Bild
Bild: imago/montage
Meinung

Grönemeyer fand beim Thema Flucht die falschen Worte – meint es aber gut!

11.11.2018, 16:3111.11.2018, 18:32

Herbert Grönemeyer sagt:

"Ich halte die Flüchtlingssituation für einen Glücksfall. Weil wir endlich wieder gefordert werden, Engagement zu zeigen."

Da hat der Sänger ganz schön einen rausgehauen. Für den Kontext: Der Musiker sagte außerdem, dass er das Handeln von Bundeskanzlerin Angela Merkel während der Flüchtlingskrise 2015 für  "hoch humanistisch" halten würde. 

Und: Merkel habe gezeigt, "dass wir wieder Empathie in unserem saturierten Land zeigen. Wir können Schutz bieten – das ist ein riesiger Glücksfall, eine große Leistung", so Grönemeyer.

Nun wird über Grönemeyers Satz gestritten. Kritiker haben vor allem zwei Argumente gegen ihn parat. Eine Sache beachten sie dabei aber nicht: 

Kritik 1: Ein "Glücksfall", Ihr Ernst Herbert Grönemeyer?

Menschen, die vor einem Bürgerkrieg fliehen zu einem "Glücksfall" für unsere Gesellschaft zu machen, ist unglücklich formuliert und für viele Kritiker ist es zudem zynisch. 

Denn: Wir sprechen hier immer noch von Menschen und die sollten wir tatsächlich nicht im Sinne selbsttherapeutischer Zwecke missbrauchen. Wir haben kein Recht darauf, sie dafür heranzuziehen, um uns endlich mal gebraucht und moralisch toll zu fühlen. Wo Menschen aus Angst vor dem Tod aus zerbombten Städten fliehen, darf es nicht um uns und unsere Egos gehen. 

65.000 Menschen zeigen in Chemnitz: #WirSindMehr

Video: watson/Felix Huesmann, Marius Notter, Lia Haubner

Kritik 2: Denn Sie wissen, was Sie tun! 

Wie bei allem, was ein Künstler macht, muss man sich fragen: Warum jetzt und warum so? Und auch hier haben Kritiker von Herbert Grönemeyer einen Grund entdeckt: Am historischen 9. November hat er sein jüngstes Album "Tumult" herausgebracht und befindet sich mitten in der Promophase dafür. Die Platte wird als außergewöhnlich politisch eingestuft und damit ist auch klar, dass Journalisten mit dem Musiker in Interviews über Politik sprechen. 

Klar ist dabei auch: Grönemeyer hat ein Millionenpublikum, das alles was er sagt in sich aufsaugt wie ein Schwamm. Viele sagen deshalb, er müsse gerade in so einer Promophase vorsichtiger sein. 

Dennoch fällt eine Einordnung schwer! 

Die Krux an der Sache ist: Herbert Grönemeyer setzt sich nicht erst seit gestern für Flüchtlinge ein und stellt sich gegen Nazis. Er ist einer der wenigen Popstars, der sich seit Jahren ganz deutlich äußert – ohne Angst zu haben, die Käufer seiner Musik zu vergraulen.  

Hier nur ein paar wenige Beispiele:

  • 1993 veröffentlicht er – kurz nach den Ausschreitungen in Rostock Lichtenhagen, die im Brand einer Flüchtlingsunterkunft gipfelten – das Lied "Die Härte", in dem er sich über Rechte lustig macht. Seitdem hat er regelmäßig Lieder mit politischen Inhalten dieser Art veröffentlicht. 
  • Zusammen mit vielen anderen deutschen Promis unterstützt er die Seenotrettung. 
  • Immer wieder tritt der Musiker bei Konzerten gegen Rechts auf – erst vor einigen Wochen trat er zum Abschluss der #Unteilbar-Demonstration in Berlin auf.

Fazit: Wir müssen Grönemeyer glauben, dass er es gut gemeint hat, aber seine Worte einfach falsch gewählt hat. Wir müssen ihm hier also einen Vertrauensvorschuss geben. Sein aktuelles Album wird als "Soundtrack gegen den Rechtsruck" gefeiert.

Das gibt ihm aber noch lange nicht das Recht, das Leid anderer Menschen als "Glücksfall" zu bezeichnen. Auch wenn er das vielleicht gar nicht so gemeint hat.

Wie stehst du zur Aussage von Herbert Grönemeyer? Schreib es uns in die Kommentare!
Einigung im Bürgergeld-Zoff: Aus Reform wird Reförmchen

Es sollte die große Sozialreform der zwanziger Jahre werden. Sollte. Denn nach dem Boykott der Union und dem Stopp des Gesetzgebungsverfahrens im Bundesrat musste der Gesetzentwurf der Ampel Federn lassen. Und dabei kam die Reform von Anfang an eher als Reförmchen daher.

Zur Story