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EM 2024: Schiedsrichter Harm Osmers fällt klares Urteil zum VAR

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Schiedsrichter Harm Osmers pfeift seit rund acht Jahren in der Bundesliga.Bild: IMAGO images/Jan Huebner
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EM 2024: Schiedsrichter Harm Osmers fällt klares Urteil zum VAR

09.07.2024, 07:13
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Aus Sicht der Fans ist bei der EM in Deutschland einiges neu. Dass die DFB-Elf wieder erfolgreichen und attraktiven Fußball gespielt hat, zum Beispiel. Oder, dass große Fußballturniere auch an Rechtsstaaten vergeben werden und nicht wie zuletzt an Russland, Katar und bald wohl Saudi-Arabien.

Überraschend ist auch die Erkenntnis, dass England und Frankreich keine Fußball-Übermächte sind, nach all den Prognosen vor dem Turnier. Und dass die Uefa einige Regeländerungen implementiert hat, die auch in den Ligen Schule machen könnten – vor allem mit Blick auf die Schiedsrichter.

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So dürfen bei der EM erstmals nur die Kapitäne mit den Schiedsrichtern diskutieren. Bundesliga-Schiedsrichter Harm Osmers ist ein Fan davon, genauso wie von den anderen Regeländerungen der EM.

Seit acht Jahren pfeift Osmers in der Bundesliga und hat dort inzwischen über hundert Partien geleitet. Der 39-Jährige war auch schon in der Europa League und als Video-Assistent unter anderem bei der Frauen-EM 2022 im Einsatz.

Mit watson hat Osmers über das Streitthema Videoassistent (VAR) und die Zusammenarbeit mit seinen Assistenten gesprochen. Außerdem hat er verraten, warum er trotz permanentem Hate gerne Schiedsrichter ist.

Hinweis der Redaktion: Das Interview führten wir vor dem deutschen Aus im Viertelfinale gegen Spanien und den anschließend stattfindenden Elfmeterdiskussionen, weshalb diese hier kein Thema sind.

watson: Bei der EM sind einige neue Regeln eingeführt worden. Was hältst du davon, dass zum Beispiel nur noch die Mannschaftskapitäne mit dem Schiedsrichter diskutieren dürfen?

Harm Osmers: Nach meinem ersten Eindruck ist das ein sehr guter Schritt, den ich mir auch für die Bundesliga und untere Spielklassen vorstellen kann. Es ist für die Schiedsrichter einfach extrem schwierig, mit acht oder neun Spielern gleichzeitig zu diskutieren. In Einzelgesprächen mit den Kapitänen lässt sich der Sachverhalt viel besser erklären und die Spielführer können es ihren Teams danach auch besser beibringen als wir Schiedsrichter.

Xavi Simons RBL, 20, Mitte, links wird von Harm Osmers Schiedsrichter hinausgestellt, Gelb-Rote Karte, Platzverweis, Hinausstellung, Feldverweis, second yellow card, Highlight, Action, Aktion, Spielsz ...
Harm Osmers wird nach einer Entscheidung von RB-Leipzig-Spielern bedrängt.Bild: IMAGO images / foto2press

Diese Situation, die du gerade beschrieben hast: Acht, neun Spieler stürmen auf dich zu und reden auf dich ein. Wie schafft man es da als Schiri, einen kühlen Kopf zu bewahren?

Indem man sich bewusst macht, dass genau das unsere Aufgabe ist. Es liegt in der Natur der Sache, dass mindestens elf Personen gegen die Entscheidung und elf dafür sind. Klar, ich kann die Emotionalität der Beteiligten verstehen und wo immer es Sinn ergibt und möglich ist, gehe und wirke ich auch auf die Spieler ein. Hin und wieder wollen sie aber gar keine Erklärung von mir, sondern einfach Druck ablassen. Das muss man einordnen können und im Notfall mit individuellen Strafen unterbinden – was natürlich für mich immer das äußerste Mittel ist. Ein vernünftiger Dialog ist mir lieber.

Was ist mit den Neuerungen beim Videoassistenten und beim Ahnden von Fouls?

