Nina Böhmer macht regelmäßig auf die Missstände in der Pflege aufmerksam.
Nina Böhmer macht regelmäßig auf die Missstände in der Pflege aufmerksam.
Bild: Alexandra S. Aderhold
watson-Story

"Hätte Spahn seinen Job richtig gemacht, hätten die Menschen weiter Serien gucken können": Pflegerin spricht über Doku von Joko und Klaas

05.04.2021, 18:5305.04.2021, 18:52
nina böhmer

Ein Stück Fernsehgeschichte, wie manche meinen: Für viel Furore sorgen die Moderatoren Joko Windterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf, die in ihrer ProSieben-Sendung "Nicht selbstverständlich" den gesamten Arbeitsalltag einer Pflegekraft zeigten. Fast die ganze Nacht lang konnten Zuschauer beobachten, was es wirklich bedeutet, als Pflegekraft in Deutschland zu arbeiten.

Nina Böhmer hat die ganze Sendung nicht gesehen. Das muss sie vielleicht auch nicht, schließlich arbeitet die 29-Jährige selbst als Pflegekraft. Vergangenes Jahr wurde Böhmer berühmt mit ihrem Facebook-Posting, in dem sie die Missstände in der Pflege sowie geheuchelte Solidarität anprangerte: "Euren Applaus könnt ihr euch sonst wohin stecken" ist auch der Titel ihres Buchs, das nur wenige Monate später erschien.

Mit watson hat Böhmer darüber gesprochen, was sie wichtig findet an der Sendung "Nicht selbstverständlich", was sie nicht gut fand an der Aktion und welche Botschaft sie nun an Pflegekräfte in Deutschland hat.

"Dass diese Aufmerksamkeit erst nach einem Jahr Pandemie kommt, finde ich, gelinde gesagt, schade."

Während die Sendung von Joko und Klaas ausgestrahlt wurde, saß ich nicht vor dem Fernseher, sondern am See. Zahlreiche Freunde und Kollegen schrieben mir, dass ich unbedingt einschalten sollte, es ginge – endlich – um die Missstände in der Pflege.

Dass ein Sender wie ProSieben den gesamten Arbeitsalltag einer Pflegekraft gezeigt hat, finde ich im Prinzip großartig. Aufmerksamkeit ist immer gut, vor allem beim Thema Pflege.

Dass diese Aufmerksamkeit allerdings erst nach einem Jahr Pandemie kommt, finde ich, gelinde gesagt, schade.

Wir brauchen die Aufmerksamkeit dennoch

Es ist natürlich super, mal einen vollständigen Arbeitstag einer Pflegerin aufzuzeichnen: Gerade Menschen, die nach wie vor keinerlei Berührung mit dem Thema Pflege hatten und niemanden kennen, der im Gesundheitswesen arbeitet, kann der Beitrag von Joko und Klaas möglicherweise die Augen öffnen. Sie können endlich aus erster Hand sehen, was für ein Kraftakt unsere Arbeit manchmal ist, nach wie vielen Stunden wir den ersten Schluck Wasser trinken oder mal auf Toilette gehen können.

Das Thema ist nun allerdings nicht neu: Wir reden im Prinzip schon seit Jahren über die Missstände in der Pflege. Über den Personalmangel, die schlechte Bezahlung, die Überstunden. Besonders seit Beginn der Pandemie wurde immer wieder über die Pflegekräfte gesprochen, es wurde für uns geklatscht, wir wurden gelobt und gefeiert. Damit am Ende genau das passiert: nichts. Das finde ich fast schon beeindruckend, wie lange die Politik es mittlerweile schon schafft, die Probleme in der Pflege zu ignorieren.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte eigentlich versprochen, sich um den Pflegekräftemangel in Deutschland zu kümmern. Neue Kolleginnen und Kollegen aus dem Ausland anzuwerben, beispielsweise – obwohl dieser Ansatz allein das Problem meiner Meinung nach nicht lösen würde. Es müssen mehr Anreize geschaffen werden, sich zu diesem Beruf ausbilden zu lassen.

