Leben
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Autisten haben häufig Probleme mit Kommunikation, weil ihnen die Small-Talk-Etikette nicht geläufig ist. (Symbolbild) Bild: E+ / Mixmike

watson-Kolumne

Junge Frau mit Asperger: "Jemanden anzurufen, treibt mir Angstschweiß auf die Stirn"

"Mein Leben mit Asperger" – die neue watson-Kolumne alle zwei Wochen

denise linke

Kürzlich musste ich mit meinem Handy googlen, wie ich meinen Computer anschalte, weil ich den Knopf nicht finden konnte. Das beschreibt meine Computerkompetenz ganz anschaulich. Darum finde ich es besonders ulkig, wenn ich mit dem Klischee vom IT-Autisten konfrontiert werde.

"Ihr könnt doch so gut mit Zahlen und Technik", höre ich dann oft, und die Leute denken an Sheldon in "Big Bang Theory", an Dustin Hoffmann in "Rain Man" oder Abed in "Community". Als ich vor Jahren ein Magazin für Autisten und ADHSler veröffentlichte, wurde mir darum von einem Kollegen aus dem Journalismus "Nummer" als Name vorgeschlagen. Mit einem Augenzwinkern nahm ich den Vorschlag an.

Klar, ich verstehe das: Autisten können häufig Muster gut erkennen, die Art, wie unser Gehirn funktioniert, eignet sich scheinbar hervorragend zum Programmieren. Wir sind aufs Fehlerfinden gepolt. Fernseh-Autisten haben oft Jobs, die dem Protagonisten viel Logik abverlangen. Mir entziehen sich trotzdem sämtliche Fähigkeiten auf diesem Gebiet.

Solange ich denken kann, wollte ich schreiben. Seit ich meinen Kuscheltieren als Kind Gute-Nacht-Geschichten erzählt habe, schon Jahre, bevor ich lesen und schreiben überhaupt gelernt hatte. "Wenn ich groß bin, schreibe ich einmal Bücher", eröffnete ich meiner Mutter, als ich zehn Jahre alt war. Auf die Idee, mich Java, Python oder C++ zu widmen, kam ich jedoch nie.

"Autisten haben häufig Probleme mit Kommunikation, weil uns die Small-Talk-Etikette nicht geläufig ist."

Ich lernte Spanisch, Chinesisch und Französisch und verschlang regalweise Romane. Das ist gar nicht selten: Autisten finden sich gut und gern in Berufen wieder, die wenig bis nichts mit Computern zu tun haben. Für einen Artikel interviewte ich einmal Autisten, die als Gesangslehrer, Pfleger, Erzieher und Ergotherapeuten tätig waren. Einer meiner Gesprächspartner arbeitete sogar in einem Callcenter.

In einem Callcenter würde ich rettungslos untergehen

Persönlich kann ich mir nichts Schlimmeres vorstellen, als fremde Menschen anzurufen. Autisten haben häufig Probleme mit Kommunikation, weil uns die Small-Talk-Etikette nicht geläufig ist. Jemanden anzurufen, der nicht mit meinem Anruf rechnet, treibt mir Angstschweiß auf die Stirn. Ich muss mich dann erklären, mit dem Gesprächspartner unverfänglich Plaudern – und ich weiß einfach nicht, wie das geht. Aber es sei ein wenig wie ein Spiel, erklärte er mir, und durch die Distanz zum Angerufenen könnte er sich emotional komplett von der Situation abkapseln.

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Denise Linke wurde als junge Erwachsene mit Asperger-Autismus und ADHS diagnostiziert. null / Andi Weiland

Über die Autorin

Denise Linke, Jahrgang 1989, studierte Politikwissenschaft in Berlin und absolvierte Hospitanzen bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und der "Zeit". Sie ist Buch-Autorin und lebt in Berlin. Für watson schreibt sie alle zwei Wochen über ihr Leben mit Asperger-Autismus und ADHS und erklärt, wie ihre Welt aussieht und was sie so besonders macht.

Die anderen Beiträge von Denise bei watson findet ihr hier:

- Hochbegabt, Asperger und ADHS: Wie "normal" funktioniert, habe ich nie verstanden

Bei einem ehemaligen Arbeitgeber, für den ich eigentlich in der Redaktion saß, sollte ich eines Tages plötzlich Kaltakquise am Telefon machen. Mir fiel auf die Schnelle kein triftiger Grund ein, es nicht zu tun. Also fand ich mich mit unserem Sales-Manager im Büro wieder, den Hörer in der Hand, und hoffte mit aller Kraft, niemand würde rangehen.

"Stell dich doch nicht so an, wir wollen es nur mal probieren, weil du so ein zugänglicher Gesprächspartner bist", sagte man mir, als würde es das irgendwie besser machen. Und natürlich ging jemand an den Apparat. Ich stammelte einige Minuten vollkommen hilflos zusammenhangsloses Zeug und puhlte dabei so sehr an meiner Nagelhaut, dass am Ende des Gesprächs mein ganzer Daumen blutig war.