Auch die gesteigerte Transparenz bei VAR-Entscheidungen ist eine gute Sache. Für die Stadion-Zuschauer, die in dieser Hinsicht lange gegenüber dem TV-Publikum benachteiligt waren, sind die Einordnungen über die Videoleinwände ein klarer Gewinn. Genauso die Abseitsvisualisierung mit 3D-Grafiken für die Fernseh-Zuschauer. Und auch die neue strenge Linie bei der Ahndung harter Fouls zum Schutze der Spieler halte ich für richtig und wichtig.

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Schiedsrichter:innen müssen im Fußball fast immer als Sündenböcke herhalten. Warum machst du den Job trotzdem gerne?

Einmal ist da die Herausforderung und der sportliche Ehrgeiz, bei jedem Spiel das maximal Mögliche abzuliefern. Das ist dann gelungen, wenn nach dem Schlusspfiff auch die unterlegene Mannschaft sagt: 'Hey Schiri, gut gepfiffen'. Für einen Schiedsrichter ist das das Größte, denn dass die Gewinner eher auf deiner Seite sind, ist in der Regel klar. Dazu kommt, dass wir keine Einzelsportler sind, sondern in einem Team agieren.

Osmers betritt vor einem Pokalspiel zwischen Bayern und Freiburg mit seinem Schiedsrichter-Gespann den Rasen.
Osmers betritt vor einem Pokalspiel zwischen Bayern und Freiburg mit seinem Schiedsrichter-Gespann den Rasen. bild: imago images/mis

Welche Rolle spielt dieser Teamgedanke für dich als Schiedsrichter?

Es motiviert mich, gemeinsam mit meinen Assistenten auf dem Spielfeld und im Videoteam die bestmögliche Leistung abzurufen. Nimmt man noch die sportliche Komponente hinzu – körperlich alles reinzuwerfen und das in jedem Spiel – ist das am Ende einfach eine reizvolle Mischung.

Du warst selbst schon oft als Videoassistent im Einsatz. Was ist das Herausfordernde an dieser Aufgabe?

Man muss unter enormem Zeitdruck agieren und innerhalb weniger Sekunden zu einer fundierten Entscheidung kommen. Dabei muss man gründlich alle Sachverhalte prüfen und gleichzeitig nicht zu detektivisch und kleinteilig in Szenen agieren. Ein Videoassistent muss sein Gespür und seine Erfahrung für eine Szene auch am Monitor und in Zeitlupen bewahren. Um der Herausforderung zu begegnen, holen wir uns auch Expertise von außen.

Inwiefern?

Seit Jahren begleiten uns Lufthansa-Piloten in Schulungen zur Kommunikation. Beide Rollen – Schiedsrichter und Pilot – ähneln sich. Lautes Umfeld, es prallen unzählige Informationen gleichzeitig auf einen ein, Entscheidungen treffen. Da gilt es, einen kühlen Kopf zu bewahren und herauszufiltern, was wichtig ist und was nicht.

Du hast schon Bundesliga-Spiele gepfiffen, als es noch keine Videoassistenten gab. Bist du selbst eher Fan oder Kritiker des VAR?

Es ist eine zeitgemäße Lösung und es wäre fahrlässig, die technischen Möglichkeiten, die wir haben, nicht zu nutzen. Ich kann verstehen, dass der VAR manchmal auch zu Unmut führt. Aber zumindest ganz klare Fehlentscheidungen – in der vergangenen Saison waren es immerhin 118 –, werden durch den VAR fast immer vermieden. Ich sehe bereits auch einen Gewöhnungsprozess.

Woran merkst du das?

Alle Beteiligten, Spieler, Trainer und Zuschauer sind über die vergangenen Jahre mit dem VAR mehr und mehr vertraut geworden. Ich bin sicher: Würde man zwei Wochen ohne Videoassistenten spielen, wir hätten sofort eine Riesendiskussion und den Appell, ihn bitte wieder einzuführen. Auch wenn wir eine 100-prozentige Gerechtigkeit im Fußball vermutlich nie erreichen werden, bin ich davon überzeugt, dass der VAR immer besser wird und wir uns dieser 100-Prozent-Marke weiter annähern können.

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