Unterhaltung
Maite Kelly sitzt in diesem Jahr neben Dieter Bohlen in der

Maite Kelly sitzt in diesem Jahr neben Dieter Bohlen in der "DSDS"-Jury. Bild: TVNOW / Stefan Gregorowius

Analyse

Nach Wendler-Entfernung bei "DSDS": Die Erniedrigung der Kandidaten muss aufhören

"DSDS" läuft mittlerweile in der 18. Staffel und zieht noch immer viele Menschen vor den Fernseher. Schon immer war die Casting-Show aber auch eine sehr zwiespältige Angelegenheit: Kandidaten, die nicht singen können oder sich vielleicht auch noch aus anderen Gründen während ihres Auftritts blamieren, werden von der Jury und speziell von Dieter Bohlen mit harten Kommentaren angegangen. RTL führt solche Teilnehmer und ihre Marotten darüber hinaus oft auch gezielt vor.

Vergangene Woche entschied sich der Sender dazu, Ex-Juror Michael Wendler aus allen 13 bereits aufzeichneten "DSDS"-Episoden zu entfernen. Er hatte die Corona-Maßnahmen der Regierung zuvor auf Telegram mit einem KZ-Vergleich kommentiert. RTL bekannte hier also klar Farbe und sprach sich per eingeblendeter Texttafel schließlich explizit gegen "Antisemitismus, Rassismus sowie Diskriminierung" aus. Wäre es jetzt dann nicht vielleicht an der Zeit, die eigenen Kandidaten etwas respektvoller zu behandeln?

"DSDS" demütigt die Kandidaten

Aus den "DSDS"-Castings zeigt uns RTL immer nur die spektakulärsten Momente. Das heißt konkret: Wir sehen die Bewerber, die richtig gut singen und die, die richtig schlecht sind. Auch natürlich die, die einfach unterhalten – aus welchen Gründen auch immer. Viele sorgen für Kopfschütteln, weil sie ihr "Talent" maßlos überschätzen und in der Sendung allzu offensichtlich vollkommen deplatziert sind. Aber sollte eine Castingshow wirklich so viel Zeit darauf verschwenden, diese Personen bloßzustellen? Oft scheint es darum zu gehen, neben den besten Sängern auch die größten Verlierer zu finden.

Ein gutes Beispiel aus der jüngsten Episode ist die 30-jährige Stefania Lo Giudice. Sie liebt das Volksmusik-Duo Brunner & Brunner und ist gewiss keine typische Vertreterin ihrer Generation, denn solche Musik hören meist – so will es das Klischee – nur Menschen über 70. Stefania hat sogar persönlichen Kontakt zu ihren Idolen, womit sie sich noch angreifbarer macht. RTL besuchte sie zu Hause und ergriff die Gelegenheit, um "anzudeuten", dass diese Freundschaft zwischen den berühmten Brüdern und dem Fan wohl doch etwas einseitig ist. Vorzeigen konnte Stefania nämlich nur einen Brief.

Nach dieser Vorstellung der Kandidatin war eigentlich schon klar, dass sie es nicht in den Recall schaffen würde. Wenn RTL jemanden so inszeniert, platzt die Dramaturgie-Blase später meistens auch nicht mehr. Die Tatsache, dass Stefania auch nicht dem klassischen Schönheitsideal entspricht und den nötigen Glamour vermissen lässt, tat ihr übriges.

Für Chef-Juror Bohlen war sie dementsprechend ein gefundenes Fressen: "Meine Würmer im Rasen sind musikalischer. Wenn du das singen würdest auf meinem Rasen, da fangen die an zu kotzen und kriegen Dünnpfiff", urteilte er. Diese Masche des beharrlichen Nach-unten-Tretens haben wir bei "DSDS" seit 2002 schon hunderte Male gesehen. Ein einfaches "Nein" wäre ausreichend, würde die Zuschauer aber weniger belustigen. Zumindest scheint der Sender dies zu glauben.

Wer über 18 ist und freiwillig an der Show teilnimmt, muss nach all den Jahren wissen, was er tut – dieser Einwand lässt sich prinzipiell durchaus zugunsten der Sendung ins Feld führen. Nichtsdestotrotz gibt es womöglich nach wie vor naive Hobby-Entertainer, die die Boshaftigkeit von RTL nicht überblicken und erst einmal froh darüber sind, überhaupt ins Fernsehen zu kommen. Sie sind insofern schützenswert – RTL sollte nicht jede Steilvorlage ergreifen, die die Kandidaten liefern. Das ist eine grundlegende Frage von Respekt gegenüber anderen und gilt eigentlich umso mehr für die Macher eines Programms, das ein Millionenpublikum erreicht.

Die Scheinheiligkeit von RTL und "DSDS"

Gegenüber Michael Wendler hat RTL radikal durchgegriffen – allerdings erst relativ spät. Schon Monate vor seiner Entfernung aus allen "DSDS"-Folgen verbreitete er krude Verschwörungstheorien. Da seine Stimme aber nun einmal eine wichtige Rolle bei den Recall-Entscheidungen spielte, beließ der Sender die Episoden zunächst so, wie sie schon geschnitten waren. Ein möglicher weiterer Grund, den RTL damals nicht nannte: Der kontroverse Wendler brachte Quote, genau wie die Kandidaten, die bei "DSDS" auch weiterhin durch den Kakao gezogen werden.

Michael Wendler in der

Michael Wendler findet auf RTL jetzt nicht mehr statt. Bild: TVNOW / Stefan Gregorowius

Wenn der Sender es mit seiner Anti-Diskriminierungsbotschaft ernst meint, sollte das Casting-Format einer gründlichen Prüfung unterzogen werden, die auch die tonale Ausrichtung betrifft. Unterhaltung um jeden Preis darf dann konsequenterweise nicht mehr die tragende Devise sein. Ganz wilde Idee: Im Vordergrund stehen künftig nur die wirklich Talentierten und ihr Potenzial.

In dieser Hinsicht kann sich "DSDS" einiges von "The Voice of Germany" abschauen, wo das Feedback immer konstruktiv ist und niemand erniedrigt wird. Den dortigen Juroren würde es dort wohl auch nicht in den Sinn kommen, während der Performance einer Kandidatin auf Toilette zu gehen, wie es Mike Singer in der zweiten Folge der laufenden "DSDS"-Staffel tat. Bleibt die RTL-Show nach der Wendler-Entscheidung so, wie sie schon immer war, ist sie fortan die scheinheiligste Veranstaltung im deutschen Fernsehen.

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