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Fifa-Präsident Gianni Infantino steht in der Kritik dafür, dass die Fußball-WM in Katar stattfindet.Bild: www.imago-images.de / imago images
WM 2022

"Verhöhnung der gesamten Welt": Human-Rights-Watch rechnet mit Katar und Fifa ab

16.11.2022, 11:51

In wenigen Tagen startet mit der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar wohl das umstrittenste Sportevent aller Zeiten. Zahlreiche Todesfälle auf den Baustellen der WM-Stadien, Menschenrechtsverletzungen und die desolate Situation der queeren Community im Emirat wurden seit der WM-Vergabe im Dezember 2010 immer wieder kritisch diskutiert.

Doch was hat die Kritik bewirkt und wie haben sich die Verhältnisse für die Menschen vor Ort geändert? Gegenüber watson erklärt Wenzel Michalski, Direktor von Human Rights Watch Deutschland, dass sich in Katar bis kurz vor der Weltmeisterschaft zwar "einiges getan" habe, "allerdings zu wenig und viel zu spät".

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Wenzel Michalski ist seit 2010 Direktor bei Human Rights Watch in Deutschland.Bild: dpa / Kay Nietfeld

Laut Michalski habe sich die Situation auf einigen Baustellen verbessert. Dazu ergänzt er: "Einige Arbeitgeber bekommen regelmäßig ihr Gehalt. Es gibt teilweise sogar Kompensationen für die Familien, der Menschen, die auf den Baustellen gestorben sind. Trotzdem passiert das noch zu wenig."

Der Menschenrechtler richtet im Gespräch mit watson klare Forderungen an Katar und die Fifa: "Wir fordern einen Zahlungsfonds für die Familien der Wander-Arbeiter, die in Katar ums Leben gekommen sind oder, die so verletzt worden sind, dass sie nicht mehr arbeiten können." Ziel müsse es sein, die Familien zu unterstützen.

Denn die Familien, deren Mitglieder in Katar verstorben sind oder arbeitsunfähig wurden, haben nicht nur einen emotionalen Schaden, sondern oftmals auch durch ihren Verlust erhebliche existenzbedrohende Folgen.

Hohe Vermittlergebühren führen zu Abstrichen bei Löhnen

Oftmals kamen die Arbeitenden über eine Vermittlung an die Jobs in Katar. Sie mussten deshalb eine Vermittlergebühr zahlen, die mehrere Monatsgehälter beträgt. "Die ersten Löhne gingen also dafür drauf, diese Gebühr zu zahlen. Stirbt der Arbeitende vorher, ist die Familie ohne Hauptverdiener und zusätzlich noch verschuldet." Gleiches tritt auch ein, wenn die Person aufgrund körperlicher Beeinträchtigungen nicht mehr arbeiten kann.

Michalski erklärt, wieso die Arbeit in Katar für die Wander-Arbeitenden so wichtig war und ist: "Die Arbeitenden haben ihr geringes Gehalt nach Hause geschickt – auf dieses Geld sind die Familien angewiesen." Nach Hause heißt bei den Gastarbeitenden in Katar meist zu ihren Familien nach Nepal, Indien, Bangladesch, Pakistan oder auf die Philippinen.

"Es gibt viele Todesfälle, bei denen 'Herzversagen' festgestellt wurde. Das ist allerdings ein sehr schwammiger Begriff."
Wenzel Michalski, Direktor von Human Rights Watch Deutschland

Wie viele Familien Entschädigungen bekommen müssten, ist unklar. Die Zahl der gestorbenen Gastarbeitenden gilt als umstritten und nicht eindeutig. Das katarische WM-Organisationskomitee räumt drei Tote ein. Amnesty International veröffentlichte 2021 einen Bericht, nachdem es 15.000 sind.

Dabei bezieht sich diese Zahl allerdings auf alle gestorbenen Menschen in Katar im Zeitraum zwischen 2010 und 2020, die nicht die katarische Staatsangehörigkeit besitzen – wie viele Opfer im Zusammenhang mit WM-Projekten oder grundsätzlichen Bauvorhaben stehen, ist wurde von der Menschenrechtsorganisation nicht veröffentlicht.

