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Stephanie Baczyk kommentierte beim Aufstieg des 1. FC Union Berlin in die 1. Bundesliga. bild: privat

Interview

ARD-Kommentatorin Stephanie Baczyk spricht über ihre Arbeit im Fußball-Business

Ihre Stimme ist fast jedes Wochenende im Radio oder Fernsehen zu hören. Seit 2015 kommentiert Stephanie Baczyk für die ARD Spiele der 1. und 2. Bundesliga in der legendären Radiokonferenz am Nachmittag. Zudem ist sie seit Sommer 2019 als erste Frau ein Teil der "Sportschau" am Samstagabend.

"Mit 12 oder 13 Jahren habe ich mir die Handkamera meines Vaters geschnappt und die Hallenturniere meines Bruders gefilmt und kommentiert."

Im Gespräch mit watson spricht die 34-Jährige über ihre Anfänge bei den Hallenturnieren ihres Bruders, den Umgang mit Hass-Nachrichten und ihre geteilte Liebe zum Radio und Fernsehen.

watson: Stephanie, die Nachricht, dass das Final-Spiel der Männer der Fußball-EM 2021 von Julia Metzner und das Finale der WM 2022 ebenfalls von einer Frau im Radio kommentiert werden soll, sorgte für viel Aufregung. Wie hast du das wahrgenommen?

Stephanie Baczyk: Ich freue mich für Julia, weil sie sich das über sehr lange Zeit erarbeitet hat. Sie ist eine gute Reporterin und es ist schön, dass ihr das ermöglicht wird. Ich bin aber auch der Meinung, dass es einfach über die Leistung gehen soll und gute Leistung soll belohnt werden. Ich kann die negativen Kommentare, die ich dazu gelesen habe, nicht verstehen.

Also ähnlich wie im Fußball – gute Leistungen im Training und Spiel werden mit weiteren Einsätzen belohnt.

Genau. Ich finde, das ist ein wichtiger Punkt. Man tut keiner Frau einen Gefallen, wenn man sie nur wegen einer Quote in eine Position setzt. Natürlich hilft es und öffnet Türen, weil Frauen es in einigen Bereichen immer noch schwerer haben als Männer. Aber wenn man jemanden irgendwo reinzwingt, und das alles nur wegen einer Quote – das wäre falsch.

Besonders im Radio sind seit einigen Jahren immer mehr Frauen zu hören.

Richtig. Es gibt Julia Metzner, Martina Knief, Tabea Kunze, Luise Kropff und ich glaube, da kommen auch immer mehr Frauen nach. Im Radio geht das peu a peu. Aber ich mache mir da nicht so die Gedanken drum. Ich arbeite mit vielen tollen Kollegen zusammen und wenn man in einer Radiokonferenz ist und Spaß haben kann – das ist das Coole an der ganzen Sache. Nicht, ob da mehr Frauen oder Männer drin sind.

"Stell dir einfach mal vor, du machst deinen Job und dann kommen 50 Leute und sagen: 'Ganz ehrlich, du kannst das überhaupt nicht.' Aber ich glaube, man muss lernen, damit umzugehen."

Dabei gibt es wohl keine Sportart, in der Frauen die Kompetenz so häufig abgesprochen wird wie im Fußball. Hattest du das Gefühl, besonders gut sein zu müssen?

Man hat natürlich einen gewissen Druck, aber den haben Männer genauso wie Frauen. Als ich angefangen habe, gab es die sozialen Medien auch schon, da kriegst du natürlich mit, wenn Kommentare über dich geschrieben werden und wie manche Männer Frauen sehen. Aber du kriegst auch mit, dass viele Leute offen dafür sind und sagen: "Ist uns eigentlich egal, solange der Job gut gemacht wird." Und man darf in dieser Branche nicht vergessen, dass die Beurteilungen von außen einfach subjektiv sind.

Dennoch äußern sich Leute in den sozialen Medien immer wieder mit erschreckenden Kommentaren. Wie schwer war es am Anfang für dich, damit umzugehen?

