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Der Showmaster Wim Thoelke schreibt Autogramme, Deutschland 1970er Jahre. Copyright: Roba/Schweigmann UnitedArchives03895

the Show master Wim Thoelke writes Autographs Germany 1970 Years Copyright roba Schweigmann UnitedArchives03895

Showmaster Wim Thoelke schreibt Autogramme – aber sicherlich nicht für seinen Auftritt im "aktuellen Sportstudio" Bild: imago

"Decken – nicht Tisch decken" – der sexistischste Beitrag des ZDF-Sportstudios

In der Serie Unvergessen blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein großes Ereignis der Sportgeschichte zurück. Diesmal: Der 28. März 1970. Das "Aktuelle Sportstudio" im ZDF und ihr Moderator Wim Thoelke widmen sich mit einem Beitrag dem Frauenfußball. Sie offenbaren dabei, wie sexistisch der Fußball war – und leider auch noch ist.

Der wackelnde Sekundenzeiger, der Jazz-Sound im Hintergrund und das Torwandschießen: Das aktuelle Sportstudio im ZDF gehört seit 1963 zum Samstagabend von Millionen von Deutschen. Doch in der glorreichen TV-Historie der Show findet sich auch so mancher Schandfleck, wie am 28. März 1970.

Moderator Wim Thoelke empfing an jenem Samstagabend die Spielerinnen der inoffiziellen deutschen Fußballnationalmannschaft: Doris Reeder, Veronika Kutter, Sonja Spielberger und Marliese Emig wehrten sich gegen das Frauenfußballverbot des DFB. Der Auftritt verkam aber zur Farce, weil Thoelke eben jenen Zeitgeist so veranschaulichte, das einem fast 50 Jahre später die Kinnlade herunterfällt. Der ganze Auftritt ist durchsetzt von Geschlechterdiskriminierung.

Journalist Arnd Zeigler sorgte glücklicherweise dafür, dass dieser Beitrag voller Verachtung nicht in den Archiven des ZDF verstaubte, sondern ein lehrsames Beispiel dafür ist, dass früher nicht alles besser war. In seiner WDR-Sendung "Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs" beschrieb er den Beitrag mit den Worten "Die meisten Chauvi-Sprüche innerhalb einer Minute".

Das Video kannst du hier sehen:

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Video: YouTube/Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs

Thoelke spricht im Beitrag sowohl von einer "sehr zarten Rempelei" als auch von "Mutter". Beim Einspieler sagt er dann Sätze wie: "Junge, Junge, ja die brauchen sich gar nicht so aufzuregen, die Zuschauer; die Frauen waschen doch ihre Trikots selber. Wenn die Männer in den Schlamm fallen würden, das wäre schlimm, dann müssten die Frauen zu Hause waschen." Oder Sachen wie: "Decken, decken, nicht Tisch decken, richtig Manndecken, so ist recht. Frei von allen kleinlichen Sorgen um Haushalt, Mann und Kinder!"

Einen Aufschrei, wie es ihn heute geben würde, gab es nicht.

Frauenfußball war verboten

Dass im Sportstudio erst über die inoffizielle Nationalmannschaft der Frauen berichtet wurde, hatte mit dem Verbot des Frauenfußballs zu tun. Am 30. Juni 1955 beschloss der DFB auf seinem Verbandstag, es den im DFB organisierten Vereinen zu untersagen, Frauenfußball anzubieten.

"Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand."

DFB-Bundestag 1955 bpb.de

Einstimmig beschloss der DFB den "Vereinen nicht zu gestatten, Damenfußball-Abteilungen zu gründen oder Damenfußball-Abteilungen bei sich aufzunehmen, unseren Vereinen zu verbieten, soweit sie im Besitz eigener Plätze sind, diese für Damenfußballspiele zur Verfügung zu stellen, unseren Schieds- und Linienrichtern zu untersagen, Damenfußballspiele zu leiten."

In seiner Begründung gab der DFB eine angeblich gesundheitsschädigende Wirkung des Sportes auf Frauen an, da dadurch ihre Gebärfähigkeit beeinträchtigt würde. Auch wenn die biologischen und medizinischen Argumente der DFB-Riege von nicht wenigen Medizinern schon damals bestritten wurden, untermauerten zu jener Zeit krude Thesen die Entscheidung der alten Herren beim DFB. So brachte etwa der bekannte Psychologe Fred J.J. Buytendijk im Jahr 1953 eine Studie über das Fußballspiel heraus, die noch sexistischer ist, als das, was Thoelke sagte:

"Das Fußballspiel als Spielform ist wesentlich eine Demonstration der Männlichkeit. Es ist noch nie gelungen, Frauen Fußball spielen zu lassen. (...) Das Treten ist wohl spezifisch männlich, ob darum Getretenwerden weiblich ist, lasse ich dahingestellt. Jedenfalls ist das Nicht-Treten weiblich."

Fred J.J. Buytendijk bpb.de

Bild

1970: Fußballerinnen widersetzen sich dem Frauenfußballverbot des DFB bild: imago

Die Frauen ließen sich jedoch nicht unterkriegen. Besonders im Ruhrgebiet wehrten sich viele Spielerinnen gegen das Verbot und es wurden zahlreiche Vereine gegründet. So kam es bis 1963 zu 70 inoffiziellen Länderspielen. Zum zweiten Länderspiel der Damen zwischen Westdeutschland und Westholland im Münchener Dante-Stadion kamen 17.000 Zuschauer. "Lasst sie doch Fußball spielen!", forderten die Zeitungen wie etwa die "Münchener Abendzeitung". Der Sexismus war trotzdem tief verankert. ("bpb")

Noch so ein Stück Chauvi-Geschichte im deutschen Fußball ist dieser Wochenshow-Beitrag:

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Video: YouTube/Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs

Der DFB erzürnte, weil die Städte das Verbot nicht ganz genau nahmen, tausende Fans in die Stadien in München oder Frankfurt strömten und die Presse so positiv berichtete. Weil Ende der 60er-Jahre schon zwischen 40.000 und 60.000 Frauen in organisierten Teams Fußball spielten und die Bewegung damit drohte, einen eigenen Verband zu gründen, fügte sich der DFB schließlich – aus Angst. ("Welt")

Nur Monate nach dem Beitrag im Sportstudio hob der Verband am 31. Oktober 1970 das Frauenfußballverbot auf. Es gab jedoch einige Auflagen: So mussten die Frauenteams wegen ihrer "schwächeren Natur" eine halbjährige Winterpause einhalten, Stollenschuhe waren verboten und die Bälle waren kleiner und leichter. Das Spiel selbst dauerte nur 70 Minuten. Erst seit der Saison 1993/94 durften die Frauen die regulären 90 Spielminuten absolvieren. Auch damals ist Sexismus an der Tagesordnung: Fünf Jahre zuvor schenkte der DFB zum Gewinn des EM-Titels 1989 den deutschen Fußball-Frauen als Prämie ein Kaffeeservice.

Fast 50 Jahre später nach dem Beitrag im Sportstudio dürfen Frauen zwar wieder Fußball spielen, es pfeift mit Bibiana Steinhaus eine Schiedsrichterin in der Bundesliga der Männer und mit Katrin Müller-Hohenstein hat das "Aktuelle Sportstudio" ein weibliches Gesicht, doch der Fußball ist noch weit von einer Gleichberechtigung entfernt: Das 19-köpfige Präsidium des DFB besteht aus 18 Männern und nur einer Frau. Unter den 21 Vertretern der Landesverbände beim DFB ist keine einzige Frau.

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