Unterhaltung
Sat.1-Frühstücksfernsehen

Chris Wackert steht für das "Sat.1-Frühstücksfernsehen" regelmäßig als Moderator vor der Kamera. Bild: screenshot instagram.com/fruehstuecksfernsehen

Interview

Abstand nicht immer gewahrt: Sat.1-Moderator verrät, wie Coronaschutz beim TV funktioniert

Die Corona-Krise geht auch am Fernsehen nicht spurlos vorbei. Einige Formate müssen derzeit eine Drehpause einlegen, andere umstrukturiert werden. Immer steht der Schutz der Mitarbeiter an erster Stelle. Die Maßnahmen sind teilweise gar nicht so leicht umzusetzen – vor allem in Live-Sendungen. Auch das "Sat.1-Frühstücksfernsehen", Marktführer unter den morgendlichen TV-Shows, musste in den vergangenen Wochen umdenken. Wo sich sonst zahlreiche Live-Gäste getummelt haben, wird nun verstärkt auf Video-Schalten gesetzt. Statt viereinhalb Stunden Sendezeit werden nun fünfeinhalb Stunden gefüllt – dank eines täglichen einstündigen Corona-Spezials.

Und vor allem eins ist zur Herausforderung geworden: Auch in dieser schwierigen Zeit die gute Laune und Leichtigkeit zu bewahren. Watson sprach mit Moderator Chris Wackert über seinen Job in Krisenzeiten, die Corona-Maßnahmen und die daraus resultierenden Veränderungen im "Sat.1-Frühstücksfernsehen" – vor und hinter den Kulissen.

watson: Wie hat sich die Sendung seit der Corona-Krise verändert?

Chris Wackert: Grundsätzlich lebt die Sendung viel von Leichtigkeit, von Unterhaltung und guter Laune und als dann klar wurde, dass das Coronavirus nicht morgen wieder weg ist, hat sich tatsächlich sehr viel verändert. Bei uns in der Redaktion und auch im Studio wurden sofort Maßnahmen ergriffen.

Wie sahen diese aus?

Die Mitarbeiter wurden ins Homeoffice geschickt. Cutter und Redakteur sitzen nun nicht mehr zusammen im Schnitt, sondern die Redakteure arbeiten von zu Hause und greifen über Remote-Control auf den Schnitt zu. Die Maskenbildner arbeiten mit Mundschutz. Das ist für die natürlich eine extrem unangenehme Situation, weil sie uns so nah kommen und da sehr vorsichtig und sehr zurückhaltend agieren. Jeder hat ein komisches Gefühl, weil wir natürlich weiterarbeiten und den Sendebetrieb aufrechterhalten müssen. Gleichzeitig dürfen wir auch unsere gute Laune nicht verlieren und das ist gerade ein Drahtseilakt.

Inwiefern?

Einerseits wollen wir die Stimmung auffangen, die derzeit in Deutschland herrscht, gleichzeitig wollen wir Optimismus versprühen. Da hat sich einiges getan, vor allem, was die Stimmung hinter den Kulissen angeht.

Sat.1-Frühstücksfernsehen

Wackert mit seinen Sat.1-Kollegen. Bild: Sat1./Marc Rehbeck

Wie ist derzeit das Verhältnis von Corona- zu Unterhaltungsthemen?

Wir sind eine Sendung, die sehr nah am Zuschauer stattfindet. Und Corona ist in erster Linie negativ, ja. Aber es gibt in dieser Zeit eben auch viele schöne Geschichten, Geschichten, die positiv sind. Da achten wir sehr drauf, dass es innerhalb der Sendung Inseln gibt, die eben leicht sind – sei es die Promiberichterstattung oder positive Schicksalsgeschichten. Wir schalten auch jeden Tag zu Menschen, die beispielsweise an der Supermarktkasse sitzen oder bei der Post, und so dafür sorgen, dass die Grundversorgung weitergeht. Und das sind teilweise ganz beeindruckende Menschen, die eben auch sehen müssen, wie sie die Kinderbetreuung im Alltag sicherstellen. Da entstehen Situationen, die vollkommen unverschuldet sind. Niemand kann was dafür.