Das ist natürlich schwer und tut schon weh. Du bist auch nervös und aufgeregt, bereitest dich intensiv auf ein Spiel vor und denkst dir im Nachhinein: "Hey, lief doch gar nicht so schlecht!" Dann liest du Kommentare, die dir absprechen, dass du überhaupt irgendwas vom Spiel verstehst. Stell dir einfach mal vor, du machst deinen Job und dann kommen 50 Leute und sagen: "Ganz ehrlich, du kannst das überhaupt nicht." Aber ich glaube, man muss lernen, damit umzugehen.

Verändert diese Kritik dein Arbeiten?

Ich habe einen sehr hohen Anspruch an mich selbst. Ich bin manchmal auch zu perfektionistisch, ich glaube, ich bin meine größte Kritikerin. Ich höre mir alle Spielberichte und Reportagen nochmal an und überlege: "Okay, an welchen Kleinigkeiten kannst du noch feilen?" Du gehst während des Spiels viel nach Gefühl und hast deinen eigenen Stil. Deswegen höre ich im Nachhinein immer rein und frage mich, wie es auf mich als Zuhörerin wirkt.

Zur Person

Stephanie Baczyk hat von 2013 bis 2015 bei Antenne Niedersachsen volontiert und ist seit 2015 für den RBB und die ARD tätig, wo sie als Reporterin, Kommentatorin und Beitragsmacherin in den Bereichen Fernsehen, Radio und Online arbeitet. Seit 2019 gehört sie zum Team der "Sportschau", ist aber auch immer mal wieder für den ARD-Hörfunk im Einsatz, unter anderem in der Bundesligakonferenz am Samstag.

Du hast deinen Stil schon sehr früh entwickelt.

Das stimmt. Mein Vater hatte eine alte Handkamera und hat die Hallenturniere meines Bruders in der F-oder E-Jugend immer mitgefilmt. Ich war zu diesem Zeitpunkt 12 oder 13 Jahre alt und irgendwann habe ich mir die Kamera geschnappt, die Spiele gefilmt und dabei kommentiert. Dieses Material gibt es noch bei meinen Eltern, aber das ist einfach so schlecht (lacht). Nach dem Spiel habe ich dann auch die Eltern der anderen Kinder interviewt.

"Ich wusste nicht genau, wohin mit mir und ich erinnere mich noch gut an die erste Konferenz im Radio. Das war ein so schönes Gefühl, das kann ich gar nicht beschreiben. Das war so, als wäre ein Kleinmädchentraum in Erfüllung gegangen."

Also war dir schon früh klar, dass du eines Tages als Sportjournalistin arbeiten möchtest?

Ich glaube, ich hatte schon immer diese Affinität. Immer wenn ich Fußball im Fernsehen gesehen oder im Radio gehört habe, habe ich gedacht: "Sowas willst du auch mal machen", aber das war so abstrakt. Da sind ganz weit weg irgendwelche Leute und du hast auch keine wirkliche Vorstellung, wie man dort hinkommt.

Und dein Weg dorthin war auch nicht immer einfach. Du hast mal erzählt, dass während eines Praktikums jemand zu dir meinte: "Wenn es nicht klappt, kannst du immer noch Hausfrau und Mutter werden."

Das war ein Negativ-Beispiel, aber ich habe mir das einfach gemerkt, weil es den Knochen-Job der Hausfrau und Mutter total abwertet und auf der anderen Seite ist es auch mir gegenüber abwertend gemeint. Ich habe mir das im Hinterkopf notiert und mir gesagt: "Ich schaffe das und mache weiter." Ab und an denke ich an diese Worte zurück und lächle in mich hinein. Aber der Großteil der Leute ist fair. In jedem Bereich gibt es Menschen, die nicht so cool zu anderen sind.

Ab 2015 warst du dann selbst die Stimme im Radio und bist seitdem bei der Bundesliga-Konferenz im ARD-Hörfunk zu hören.

