Annalena Baerbock, Promis unter Palmen

Das Kanzlerkandidatinnen-Interview mit Annalena Baerbock und "Promis unter Palmen" bildeten am Montagabend ein Kontrastprogramm im TV. Bild: screenshot prosieben / sat.1

Analyse

Trash vs. seriös: Wie Sat.1 und ProSieben plötzlich völlig unterschiedliche Wege einschlagen

Vergangene Woche gab es Negativschlagzeilen für Sat.1, da der Sender unzensiert homophobe Aussagen von Marcus Prinz von Anhalt in "Promis unter Palmen" zeigte. Wenige Tage später strahlte ProSieben jetzt ein Live-Interview mit Annalena Baerbock aus, die frisch zur Kanzlerkandidatin der Grünen ernannt wurde. Baerbock durfte sich dabei selbst präsentieren sowie ein paar Punkte des grünen Wahlprogramms erläutern. Ein Kontrast, der die Entwicklung der Sender wunderbar veranschaulicht, die beide zur Seven.One Entertainment Group gehören, aber unterschiedliche Richtungen einschlagen.

Während Sat.1 die große Trash-Offensive auffährt, beackert ProSieben immer stärker seriöse Themen. ProSieben-Chef Daniel Rosemann verspricht: "Über die klassische Wahlberichterstattung hinaus wird ProSieben in diesem Jahr weiter Themen in den Fokus seiner Berichterstattung rücken, die den Menschen in unserem Land auf der Seele brennen wie zum Beispiel das Thema Pflege."

Christian Schicha, Professor für Medienethik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, erklärt den uneinheitlichen Kurs der Sendergruppe gegenüber watson:

"Beide Sender setzen auf ein Vollprogramm. Sie setzen also auf Information und Unterhaltung. Insofern ist dies kein Widerspruch. Es sollen möglichst viele ZuschauerInnen erreicht werden. Seriöse Anteile steigern das Image, auch wenn sie nicht zwingend mehr Quote bringen. RTL hat ja auch Ex-'Tagesschau'-Sprecher Jan Hofer engagiert. Marc Bator und Laura Dünnwald sind ebenfalls von der ARD zu den privaten Programmen gewechselt."

Dazu ergänzt er: "Wenn ein privater TV-Sender den Informationsanteil erhöht, ist dies zu begrüßen. Die Glaubwürdigkeit hängt auch davon ab, ob dies auch langfristig so bleibt." Einen Konflikt erkennt er nicht zwingend: "Auch RTL und die öffentlich-rechtlichen Anbieter bieten zahlreiche Unterhaltungsformate an", so Schicha weiter.

Eine Erfolgsgarantie gibt es allerdings nicht, doch gerade durch den frischen Wind bei ProSieben ist nun eigentlich für jeden etwas dabei. Dies wiederum könnte durchaus zu einem wieder ansteigenden Gesamtzuschauermarktanteil führen. Mit diesem Faktor hatten in den letzten Jahren beide Sender zu kämpfen.

Bei Sat.1 fallen alle Hemmungen

Sat.1 ist vermutlich der Sender in Deutschland, der das momentan größte und auch fragwürdigste Trash-Feuerwerk abbrennt – nicht unbedingt bezogen auf die Anzahl der Formate, sondern vor allem auf die Abgründe, die sich darin auftun.

Aus den Sendungen der jüngeren Vergangenheit erweist sich "Die Festspiele der Realitystars" dabei noch als harmlosester Vertreter, schließlich ist es im Wesentlichen eine Spielshow, in der die Promis unter der Moderation von Jochen Schropp und Olivia Jones Geschicklichkeit und Wissen beweisen müssen. Trashig ist hier vor allem die Zusammensetzung der Kandidaten von Jürgen Milski über Chris Töpperwien bis hin zu Gina-Lisa Lohfink.

Feierte "Die Festspiele der Realitystars" erst 2020 Premiere, ist "Promi Big Brother" dagegen schon ein alter Hase im Sat.1-Programm. Seit 2013 gab es so manchen Eklat – angefangen damit, dass Mario-Max zu Schaumburg-Lippe vor laufenden Kameras die Nachricht überbracht wurde, dass seine Freundin mit ihm Schluss macht.

Daneben stand Mobbing immer wieder an der Tagesordnung. Zlatko zum Beispiel, ehemaliger "Big Brother"-Liebling, "schaffte" es so, es sich nach Jahren doch noch mit den Zuschauern zu verscherzen. Derweil könnte der Auszug von David Hasselhoff nach nur vier Tagen die Teilnahme des 68-Jährigen als reinen PR-Stunt entlarvt haben. Seine Ex-"Baywatch"-Kollegin Pamela Anderson ging einen alternativen Weg, um ihre Mitbewohner zu meiden und nächtigte einfach in einer Luxusabsteige.