Deshalb sorgen wir dafür, dass unterm Strich die gute Laune über allem steht. Wir achten aber schon sehr darauf, dass wir immer demütig mit unserer eigenen Situation als Moderatoren umgehen, aber eben auch mit der Situation von Menschen, denen es wirklich schlecht dadurch geht, weil sie kleinere Unternehmen haben, die geschlossen sind, die kein Geld mehr erwirtschaften. All das ist uns zu jeder Sekunde bewusst.

"Jetzt ist es völlig egal, ob Promi oder nicht. Alle tun etwas, damit wie gemeinsam aus dieser Krise rauskommen."

Normalerweise sind im "Frühstücksfernsehen" viele Live-Gäste zu sehen. Wie sieht es jetzt aus?

Die Gästeanzahl ist deutlich zurückgegangen. Wir haben natürlich ein paar Gäste, die bei uns wöchentlich ohnehin da sind, sei es VIP-Expertin Vanessa Blumhagen oder der Spar-Detektiv Daniel Engelbarts. Da herrscht ein gewisses Vertrauensverhältnis. Die haben vorher zugesichert, dass sie sich haben testen lassen oder erst gar nicht mit Corona-verdächtigen Personen oder Erkrankten in Kontakt waren. Was externe Gäste angeht, die wir sonst ja täglich in Masse hatten, ist es deutlich weniger geworden.

Und wie macht ihr das dann?

Es sind ja nicht nur die Alltagshelden, zu denen wir schalten, es sind auch die Promis. Es ist sehr, sehr schön, dass die Promis gerade mal nicht Promis sind, sondern mit allen auf einer Ebene stehen. Jeder sitzt gerade zu Hause im Wohnzimmer oder in der Küche. Die Promis, mit denen wir bislang gesprochen haben, saßen eben auch alle im Trainingsanzug oder gemütlicher Klamotte da, wie es unsere Zuschauer eben auch tun. Das ist auch das Schöne, dass auf einmal alle gleich sind. Alle sind in der gleichen Situation. Jetzt ist es völlig egal, ob Promi oder nicht. Alle tun etwas, damit wie gemeinsam aus dieser Krise rauskommen.

Chris Wackert

Chris Wackert im "Sat.1-Frühstücksfernsehen"-Studio. Bild: Sat.1./Claudius Pflug

Wie vorsichtig wird bei den wenigen Gäste, die zu euch ins Studio kommen, vorgegangen?

Natürlich wird im Studio entlang der vorgegebenen Maßnahmen gehandelt. Der Mindestabstand von 1,5 Metern ist ja auch bei uns vor der Kamera immer ein Thema. Das fällt auch wahnsinnig schwer, da bin ich ganz ehrlich. Wir haben mittlerweile unsere Positionen im Studio, die normalerweise auf dem Boden geklebt sind, erneuert. Die Kameramänner und die Aufnahmeleitung achten immer darauf, dass wir wirklich sichtbar auseinander stehen. Ob das immer 1,5 Meter sind, kann man so meistens gar nicht genau sagen. Aber auch mit unseren Gästen achten wir da sehr drauf. Es gibt keine Umarmungen oder Begrüßungen mehr. Es ist immer so eine gewisse Distanz da. Und das ist auch ein wenig das Problem dabei.

"Wir geben uns wirklich, wirklich Mühe, aber es ist aufgrund unserer Arbeit nicht einfach."

Das bedeutet?

