Sat.1 schickt die drei Kanzlerkandidaten in die Schule, wo sie von Kindern durchgecheckt werden.
Sat.1 schickt die drei Kanzlerkandidaten in die Schule, wo sie von Kindern durchgecheckt werden.
bild: screenshot sat.1

"Kannste Kanzleramt?": Schüler-Fragen bringen Baerbock und Laschet in Bedrängnis

10.09.2021, 06:3910.09.2021, 07:11
von Dirk Krampitz

Interviews und Gesprächsrunden mit den drei Kanzlerkandidaten gibt es viele. Doch Sat.1 hat einen ganz eigenen Zugang gewählt: Annalena Baerbock (Grüne), Armin Laschet (CDU) und Olaf Scholz (SPD) treffen eine aus verschiedenen Bundesländern zusammengestellte Klasse in der Tesla-Schule in Berlin. Sie stehen allein vor den Schülern, aufgenommen wird mit acht dezent platzierten Kameras, damit so etwas wie eine authentische Atmosphäre entsteht. Und das klappt erstaunlich gut.

Annalena Baerbock bekommt ein Mikrophon geschenkt und soll mit den Kindern singen.
Annalena Baerbock bekommt ein Mikrophon geschenkt und soll mit den Kindern singen.
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Als Annalena Baerbock eintritt, stehen alle Kinder auf. "Ihr seid ja eine Topklasse", zeigt sich die Grünen-Kandidatin überrascht. Und in der Tat: Die Kinder sind besser informiert als mindestens die Hälfte aller Wahlberechtigten. Die Redaktion hat offenbar ganze Briefing-Arbeit geleistet. Manchmal fragt man sich, ob sie auch während der Aufzeichnung in Kontakt steht mit den Kindern. Denn die Schüler fragen geschickter als so mancher Profi-Polit-Interviewer: Da geht es um Nawalny, Flüchtlinge, Kinderrechte im Grundgesetz und Klimaneutralität, die die Grüne in 60-Sekunden erklären muss. Sie schafft es mit einem ordentlichen Tafelbild. "Das ist ja schneller als in jeder Talkshow bei euch", staunt Baerbock.

Wir erfahren, dass sie als Kind vom Apfelbaum gefallen ist, sich den Arm gebrochen hat. "So ist das: Man probiert was Neues aus, es geht schief, und nächstes mal nimmt man den dickeren Ast." Und sie erklärt, warum so komplizierte Worte in Wahlprogrammen stehen: "Weil man man nicht weiß, wie man es erklären soll, nimmt man einen komplizierten Begriff und denkt, niemand fragt nach." Wie sie mit Kritik umgeht, will Schülerin Luisa wissen. "Manchmal muss man dann schlucken." Wenn die Kritik berechtigt sei, versuche sie es beim nächsten Mal besser zu machen. Tränen vergossen habe Baerbock sie deshalb aber noch nie.

Und dann kommt ganz unschuldig verpackt eine Frage mit Giftpfeil. "Ist abschreiben ok?" Pause. "Bei ihrem Buch?" Annalena Baerbock schluckt kurz. "Erstmal sollte man nicht abschreiben in der Schule." Ihr Buch habe sie aus gesammelten Notizen zusammengeschrieben, leider habe sie nicht genau vermerkt, wo sie die jeweiligen Infos her hatte. "Das stimmt, das muss ich besser machen, das war nicht richtig. Das war so ein Moment, wo ich mich richtig drüber geärgert habe."

Die Kinder haben ihr ein Karaoke-Mikrophon hingelegt. "Wenn ich jetzt singen muss, verliere ganz bestimmt die Bundestagswahl", pariert sie schlagfertig. Als sie merkt, dass sie nicht drumherum kommt, behilft sich mit einem Trick, um nicht allein singen zu müssen: Sie schlägt "We Will Rock You" vor. Die Kinder trommeln und singen begeistert mit.

Armin Laschet wird auf 74 geschätzt.
Armin Laschet wird auf 74 geschätzt.
bild: screenshot sat.1

Bevor Armin Laschet die Klasse betritt, schätzt einer der Jungs "Der ist irgendwas so wie 74“. Aber Laschet nimmt nichts krumm. Nicht einmal, wenn seine eigenen Kinder ihn nicht wählen würden. "Aber ich glaube, sie wählen mich."

Des Weiteren lernen wir über ihn: Er kann sich nicht vorstellen, komplett vegetarisch zu leben, er ist allenfalls für "intelligente" Tempolimits, also je nach Lage oder Tageszeit. "Viva Colonia" erkennt er nicht, als es die Kinder summen, überhaupt tut er sich mit der Musikeinlage schwer, steht steif herum und ist nur manchmal beim Singen zu hören.