All das wirkt aber noch vergleichsweise harmlos im Vergleich zu dem, was bislang "Promis unter Palmen" aufgefahren hat. Die furchtbaren Mobbing-Szenen um Claudia Obert aus der ersten Staffel waren in jeder Hinsicht tatsächlich nur der Anfang, wie das jüngste Kapitel der Sendung nun zeigt.

Prinz Marcus von Anhalt holte gegenüber Katy Bähm zu einer homophoben Tirade aus, die sich beim besten Willen nicht missverstehen lässt. Die Alkohol-Eskapaden in der Villa überstrahlte er damit noch einmal locker, dennoch erhielt er im Rahmen des anschließenden Talks abermals eine Plattform – ohne allerdings wirklich zu Wort zu kommen.

In sozialen Netzwerken hagelte es daraufhin Kritik. Viele User meinten, Sat.1 hätte die Aussagen nicht einfach ungefiltert ausstrahlen dürfen. Daraufhin verteidigte sich der Sender erst einmal: "In der Sendung hat Willi Herren sofort klare Kante gegen die homophoben Aussagen von Prinz Marcus gezeigt. Katy Bähm ordnet zudem selbst klar ein. Sat.1 hat im Umfeld der Sendung und in der 'Late Night Show' weiter zu diesem wichtigen Thema eindeutig Stellung bezogen."

Später wurde die Folge dann aber doch bei Joyn Plus+ entfernt, ebenso wie die Preview zur nächsten Ausgabe. Auf Nachfrage erfuhr watson von einer Sprecherin: "Nach den Zuschauerreaktionen von Montag prüfen wir aktuell alle verbleibenden Folgen."

Mit dem Shitstorm ist Sat.1 komplett überfordert, dabei hat die Eskalation bei "Promis unter Palmen" ja gerade System. Oliver Pocher brachte es schließlich treffend auf den Punkt: "Man weiß, was der macht und man setzt ihn ja dann bewusst auch mit einer Travestie-Künstlerin dahin, damit so eine Situation entsteht." PR- und Medienexperte Ferris Bühler schlägt auf Nachfrage von watson in eine ganz ähnliche Kerbe und erklärt:

"Wenn in den sozialen wie auch klassischen Medien künftig immer mehr darüber diskutiert wird, welche Tabubrüche gezeigt werden dürfen und welche nicht, so sollten die Sender entsprechend sensibilisiert und vorbereitet sein. Da kann es doch nicht sein, dass der Sender die Sendung einfach der Quote zuliebe zuerst einmal ungefiltert ausstrahlt und danach einen Rückzieher macht und die Sendung verschwinden lässt. Das ist naiv und schadet der Glaubwürdigkeit des Senders."

Promis unter Palmen

Prinz Marcus sorgte für einen Skandal bei "Promis unter Palmen". Bild: screenshot sat.1

Den Experten verwundert es allerdings dennoch nicht, dass Sat.1 derzeit auf "Super-Trash" setzt, der in der Öffentlichkeit entsprechend viel Aufmerksamkeit garantiert. Denn Trash-Formate seien "oft ein relativ sicheres Heilmittel", wenn es um die Quoten geht.

Nichtsdestotrotz scheint zumindest "Promis unter Palmen" in der jetzigen Ausrichtung nicht haltbar zu sein, möchte Sat.1 keinen massiven Image-Verlust in Kauf nehmen. Dass der Sender dieses Format überhaupt auf sein Publikum loslässt, ist keine Selbstverständlichkeit, zumal die Konkurrenz momentan andere Wege geht. Während RTL familienfreundlicher werden möchte, bemüht sich ProSieben um einen gehobenen Anspruch und deckt zunehmend sogar auch politisch und gesellschaftlich relevante Themen ab.

ProSieben – das Anti-Sat.1

ProSieben hingegen will seriöser werden. Das zeigt sich im Vorantreiben von Dokus- oder Reportage-Formaten wie mit Investigativjournalist Thilo Mischke oder Jenke von Wilmsdorff. Letzteren hatte man extra von RTL zum Münchner Sender geholt. Hinzukommt, dass selbst in Sendungen mit Trash-Faktor, wie bei "Germany's next Topmodel", immer mehr Wert auf Diversität gelegt wird.

Außerdem traute sich ProSieben etwas, das viele Sender wohl nicht gewagt hätten: Sie zeigten sieben Stunden lang in einer Doku den Alltag einer Gesundheits- und Krankenpflegerin in einer Klinik. Das Ganze haben wir zwar Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf und ihren erspielten 15 Minuten zu verdanken, doch dass der Sender aus dieser Viertelstunde mal eben sieben Stunden machte, ist dann doch nicht selbstverständlich.