Das war ein tolles Gefühl. Ich wusste nicht genau, wohin mit mir und ich erinnere mich noch gut an die erste Konferenz im Radio. Das war ein so schönes Gefühl, das kann ich gar nicht beschreiben. Das war so, als wäre ein Kleinmädchentraum in Erfüllung gegangen.

Dort warst du mit Sabine Töpperwien zu hören, über die du zu ihrem angekündigten Abschied im "Spiegel" einen Text verfasst hast.

Die Vorarbeit, die sie für alle Frauen in der Branche geleistet hat, war etwas Starkes, Wunderbares und Tolles. Zumal sie sich in der Anfangszeit und auch danach unfassbare Sachen anhören musste. Ich kenne sie selbst noch aus meiner Kindheit aus dem Radion und dass ich am Ende mal mit ihr in einer Konferenz zu hören war, war schon schön.

2019 wurdest du dann als erste Kommentatorin ins Team der ARD-Sportschau berufen. Zuvor hast du bereits 2015 und 2019 die WM und 2017 die EM der Frauen kommentiert. Hast du dir damit alle deine Träume erfüllt?

Es gibt im Sport diese furchtbare Aussage: "Von Spiel zu Spiel denken", aber es ist wirklich so. Du guckst von Woche zu Woche, aber wenn ich Leute lange nicht gesehen habe und die sagen: "Guck mal, du hast dir das immer gewünscht und jetzt machst du das und hast dir deinen Traum erfüllt." Dann denke ich drüber nach und merke, wie cool es ist, dass ich das wirklich machen darf.

Wie schwierig ist die Umstellung zwischen Fernsehen und Radio?

Der Unterschied ist schon groß. Im Radio beschreibst du extrem viel. Im Fernsehen sieht jeder die Bilder, da bewertest und analysierst du mehr. Da musste ich mich am Anfang auch mal zwingen, den Mund zu halten. Dir kommt jede Pause minutenlang vor, dabei sind es am Ende nur 15 Sekunden. Im Radio fasst du mehr zusammen, aber die eigentliche Kunst ist es, einfach locker flockig vom Nacherzählen wegzukommen und das Geschehen am Ball zu beschreiben.

Wie nervös bist du noch vor den Spielen?

Die Grundanspannung war am Anfang schlimmer, da konnte ich wirklich nicht schlafen, weil ich so aufgeregt war. Aber mittlerweile hat es sich gelegt. Eine gewisse Anspannung ist immer da, aber das brauchst du auch. Wenn die gar nicht mehr da ist, wird es schwierig. Du musst ja auch über 90 Minuten konzentriert bleiben.

"Ich genieße den Moment und versuche, damit zufrieden zu sein. Ich glaube, das geht unserer Gesellschaft ziemlich ab. Dass man mal stehen bleibt, sich umguckt und sagt: 'Ich bin einfach mal happy, mit dem, was ich habe'."

Diese Anspannung wäre im vergangenen Sommer sicherlich nochmal höher gewesen…

Eigentlich wäre ich vergangenen Sommer in Tokio bei den Olympischen Spielen gewesen und hätte mit dem Kollegen Bernd Schmelzer die Fußballspiele kommentiert. Mal sehen, ob das diesen Sommer nachgeholt wird.

Und dann hätte noch die Fußball-EM der Männer stattgefunden.

Da wäre ich auch Teil des ARD-Teams gewesen und hätte Beiträge für das Radio und das Fernsehen gemacht. Die "Sportschau"-Zusammenfassungen, die ja meist auch live sind, sind jedes Mal eine schöne Herausforderung.

Und wenn du dich jetzt entscheiden müsstest: Radio oder Fernsehen?

Ich könnte mich nicht für eins entscheiden. Ich bin froh, dass ich weiter beides machen darf. Ich genieße den Moment und versuche, damit zufrieden zu sein. Ich glaube, das geht unserer Gesellschaft ziemlich ab. Dass man mal stehen bleibt, sich umguckt und sagt: 'Ich bin einfach mal happy, mit dem, was ich habe."

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