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Toni Kroos mit Sohn Leon und Pokal auf dem Heimweg nach seinem vierten Champions-League-Sieg im Jahr 2018. Bild: Broadview Picture

Interview

Regisseur der Kroos-Doku verrät: Diese wichtige Szene fand hinter der Kamera statt

Toni Kroos gewann viermal die Champions League, wurde Weltmeister und ist einer der erfolgreichsten deutschen Fußballer aller Zeiten. In der deutschen Öffentlichkeit gehen diese Erfolge oft unter – Kroos haftet der Ruf an, zu ruhig, zu unscheinbar und manchmal auch etwas arrogant zu sein. Eine Doku über den Mittelfeld-Strategen, der es aus dem kleinen Greifswald bis auf die Weltbühne Real Madrid geschafft hat, will uns nun den wahren Toni Kroos zeigen.

Bei der Filmpremiere in Berlin sagte Kroos: "Jeder soll sich sein Bild durch den Film machen. Ich bin so wie im Film."

"Ich wollte ein Bild von Toni Kroos zeigen, das die Menschen in Deutschland noch nicht kennen", erklärt Regisseur Manfred Oldenburg im Gespräch mit watson. Der renommierte Dokumentarfilmer, der für "Das Wunder von Bern – Die wahre Geschichte" den Deutschen Fernsehpreis gewann, begleitete Kroos und seine Familie über die vergangenen Jahre.

Im Interview erzählt Oldenburg, warum ausgerechnet Uli Hoeneß ihn am meisten begeisterte, welche seine Lieblingsszene im Film ist und warum Cristiano Ronaldo im Film nicht vorkam. Und scherzhaft: Dass Superstar Toni Kroos am Ende doch beim 1. FC Köln landen könnte.

watson: In Ihrem Film behandeln Sie besonders die Vorurteile über Toni Kroos, die in der Öffentlichkeit vorherrschen.
Manfred Oldenburg:
Wir alle haben Bilder im Kopf. Meines speiste sich aus dem, was man immer von Toni Kroos hörte.

Welches war das?
Er gilt als phlegmatisch und leidenschaftslos, weil er einen so kontrollierten Fußball spielt. In Deutschland ist Fußball Emotion und Kampf – und weil Toni das nicht verkörpert, hat die deutsche Öffentlichkeit diesen Eindruck von ihm.

Sie durften hinter die Fassade schauen.
Nun ja, schon beim ersten Treffen überraschte mich Toni, weil er überhaupt nicht so war, wie er von außen immer beschrieben wurde. Das ist ein ganz herzlicher, offener und kommunikativer Typ.

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Manfred Oldenburg (ganz rechts) bei der Premiere in Köln mit Armin Laschet, NRW-Ministerpräsident, Toni Kroos und Produzent Leopold Hoesch (rechts nach links). Bild: imago images / Horst Galuschka

"Er ist nicht wie Cristiano Ronaldo, der sich bei den Toren das Trikot auszieht. Das braucht Toni nicht"

Manfred Oldenburg

In der Doku gewinnt man jedoch den Eindruck, dass er sich selbst nicht so viele Gedanken darüber macht, wie er wahrgenommen wird...
Das ist es, was ihn so besonders macht. Toni hat kein Interesse daran, das Bild, welches in der Öffentlichkeit von ihm kursiert, zu relativieren. Er ist keiner, der ein Vereinswappen küsst, um leidenschaftlicher nach außen zu wirken. Ihm ist immer nur wichtig, was seine Familie und seine besten Freunde über ihn denken. Das fand ich stark, weil er nicht diese Anerkennungsnot hat, die viele Fußballer haben. Er ist nicht wie Cristiano Ronaldo, der sich bei den Toren das Trikot auszieht. Das braucht Toni nicht.

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Rückblick 2007: Manager Uli Hoeneß mit dem damaligen Nachwuchstalent Toni Kroos. Bild: imago images / Sven Simon

Ist Toni Kroos also der Anti-Ronaldo?
In gewisser Weise schon. Toni ist keiner, der sich in der Öffentlichkeit in Szene setzt. Ihm ist es völlig gleichgültig, ob er eine Marke ist. Das war auch bei den Dreharbeiten so: Wir konnten gewisse Sachen filmisch nicht auflösen, indem wir Szenen zweimal machen. Toni sagte nur: 'Wieso? Wir machen doch einen Dokumentarfilm und zeigen alles, wie es ist!' Das war toll, weil er nicht wie viele andere Stars eine Rolle annimmt, sobald die Kamera angeht.

