er so etwas planen und mir davon erzählen sollte, würde ich ihm empfehlen, sich sehr intensiv mit seinen engsten Vertrauten zu beraten und sich selbst ehrlich Rechenschaft zu geben über seine Beweggründe für diesen Schritt. Aber ich würde ihm nicht einmal raten, sich mit seinen Mitspielern im eigenen Club über dieses Thema zu unterhalten. Die Frage müsste ein Spieler vielmehr für seine Situation ganz genau mit einem professionellen Umfeld analysieren, und er müsste eine klare Strategie dafür haben, was danach geschehen wird."

Das Magazin "11 Freunde" unterstützt offenen Umgang mit Homosexualität im Fußball

Er fügt hinzu, dass es Städte und Vereine gibt, in denen ein Coming-out eher möglich wäre, beispielsweise Berlin, St. Pauli oder Freiburg. Er bezweifelt aber, dass man in der Bundesliga "halbwegs unbeschadet" davonkommen würde.

Philipp Köster, der Chefredakteur von "11 Freunde", veröffentlichte auf Twitter hingegen das Cover der neuen Ausgabe. Darauf sind Fußballer mit Schildern abgebildet, die Nachricht: "Ihr könnt auf uns zählen". Dazu schreibt der Journalist: "Über 800 Spielerinnen und Spieler der deutschen Profiligen stärken homosexuellen Profis den Rücken." Die Aktion folgt auf die "#Actout"-Initiative, bei der sich 185 Schauspieler gleichzeitig geoutet haben.

Beleidigungen queerer Spieler seien im Stadion salonfähig, so Lahm

Weltmeister Lahm hat weniger Verständnis während seiner Fußballkarriere erlebt. "Es mag sein, dass ein Sportler die nötige Reife dafür hat und – wenn er viel Glück hat – auch auf die nötige Toleranz in seinem unmittelbaren sportlichen Umfeld stößt. Aber er wird nicht mit der gleichen Reife bei allen Gegnern im Sport und ganz sicher nicht in allen Stadien rechnen dürfen, in denen er antritt", schreibt er.

Er sagt, dass es auch unter Fußballfans "Personen mit menschenverachtender Gesinnung" gibt, die queere Spieler mit "gebrüllten Beleidigungen, Beschimpfungen und diffamierenden Äußerungen bedenken" würden. "Wer würde das aushalten? Und wenn ja, wie lange würde er es aushalten?", fragt Lahm.

"Wir sollten vor unserer eigenen Haustür kehren"

Die Debatte war erneut aufgeflammt, nachdem sich der ehemalige Fußballprofi Thomas Hitzlsperger offen zu seiner Homosexualität bekannte. "Mir scheint es lebensklug, dass Thomas Hitzlsperger erst nach Beendigung seiner Laufbahn als aktiver Fußballprofi den Schritt gewagt und seine Homosexualität öffentlich gemacht hat", so Lahm.

Lahm prangert ebenfalls die scheinheilige Offenheit in der deutschen Gesellschaft an. "Wir brauchen also gar nicht mit dem Finger auf Russland oder die Türkei zu deuten, wenn es um die Verfolgung von Schwulen geht, sondern sollten weiterhin vor unserer eigenen Haustür fegen. Da haben wir genug zu tun, bis auch hierzulande allen klar ist, dass unsere Gesellschaft in jeder Hinsicht vielfältig und bunt ist und bleibt – und dass das auch gut so ist", fordert er.

(lfr)

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