Durfte in der Nations League zweimal über 90 Minuten ran: Julian Draxler von Paris St.-Germain. Bei PSG-Coach Thomas Tuchel ist er derzeit nur zweite Wahl.
Durfte in der Nations League zweimal über 90 Minuten ran: Julian Draxler von Paris St.-Germain. Bei PSG-Coach Thomas Tuchel ist er derzeit nur zweite Wahl.Bild: GES-Sportfoto / imago images

Karriere in der Sackgasse: Julian Draxlers letzte Chance – mit Hilfe von Jogi Löw?

08.09.2020, 17:1509.09.2020, 10:33

Er war in seinem ersten Profijahr DFB-Pokal-Sieger mit seinem Heimatverein FC Schalke 04, er eiferte Rivaldo und Zidane nach, sein Traum war es, irgendwann "für den FC Barcelona oder Real Madrid zu spielen", das schrieb er damals auf seiner Homepage.

2011 begann die Profikarriere von Julian Draxler – und es war die perfekte Story eines märchenhaften Aufstiegs im Eiltempo.

Am 15. Januar 2011 gab der damals 17-jährige Draxler sein Bundesligadebüt im königsblauen Trikot. Drei Tage später unterschrieb er auf Schalke seinen ersten Profivertrag bis 2014. Am folgenden Spieltag stand er in der Startelf.

Babyfaces: Die Ex-Schalker Julian Draxler (l.) und Benedikt Höwedes. 2011 holten sie gemeinsam mit Manuel Neuer den DFB-Pokal nach Gelsenkirchen.
Babyfaces: Die Ex-Schalker Julian Draxler (l.) und Benedikt Höwedes. 2011 holten sie gemeinsam mit Manuel Neuer den DFB-Pokal nach Gelsenkirchen. bild: imago images/team 2

Noch im gleichen Monat entschied er das DFB-Pokal-Viertelfinale gegen den 1. FC Nürnberg in der letzten Minute der Nachspielzeit mit seinem Tor zum 3:2. Im Endspiel erzielte er dann beim 5:0-Sieg gegen den MSV Duisburg per Volley aus 20 Metern das 1:0. Die "Sportschau"-Zuschauer wählten es zum "Tor des Monats". Draxler wurde damit zum jüngsten Torschützen in einem DFB-Pokalfinale und ist bis heute der jüngste Spieler, der jemals den Pott geholt hat.

Premiere im DFB-Kader und großes Lob von Magath

Rund ein Jahr später nominierte ihn Bundestrainer Jogi Löw zum ersten Mal für die deutsche Nationalmannschaft.

Ex-Schalke-Trainer Felix Magath sagte zu dieser Zeit über Draxler: "Trotz seiner Jugend ist er sehr weit, was den Spielrhythmus angeht. Er ist sehr konzentriert und nicht leichtfertig oder unüberlegt. Alles was er macht, hat Hand und Fuß. Ballannahme und Ballmitnahme sind vorbildlich, da ist er weiter als mancher Profi. Er spielt frech und hat Selbstbewusstsein. Und er bringt den richtigen Zug zum Tor mit. Man merkt ihm in jeder Phase des Spiels an, dass er treffen will. Deswegen ist er für jeden ein unangenehmer Gegenspieler."

Größer kann ein Lob für einen Jungprofi kaum sein. Die Grundsteine für eine große Karriere waren gelegt. Doch auf diesem Fundament konnte er bisher noch keine großen Versprechen einlösen.

Julian Draxler: Der 26-Jährige ist am Scheideweg seiner Karriere

Jetzt, neun Jahre später, steckt Julian Draxler eher in der Karriere-Sackgasse. Dabei hat der heute 26-Jährige auf dem Papier eigentlich einen beachtlichen Weg hingelegt, nachdem er seinen Jugendklub Schalke 04 – für den er spielte, seit er acht Jahre alt war – erst 2015 gen Wolfsburg verließ und von dort 2017 zu Edelklub Paris St.-Germain weiterzog.

Verknotet: Ex-Nationalspieler und Triple-Sieger Thomas Müller (l.) und PSG-Ergänzungsspieler Julian Draxler im Champions-League-Finale.
Verknotet: Ex-Nationalspieler und Triple-Sieger Thomas Müller (l.) und PSG-Ergänzungsspieler Julian Draxler im Champions-League-Finale.Bild: Peter Schatz / Pool / imago images

Doch in der französischen Hauptstadt läuft es für Draxler nicht rund unter Trainer Thomas Tuchel. Der offensive Mittelfeldspieler ist beim Champions-League-Finalisten nur noch zweite Wahl. Obwohl er auch in Paris, zumindest auf dem Papier, bis dato gute Leistungen erbracht hat: 140 Pflichtspiele, 20 Tore, 32 Vorlagen. In der vergangenen Spielzeit jedoch durfte er nur zwölfmal von Beginn an spielen.

Der ganz große Durchbruch gelingt Draxler einfach nicht. Die Enttäuschung darüber, dass er seine Leistung nicht konstant abruft, ist gleichermaßen groß wie sein Potenzial, so scheint es.

Nations League: Julian Draxler nutzt seine Chance in der Nationalelf nicht

Das war auch in den beiden Nations-League-Partien gegen Spanien und Schweiz vergangene Woche so. In der Nationalmannschaft durfte der Ex-Schalker zweimal über 90 Minuten ran, obwohl andere Spieler es eher verdient gehabt hätten – und Draxler zeigte wieder nicht, was er eigentlich kann. Mindestens ein Tor hätte er erzielen müssen, doch er scheiterte kläglich an Torwart Yann Sommer.