"Hätte Spahn seinen Job richtig gemacht, wäre es nicht nötig gewesen, die Pflege in der Primetime zu zeigen und die Menschen hätten in Ruhe weiter ihre Serien gucken können."

Letztlich wurde in den vergangenen Monaten eine Einmalzahlung an Pflegekräfte überwiesen, die die aktuelle Lage eigentlich nicht aufwiegen kann. Zumal den Bonus nicht einmal alle Pflegekräfte bekommen haben.

Zur Sendung an sich hat Spahn gesagt: "Es ist gut, dass die Pflege in Deutschland jetzt in der Primetime läuft." Dass er das lobt, finde ich eigentlich traurig. Denn hätte Spahn seinen Job richtig gemacht, wäre es nicht nötig gewesen, die Pflege in der Primetime zu zeigen und die Menschen hätten in Ruhe weiter ihre Serien gucken können.

Das ist es ja schließlich, was die meisten jetzt wohl tun, während der Lockdown immer weiter verlängert wird – mit der Begründung, dass das Gesundheitssystem sonst überlastet werden könnte. Wenn es darum geht, die Kliniken zu schonen, könnte allerdings genauso gut das Problem an der Wurzel gepackt werden und die Missstände in der Pflege beseitigt werden. Die Katze beißt sich da selbst in den Schwanz.

Ich kann verstehen, dass manche Menschen mittlerweile genervt sind, immer und immer wieder davon zu hören: der Mangel an Pflegekräfte, das schlechte Gehalt, die langen Arbeitszeiten. Sie müssen dieses Thema allerdings in Dauerschleife hören. Bis sich etwas ändert – und dass es das tatsächlich tut, ist noch lange nicht in Sicht.

Auf Worte müssen Taten folgen

Bis dahin ist es gut, wenn es Sendungen gibt wie "Nicht selbstverständlich". Die Aufmerksamkeit ist richtig, das Zeichen auch. Aber auf Worte müssen Taten folgen.

Es heißt immer, dass es schwierig ist für Pflegekräfte, auf die Straße zu gehen und gegen die Missstände zu protestieren. Natürlich möchte niemand von uns seine Patienten im Stich lassen und so deren Gesundheit aufs Spiel setzen. Deswegen müssen wir andere Formen des Protests finden:

Es muss vielleicht nicht immer die Riesen-Demo mit Tausenden von Teilnehmern sein. Vielleicht reicht es, wenn wir in kleineren Gruppen protestieren, dafür regelmäßig – so, wie Fridays for Future es tun und damit auch Großes bewirkt haben. Dann können die Pflegekräfte auf die Straße gehen, die gerade keine Schicht haben. Gemeinsam mit ihren Freunden und Angehörigen, die so ihre Solidarität bekunden.

"Joko und Klaas haben mit ihrer Sendung einen Nerv getroffen, der schon lange eingeklemmt war. Es liegt nun an uns allen, ihn zu lösen."

Es sollten auch mehr von uns in die Politik gehen: Wer selbst einmal Pflegekraft war oder nach wie vor ist, kennt die Bedürfnisse besser und kann unsere Interessen besser vertreten. Ich befürchte, dass es sonst niemand anders tun wird.

Ich glaube, dass in nächster Zeit, mit den steigenden Infektionszahlen, die Pflegekräfte wieder an ihre Grenzen kommen werden, ähnlich wie im vergangenen Jahr. Das System wird vielleicht nicht kollabieren. Aber es kann nicht sein, dass in einem so reichen Land wie Deutschland, das über ein an sich so gutes Gesundheitssystem verfügt, dennoch solche Missstände beim Pflegepersonal vorherrschen.

Joko und Klaas haben mit ihrer Sendung einen Nerv getroffen, der schon lange eingeklemmt war. Es liegt nun an uns allen, ihn zu lösen.

Protokoll: Agatha Kremplewski

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