Laura im Sommer 2014.
Laura im Sommer 2014.
Bild: instagram.com/laura_jungk
watson-Story

Magersüchtige: "Wenn ich dünn genug bin, darf ich das alles wieder essen"

12.12.2020, 18:59
laura jungk

Ein bisschen abnehmen wollen viele, doch für Laura Jungk endete der Wunsch von vier Kilogramm weniger in der Klinik. Die heute 20-Jährige entwickelte eine Magersucht, war in ihrem eigenen Kopf gefangen: Mahlzeiten wurden in stundenlanger Arbeit zerpflückt, Kochbücher zur Befriedigung liebevoll durchblättert. "Nun iss doch einfach", schimpfte ihr Vater. So einfach war das aber nicht mehr. Ob Käse, Schokolade oder Klöße – für Laura war jede noch so leckere Kalorie zum Feind geworden.

Jeder fünfte Jugendliche soll laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzGA) an einer Essstörung leiden, darunter fällt auch die bei Laura diagnostizierte Anorexia Nervosa. Ihre Krankheit ging einher mit Zwangsstörungen: Duschen, Sitzen, Stehen, alles wurde reglementiert, um maximal viele Kalorien zu verlieren. Besondere Familienfeste wie Weihnachten wurden durch ihre Ticks zur ständigen Belastungsprobe für sie und ihre Eltern. Laura zeichnet ihren Weg in ihrem Buch "Wie ich verschwand" nach. Bei watson erzählt sie von ihrem lebensgefährlichen Rutsch auf 39 Kilo.

"Am Ende hatte ich ganze fünf Truhen voller Süßigkeiten in meinem Zimmer und redete mir ein: Wenn ich dünn genug bin, darf ich das alles wieder essen. Aber als Magersüchtige ist man nie dünn genug."

Schon früh habe ich ein krankes Verhältnis zu meinem Körper gehabt. Mit neun Jahren wog ich mich täglich, mit elf Jahren begann ich, Kalorien zu zählen. Ich sah mich schon immer dicker, als ich es eigentlich war. Mein Vater hat ein starkes Leistungsdenken, das ich von ihm übernahm. Eine Eins in einer Klausur war gut, aber eine Eins Plus wäre besser gewesen. Auch ein Tag ohne Sport ging für ihn gar nicht. Meine Mutter hat zwar nie Diät gemacht, doch Essen war immer ein großes Thema bei uns: Viel Gemüse, wenig Süßes – schlank und sportlich sein ist gut, Disziplin ist wichtig. Mit diesem Glauben wuchs ich auf.

Als ich zwölf Jahre alt war, fing mein Vater an, meine Figur zu kommentieren: "Du hast ja ganz schön zugenommen, wirst immer dicker." Ich wog 61 Kilogramm auf damals 1,71 Meter, hatte also normales Gewicht. Ein Jahr später, 2013, zogen wir dann von Berlin nach Braunschweig, und ich nahm mir vor: Wenn ich in die neue Klasse komme, will ich endlich dünn sein!

Ich verband damit viel mehr als nur ein Gewicht. In der alten Schule war ich ein Außenseiter, aber ich dachte, wenn ich schlank wäre, würde sich das ändern, ich würde endlich glücklich sein. Vier Kilo wollte ich damals abnehmen, 57 Kilogramm zum Schulbeginn wiegen. Alles in meinem Leben wäre dann besser, redete ich mir ein.

Es begann mit einer Diät

Zuerst ließ ich nur ein paar Lebensmittel weg. In jeder Zeitschrift gibt es ja Tipps zum Abnehmen und ich sog alles auf. Sehr schnell waren Nudeln und Käse vom Speiseplan gestrichen, ich aß aber auch sonst kleinere Portionen, langsamer und seltener am Tag. Ich hatte ein Heftchen dabei, in das ich eintrug, wie viele Kalorien ich zu mir nahm und wie viel Sport ich gemacht hatte. Ich rechnete mir die Bilanz aus und richtete mein Leben zunehmend danach.

Mein ganzer Tag drehte sich bald ums Essen. Ich kochte mit Hingabe für meine Familie und tischte ihnen Dinge auf, die ich mir selbst verbot. Dann schaute ich ihnen zu, wie sie aßen und stellte mir selbst vor, wie das wohl schmeckte. Kochbücher konnte ich stundenlang durchblättern, das war wie ein Ersatz fürs Essen. Auch in den Supermarkt ging ich gerne, meine Mutter durfte gar nicht mehr alleine einkaufen gehen, weil ich es genoss, mir den Wagen mit Süßigkeiten vollzupacken.