Wir leben ja als Journalisten und als Entertainer auch davon, den Leuten nahezukommen. Und jetzt ist genau das Gegenteil der Fall. Man merkt schon bei den Gästen, die eben nicht jede Woche da sind, dass eine gewisse Anspannung da ist. Das ist nicht unbedingt negativ, aber man merkt dann schon: Alle schauen links und rechts, wie sie sich bewegen. Wir haben teilweise vier, fünf Kameras im Studio und Kabelhilfen – natürlich sind da Menschen und man muss trotzdem versuchen, Abstand zu halten. Es ist teilweise merkwürdig. Nicht schwierig, aber merkwürdig.

Vergleichbar mit der Situation aktuell in den Supermärkten, wo keiner mehr weiß, darf ich da jetzt mit meinem Einkaufswagen noch langfahren, wenn die Gänge voll sind. Alle gucken sich komisch an und es entstehen komische Situationen, in denen man denkt: "Mensch Leute, entspannt euch mal!" Genauso ist es im Studio. Man würde denjenigen gerne umarmen, aber es geht ja nicht.

Du sagtest, für euch Moderatoren ist es mit dem Abstand nicht immer leicht. Gab es auch Situationen, in denen man es einfach vergessen hat?

Ja, um ehrlich zu sein, schon. Am Anfang hatten wir auch viele Hilfsmittel im Studio, beispielsweise ein Fahrrad, das den Abstand symbolisieren sollte, oder eine Messlatte von 1,50. Dann hat man auch erst gemerkt, wie weit das eigentlich ist im Verhältnis zu sonst. Klar, es gibt immer wieder Situationen, wo du dir denkst, eigentlich müssten wir weiter auseinander sitzen. Und die Zuschauer kriegen das auch mit.

Achja?

Wir bekommen unzählige Nachrichten, in denen uns gesagt wird: "Leute, ihr müsst ein bisschen weiter auseinander". Wir geben uns wirklich, wirklich Mühe, aber es ist aufgrund unserer Arbeit nicht einfach. Es fällt wahnsinnig schwer, weil wir im Moderatorenteam teilweise auch eng befreundet sind. Da ist Nähe auch irgendwie wichtig. Es ist und bleibt schwierig.

"Mir ist in dieser Phase wirklich die Demut, die jeden Tag mitschwingt, noch bewusster geworden."

Was hat sich für euch Moderatoren ansonsten vor der Kamera verändert?

Es ist der bereits angesprochene Drahtseilakt zwischen dem Bewusstsein, dass da draußen gerade Existenzen auf der Kippe stehen, und der Unterhaltung. Man darf nie vergessen, man sitzt da als Moderator, die Menschen wissen ganz genau, dass man in diesem Beruf gutes Geld verdienen kann, dass wir weiterarbeiten. Und wir wissen, dass wir teilweise über Menschen berichten, die eben nicht weiterarbeiten können, die vor den Scherben ihrer Existenz stehen – völlig unverschuldet. Mir ist in dieser Phase wirklich die Demut, die jeden Tag mitschwingt, noch bewusster geworden. Wie dankbar man selbst für seine Situation sein kann. Man sollte sich sehr bewusst sein, dass es nicht selbstverständlich ist und dass viele Menschen viel dafür tun, dass der Betrieb hier weitergeht. Da ist man als Moderator schon sehr privilegiert.

Sind derzeit auch generell weniger Menschen im Studio?

Die Aufnahmeleitung achtet darauf, dass nur die Leute im Studio sind, die auch wirklich mit der aktuellen Sendeposition zu tun haben. Die Kameraleute und Kabelhilfen sind natürlich nach wie vor da – alle mit ihrem entsprechenden Abstand und teilweise auch mit Mundschutz. Nun achtet die Aufnahmeleitung sehr genau darauf, dass beispielsweise Vanessa Blumhagen, die ja nun mal als häufigster externer Gast vor Ort ist, wirklich das Studio verlässt, wenn ihr Talk vorbei ist.

Bild

Chris Wackert und sein Kollege halten vorbildlich Abstand. Bild: Screenshot Sat.1

Ist das sonst anders?

