ARCHIV - 02.12.2010, Schweiz, Z
2010 verkündete der damalige Fifa-Präsident Joseph Blatter Katar als Gastgeber für die WM 2022. Bild: KEYSTONE / Walter Bieri
Meinung

Wieso die Fußball-WM nur die Spitze des Eisbergs ist

Mehr als 500 internationale Sportveranstaltungen hat Katar in den vergangenen 15 Jahren ausgerichtet. Einen so großen Aufschrei, wie zur WM 2022, gab es nie. Dabei versucht sich Katar mittels Sportswashing bereits seit Jahrzehnten in den Weltsport einzukaufen.
10.11.2022, 18:26

Die Fußball-WM ist nur der Gipfel der jahrelangen Bemühungen des Emirats Katar, sich in die Weltspitze des Sports einzukaufen.

Denn was viele nicht auf dem Schirm haben: Katar hat in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche internationale Sport-Großereignisse ausgerichtet. Wo war da der Aufschrei?

Da wäre zum Beispiel die Handball-WM 2015 oder die Leichtathletik-WM 2019. Für Letztere hatte Doha nicht nur eine emotionale Kampagne von einer PR-Agentur aufstellen lassen. Sondern auch noch auf den letzten Drücker einen – nicht nur im Council des Weltverbands IAAF üblichen – Extra-Anreiz: ein 30 Millionen US-Dollar schweres Sponsoringpaket. Ausgelegt auf fünf Jahre. Mit dem Versprechen, zehn Tartanbahnen an Leichtathletik-Entwicklungsländer zu spenden. Spendabel.

Katar bereits lange Hotspot für internationale Sport-Events

Wie könnte man da nur Nein sagen? Das fragten sich wohl auch die Council-Mitglieder. 15 von 27 gaben Katar in der Abstimmung ihren Segen. Trotz massiven Menschenrechtsverletzungen. Trotz der tausenden Tote im Zusammenhang mit der Fußball-WM, die es auch schon 2019 gab.

"Wo blieb der Aufschrei die vergangenen Jahre?"

Dann waren da noch unzählige Radrennen, Tennis-Turniere und Amateurboxkämpfe. Nach einem ersten Ausweichrennen 2021 ist Katar ab 2023 auch noch dauerhafter Formel-1-Standort für mindestens die nächsten zehn Jahre. Um nur die größten Sportereignisse zu nennen. Insgesamt waren es in den vergangenen 15 Jahren mehr als 500.

Nur Olympia fehlt noch. Die Bewerbungsmappe für 2036 liegt schon auf dem Tisch des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Ein Zuschlag an den Wüstenstaat wäre ein großer Fehler.

Olympische Spiele in Katar wohl nur eine Frage der Zeit

Nachdem Katar zuletzt enttäuschend verlaufene Olympia-Bewerbungen für 2016 und 2020 einstecken musste, sagte die Chefin der 2020er-Kampagne, Noora al-Mannai, vor zwei Jahren: "Für Doha wird es immer nur eine Frage des 'Wann' bleiben – nicht des 'Ob'." Und damit hat sie vermutlich recht.

Zurück zur Frage: Wo blieb der Aufschrei die vergangenen Jahre?

Ein leises Gemurmel gab es höchstens noch zur Handball-WM. Aber wirklich hohe Wellen hat die nicht geschlagen. Zumindest nicht so hoch, als dass es heute noch in den Köpfen der Menschen wäre. Und verändert hat das Gemurmel schon gar nichts.

Dass die Fußball-WM in Katar ausgetragen wird, ist offenbar vielen Menschen erst wenige Wochen vor Beginn so richtig bewusst geworden. Dass Katar sich aber schon weit vor den 90er Jahren in die Sportwelt eingekauft hat, ist den wenigsten bewusst. Und die, die es wussten, hat es in Wahrheit schlicht nicht interessiert.

Katar zu stoppen, ist nicht mehr möglich

Katar betreibt strukturiertes Sportswashing. "Langfristige Investments" nennen es die Katarer. Der Wüstenstaat versucht sich durch große Turniere mit weltweiter Aufmerksamkeit auf der Landkarte zu platzieren. Sich einen Namen zu machen. Das Image aufzupolieren. Katar will zeigen: Wir können mitmischen. Und mehr noch: ohne uns geht hier nichts.

Bestes Beispiel: Mit dem katarischen Staatsfonds Qatar Sports Investments (QSI) – der by the way so eng an den Emir von Katar gebunden, dass es quasi sein Privatvermögen ist – wurde 2011 der französische Profiklub Paris Saint-Germain gekauft. Dabei wirkt PSG nur wie ein winziges Teil eines riesigen Puzzles. Der "langfristigen Strategie", von der Katar spricht. Katar gewinnt durch QSI an Einfluss im europäischen Fußball.

"Das katarische Regime wird nicht aufhören, Menschen umzubringen, nur weil die letzte Mannschaft im Dezember aus dem Emirat abgereist ist."

Und dann wäre da auch noch der FC Bayern München. Die Staatsairline Qatar Airways ist seit 2018 Sponsor des FCB. Ins Trainingslager nach Doha geht es für die Münchner Profis bereits seit 2011. Ihr Totschlag-Argument: die guten Trainingsbedingungen im Winter. Ist klar.

Widerstand also zwecklos?

Zumindest die Fans der Bayern stören sich zunehmend – und gerade mit Blick auf die WM – an den engen Verbindungen, ja, schon fast der Liebesbeziehung zwischen den Katarern und ihrem Lieblingsverein. Die Verantwortlichen des Rekordmeisters kündigten zumindest an, nach der WM über die umstrittene Partnerschaft mit Qatar Airways entscheiden zu wollen. Der Vertrag läuft kommendes Jahr aus.

"Und dann müssen wir hoffen, dass das IOC aus den Folgen – den tausenden Toten, die die WM gefordert hat – lernt."

Die Frage ist: Ändert es etwas, die WM jetzt zu boykottieren?

Wohl kaum. Zumindest nicht, ohne Aktivismus zu betreiben. Denn eins dürfen wir nicht vergessen: Ohne die Aufmerksamkeit auf den Wüstenstaat zu lenken, werden sich die Zustände dort nicht verbessern. Im Gegenteil. Das katarische Regime wird nicht aufhören, Menschen umzubringen, nur weil die letzte Mannschaft im Dezember aus dem Emirat abgereist ist.

Katar zu stoppen, ist ohnehin nicht mehr möglich. Dazu haben die Katarer ihr Netz zu weit im Weltsport ausgebreitet und die Knoten miteinander verwoben.

Die WM ist zwar der Höhepunkt ihrer Bemühungen, sich unentbehrlich zu machen, aber nicht das Ende der Fahnenstange. Katar wird weiter versuchen, Aufmerksamkeit zu erregen. Dazu muss aber zunächst die WM erfolgreich für das Emirat verlaufen. Und dann müssen wir hoffen, dass das IOC aus den Folgen – den tausenden Toten, die die WM gefordert hat – lernt. Und die Olympischen Spiele 2036 nicht nach Katar gehen.

Niemals.

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