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Hasan Salihamidzic, Sportdirektor des FC Bayern München, hat mit dem Nübel-Deal ein Problem an die Säbener Straße geholt, das der Rekordmeister aktuell gar nicht gebrauchen kann.

Hasan Salihamidzic, Sportdirektor des FC Bayern München, hat mit dem Nübel-Deal ein Problem an die Säbener Straße geholt, das der Rekordmeister aktuell gar nicht gebrauchen kann. imago images/Sven Simon/frank hoermann

Meinung

Warum Salihamidzic mit dem Nübel-Transfer ein Risiko eingeht und dem FC Bayern schadet

Alexander Nübel wechselt am 1. Juli 2020 ablösefrei vom FC Schalke 04 zu Bayern München. Seinen Fünfjahresvertrag hat das Torwart-Talent schon im Winter unterschrieben. Seitdem herrscht große Aufregung beim Rekordmeister. Der Hauptgrund: Mit Manuel Neuer, 33, hat der FC Bayern schon einen Torhüter, der ist Nationalkeeper und Mannschaftskapitän, Weltmeister und Welttorhüter – und er will um keinen Preis seinen Platz zwischen den Pfosten räumen. Sportdirektor Hasan Salihamidzic geht mit dem Transfer ein hohes Risiko ein.

Beim Rekordmeister werden sie natürlich nicht müde, den Transfer des 23-jährigen Nübel zu feiern: Salihamidzic stuft den viel diskutierten Transfer "strategisch und qualitativ" als "Riesengewinn" für den FC Bayern ein.

Bayerns designierter Aufsichtsratsboss Oliver Kahn, früher selbst Torwart bei den Münchenern, ist da etwas vorsichtiger. Er beschrieb den Schritt von Nübel zum Rekordmeister als sehr mutig, da das Risiko, dort keine Spielzeit zu bekommen, für ihn sehr groß ist.

Das größte Risiko trägt der FC Bayern, nicht Alexander Nübel

Viel größer ist das Risiko des Sommer-Wechsels von Nübel jedoch für den Klub selbst. Salihamidzic holt mit dem Torwart-Talent nämlich schon jetzt im Winter ein Problem ins Haus, das sie an der Säbener Straße aktuell gar nicht gebrauchen können. Er könnte somit dem Klub langfristig schaden.

Oliver Kahn (l.) und

Oliver Kahn (l.) und "Brazzo" Salihamidzic. imago images/MIS/bernd feil

Denn der Verein braucht eigentlich alle Kraft für die Rückrunde. Der FCB hat nach sieben Meisterschaften in Folge etwas Sand im Getriebe, steht in der Liga vier Punkte hinter Spitzenreiter RB Leipzig.

Doch nun gibt es eine Debatte auf der Position, wo der FC Bayern wohl am wenigsten Probleme hat. Die Diskussion um die Torwart-Position könnte womöglich eine Rückrundenaufholjagd stören: Setzt man einen verheißungsvollen Neuzugang, der eines Tages die Nachfolge Neuers antreten soll, mindestens drei Jahre lang durchweg auf die Bank und nimmt in Kauf, dass ohne Spielpraxis auch keine Weiterentwicklung stattfindet? Oder verscherzt man es sich womöglich mit einem langjährigen und verdienten Führungsspieler, indem man ihn seines Willens, immer spielen zu wollen, beraubt?

Im schlechtesten Fall hat man zwei vergraulte Torhüter beim FC Bayern

Es kam auch heraus: Nübel soll sogar vertraglich Einsatzzeiten im Bayern-Tor zugesichert bekommen haben. Dies berichtet "Sport 1". Nübels Berater Stefan Backs wollte dies gegenüber "T-Online" nicht bestätigen: "Zu vertraglichen Inhalten mache ich keine Aussagen." Wie "Sport 1" schreibt, soll der Noch-Schalker für die garantierten Einsatzzeiten Angebote internationaler Top-Klubs abgelehnt haben. Diese Einsatzzeiten braucht Nübel, um sich als junger Torhüter weiterzuentwickeln und zu profilieren.