Wir sehen ihn also so, wie er auch hinter der Kamera ist?
Genau. Das zeigt auch ein Erlebnis nach unserem allerersten Interview mit ihm, als wir mit Toni auf dem Trainingsgelände von Real Madrid gedreht haben. Das Camp ist abgeschottet und liegt weit außerhalb der Stadt, und wir – das Kamerateam – hatten da vor Ort keine Möglichkeit, uns schnell was zu essen oder trinken zu besorgen. Es war ein sehr heißer Tag und mit Aufbau der Kamera und dem Licht dauert so ein Interview insgesamt mehrere Stunden.

Nach dem Interview schaute Toni in unsere Gesichter und sagte nur: 'Jetzt seid ihr bestimmt hungrig und durstig, oder?' Dann ist er in die Kantine gelaufen und hat alles so geregelt, dass wir dort gemeinsam essen konnten. Ich habe mit vielen Promis gedreht, das ist echt nicht die Norm. Die meisten Stars wollen nach so einem Interview-Marathon nur ihre Ruhe – Toni nicht, er ist ein Kümmerer.

Welche Szene gefällt Ihnen am liebsten?
Meine Lieblingsszene ist die mit den Großeltern, die ganz offenherzig über Toni gesprochen haben. Man hat da gemerkt, wie besonders diese Familie ist: Bescheiden, bodenständig, direkt. Ich glaube, dass das auch der Grund ist, weswegen Toni heute noch immer so geerdet ist. Man muss sich mal vorstellen, dass er mit 16 in den Fußballzirkus gekommen ist, in dieses 'Haifischbecken FC Bayern', wie Mehmet Scholl das einmal genannt hat. Wenn ich mir überlege, wie unfertig und beeinflussbar ich mit 16 Jahren gewesen bin. Er lebt zwar in dieser Blase Fußball, aber er hat sich noch die Bodenhaftung bewahrt. Das ist für mich die größte Leistung von Toni Kroos.

Toni Kroos und sein Bruder Felix Kroos zu Gast in der M.Lanz (ZDF) Talkshow am 27.06.2019 in Hamburg Toni Kroos und sein Bruder Felix Kroos zu Gast in der Markus Lanz Show *** Toni Kroos and his brother Felix Kroos guest in the M Lanz ZDF talk show on 27 06 2019 in Hamburg Toni Kroos and his brother Felix Kroos guest in the Markus Lanz show PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY

Unzertrennlich: Toni mit Bruder Felix, der mit Union Berlin in die Bundesliga aufstieg. Bild: imago images / APress

Sein Bruder Felix spricht ebenso wie Tonis Frau Jessica darüber, dass es Toni schwer fällt, Schwächen zu zeigen. Warum geht er in der Doku selbst nicht darauf ein?
Das Interview mit Felix haben wir ganz zum Schluss gemacht. Hätten wir noch einen Termin gehabt, hätte ich Toni darauf ansprechen können. Aber ich glaube, ich selbst hätte Toni im Interview vielleicht nicht dazu bringen können, darüber zu sprechen. Wenn Felix, also der Mensch, der ihn mit am längsten kennt, schon Schwierigkeiten hat, da an ihn heranzukommen, wäre das für mich noch schwieriger gewesen. Ich fand das aber sehr wichtig, dass Felix das sagt, weil es eine Schlüssellochperspektive auf Toni gibt.

"Dass Toni vom Masseur erfährt, dass ihn seine Mitspieler 'Ice-Man' nennen, war ein besonderer Moment. Es war ein Geschenk"

Manfred Oldenburg

Es gab also Dinge, zu denen man nicht zu Toni durchdringen konnte?
Die Frage ist immer, wie nah man als Dokumentarfilmer an einen Menschen herankommt. Ich würde niemals behaupten, dass ich Toni zu 100 Prozent nahe gekommen bin, das schafft man nicht. Man ist immer angewiesen auf Situationen, die die Kamera einfängt. Da wäre die Situation mit dem Masseur, der Toni anfängt zu massieren. Ich dachte in der Szene, dass die übers Wetter reden. Aber, dass Toni vom Masseur erfährt, dass ihn seine Mitspieler 'Ice-Man' nennen, war ein besonderer Moment. Es war ein Geschenk. Das zeigt, dass er auch im Umgang mit seinen Mitspielern so gesehen wird, weil er sich vielleicht so verhält. Ich persönlich habe das nie so empfunden, weil ich auch aus Mecklenburg bin. Das ist vielleicht einfach eine Charakterfrage.