Dafür verzichtete ProSieben sogar komplett auf Werbung. Damit es kein Verlustgeschäft wird, hatte man sich mit der Deutschen Telekom und Cosmos Direkt zwei große Sponsoren gesucht. Finanziell dürfte dem Sender also kein Schaden entstanden sein. Und vom finanziellen Aspekt mal ganz abgesehen: Dass ProSieben der siebenstündigen Doku Platz im Programm eingeräumt hat, hat dem Sender nur gutgetan.

Medien- und PR-Experte Ferris Bühler sagte damals gegenüber watson, dass ProSieben in diesen sieben Stunden Sendezeit so viel gewonnen habe wie schon lange nicht mehr. "Alleine die positive Berichterstattung im deutschen Sprachraum über die Aktion hat einen Wert im siebenstelligen Bereich", meinte der Experte.

Generell sei das ProSieben der einzelnen Formate viel breiter als beim Schwestersender Sat.1, erklärt Bühler gegenüber watson, "weshalb hier durchaus auch seriöse Inhalte Platz haben". "Man sieht auch, dass dieser Bereich bei ProSieben momentan gerade ausgebaut wird und dort auch sein Publikum findet", so der Medienexperte weiter. So erzielte beispielsweise die fiktionale Doku "Chernobyl" vergangene Woche einen Marktanteil von fast 17 Prozent.

ProSiebens Bestrebungen hin zu mehr Seriosität gipfelten nun am Montagabend in einem ganz besonderen Schritt. Exklusiv strahlte der Privatsender das erste Interview mit der Kanzlerkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock, aus. Geführt wurde dieses Gespräch von Moderatorin Katrin Bauerfeind und Thilo Mischke.

Doch das Interview, das sogar live in Gebärdensprache übersetzt wurde, wurde eher zur netten Plauderrunde. Kritische Nachfragen gab es kaum. Stattdessen durfte Baerbock sich selbst präsentieren sowie ein paar Punkte des grünen Wahlprogramms erläutern.

Annalena Baerbock bei Prosieben

ProSieben widmet sich mit einem Live-Spezial der Kanzlerkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock. Bild: screenshot prosieben

Dennoch: Mit diesem Interview setzt ProSieben nicht nur ein Zeichen, wie ernst es dem Sender mit dem seriösen Image wirklich ist, sondern schlägt sogar dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen ein Schnippchen. Immerhin sind diese für Gespräche mit Kanzlerkandidaten und Kanzlerkandidatinnen für gewöhnlich die erste Adresse.

Dass sich die Grünen-Verantwortlichen allerdings für den Münchner Sender entschieden haben, zeigt auch, dass der Wandel nach Außen hin wahrgenommen wird. Die Zeit von Klamauk und Trash ist bei ProSieben möglicherweise angezählt. Umso weniger passt es da ins Konzept, dass die Verantwortlichen an einem Comeback vom Trash-Format "Die Alm" arbeiten. Aber wie heißt es so schön: Die Mischung macht's.

ProSieben und Sat.1 in Zahlen

Grundsätzlich hat Sat.1 beim Blick auf den Zuschauermarktanteil im direkten Vergleich mit ProSieben seit jeher die Nase vorn. Auch wenn es für Sat.1 nach 2011 mit einem Gesamtzuschauermarktanteil von 10,1 Prozent stetig bergab ging und der Sender 2020 bei nur noch 5,7 Prozent lag, liegt er damit immer noch über dem Schnitt vom Schwestersender. Während ProSieben im Jahr 2000 noch einen Marktanteil von 8,2 Prozent erzielen konnte, sank dieser 2020 auf nur noch 4 Prozent. Damit lag der Sender auch bei den Gesamtzuschauerzahlen des vergangenen Jahres hinter RTL, Sat.1 und sogar Vox.

Allerdings hat ProSieben einen entscheidenden Vorteil gegenüber Sat.1: Beim jungen Publikum ist der Sender äußerst beliebt. Im März 2021 beispielsweise lag der Sender mit 9,6 Prozent Marktanteil in der jungen Zielgruppe direkt hinter RTL (11,1 Prozent).

Diese Werte spiegeln sich auch in den Jahreswerten wider. 2020 konnte ProSieben bei der werberelevanten Altersgruppe der 14- bis 49-Jährigen einen Marktanteil von 9,1 Prozent erzielen. Sat.1 hingegen nur 7,7 Prozent.

Ob die Zuschauer sowohl den Wandel von ProSieben zu mehr Seriosität als auch den hohen Trash-Anteil von Sat.1 "wertschätzen" werden, bleibt abzuwarten. Noch lässt sich nicht sagen, wie sich die Quoten der Sender entwickeln werden.

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