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BVG Musical "Tarifzone Liebe": So lief das Musical über die Berliner Öffis

Das BVG-Musical "Tarifzone Liebe" feierte am Montag im Berliner Admiralspalast Premiere.
Das BVG-Musical "Tarifzone Liebe" feierte am Montag im Berliner Admiralspalast Premiere.bild: PR/Photo by Isa Foltin/Getty Images for BVG
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BVG Musical "Tarifzone Liebe": So lief das Theaterstück über die Berliner Öffis

05.12.2023, 16:24
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Das ist sie also, die Verkehrswende. Allerspätestens mit dem zur Folklore erhobenen 9-Euro-Ticket hat der öffentliche Personennahverkehr seinen Platz als deutsches Kulturgut untermauert, nun hat er seine konsequente Weiterentwicklung erlebt. Von der Straße auf die Bühne, quasi der American Dream.

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Am Montag feierte das Musical der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) "Tarifzone Liebe – Die Gefühle fahren Straßenbahn" im Berliner Admiralspalast Premiere. Inszeniert wurde das Stück vom renommierten Theaterregisseur Christoph Drewitz. Im Vorfeld waren über die gesamte Stadt verteilt etliche Haltestellen entsprechend plakatiert, nach nur 24 Stunden waren alle 2.600 Tickets für die beiden Veranstaltungen ausverkauft.

Parallel wurde das Stück auf dem Youtube-Kanal der BVG gestreamt, dort ist es auch im Nachhinein noch abrufbar. Am Dienstag wird das Musical ein zweites und letztes Mal laufen.

BVG-Musical: Zwischen Trash und Biederkeit

Im Foyer tummeln sich allerlei lokale Sehenswürdigkeiten. Die frühere regierende und mittlerweile stellvertretende Berliner Bürgermeisterin Franziska Giffey ist mit ihrer gesamten Familie anwesend, auch Trash-TV-Titan Julian F. M. Stoeckel gehört zu den geladenen Gästen. Zwischen ungefähr diesen beiden Polen balanciert auch das Musical.

Erzählt wird die Geschichte der freundlich-naiven Tram "Tramara", die gemeinsam mit der U-Bahn "U-Laf" und dem Bus "Bus-Tav" durch die Berliner Innenstadt tingelt. Die drei werden assistiert von "Fahraus-Weise", einem berlinernden Ticketautomaten. Bereits hier deutet sich die Humorfarbe an, die sich als roter Faden durch das Musical ziehen sollten: drollig daherkommende Wortwitze.

Die BVG-Marketingbereichsleiterin Christine Wolburg formulierte den Anspruch an das Stück als eine "Liebesbotschaft an Berlin", eine Hommage an die Stadt. Der Ton in Berlin sei rauer geworden, sagte sie, dem wolle man Zusammenhalt und Rücksichtnahme entgegenstellen. Ein Musical mit gesellschaftspolitischem Anspruch also.

Liebesgeschichte zwischen Straßenbahn und Fahrgast

Vom Idealismus getrieben möchte Tramara stets eine besondere Verbindung zu ihren Fahrgästen aufbauen, insbesondere Stammgast Alexander hat es ihr angetan. Als dieser dann aber auch noch in die allgemeine Mecker-Tirade über den ÖPNV einstimmt, wird es ihr zu viel. Tramara büxt aus, sie sehnt sich nach einer Stadt mit mehr Liebe: auf nach Paris!

Es kommt, wie es kommen muss. Die Stadt versinkt im Chaos. Überall kommt es zu "Verzögerungen im Betriebsablauf". Weil, wohlgemerkt, eine einzige Tram nicht mehr das macht, was sie machen soll. Genretypisch ist man noch gewillt, diese dramaturgische Überholspur hinzunehmen.

Die Tram "Tramara" (Mitte) sehnt sich nach mehr Liebe.
Die Tram "Tramara" (Mitte) sehnt sich nach mehr Liebe.bild: pr/photo by isa foltin/getty images for bvg

Auch Alexander ist von dem massiven Verkehrsausfall betroffen, als plötzlich Tramara aus der Dunkelheit auf ihn zusteuert und gar nicht anders kann als anzuhalten. Das Chaos: weggeblasen. Die Liebe: perfekt.

In dem Cannes-Gewinner "Titane" von Julia Ducournau aus dem Jahr 2021 entwickelt die Protagonistin sexuelle Gefühle für Fahrzeuge. Allzu avantgardistisch sollte es hier aber nicht vonstattengehen, es handelt sich schließlich um ein Musical.

Stattdessen versteift man sich lieber darauf, ein abgeschmacktes Abziehbild von Berlin zu zeichnen, welches sonst nur aus mittelmäßig erfolgreichen Kabarett-Programmen bekannt ist. Berlin ist (Obacht!) unfreundlich, dafür aber divers. Fahrgäste meckern, die BVG kommt auch mal zu spät und das Allheilmittel ist, wie könnte es anders sein: die Liebe.