Guardiola, Heynckes, Hoeneß, Modric, Ramos, Bale und so weiter – zahlreiche Stars kommen in der Doku zu Wort. Welche Aussagen über Kroos haben Ihnen am meisten imponiert?
Letztendlich alle, weil sich alle sehr viel Zeit genommen haben. Bei Pep Guardiola dachte ich zum Beispiel, dass er nur fünf Minuten Zeit hat, doch nach einer Stunde saß er da immer noch und kam aus dem Schwärmen über Toni nicht mehr raus. Auch Jupp Heynckes schaute nach anderthalb Stunden auf die Uhr und wunderte sich, wie lange er über Toni sprechen konnte.

"Man hat bei Hoeneß gemerkt, dass er Toni richtig schätzt"

Manfred Oldenburg

Aber das Interview mit Uli Hoeneß hat mich am meisten beeindruckt: Ich dachte, dass es das schwierigste Interview wird, weil die Bayern sein Potenzial ja nie wirklich voll anerkannt und ihn ja "weggeschickt" haben. Hoeneß hat aber ganz offen, frei und emotional gesprochen. Er hat sich in die Situation von damals noch einmal hineinversetzt. Man hat bei Hoeneß gemerkt, dass er Toni richtig schätzt.

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Toni Kroos ehemaliger Trainer Jupp Heynckes (links) und Bayern-Präsident Uli Hoeneß kamen ebenfalls zur Weltpremiere. Bild: imago images / Horst Galuschka

Ein großer Mitspieler von Kroos, der in Madrid sogar sein Nachbar war, fehlte: Wollte Cristiano Ronaldo nichts über Kroos sagen?
Er hätte sicherlich auch tolle Worte für Toni gefunden. Wir hatten nur das Pech, dass wir zu dem Zeitpunkt angefangen haben zu drehen, als Ronaldo gerade Real verlassen hatte. Wir haben lange überlegt, nach Turin zu fliegen. Aber wir wollten nicht, dass ein Spieler über die Vergangenheit spricht, sondern nur aktive Mitspieler von Real Madrid. Wir haben jedoch wirklich keine einzige Absage kassiert – das habe ich in der Form auch noch nicht erlebt.

Es gibt mehrere Szenen, wo der Aspekt Heimat einen großen Stellenwert einnimmt und Toni immer wieder betont, wie wichtig sie ihm ist. Sie haben Toni bei seiner Vertragsverlängerung, in seiner Madrider Villa und auf den Reisen mit der Kamera begleitet: Glauben Sie, dass wir ihn nochmal in der Bundesliga sehen werden?
Vor einigen Tagen wurde Toni das gefragt und er meinte, dass sein Vertrag bei Real bis 2023 geht. Dann ist Toni 33 Jahre alt und ich könnte mir ehrlich gesagt gut vorstellen, dass er dann bei Real Madrid seine Karriere beendet.

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Wichtige Leihe für die Entwicklung: 2009 wurde Kroos vom FC Bayern an Bayer Leverkusen ausgeliehen – und explodierte. bild: imago images / Thomas Frey

Wird er in Madrid bleiben?
Er kommt irgendwann nach Deutschland zurück, er baut ja gerade ein Haus in Köln. Er könnte also natürlich auch noch ein Jahr dranhängen beim 1. FC Köln. (lacht)

"Toni hat sich während seiner Leihe bei Bayer Leverkusen ins Rheinland verliebt"

Manfred Oldenburg

Warum Köln?
Toni hat sich während seiner Leihe bei Bayer Leverkusen damals so wohl gefühlt und sich ins Rheinland verliebt. Er hat auch noch sehr viele Freunde hier wie etwa Stefan Reinartz. (Der Ex-Profi spielte von 2005 bis 2016 bei Leverkusen, Anm. d. Red.).

Er hat sich also für die temperamentvolle Mitte zwischen Spanien und Mecklenburg entschieden?
Ich habe ihm schon gesagt: 'Toni, du musst dich warm anziehen. An Karneval musst du dann rausgehen und Lieder singen.' Da hat er nur mit dem Kopf geschüttelt. Er bleibt eben der Mecklenburger.

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