Ich musste nie wieder jemanden anrufen. In einem Callcenter würde ich rettungslos untergehen. Aber das ist ja das Spannende am Autismus wie auch an ADHS – wir sind so herrlich verschieden.

"Neurotypische Menschen, also die ohne neurologische Auffälligkeiten, sind wie diese alten Nokia-Handys."

Kreative Arbeit liegt uns viel mehr, als man meinen würde, und ich glaube, es liegt daran, wie mein Gehirn funktioniert. Ich kann wegen meiner Eigenarten kreativ Denken, nicht ihnen zum Trotz. Ein Beispiel: Menschen denken oft sehr linear. Sie verfolgen einen Gedankengang, nehmen vielleicht kurz eine Abzweigung, aber sie verzetteln sich nicht endlos in Nebenszenarien, die auf den ersten Blick völlig belanglos oder am Thema vorbei wirken. Das macht sie natürlich schnell.

Neurotypische Menschen, also die ohne neurologische Auffälligkeiten, sind wie diese alten Nokia-Handys. Sie machen zwar nur eine Sache auf einmal, die aber zuverlässig, schnell und bei Bedarf unglaublich lang.

Ich bin ein leicht angeknackstes Smartphone. Im Hintergrund laufen diverse Apps, die irgendwelchen Kram herunterladen, ohne, dass man gefragt wird. Der Akku ist nach wenigen Stunden komplett leer, aber dafür kann man Verknüpfungen zwischen Applikationen herstellen, die plötzlich interagieren. Das eine ist nicht besser oder schlechter als das andere. Eine gesunde Gesellschaft braucht ganz sicher beides. Man kann verschiedene Dinge verschieden gut – und daraus ergeben sich Fähigkeiten, die eben nicht bloß auf die IT-Branche, sondern praktisch überall einsetzbar sind.

"Ich kann nicht jeden Wochentag mit über zwanzig Menschen sozial interagieren, weil ich nach einem Monat vollkommen unbrauchbar in der Ecke liegen würde."

Ich arbeite im Content-Bereich und war viele Jahre als freie Journalistin und Autorin tätig. Mein gesamtes Berufsleben arbeite ich also mit Worten. Darin liegt meine Stärke. Ich kann ungewöhnliche Konzepte für Marketing-Kampagnen erstellen, weil mein Gehirn plötzlich dreimal merkwürdig abgebogen ist und eine Lösung gefunden hat. Aber ich kann nicht acht Stunden am Tag an einem Computer sitzen und Aufgaben abarbeiten. Ich muss aufstehen, zwischendurch etwas ganz Anderes machen, mit dem Hund in den Park gehen, kochen, Musik hören, etwas tun, was es meinem Geist erlaubt, sich fröhlich durch alle Gehirnwindungen zu drehen.

Ich kann nicht jeden Wochentag mit über zwanzig Menschen sozial interagieren, weil ich nach einem Monat vollkommen unbrauchbar in der Ecke liegen würde, mit einer irreparabel aufgebrauchten sozialen Batterie. Die kann man leider nicht austauschen, dafür gibt es keine Ersatzteile.

Viele Autisten sind arbeitssuchend. Schade, finde ich

Bei einem meiner Jobs schaffte ich es die ersten zwei Wochen, mit den Kollegen in der Mittagspause essen zu gehen, aber dann brummte mir schon beim Aufstehen morgens der Schädel. Ich blieb dann allein zurück, wärmte mir etwas in der Mikrowelle auf und hoffte, die anderen wären möglichst lang weg. Ich schaffte meine Arbeit nicht mehr, weil ich permanent überfordert war und wurde in der Probezeit gekündigt.

Im Grunde ist es bei Autisten und ADHSlern wie bei jedem neurotypischen Menschen auch: Es gibt Sachen auf den verschiedensten Gebieten, die können wir gut, und Dinge, die kriegen wir nicht auf die Reihe, weil unsere Gehirne nicht dafür ausgestattet sind. Leider sind das oft Fähigkeiten, die in so gut wie jedem Arbeitsumfeld benötigt werden.

Die Suche nach dem passenden Job, und noch wichtiger, nach dem richtigen Büro, ist eine komplizierte Reise, die oft in einer Sackgasse endet. Darum sind viele Autisten arbeitssuchend. Schade, finde ich. Wenn man offener über seine Bedürfnisse sprechen könnte, wenn die Barrieren nicht so unüberwindbar wären, könnten unsere verwinkelten Gedankengänge sicher einiges bewirken, mit euch anderen Hand in Hand.

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Hochbegabt, Asperger und ADHS: Wie "normal" funktioniert, habe ich nie verstanden

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