Kitsch wird zum Stilmittel und Trash zum Wesensmerkmal

Die BVG selbst bewirbt das Stück als "kultig, schmalzig und natürlich hochromantisch" und eigentlich wäre damit auch alles gesagt, nur scheint ein bisschen "Message" ja doch gewollt gewesen zu sein.

Nun muss man gewiss nicht den Spagat vollziehen, einen charmanten Marketing-Stunt unter den Gesichtspunkten eines Shakespeare-Dramas zu bewerten. Auffällig ist aber doch, wie sehr sich das Musical und die BVG bis zur Unkenntlichkeit selbst ironisieren.

Es dauert nur wenige Minuten, bis eine Figur inmitten eines Songs fragt, ob das denn wirklich alles nur Eigenwerbung sein soll (Antwort: ja!). Meta-ironisch wird mit den Stilmerkmalen des Musicals kokettiert, an einer Stelle wird die Frage aufgeworfen, ob man nun wirklich Herz auf Schmerz reimen wollte (Antwort: ja!). Der Kitsch ist Stilmittel und Trash Wesensmerkmal. Dessen ist man sich bewusst, das ist als Pointe allerdings herzlich wenig.

Preisgekrönte BVG-Kampagne #weilwirdichlieben

Die BVG, das muss man für alle außerhalb der Hauptstadt lebenden Menschen erklären, ist im Grunde so wie jedes andere deutsche Verkehrsunternehmen im urbanen Ballungsraum auch, nur: Die Werbekampagnen sind lustig.

Als Kopf der preisgekrönten Kampagne #weilwirdichlieben gelang dem Autor und Werbetexter Peter Wittkamp erstaunliches: Das Bild der BVG wandelte sich von einem piefigen, behäbigen Unternehmen durch ein Paradebeispiel an humorvoll-ironischem Marketing zu einer Blaupause an Unternehmenskommunikation.

Regelmäßig erscheinen Werbeclips in Kooperation mit der etablierten Hamburger Werbeagentur Jung von Matt, die auch an dem Musical mitgewirkt hat. Ein Umstand, der bei Erwähnung im natürlich lokalpatriotisch aufgeladenen Saal mit mürrischem Knurren quittiert wird.

In "Tarifzone Liebe" finden jene eigentlich BVG-typischen, dezenten, aber pointierten Noten hingegen kaum statt. Material hätte es dabei genug gegeben.

Wer nur einmal zur Rushhour mit der U8 gefahren ist, muss sich anschließend womöglich im Anschluss mit neu entdeckten Traumata herumschlagen, hat aber ob der inhaltlichen Dichte dessen, was um einen herum geschieht, mit Garantie beim Abendessen etwas zu erzählen. Teilweise machen sich die Fahrgäste sogar selbst die Mühe, eine Art Musical aufzuführen. Eine eigentlich denkbar günstige Inspirationsquelle für Drehbuchautor:innen. Es gibt sogar bereits eine Vorlage.

Berliner Musical "Linie 1" ist, was "Tarifzone Liebe" versucht zu sein

Am zurückliegenden Wochenende hat das Musical "Linie 1" im Berliner Grips-Theater seine 2000. Ausgabe gefeiert. Es erzählt die Geschichte einer jungen Frau aus Westdeutschland, die nach Berlin kommt und sich dort auf charmante Art mit den lokalen Gegebenheiten konfrontiert sieht. In der Szenerie der Berliner U-Bahn-Linie 1. Ganz neu ist die Idee eines Musicals rund um den ÖPNV also nicht.

Womöglich hat sich die BVG aber auch in vorauseilendem Gehorsam dem Modell Netflix unterworfen, also das Stück direkt auf die Bedürfnisse des deutschen Publikums zugeschnitten. Das Anforderungsprofil ist zumindest klar.

"Das deutsche Publikum liebt Fototapeten"

Als "Hamilton", die wohl erfolgreichste Broadway-Produktion aller Zeiten, als deutsche Inszenierung nach Hamburg kam, waren die Kritiken überwältigend. Nur: Das Publikum blieb aus. Am 15. Oktober fand die letzte Vorführung statt.

Auch weil "Hamilton" ein temporeiches, widersprüchliches und vielschichtiges Stück ist. Und somit für das hiesige Musical-Publikum ungeeignet. "Das deutsche Publikum liebt Fototapeten", erklärt ein Musiker, der an dem Stück mitgewirkt hat, dem "stern". So gesehen hat "Tarifzone Liebe" alles richtig gemacht.

Nach knapp einer Stunde ist das Musical vorbei, minutenlang werden die tatsächlich herausragenden Darsteller:innen beklatscht. Ob das Werbebudget nicht auch bessere Verwendung hätte finden können, wird sich zeigen. Franziska Giffey nickt anerkennend, Julian F. M. Stoeckel verzieht keine Miene.

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Bereits vor der neuen Folge von "The Masked Singer" am Samstagabend wurde verkündet, dass der Flip Flop ein großes Geheimnis habe, das er während der Live Show lüften würde. Nach dieser Überraschung sind sich die Zuschauenden sicher, wer dahinterstecken könnte.

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