"Die Krankheit gab mir ein Gefühl der Kontrolle, aber in Wirklichkeit hatte sie die Kontrolle über mich."

Drei Monate nach dem Start meiner Diät begann ich, all diesen Süßkram in einer Truhe in meinem Zimmer zu horten. Wenn mich der Hunger überkam, habe ich die Schokoriegel rausgeholt, sortiert und mich daran satt geschaut. Es wurde zu einem Ritual. Am Ende hatte ich ganze fünf Truhen voller Süßigkeiten in meinem Zimmer und redete mir ein: Wenn ich dünn genug bin, darf ich das alles wieder essen. Aber als Magersüchtige ist man nie dünn genug.

"Zu Nikolaus stand vor meiner Zimmertür ein bis zum Überlaufen gefüllter Stiefel mit allen Süßigkeiten, die ich schon immer gemocht hatte. Begeistert sah ich mir alle an und kippte sie schließlich in die große Box, die mittlerweile in der hintersten Ecke meines Zimmers stand und in der ich begonnen hatte, massenhaft Nahrungsmittel zu bunkern. Ein paar Tage später brach meine Mutter in Tränen aus, als sie feststellen musste, dass ich kein Stückchen der geschenkten Schokolade angerührt hatte, sondern sie lieber in meinem Zimmer verteilte und jeden Tag neu in die Box 'sortierte'."
Aus Lauras Buch

Schlank ist nicht dünn genug

Das Ziel von 57 Kilo hatte ich nach ein paar Wochen erreicht. Dick fühlte ich mich trotzdem. Auch noch mit 52 Kilo. Auch noch mit bald 49 Kilo. Für andere war ich Haut und Knochen, doch ich fand mich weiter fett. Selbst wenn ich heute Fotos aus diesen Zeiten sehe, sehe ich mich nicht so dünn, wie ich es in Wirklichkeit war. Rational habe ich natürlich schon gemerkt, dass es meinem Körper nicht mehr gut ging, schließlich wurde ich immer schwächer, aber ich habe das nie auf das Hungern bezogen, so verrückt das klingt.

Für meine Familie war das unerträglich. Alle sahen, dass ich vor ihren Augen starb. Mein Bruder, der damals erst elf Jahre alt war, hatte große Angst und versuchte, mit mir zu sprechen, mich zu trösten. Meine Mutter wandte sich an Ärzte und Experten, die ich allerdings belog und literweise Wasser trank, bevor ich auf die Waage musste. Mein Vater hingegen reagierte in seiner Hilflosigkeit mit Wut. Er sagte: "Reiß dich mal zusammen. Nun iss doch einfach!" Sie alle wussten nicht mehr weiter.

"Dann stand Weihnachten vor der Tür. Mein Körper verzehrte sich nach Nahrung, und als ich mich mit den Festtagen konfrontiert sah, beschloss ich schließlich, das Hungern aufzugeben. (...) Ich tappte in die gleiche Falle wie so viele andere Betrofene. Fünf Tage lang hielt ich es durch, halbwegs normal zu essen, naschte ein paar Weihnachtsplätzchen, probierte vom Stollen und ertränkte meinen Kartofelkloß am ersten Weihnachtsfeiertag in Rahmsoße. Nachts nagte das schlechte Gewissen an mir und raubte mir den Schlaf. Ich knabberte meine Fingernägel bis zum Nagelbett ab. (...) Ich hielt es nicht aus. Nichts war so schlimm wie das Gefühl und die Angst beim Essen. Der einzige Weg, wie ich mit mir klarkommen würde, war, nicht mehr zu essen."
Aus Lauras Buch

Insgesamt war ich in der Zeit sehr einsam. Man stößt Freunde und Familie von sich weg, weil sie nicht zur Krankheit passen, sagt Partys, Kino-Besuche ab und fühlt sich danach einsam. Ich hatte das Gefühl, alleine gelassen zu werden – heute weiß ich, dass ich diese Mauern selbst aufgebaut habe.

Letzte Chance: USA

Meine Eltern gingen durch eine Ehekrise, ich hungerte und wog im Oktober 2014 nur noch 39 Kilo. Meine Haare fielen aus, meine Finger und Lippen waren immer blau, ich habe unendlich gefroren und selbst im Sommer mit einer Decke an der Heizung gesessen. Die Periode blieb aus und vom normalen Spazieren bekam ich blaue Flecken an den Fersen, weil da kein Fettpolster mehr war. Wenn ich schlief, dann so tief, dass ich kaum mehr aufwachte. So versuchte mein Körper, auf Sparflamme zu überleben.

