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Mehrere Bundesländer haben die Priorisierung bei den Corona-Impfungen in Arztpraxen aufgehoben. (Symbolbild) Bild: Moment RF / Andriy Onufriyenko

Impfungen für alle? Wo die Priorisierung endet und was das bedeutet

In mehreren Bundesländern endet in dieser Woche die Priorisierung bei den Corona-Impfungen in Arztpraxen. Das bedeutet, dass niedergelassene Ärzte nun vollständig selbst entscheiden können, wer die Impfung bekommen soll. Damit wollen die Bundesländer das Tempo bei den Impfungen weiter erhöhen. Bisher war die Vergabe an Kriterien wie Alter, Vorerkrankung und die Zugehörigkeit zu bestimmten Berufsgruppen geknüpft. In den Impfzentren bleibt diese Priorisierung noch bestehen.

Die Impfstoffe von Astrazeneca und Johnson & Johnson sind bereits bundesweit unabhängig von der Priorisierung freigegeben. Für alle anderen Impfstoffe will die Regierung laut Gesundheitsminister Jens Spahn die Priorisierung am 7. Juni aufheben. Die Vorranglisten nach Alter, Vorerkrankungen und Beruf sollten dann in Arztpraxen und regionalen Impfzentren entfallen. Damit sind alle Bürgerinnen und Bürger ab 16 Jahren berechtigt, einen Impftermin in den Impfzentren zu vereinbaren, heißt es in dem Entwurf, der der Deutschen Presse-Agentur vorliegt.

Nach wie vor übersteige die Nachfrage nach Impfterminen allerdings das Angebot an Impfstoffen deutlich. Was bedeutet das Ende der Priorisierung also? Was soll es bewirken? Und was sagen die Ärzteverbände dazu? Watson beantwortet die wichtigsten Fragen.

In welchen Bundesländern wurde die Priorisierung bereits aufgehoben?

Baden-Württemberg und Berlin beginnen schon an diesem Montag, Bayern folgt voraussichtlich im Laufe der Woche. Sachsen plant das Ende der Priorisierung ab dem 24. Mai. Damit können Ärzte ohne Bindung an die Impfverordnung frei entscheiden, welche Patienten sie zuerst impfen, teilte das sächsische Gesundheitsministerium am Freitag mit.

Auch Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow hat die Aufhebung der Impfpriorisierung in seinem Bundesland angekündigt. "In dem Moment, wo in den Hausarztpraxen ausreichend Impfmaterial da ist, kann der Hausarzt das entscheiden", sagte der Linken-Politiker am Montag im ZDF-"Morgenmagazin". Schon jetzt gebe es Hausärzte, die in der Entscheidung freier sind. Die Impfpriorität der Ständigen Impfkommission diene aber als Orientierung.

Was wollen die Bundesländer damit erreichen?

Die Bundesländer wollen durch das Ende der Priorisierung das Tempo weiter erhöhen. Zudem wollen sie sicherstellen, dass möglichst alle verfügbaren Impfdosen verimpft werden.

Ärzte sollen sich beispielsweise nicht unsicher fühlen, wenn sie zwischen der Priorisierung auch andere Menschen impfen, um zu verhindern, dass Dosen aus angebrochenen Fläschchen weggeworfen werden müssen, sagte Berlins Gesundheitsstaatssekretär Martin Matz. Es sei zu erwarten, dass Praxen vor der Frage stehen, ob sie die gelieferten Mengen wirklich nur bei priorisierten Patienten einsetzen können. "Hier wollen wir auch Sicherheit schaffen, dass die Ärztinnen und Ärzte nicht nachher im Regen stehen und nicht wissen, was sie tun sollen", sagte er.

Kann sich jetzt jeder sofort impfen lassen?

Vielerorts dürfte noch nicht ausreichend Impfstoff zur Verfügung stehen, dass alle Impfwilligen auch schnell einen Impftermin erhalten.

Die Berliner Gesundheitsverwaltung hatte vergangene Woche betont, dass nicht jeder sofort geimpft werden kann. Die verfügbaren Impfstoffmengen sind laut Gesundheitsverwaltung zunächst weiter relativ knapp, erst ab Juni werde mit größeren Mengen gerechnet. Patienten, die zu einer der drei Prioritätengruppen zählen und noch nicht geimpft sind, hätten zudem weiter Vorrang, erläuterte der Sprecher.

Ulrich Weigeldt, Chef des Hausärzteverbands, sagte gegenüber dem "Handelsblatt", dass der Ansturm auf die Arztpraxen nun nochmal größer sei. "Sie werden nun überrannt mit Anfragen, die sie insbesondere aufgrund der aktuellen Impfstoffknappheit nicht alle erfüllen können." Dies koste viel Zeit.

