HANDOUT - 01.04.2021, ---: Klaas Heufer-Umlauf (l) und Joko Winterscheidt in

Joko und Klaas nutzen ihre Sendezeit zur Primetime für ein wichtiges Anliegen. Bild: dpa / --

Analyse

"Joko & Klaas Live" mit wichtigem Anliegen und massiver Überlänge – ProSieben war eingeweiht

Sie haben es wieder einmal geschafft: Am Dienstagabend gaben Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf bei "Joko & Klaas gegen ProSieben" und erspielten sich 15 Minuten kostbare Sendezeit für Mittwoch zur Primetime. Aus Sicht der Entertainer war es der wohl perfekte Staffelauftakt – da ist schnell vergessen, dass Joko sich im Verlauf der Show ungemein schwer damit tat, Céline Dions Superhit "My Heart Will Go On" zu erkennen.

So schlug am Mittwochabend um 20.15 Uhr also die große Stunde der beiden bei ihrem Heimatsender. Schon vorab stellte sich heraus: Diesmal würde etwas anders sein als sonst. Das Ereignis warf seine Schatten voraus.

Joko und Klaas machen es spannend

Auf "prosieben.de" deuteten die Entertainer Großes an und verrieten bereits, dass sie bei der Ausführung ihrer Aktion erstmals auf Mithilfe des Senders angewiesen waren. Joko und Klaas bekundeten:

"Für unsere 15 Minuten mussten wir Herrn ProSieben dieses Mal ausnahmsweise um seine Unterstützung bitten. Ohne die Kollegen und Kolleginnen aus Unterföhring wäre unsere Aktion nicht möglich gewesen. Wir freuen uns sehr, dass sie diese – für einen Fernsehsender sehr ungewöhnliche – Idee mit uns umsetzen wollen. Ausnahmsweise ging es diesmal einfach nicht anders. Wir schwören."

ProSieben-Chef Daniel Rosemann bestätigte dann auch: "Joko und Klaas haben wirklich eine besondere Idee für eine außergewöhnliche Aktion." Doch was führten die zwei denn nun genau im Schilde? Um 20.15 Uhr gab es endlich die Antwort – und die enttäuschte nicht. Die eigentlich obligatorischen 15 Minuten sollten diesmal deutlich überschritten werden.

Am Ende waren es unglaubliche sieben Stunden, die ProSieben am Stück sendete.

"Joko & Klaas Live" behandelt Pflegenotstand

Joko und Klaas kündigten zunächst an, den Fokus an diesem Abend auf ein Thema zu lenken, das mehr Aufmerksamkeit verdiene. Nach ihrer kurzen Einleitung begann auch schon der Clip. Dieser zeigte den Arbeitstag der Gesundheits- und Krankenpflegerin Maike Ista, die morgens um kurz vor 6.00 Uhr auf ihrer Station ankommt. Das Video vermittelte Alltagseinblicke, war komplett aus ihrer Perspektive gefilmt.

Zahlreiche Frauen und Männer aus Krankenhäusern und Altenheimen kamen außerdem zu Wort, um auf die Probleme in der Pflege hinzuweisen. Begleitet wurde in Echtzeit per kleiner Kamera eine ganze Schicht der gewissenhaften und stets freundlichen Gesundheits- und Krankenpflegerin Meike Ista im Knochenmark- und Transplantationszentrum der Uniklinik Münster.

Klaas und Joko streamten ihre Doku auch über Instagram.

Klaas und Joko streamten ihren Beitrag auch über Instagram. Bild: damitdasklaas/instagram

In Zeiten von Corona (oder zumindest zu Beginn der Pandemie) bekam diese Berufsgruppe mehr öffentliche Aufmerksamkeit als sonst, doch die Personen, die hier zu Wort kommen, machen eindrücklich klar, dass es nicht genügt, wenn Leute auf ihren Balkonen für sie klatschen.