Normalerweise bleibt sie einfach für die nächste Position da. Das ist nun nicht der Fall. Ein nettes Pläuschchen in der Werbung oder wenn ein Beitrag zum wiederholten Male läuft, fällt dann komplett weg. Abgesehen von den Leuten, die in dem Moment zu arbeiten haben, ist da keiner.

"Persönlich habe ich überhaupt keine Angst vor der Krankheit an sich."

Stylt ihr euch zu Corona-Zeiten nun selbst, oder wie kann man sich die Zusammenarbeit in der Maske vorstellen?

Sowohl mit unseren Stylisten als auch mit unserer Maske herrscht ein absolut großes Vertrauensverhältnis – das muss man als Erstes sagen. Bei unserem Styling ist es so, dass wir keine Anproben mehr haben. Entlang unseres eigenen Stils werden uns die Klamotten nun einfach rausgehängt. Das war's.

Und Make-up und Haare?

Was die Maske angeht: Die tragen teilweise Handschuhe und alle in jedem Fall Mundschutz. Ihrer Arbeit müssen sie so dennoch nachgehen. Das Styling ist ein wichtiger Bestandteil der Sendung, gerade bei den Frauen. Bei uns Männern geht es schneller und ist auch unspektakulärer. Das Vertrauensverhältnis ist wirklich groß. Wenn jemand aus der Maske Kontakt mit einer verdächtigen oder erkrankten Person hatte, bleiben sie auch zu Hause. Da reicht wirklich ein Schnupfen. Und das darf man nicht als selbstverständlich nehmen, denn das sind alles Freiberufler, die verzichten damit aufs Geld. In dieser Situation wirst du auch demütig und denkst: Die machen das alles nur, damit du deinem Job nachgehen kannst.

Hast du persönlich auch Sorge, dich anzustecken?

Persönlich habe ich überhaupt keine Angst vor der Krankheit an sich, weil ich ein gesunder Mensch bin, ich habe ein gutes Immunsystem, ich werde sehr selten krank. Nichtsdestotrotz möchte ich mich natürlich nicht anstecken, weil ich eher Sorge um die Menschen um mich herum habe. Was man bislang über den Krankheitsverlauf weiß, kommt er ja in der Regel einer Grippeerkrankung nah. Es weiß wohl jeder aus eigener Erfahrung, wie sich die anfühlt. Es gibt ja tatsächlich Menschen, die sagen, sie wollen sich endlich anstecken, damit sie damit durch und quasi immun sind. Das halte ich für eine selten dämliche Sicht. Ich brauche das einfach nicht.

Was sollten wir aus dieser Krise alle mitnehmen?

Ich würde mir einfach wünschen, dass wir das gemeinsam schaffen. Dass uns nach der Krise vielleicht einige Dinge etwas bewusster sind. Ich glaube, dass wir jetzt alle ein wenig und uns ein wenig mit Dingen beschäftigen konnten, die wir uns in den letzten Jahren nicht so bewusst gemacht haben.

Hast du ein Beispiel?

Dazu zählt auch der Umgang miteinander und mit unserer Umwelt. Wie gut auf einmal das Thema Videokonferenz funktioniert. Muss ich also künftig immer zu einem Meeting fliegen? Kann ich nicht einfach gewisse Dinge per Videokonferenz machen? Erst jetzt haben wir verstanden, wie gut wir eigentlich vernetzt sind. Hätte es diese Krise vor 35 Jahren gegeben, hätten wir nicht die Möglichkeit gehabt, uns an Skype oder Facetime zu setzen und miteinander Partys vorm Rechner zu veranstalten. Es ist ein riesengroßes Privileg, dass wir in dieser Zeit leben und diese technischen Möglichkeiten haben. Genau diese Möglichkeiten könnte man in der Zukunft noch für mehr Gutes nutzen und im gleichen Atemzug auch der Umwelt noch etwas Gutes tun. Denn die Welt erholt sich ja erwiesenermaßen gerade ein wenig, wenn man auf die CO2-Werte oder Luftverschmutzung schaut.

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