Keine große Leistung: Julian Draxler im Spiel gegen Spanien.
Keine große Leistung: Julian Draxler im Spiel gegen Spanien.Bild: www.imago-images.de / Frank Hoermann

Es ehrt den Bundestrainer, dass er den bei PSG degradierten Draxler immer wieder nominiert, und damit versucht, ihn und seine Position in der Nationalelf zu stärken. Doch er zieht damit auch den Unmut der Fans auf sich, die ohnehin schon der Meinung sind, dass Löw nicht nach Leistung aufstellt sondern nach Sympathie.

Löw setzt sich mittlerweile sogar öffentlich dafür ein, dass sein Confed-Cup-Captain von 2017 – während dieses Turniers spielte er hervorragend – einen neuen Klub findet, bei dem er Stammspieler wäre: "Es wäre wichtig, nun einen Schritt zu machen, wo [Draxler] regelmäßig spielt", hatte Löw nach einem "längeren Gespräch" mit dem Offensivallrounder vor dem Duell gegen die Eidgenossen gesagt.

Löw rät Draxler zu Vereinswechsel

Ein Abschied von PSG würde Draxler "wahrscheinlich entscheidend helfen", sagte Löw außerdem. Damit hat er Recht. Denn mit 26 Jahren steht Draxler gerade an einem entscheidenden Punkt in seiner Karriere. Fünf, sechs Jahre kann er noch auf Topniveau spielen, sein nächster Vertrag wird wahrscheinlich der letzte große seiner Karriere sein.

Der Vertrag des Nationalspielers läuft in Paris noch bis Juni 2021. "Ich weiß nicht, ob diesen Sommer noch etwas passiert", sagte Draxler am Sonntag nach dem 1:1 im Nations-League-Spiel in Basel gegen die Schweiz im ZDF. Wenn PSG noch eine annähernd hohe Ablösesumme erzielen will, wie der Klub damals für ihn ausgegeben hat (36 Millionen Euro), muss er ihn noch in diesem Transferfenster verkaufen. Allerdings ist das nicht so einfach.

Julian Draxler steht in Paris im Schatten der Superstars wie Mbappé (l.) und Neymar (r.). Doch er fühlt sich wohl in der Stadt der Liebe.
Julian Draxler steht in Paris im Schatten der Superstars wie Mbappé (l.) und Neymar (r.). Doch er fühlt sich wohl in der Stadt der Liebe.Bild: Peter Schatz / Pool / imago images

Laut der französischen Sportzeitung "L'Équipe" fühlt sich Draxler in Paris an sich pudelwohl. PSG wolle er demnach nur verlassen, wenn sich ein sportlich interessanter Klub findet, der ihn lukrativ entlohnt. In Paris soll er monatlich fast 600.000 Euro brutto verdienen. Einige Vereine aus der Bundesliga und dem europäischen Ausland locken.

Bayer Leverkusen soll an Julian Draxler interessiert sein

Nach französischen Medieninformationen ist Draxler aktuell ein Kandidat beim Bundesligisten Bayer Leverkusen. Einem Bericht der Sport-Zeitung "Le 10 Sport" zufolge soll Bayer "mit großer Beharrlichkeit" um ihn werben, der Klub muss in Kevin Volland und Kai Havertz zwei wichtige Offensivspieler ersetzen. Volland wechselte diesen Sommer zur AS Monaco, Havertz zum FC Chelsea.

Ein positionsgetreuer Ersatz für den soeben für bis zu 100 Millionen Euro nach London verkauften Havertz wäre Draxler nicht. Sportchef Rudi Völler erklärte im "Kicker" jedoch ohenhin: "Kai wird nicht eins zu eins zu ersetzen sein. Wir werden versuchen, die Mannschaft auf anderen Positionen zu verstärken."

Mit Leverkusen würde Draxler immerhin im europäischen Wettbewerb spielen, die Werkself ist für die Gruppenphase der Europa League qualifiziert. Großer Titeldruck besteht bei Bayer nicht, die Chancen auf einen Stammplatz stehen gut, vielleicht wäre es genau das richtige für den 26-Jährigen. Auch wenn dieser Klub nicht ganz Real Madrid oder FC Barcelona entspricht, wovon er immer geträumt hat.

Wie auch immer. Man würde es Draxler gönnen, dass er an dem Märchen noch ein bisschen weiterschreiben könnte, das er als 17-Jähriger begann zu schreiben. Viele Chancen dafür wird er aber nicht mehr bekommen, um sich aus der Karrieresackgasse herauszurangieren und auf internationalem Niveau sowie als wichtiger Faktor im DFB-Team zu etablieren.

(as/mit Material von dpa und sid)

FC Bayerns Star-Angreifer macht vielsagende Transfer-Andeutung

Für den FC Bayern geht es am Mittwochabend im Champions-League-Spiel gegen den FC Barcelona eigentlich um nichts mehr. Die Münchner sind als Gruppenerster für das Achtelfinale qualifiziert, der FC Barcelona zittert im Fernduell mit Benfica Lissabon noch ums Weiterkommen und braucht eigentlich unbedingt einen Sieg, um für die nächste Runde planen zu können.

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