Hier finden Betroffene Hilfe
Das Beratungstelefon der BZgA steht Betroffenen und Angehörigen für Fragen rund um Essstörungen zur Verfügung. Natürlich anonym! Telefon: 0221/892031

Der Verein Anad ist ein Anlaufpunkt für Magersuchts-Erkrankte, vermittelt Psychologen, Therapieangebote und stellt auch einen Selbststest zur Verfügung. www.anad.de

Geleitete Selbsthilfegruppen, in denen sich Essgestörte austauschen können, findest du bei Cinderella e.V. Coronabedingt werden auch Online-Beratungen angeboten. cinderella-beratung.de

Eine Ärztin, die mich so sah, sagte, dass ich in zwei Wochen tot sein könnte, wenn das so weiter ginge. Ich müsse in eine Klinik. Meine Mutter schlug mir einen anderen Deal vor: Wenn ich endlich zunähme, dürfte ich ein halbes Jahr in die USA. Das war mein sehnlichster Traum und meine Eltern dachten, der Abstand von meinem Leben hier täte mir vielleicht gut. Also biss ich die Zähne zusammen und futterte mich widerwillig auf 50 Kilo hoch. Äußerlich sah ich gesünder aus, aber innerlich war ich weiter krank. Und so begann ich in Amerika direkt wieder damit, die Kilos loszuwerden. Auch dort fiel es mir schwer, Kontakte zu knüpfen. Kein Wunder: Mein Leben wurde weiter nur von Essen und vor allem Nicht-Essen bestimmt. Es war nicht sehr lustig neben mir.

Als ich 2016 zurückkam, war meine Familie geschockt, als sie mich am Flughafen abholte, denn ich hatte in den fünf Monaten im Ausland die ganzen elf Kilo wieder abgenommen. Noch dazu hatte ich mir eine Menge seltsamer Rituale angewöhnt: Für ein Brötchen brauchte ich jetzt eine Stunde Essenszeit und hatte einen genauen Plan, wie oft ich dabei aufstehen musste, um die zu mir genommenen Kalorien zu verbrennen. War das nicht möglich, bekam ich ausgewachsene Panikattacken. Es war alles noch viel schlimmer als zuvor.

Die Zwänge im Kopf

Mein gesamter Tag war inzwischen ritualisiert. Ich hatte einen strengen Zeitplan im Kopf, der unter keinen Umständen durchbrochen werden durfte, und konnte so am Alltag nicht mehr teilnehmen. In die Schule ging ich immer seltener, erlaubte mir nur zu bestimmen Zeiten das Sitzen, Stehen oder Duschen. Meine Zwangsstörungen waren extrem, aber am schlimmsten war es, wenn es um das Thema Essen ging.

"Ich kochte mit Hingabe für meine Familie und tischte ihnen Dinge auf, die ich mir selbst verbot. Dann schaute ich ihnen zu, wie sie aßen und stellte mir selbst vor, wie das wohl schmeckte."

Wenn ich nicht die Kontrolle über meine Mahlzeiten hatte, überkam mich Panik. Zwei- bis dreimal am Tag war das der Fall, da ich ja ziemlich viele Regeln für mich selbst aufgestellt hatte, die nicht immer umsetzbar waren. Ich erinnere mich, wie ich mit meiner Mutter einmal zum Mittag in einem Bagel-Laden war. Die Angestellten hatten vergessen, meinen Bagel aufzuwärmen und nahmen ihn nochmal mit. Das dauerte länger, als es mein Zeitplan vorgesehen hatte, ich hätte also zu spät essen müssen. Mitten im Laden begann ich zu zittern, habe keine Luft mehr bekommen, eine Enge in der Brust gespürt und enormes Herzklopfen gehabt. Es ist wie ein kleiner Herzinfarkt, man kann nicht mehr denken, ein furchtbares Gefühl.

Klinikaufenthalt und Rückfall

Mit einem BMI von nur noch 13 hätten meine Eltern mich nun zwangseinweisen können. Dass das zu meinem Bestem gewesen wäre, verstand ich nicht. Ging es um einen Klinikaufenthalt, fühlte ich mich abgeschoben, verlassen von meinen Eltern. Ich wollte gesunden, aber ich wollte nicht zunehmen und sah keinen Ausweg aus diesem Problem.

