Alphamännchen unter sich. Kollegah (links) vs. watson-Autor Tim. Der findet, Kollegah war schon mal besser.
Alphamännchen unter sich. Kollegah (links) vs. watson-Autor Tim. Der findet, Kollegah war schon mal besser.
Bild: dpa/watson-montage
Meinung

Warum ich mir Kollegah nicht mehr anhören kann

20.12.2019, 14:20

Als ich 2007 Kollegahs Debutalbum Alphagene hörte, kam ich aus dem Staunen nicht mehr raus. Die silbenreichen Reime und durchdachten Wortspiele unterlegt mit düsteren Beats waren schlicht etwas Neues im damaligen Deutschrap-Kosmos. Entsprechend begleiteten mich die Songs des überheblichen Halbkanadiers durch die zehnte Klasse.

Kürzlich dann, zwölf Jahre später, veröffentlichte Kollegah sein Album Alphagene 2. Nachdem er sich in der Zwischenzeit musikalisch von dem entfernte, was ihn früher ausmachte, will er nun zurück zu seinen Anfängen.

Kann das Album mich also wieder packen, begeistern und zurück in mein 16-Jähriges Ich versetzen?

Spoiler: Eher nicht.

Selbst nach wiederholtem Hören blieben die Emotionen aus. Denn auch wenn Alphagene 2 musikalisch wie frühere Alben klingt, konnte ich es nicht genießen. Dafür war schlicht zu viel passiert.

So entwickelte sich Kollegah zwar zu einem der erfolgreichsten Deutschrapper, leistete sich nebenbei aber auch einige Fehltritte. Und die fielen so schwer aus, dass es mir heute unmöglich ist, das Werk vom Künstler zu trennen.

Fünf Geschichten, die Kollegah für mich unerträglich machten

Kollegah und die Evolution

Nehmen wir etwa Kollegahs Ansichten zur Evolution. In einem Interview beim YouTube-Format "Letzte Runde" äußerte er Zweifel an der Theorie, dass der Mensch vom Affen abstammt. Die Zweifel sind berechtigt. Wir stammen nicht vom Affen ab, sondern sind genetisch mit ihm verwandt – aber das meinte er nicht.

Als er dann zur Beweisführung anmerkte, wir könnten eine Million Fische an Land legen und von denen würde trotzdem keiner plötzlich anfangen zu laufen, musste ich den Laptop zuklappen. Charles Darwin zu Liebe.

Eigentlich hätte mir da schon klar sein sollen, dass etwas mit dem Alphamann nicht stimmt. Trotzdem hörte ich weiterhin brav seine Musik – ohne zu hinterfragen. Dabei hätte es genug Gründe gegeben.

Kollegah und der Antisemitismus

So neigte Kollegah in der Vergangenheit gelegentlich dazu, mit antisemitischen Darstellungen zu arbeiten – zum Beispiel in dem Song Apokalypse. Darin wird der Schurke mit Davidsternkette von Held Kollegah in Ostjerusalem besiegt. Der Song endet damit, dass Kollegah von einem glücklichen Zusammenleben zwischen Buddhisten, Muslimen und Christen spricht. Nur das Judentum fehlt. Wie problematisch das war, fiel mir allerdings erst 2018 auf.

In dem Jahr waren Kollegah und Farid Bang für ihr Album "Jung, brutal, gutaussehend 3" in drei Kategorien für den Echo nominiert. Die Zeile "Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen" löste jedoch einen Eklat aus, in dessen Folge der Echo abgeschafft wurde.

Kein Antisemit, aber...

Mich selbst störte die Zeile damals nicht. Ich sah darin keinen bewussten Antisemitismus – ähnlich wie das Institut für Deutsche Sprache. Problematisch fand ich eher Kollegahs Umgang mit der Situation.

In einem nach dem Eklat veröffentlichten Interview mit HipHop.de sprang er etwa in die Opferrolle. Er sprach von Hetzkampagnen gegen seine Person. Eine Vorgehensweise, die man auch von Populisten wie Trump oder der AfD kennt. Dass er Antisemit sei, bestritt er vehement. Und trotzdem verglich er später in dem Interview die Situation in Palästina mit dem Holocaust. Danach konnte ich mir den Song Apokalypse nicht mehr anhören.