Kritik aus dem Ethikrat

Ethikratsmitglied Andreas Lob-Hüdepohl sieht die Aufhebung der Impfpriorisierung kritisch. Es verstoße gegen das Prinzip der Gerechtigkeit, "die noch nicht durchgeimpften Personen mit höherer Dringlichkeit dem Windhund- und Ellenbogenprinzip auszusetzen", sagte der Berliner Theologe im Interview mit "Welt".

Aus Sicht von Lob-Hüdepohl setzen die Länder mit der Priorisierung auch das Gerechtigkeitsprinzip in der Impfstoffverteilung außer Kraft. Im Interview forderte er zudem mehr Freiheiten für Nicht-Geimpfte: "Wer einen negativen aktuellen PCR-Test vorweisen kann, muss eine Party besuchen können, ähnlich wie Geimpfte". Ansonsten sehe er ein Akzeptanzproblem.

Auch mit Blick auf die Verfassung sieht der Theologe Probleme. Den Nicht-Geimpften sei bereits ein doppelter Nachteil entstanden: Sie müssen länger Einschränkungen ihres Gesundheitsschutzes und ihrer Grundrechte hinnehmen. Lob-Hüdepohl hat sich im Ethikrat auf Beratung im "Gesundheit und Sozialwesen" spezialisiert.

Was sagen die Ärzte selbst dazu?

Die Chefin des Ärzteverbandes Marburger Bund, Susanne Johna, hat vor der Aufhebung der Impfpriorisierung in Arztpraxen gewarnt. Dadurch gebe es nicht mehr Impfstoff, "sondern einfach noch mehr Menschen, die um ein knappes Gut konkurrieren", sagte Johna am Montag im Deutschlandfunk. Wer besonders drängele, komme dadurch möglicherweise früher zum Zug als Menschen, die besonders geschützt werden müssen. Schon jetzt fühlten sich viele niedergelassene Ärzte "wie die letzte Mauer" bei der Impfstoffvergabe.

Die Impfpriorisierung habe nicht nur die Menschen vorgezogen, die ein Risiko hatten schwer zu erkranken – sondern habe auch Menschen mit einem geringeren Risiko eine Vorstellung davon gegeben, wann sie drankommen, sagte Johna. "Wenn ich jetzt gleichzeitig allen Menschen die Vorstellung gebe, sie könnten drankommen, gleichzeitig aber das Gut so knapp ist, dass das gar nicht möglich ist, führt das doch zu Frustration."

Im Gegensatz dazu sagte der Vorsitzende der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung Mecklenburg-Vorpommern, Torsten Lange: "Das Ziel der Herdenimmunität würde schneller wohnortnah und ohne aufwendige Einladungsprozeduren erreicht werden. Es sollte alles getan werden, um den zunehmenden Schwung der Impfungen in den Praxen nicht auszubremsen." Die Priorisierung und die damit verbundene sehr aufwendige Terminkoordinierung verschlingen Lange zufolge sowohl auf Landesebene als auch in den Praxen wertvolle Zeit. Zudem bestehe immer die Gefahr, dass Impfstoff von Biontech aufgrund nicht wahrgenommener Termine verfällt, wenn zeitnah keine anderen Patienten in der Priorität erreichbar seien. "Jetzt ist pragmatisches Handeln und Umdenken gefragt", forderte Lange.

Was gilt in den anderen Bundesländern?

Bund und Länder hatten die Priorisierung für Astrazeneca bereits Anfang Mai aufgehoben. Und auch die Priorisierung für den Impfstoff von Johnson & Johnson ist bereits aufgehoben. Beide Impfstoffe werden von der Ständigen Impfkommission nur für Menschen ab 60 Jahren empfohlen, da sie bei jüngeren Menschen in seltenen Fällen schwere Nebenwirkungen verursachen. Vor der Entscheidung für eine Impfung ist deswegen bei jüngeren Personen eine ärztliche Aufklärung und individuelle Risikoanalyse vorgeschrieben.

Seit der Freigabe von Astrazeneca für alle wird der Impfstoff nach Angaben des Apothekerverbands Nordrhein in vielen Arztpraxen knapp. "Der Impfstoff von Astrazeneca wird so stark nachgefragt, dass die bereitgestellten Mengen nicht mehr ausreichen", sagte der Verbandsvorsitzende Thomas Preis der "Rheinischen Post". Teilweise habe der Großhandel die Bestellungen, die die Ärzte über die Apotheken eingereicht hätten, um 80 Prozent reduzieren müssen. "Viele Ärzte sind sehr verärgert, denn bereits bestehende Impftermine müssen nun storniert werden", berichtete Preis.

Für die Impfstoffe von Biontech und Moderna gilt in den Bundesländern weiterhin die Priorisierung. Die Bundesregierung plant, die Impfpriorisierung wegen des knappen Impfstoffs erst im Juni aufzuheben.

(pas/mit Material von dpa)

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