 Torwartaktion von Manuel Neuer 1 FC Bayern Muenchen, FC Bayern Muenchen vs. VfL Wolfsburg, 1.Bundesliga,

Kapitän beim FC Bayern: Manuel Neuer. Bild: imago images

Die "Sport Bild" berichtete außerdem davon, dass Salihamidzic von Neuer sogar verlangt haben soll, Nübel 15 Spiele zu überlassen. Neuer war daraufhin wohl sauer und bekundete: "Ich bin kein Statist, sondern Protagonist." Salihamidzic selbst hat die angebliche Zusicherung von 15 Spielen für Nübel nicht bestätigt. "Wir reden nicht von irgendwelchen Zusagen", sagte er.

Am Donnerstag verteidigte "Brazzo" im Trainingslager in Katar die Verpflichtung Nübels und bekräftigte zugleich den Wunsch nach einer Vertragsverlängerung mit Neuer bis 2023: "Ich habe Manuel schon vor der Winterpause gesagt, dass wir sehr daran interessiert sind, den Vertrag mit ihm zu verlängern." Ob Neuer unter diesen angeblichen Prämissen auch noch daran interessiert ist?

Er wird sich jedenfalls erstmal auf einen Konkurrenzkampf mit Nübel einstellen müssen, den Salihamidzic allerdings als "Zusammenarbeit" bezeichnet: "Alexander Nübel ist ehrgeizig, er ist sehr selbstbewusst, aber er wird sich unterordnen. Er freut sich auf die Zusammenarbeit mit Manuel Neuer." Man habe Nübel ablösefrei verpflichtet und "Neuer, der unsere Nummer 1 ist." Diese Konstellation sei sehr überzeugend: "Ich kann ihnen garantieren, dass Nübel für unsere Mannschaft ein Gewinn sein wird".

Auch Tage später, im Gespräch mit der "Bild am Sonntag", war Salihamidzic bemüht, die Wogen zu glätten. "Manuel ist unsere Nummer 1! Er ist unser Welttorhüter, Weltmeister – ein starker Kapitän", stellte "Brazzo" klar. Und ergänzte: "Nübel freut sich auf den FC Bayern und weiß, worauf er sich einlässt."

Salihamidzic braucht gutes Zeugnis nach der Saison

Wie auch immer. Ein großer Grund für den riskanten Deal mit Nübel lautet: Salihamidzic will die Vision von Ex-Präsident Uli Hoeneß erfüllen, den FC Bayern Deutschland zu formen. Das berichtete "Bild". Nübel, designierter Nationaltorwart, ist bei diesem Vorhaben ein großer Mosaikstein. Mit Kimmich, Süle, Gnabry und Goretzka hat der FCB bereits vier Gesichter der aktuellen Nationalmannschaftsgeneration im Kader. Die DFB-Youngster Leroy Sané, Kai Havertz, Lukas Klostermann sollen noch folgen, wenn man den Gerüchten traut.

"Brazzo" riskiert mit dem Nübel-Deal viel – doch er braucht Erfolge auf seinem Transferzeugnis, um sich in der Führungsebene zu etablieren. Im Sommer hatte der noch junge Sportdirektor schon erfahren müssen, wie groß die Kritik werden kann: Nachdem sich der Transfer von Wunschspieler Leroy Sané zerschlagen hatte, gab es sogar Kritik von den eigenen Profis. Mit den Last-Minute-Transfers von Philippe Coutinho und Ivan Perisic beschwichtigte er die Gemüter vorerst.

Doch wenn Spieler wie Coutinho oder der verletzte Rekordeinkauf Lucas Hernandez unter ihren Erwartungen bleiben, dürfte sich Salihamidzic wieder kritischen Fragen stellen müssen. Also arbeitet der 43-Jährige fleißig an der Zukunft des FC Bayern – und nimmt auch Ärger der Etablierten in Kauf.

(as)

Torwarte, die fliegen können

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