Kollegah und die Medien

Nach dem Echo-Eklat machte Kollegah Journalisten zum Feindbild – vor allem die von Bild und RTL. Er ließ seiner Wut freien Lauf und veröffentlichte ein Ansagevideo. Darin sprach er davon, wie die sogenannten Mainstream-Medien gegen ihn hetzten und forderte seine Fans kurzum zum Aufstand gegen diese auf.

Passend dazu, zeigte er in dem Clip alberne Symbolbilder, während im Hintergrund ein Frauenchor pathetisch vor sich hinträllerte. Übrigens: In dem Video tauchte auch ein antisemitisches Bild auf, das mittlerweile unkenntlich ist. Nach eigener Aussage wusste Kollegah nichts davon. Blöd nur, dass das Video auf seinem Channel erschien.

Bild: youtube/alpha music empire

Kollegah und die Verschwörungstheorien

Das Ansagevideo samt fragwürdiger Aussagen führten zu jeder Menge Medienberichten. Kollegah störte sich natürlich wieder an der Berichterstattung, da es "Wichtigeres" zu erzählen gäbe. Was er damit meinte, verdeutlichte er in einem Instagram-Video.

In diesem forderte er einen Bericht zur Pizzagate-Verschwörungstheorie. Die besagt, dass die amerikanische Elite, darunter Hillary Clinton, angeblich an einem Kinderpornoring beteiligt seien. Das wurde zwar längst widerlegt, doch der stets skeptische Boss sah darin eine Verschleierungsaktion. Für einen objektiven Bericht bot er als "finanziellen Anreiz" 25.000 Euro an.

Kollegah und das Alpha-Gehabe

Aber auch das musste er toppen. Natürlich. Es folgte die geplante Alpha-Offensive. Dabei handelte es sich um eine Art Seminar, das er zusammen mit dem Verkaufstrainer Dirk Kreuter organisieren wollte. Ziel war es, das Leben der Teilnehmer zu verändern. Ganz oben auf der Agenda: Geld, Frauen, Fitness – Lendenschurz und Keule hatte er wohl vergessen.

Wie das funktionieren sollte, wurde nie geklärt. Nach einem Shitstorm wegen der Ticketpreise sagte Kollegah ab. Regulär sollte das Ticket 69 Euro kosten. Worüber sich die Fans ärgerten, war das "Premium-Paket" für 2.500 Euro. Das beinhaltete ein Treffen mit den Alphatieren Dirk Kreuter und Kollegah – wahrscheinlich, um über Evolution zu quatschen.

Kollegah selbst sagte, dass er nichts von diesem Preis wusste und schob die Schuld alphamännisch auf Kreuter. Nachdem er die Veranstaltung schließlich abgeblasen hatte, organisierte er ein Mentoring-Programm im Alleingang. Laut Vice soll ein Ticket dafür etwa 2000 Euro kosten. Viel besser klang das nicht.

Es wäre lustig, wäre es nicht so traurig

All dies geschah zwischen den Alben Alphagene und Alphagene 2. Und sobald ich mir heute meine Kopfhörer aufsetze und Alphagene 2 höre, schwirren mir all diese Geschichten durch den Kopf. Und ja, auf der Platte finden sich massive Wortspiele, Vergleiche und Reimketten. Allein der Song Alphagenetik spricht da für sich:

"Bei Winterkälte pinker Pelz voll Knarren/
Ey, wie Game of Thrones ein Winterfell voll Waffen"
Kollegah (Alphagenetik)

Und, ja. Mit 16 hätte mich diese Zeile noch beeindruckt. Wahrscheinlich hätte mich das überzeichnete Bild sogar zum Lachen gebracht. Heute möchte ich beim Hören am liebsten die Kopfhörer vor die Wand schleudern. Weil ich nicht nur den Reim höre, sondern eben auch immer den Reimenden. Vielleicht liegt das an dem Echo-Eklat oder Kollegahs Aussagen zur Evolution. Vielleicht bin ich aber auch einfach erwachsen geworden.

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