Schweren Herzens ließ ich mich zu einem Klinikaufenthalt überreden, aus dem ich mich nach neun Wochen wieder selbst entließ. Dieser Aufenthalt war ein zweischneidiges Schwert. Es war schön, endlich wieder mit Gleichaltrigen in Kontakt zu kommen, das hatte ich völlig verlernt. Unter den Magersüchtigen war ich endlich wieder normal und habe zu einigen von ihnen noch heute Kontakt. Aber ich schaute mir bei ihnen auch Tipps ab, um noch stärker zu hungern.

Die strengen Regeln dort führten dazu, dass ich wieder zunahm. So durfte ich an meinem Teller Gemüse nicht mehr die sonst üblichen anderthalb Stunden sitzen, sondern nur eine halbe Stunde. Was an Kalorien in der Zeit nicht gegessen wurde, musste als Flüssignahrung getrunken werden. Durch die Maßnahmen kam ich recht schnell auf ein Gewicht von 51 Kilo, was für mich ein No-Go war und ich überzeugte meine Mutter, dass ich raus könne.

Letztlich dauerte es wenige Tage, bis ich daheim, ohne die feste Struktur der Klinik, wieder komplett rückfällig wurde. Ich war depressiv, getrieben von meiner Essstörung und zunehmend suizidal, hielt meine Selbstmordgedanken im Tagebuch fest. Ich hatte immer noch nicht begriffen, was ich mir selbst antat, und meine Familie war ratlos.

Es brauchte eine Erkenntnis

Ich wünschte, es hätte einen Klick-Moment gegeben, der erklärt, wann es bei mir wieder aufwärtsging, aber es waren viele kleine Faktoren. Einen wichtigen Schalter umgelegt hat ein Gespräch mit meiner Therapeutin kurz vor meinem 17. Geburtstag. Sie machte mich sehr ehrlich und ohne Vorwurf darauf aufmerksam, dass ich offenbar stolz auf meine Magersucht sei, mir einbilde, sie wäre meine Stärke. Dabei sei es meine Schwäche. Sie hatte recht. Doch das war das erste Mal, dass ich es auch sehen konnte. Die Krankheit gab mir ein Gefühl der Kontrolle, aber in Wirklichkeit hatte sie die Kontrolle über mich. Die Magersucht schränkte mein Leben ein, ich wollte wieder frei sein.

Diese Erkenntnis machte vieles leichter: Ich ging wie immer zur Therapie, aber zum ersten Mal kooperierte ich ernsthaft. Jeden Tag nahm ich mir zwei weitere Lebensmittel vor, die ich wieder in meinen Essensplan integrieren wollte, rutschte langsam wieder über die 50-Kilo-Grenze. Ich kümmerte mich mehr um meinen Hund und nahm Antidepressiva. Stück für Stück ging es aufwärts, aber es ist bis heute schleppend.

Laura in diesem Sommer

Ein Foto, das Laura früher nie gepostet hätte, denn: "Ich esse nicht nur. Das Essen schmeckt mir auch noch, ich bin mit Freunden unterwegs, ich esse viel zu spät abends, viel zu viel."

Bis vor einem Jahr habe ich noch nach Plan gegessen, und bis heute denke ich zu viel über Essen nach. Mein Gewicht ist jetzt stabil, gesund bin ich aber noch nicht. Magersucht ist eine Krankheit mit geringen Heilungschancen, besonders, wenn man sie über einen so langen Zeitraum wie ich hatte. Aktuell ist es in meiner Therapie das Ziel, ein gutes Leben trotz Magersucht zu führen. Ich hoffe aber, dass ich mich irgendwann vollständig als gesund betrachten kann.

Was für ein Gewinn es ist, wieder essen zu können, kann man sich nicht vorstellen, wenn man nicht krank war. Es bedeutet, wieder am Leben teilzuhaben. Ich erinnere mich, wie ich im Sommer mit Freunden an einem Fluss saß und wir teilten uns eine Pizza. Das war jahrelang nicht möglich gewesen, und plötzlich schien es so selbstverständlich! Da dachte ich: "Krass, essen kann etwas Schönes sein." Der Spaß stand zum ersten Mal im Vordergrund, nicht die Kalorien. Ich war glücklich. Und das war ein wirklich tolles Gefühl.

Protokoll: Julia Dombrowsky

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