Michalski von Human Rights Watch will sich an den Spekulationen um die genaue Anzahl der gestorbenen Gastarbeitenden nicht beteiligen. Vielmehr fordert er umfangreiche Untersuchungen seitens Katar. "Es gibt viele Todesfälle, bei denen 'Herzversagen' festgestellt wurde. Das ist allerdings ein sehr schwammiger Begriff und es wird nicht weiter untersucht, weshalb ein eigentlich gesunder, Mitte 20-Jähriger an einem Tag noch auf dem Bau gearbeitet hat und am nächsten Morgen nicht mehr aufwacht", erklärt Michalski.

Entschädigungen als UN-Regelung

Eine ausgiebige Untersuchung der Todesursachen könnte Aufschluss darüber geben, wie viele Menschen tatsächlich aufgrund von mangelnden Arbeitsschutzvorkehrungen gestorben sind. Katar und die Fifa weigern sich dagegen. Die Toten-Zahlen könnten steigen und die Forderungen nach Entschädigungen lauter werden.

Denn nach den Regeln der Vereinten Nationen müssen Fifa, die katarische Regierung und die Bauunternehmen die Familien entschädigen, deren Angehörige auf den Baustellen gestorben oder verletzt worden sind. So erklärt es Michalski immer wieder, auch gegenüber watson.

"Der Entschädigungsfonds wäre der Rettungsring für die Fifa und die katarische Regierung. Das Schweigen ist allerdings dröhnend."
Wenzel Michalski, Direktor von Human Rights Watch Deutschland

Als letzten "Rettungsring" für Katar und die Fifa bezeichnet Michalski deshalb den Entschädigungsfonds, den Human Rights Watch gemeinsam mit Amnesty International, Fair Square und anderen Organisationen fordern. Der Fonds müsste demnach mindestens 440 Millionen US-Dollar umfassen.

Er wäre "das Mindeste, was Katar und die Fifa unternehmen können". Allerdings sei "das Schweigen der Fifa und der katarischen Regierung dröhnend". Michalskis Urteil, wenn der Fonds nicht organisiert würde: "Das wäre eine Verhöhnung der gesamten Welt."

Neben dem bislang verweigerten Entschädigungsfonds sieht Michalski auch die Nachhaltigkeit der bisher durchgeführten Reformen kritisch. Als Beispiel nennt er die katarische Reaktion auf die Kritik von Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD). Im ARD-Magazin "Monitor" hatte Faeser gesagt, dass eine WM nicht "in solche Staaten vergeben" werden dürften, die weder die Menschenrechte einhalten noch Nachhaltigkeitsprinzipien.

Daraufhin hatte der Golf-Staat den deutschen Botschafter einbestellt und ihm eine Protestnote zu den Äußerungen Faesers übergeben. Aus diesem Verhalten schließt Michalski, "dass es der katarischen Regierung nicht um die Rechte der Menschen geht, sondern vor allem um die Wahrung ihres Rufes."

Deshalb habe er auch die Befürchtung, "dass die Veränderungen nicht nachhaltig sind". Michalski mahnt gegenüber watson: "Menschenrechte sind keine Angelegenheiten des Westens. Sie gelten immer und überall. Wenn ein Staat diese Rechte missachtet, ist es keine Frage der Souveränität". Er weist auch darauf hin, dass jedes UN-Mitglied die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte unterschrieben habe. Katar gehört seit September 1971 zu den Vereinten Nationen.

Auch zum Verhalten der Spieler vor Ort während der Weltmeisterschaft hat Michalski klare Vorstellungen. Demnach wollte Human Rights Watch keinen Spieler vorschreiben oder empfehlen, was sie zu tun hätten. Er führt aus: "Wir würden jeden Profi kritisieren, der die Menschenrechtsverletzungen schönreden würde. Gleichzeitig würden wir jeden Spieler unterstützen und feiern, der die Rechtsverletzungen anprangern würde. Das ist aber nicht deren Aufgabe." Vielmehr sieht er den DFB als Verband in der Pflicht, zu reagieren.

Spieler wie beispielsweise Jamal Musiala waren sieben Jahre alt, als die Fifa die Weltmeisterschaft nach Katar gab. Sie haben demnach mit dem Entscheidungsprozess nichts zu tun. Sollten sich deutsche Spieler aber kritisch äußern, "dann muss der DFB diese Fußballer vor möglichen Repressalien schützen", fordert Michalski.

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