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Wer nicht "neurotypisch" ist, leidet manchmal unter den Vorurteilen anderer Menschen. Bild: iStockphoto / kieferpix

watson-Kolumne

Frau mit Asperger-Autismus: "Behinderte Menschen sind keine unfähigen Totalversager"

"Mein Leben mit Asperger" – die neue watson-Kolumne alle zwei Wochen

denise linke

"Also wenn das Autismus ist, dann habe ich das auch." – Ich kann nicht sagen, wie oft ich diesen Satz bereits gehört habe. Der Grund dafür ist ganz simpel. Im Sammelsurium an Symptomen findet wohl jeder etwas, was sich vertraut anhört. Manche erkennen sich sogar in vielen der Eigenarten wieder. Auf die Intensität kommt es an, und auf die Masse an Merkmalen.

Trotzdem frage ich mich immer öfter: Wenn so viele Menschen sich in irgendeiner Form mit Autismus identifizieren können, wozu brauchen wir überhaupt Diagnosen?

Ganz ehrlich, mir ist noch keine zufriedenstellende Antwort eingefallen. Natürlich, wir benötigen Diagnosen, damit Menschen die Hilfe bekommen, die sie brauchen. Aber funktioniert das nicht auch ohne dieses Schubladendenken?

"Jeder braucht Hilfe und jeder kann irgendwas."

Was soll dieses "neurotypisch" sein?

Wir sortieren uns in bestimmte Gruppen, das ist wohl menschlich. Aber es baut auch unnötige Distanz auf, ein "wir" und "die". Man versucht, Vergleiche anzustellen, um die Unterschiede deutlich zu machen, aber meist hinken sie, weil weder alle Autisten noch alle Nicht-Autisten eine auch nur ansatzweise homogene Masse bilden. Generalisierungen sind immer blöd – ironisch, ich weiß.

Eine Generalisierung, die trotzdem zutrifft: Jeder braucht Hilfe und jeder kann irgendwas. Vor einigen Jahren arbeitete ich als Assistenz der Projektleitung bei einem Sommercamp für Menschen mit Behinderung. Wir waren ein bunter Haufen aus Menschen mit und ohne Behinderung, es gab gehörlose Teilnehmer, sehbehinderte Teilnehmer, welche im Rollstuhl und mit Lähmungen und Spastiken. Nicht behinderte Assistenten und behinderte Assistenten und Teilnehmer lebten eine Woche gemeinsam in einer Jugendherberge, absolvierten Workshops, aßen Mahlzeiten und verbrachten Freizeit miteinander. Es war eine der schönsten Wochen meines Lebens. Und sie warf die Frage auf: Was soll dieses "neurotypisch", im Volksmund "normal" genannt, überhaupt sein?

"Es gab kein 'wir' oder 'die', es gab bloß ein 'alle zusammen, füreinander'."

Es war vollkommen selbstverständlich, einander zu helfen. Dabei half man nicht nur den Menschen mit Behinderung, sondern jedem, und man forderte diese Hilfe ebenso selbstverständlich ein – von allen Anwesenden, nicht bloß von den vollkommen Gesunden. Ich half René, der eine Sehbehinderung hat, seine Umgebung zu "sehen", indem ich alles beschrieb. Ich hielt Mikrofone für Leute, deren Arme oder Hände nicht ganz funktionierten. Ein junger Mann im Rollstuhl hielt mir die Tür auf, als ich es vollbepackt nicht selbst konnte und ein gehörloses Mädchen öffnete eine fest verschraubte Wasserflasche für mich. Es gab kein "wir" oder "die", es gab bloß ein "alle zusammen, füreinander". Wie viel erträglicher wäre die Welt doch, wenn das ganze Leben so funktionieren würde.

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Denise Linke wurde als junge Erwachsene mit Asperger-Autismus und ADHS diagnostiziert. null / Andi Weiland

Über die Autorin

Denise Linke, Jahrgang 1989, studierte Politikwissenschaft in Berlin und absolvierte Hospitanzen bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und der "Zeit". Sie ist Buch-Autorin und lebt in Berlin. Für watson schreibt sie alle zwei Wochen über ihr Leben mit Asperger-Autismus und ADHS und erklärt, wie ihre Welt aussieht und was sie so besonders macht.

Wegen Mobbing habe ich die Schule gewechselt

Nicht-behinderte Leute sind gar keine Superhelden, die alles können, nie Hilfe benötigen und wie gut geölte Sozialkompetenzmaschinen durch den Alltag walzen. Und behinderte Menschen sind keine unfähigen Totalversager, die nichts auf die Reihe bekommen. Das kriegt halt niemand mit, weil wir von Kindesbeinen an auseinanderdividiert werden, es gibt keine Berührungspunkte. Ich sehe in meinem täglichen Leben in Berlin nicht viele Nachbarn mit offensichtlich erkennbaren Behinderungen, bei der Arbeit auch nicht, nicht einmal in der Bahn. Auf meiner ersten Schule gab es keine Kinder mit Behinderung, aber das änderte sich schlagartig, als ich aufgrund massiven Mobbings auf eine kooperative Gesamtschule wechselte.

Plötzlich waren wir alle zusammen, ein Potpourri aus sämtlichen Bevölkerungsschichten, Arten des Seins, alle koexistierten friedlich. Unsere Hausmeister hatten zwei Aushilfen, die eine war eine Transfrau, der andere kleinwüchsig. Ich hatte körperbehinderte Mitschüler und welche mit anderen Behinderungen, es gab Kinder aus Besserverdienerhaushalten und welche aus Brennpunkten, ich hatte schwule Mitschüler, welche mit Migrationshintergrund und welche, deren Familien seit Menschengedenken in der norddeutschen Kleinstadt wohnten. Es funktionierte ganz wunderbar, obwohl ich gar keine Diagnose hatte.

"Wenn ich mich mal wieder nicht normkonform verhalten habe, wurde ich von meinen Klassenkameraden so genommen, wie ich bin, und nicht wie an meiner vorherigen Schule beleidigt."

Ich weiß, eine Gesellschaft ohne Schubladendenken ist eine Utopie

Wenn ich bei einer Klassenarbeit nichts aufs Papier bekam, weil die Nebengeräusche zu laut waren, durfte ich in einem anderen Raum allein weiterschreiben. Wenn ich mich auf ein Thema so gar nicht einlassen konnte, durfte ich die schlechte Note mit einer freiwilligen Arbeit zu einem anderen Thema auffangen. Wenn ich mich mal wieder nicht normkonform verhalten habe, wurde ich von meinen Klassenkameraden so genommen, wie ich bin, und nicht wie an meiner vorherigen Schule beleidigt. Diese Art der Gemeinschaft kam uns allen zugute – allen, die nicht dem gängigen "Ideal" entsprachen und auch denen, die es taten. Denn ihnen wurden andere Perspektiven eröffnet, sie lernten Solidarität und manchmal sogar Fähigkeiten, die sie vorher nicht hatten.

Ich weiß, das ist eine Utopie. In dieser Gesellschaft leben wir nicht, darum braucht es Schubladen und Diagnosen und das "die" und "wir". Aber wenn wir Schulen inklusiv gestalten und Kindern von Anfang an beibringen, dass wir alle etwas können und nicht können, dass wir alle wertvoll sind und unseren Platz in diesem Land, in unseren Städten und auf unseren Pausenhöfen haben, dann können wir die Gesellschaft vielleicht verändern, empathischer und freundlicher werden. Und dann kommt vielleicht der Tag, an dem die Diagnose "Mensch" vollkommen ausreicht.

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