Schüler Felix will wissen, ob er viele Freunde in der Politik habe. Laschets Antwort spricht Bände:

"Ich habe viele Freunde außerhalb der Politik. Die richtigen Freunde sind auch noch da, wenn du nicht mehr Politiker bist. Kann ja auch sein, dass du mal verlierst.“
Armin Laschet

Dieser eher nachdenkliche Satz wäre ihm in einem gewöhnlichen Interviewformat vermutlich nicht rausgerutscht.

Natürlich geht es auch um Laschets größten Patzer im Wahlkampf: Als er im Hintergrund lacht, während Frank-Walter Steinmeier im TV über die Flut spricht. Worüber er gelacht habe, fragt ihn ein Schüler. Auch für ihn wird es damit jetzt unangenehm. Laschet antwortet:

"Der Bundespräsident stand vorne, ich konnte ihn nicht hören. Da hat irgendjemand eine blöde Bemerkung gemacht. Es war blöde, es tut mir leid, aber es lohnt nicht, das zu vertiefen."
Armin Laschet

Und Markus Söder mag er trotz seiner Angriffe noch immer. "Ja, wir telefonieren noch ab und an. Es waren harte Tage, wenn zwei etwas wollen. Aber dann muss man auch wieder zusammenarbeiten." Dann fragen ihn die Kinder, ob er Angela Merkel anrufen kann. Laschet ist überrascht. "Ich rufe sie nie an. Ich schicke ihr eine SMS und frage: 'Passt es jetzt? Können wir telefonieren?' Dann sagt sie mir Zeiten. So einfach anrufen, das macht man nicht." Als Ersatz muss dann Bundesgesundheitsminister Jens Spahn herhalten. Der ist leichter zu erreichen.

Olaf Scholz mag Schlümpfe eigentlich ganz gern.
Olaf Scholz mag Schlümpfe eigentlich ganz gern.
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Seitdem Olaf Scholz Kanzlerkandidat ist, zirkulieren vermehrt Fotos aus seiner Jugend, als er noch eine lange Lockenpracht trug. Die Kinder staunen: "Der hat ganz schön Haare verloren." Vielleicht, weil Politik zum Haare raufen ist. "Eigentlich streite ich mich immer mit irgendwem", bekennt Scholz gegenüber den Kindern, "aber ich mache den Streit immer so, dass man sich auch verträgt. Ich schreie nie rum, ich versuche immer, die Leute zu überzeugen."

Seine Gelassenheit bewahrt er auch bei der Frage nach seiner Rolle im Wirecard-Skandal. Er mache sich da keine Vorwürfe: "Weil ich alles gemacht habe, was notwendig ist, damit solche Dinge in Deutschland nie wieder passieren."

Wir lernen über Olaf Scholz: Er kann Königsberger Klopse zubereiten, er hatte als Kind einen Kater namens Mohrle und konnte mal Blockflöte und Oboe spielen.

Er sieht sich selbst als "ruhig, entscheidungsstark". "Und ich habe ein Herz", fügt er hinzu. Seine Konkurrenten zu beschreiben sträubt er sich erst. "Das finde ich nicht so richtig, ich habe mir angewöhnt, dass ich über andere nicht schlecht rede, darum ist es schwer, andere zu beschreiben, mit denen ich im Wettbewerb stehe." Und dann stichelt er doch noch:

"Annalena Baerbock kann gut Trampolin springen und Herr Laschet feiert gern Karneval."
Olaf Scholz

Danach tut er das, womit er schon Bayerns Ministerpräsident Markus Söder während einer der Corona-Ministerpräsidentenrunden auf die Palme gebracht hat. Er "grinst schlumpfig". Gestört hat er sich an Söders Rüffel übrigens nicht. "Das mit dem Schlumpf habe ich ganz lustig gefunden und seitdem kriege ich ganz oft Schlümpfe geschenkt von irgendwem, weil sie sagen, das sind doch nette, tolle Leute, die sehr verschmitzt sind."

Das Fazit: Annalena Baerbock baut die beste Verbindung zu den Kindern auf, bemüht sich kindgerecht zu erklären und rockt den Laden. Armin Laschet bemüht sich, aber fremdelt etwas. Besonders, als es an die Karnevalslieder geht, fühlt er sich sichtlich unwohl. Olaf Scholz bleibt eine Gesangseinlage erspart. Er muss nur kurz auf der Blockflöte tuten. Er zieht den Termin mit seiner bewährt freundlichen Art durch, ohne sich groß an die Kinder anzupassen.

Die Kinder mochten alle drei. Annalena Baerbock finden sie "sympathisch kreativ und auch ein bisschen verrückt". Laschet sei "ein sympathischer Kerl und seine Politik ist auch ganz ok". Olaf Scholz "hat sehr viel Erfahrungen und ist sehr gelassen".

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