Aus dem Beitrag geht unmissverständlich hervor: Das Pflegewesen steckt schon lange in der Krise, die Bedingungen für Arbeitnehmer sind hier katastrophal. Pfleger gehen für andere an ihre Grenzen, leisten ohne Ende Überstunden, tragen eine enorme Verantwortung, erhalten aber bei Weitem nicht die gleiche Anerkennung wie beispielsweise Ärzte, obwohl auch diese auf gut ausgebildete Hilfskräfte angewiesen sind.

Da immer mehr Pfleger ihren Job (auch aufgrund schlechter Bezahlung) kündigen, herrscht ein Personalnotstand, der die Qualität der Betreuung gefährdet und am Ende Menschenleben kostet. Betten und Geräte seien ausreichend vorhanden, Fachkräfte aber eben nicht. Und genau das ist fatal. Ein Pfleger versichert beispielsweise: "Wir sind am Rande unserer Kraft."

Die Corona-Pandemie hat diese Krise nicht etwa ausgelöst, sondern lediglich das Fass zum Überlaufen gebracht. Altenpfleger Dustin Struwe befindet, es sei eine Schande, dass es überhaupt erst eine Pandemie gebraucht habe, um auf die Missstände aufmerksam zu machen. Dabei betonen einige seiner Kollegen, dass sie ihren Beruf dennoch lieben und von ihren Patienten auch viel Dankbarkeit erfahren.

Alexander Jorde weist zudem darauf hin, dass Pfleger nicht einfach streiken können wie andere Berufsgruppen, da dies auf Kosten von Menschenleben gehen würde. Ihnen fehle somit zu allem Überfluss eine Lobby, um sich das nötige Gehör zu verschaffen.

Sieben Stunden ungeschönter Pflegealltag

"Joko & Klaas Live" wartete an diesem Mittwoch mit einer regelrechten Reportage auf, die ohne Werbeunterbrechung mehrere Stunden Sendezeit in Anspruch nehmen durfte, um ein äußerst wichtiges Thema zu behandeln. Man konnte so die komplette Schicht einer Krankenpflegerin in Echtzeit begleiten.

Durch eben diesen Ansatz wurde es den Zuschauern möglich gemacht, nachzuempfinden, was Pfleger und Pflegerinnen den ganzen Tag über leisten. Es ging keineswegs darum, mit Worthülsen um sich zu werfen. Jeder Handgriff von Maike wirkte absolut souverän, dabei können in ihrem Beruf kleine Fehler schon fatale Folgen haben.

Gerade auch über den persönlichen, stets herzlichen Umgang von Maike mit den Patienten vermittelte die Doku ein beeindruckendes Bild. Obwohl sie während ihrer Schicht praktisch nicht zur Ruhe kam und dauernd unterwegs war, ließ sie sich den Stress nicht anmerken – auch nicht vor ihren Kollegen. Das ist keineswegs selbstverständlich. Das Publikum wurde in ihren Alltag vollkommen hineingezogen, die Laufzeit von 7 Stunden verstärkte den Vereinnahmungseffekt zusätzlich.

Dementsprechend euphorisch fielen die Reaktionen in sozialen Netzwerken aus.

Selbst die Konkurrenzsender RTL und RTL2 meldeten sich nach dem Beitrag von Joko und Klaas im Netz zu Wort und feierten ProSieben für die Aktion. Andere TV-Sender schlossen sich an.

Reaktion der Politik folgte prompt

Übrigens versäumten es die Pfleger auch nicht, die Politik in die Verantwortung zu nehmen. Nun bleibt abzuwarten, was der Beitrag bewirkt. Vizekanzler Olaf Scholz reagierte bereits auf Twitter auf die Sendung und bedankte sich bei Joko und Klaas für den Beitrag und schloss sich der Forderung nach guten Löhnen und Arbeitsbedingungen an:

Scholz' Reaktion löste allerdings vor allem Unverständnis aus. Der Tenor: Statt das Thema auf Twitter zu kommentieren, sollte er lieber handeln.

Joko und Klaas wollten sich nach der Ausstrahlung übrigens nicht weiter zu dem Thema äußern. Jokos Management teilte auf Nachfrage von watson mit: "Wie immer bei den 15 Minuten sagen Joko und Klaas im Nachgang nichts dazu – die Aktionen stehen für sich."

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